Ausgabe 
1.11.1927
 
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hat er uns

Sandbank im

ich mußte.

Wiegenkind.

Dsr FeusrreiLer.

Von Eduard M ö r i k e.

Sehet ihr am Fensteriein Dort die rote Mütze wieder? Nicht geheuer muß es sein, Denn er geht schon auf und nieder. Und auf einmal welch Gewühls Bei der Brücke, nach dem Feld! Horch! Das Feuerglöckiein gellt: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle!

Schaut! Da sprengt er wütend schier Durch das Tor, der Feuerreiter, Auf dem rippendürren Tier, Als auf einer Feuerleiter!

Querfeldein! Durch Qualm und Schwule Rennt er schon und ist am Ort! Drüben schallt es fort und fort: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle!

Der so oft den roten Hahn Meilenweit von fern gerochen, Mit des heil'gen Kreuzes Span Freventlich die Glut besprochen Weh! Dir grinst vom Dachgestühle Dort der Feind im Höllenschein. Gnade Gott der Seele dein!

Hinterm Berg, Hinterm Berg Rast er in der Mühle!

Keine Stunde hielt es an, Bis die Mühle borst in Trümmer; Doch den kecken Reitersmann Sah man von der Stunde nimmer. Volk und Wagen im Gewühle Kehren heim von all dem Graus; Auch das Glöcklein klinget aus: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt's!

Nach der Zeit ein Müller fand Ein Gerippe samt der Mützen Aufrecht an der Kellerwand Auf der beinern Mähre sitzen: Feuerreiter, wie so kühle Reitest du in deinem Grab! Husch! Da fällt's in Asche ab. Ruhe wohl, Ruhe wohl, Drunten in der Mühle!

Regina erzählt . . .

Aufzeichnungen von Albrecht Schaeffer.

Als wir noch in Burghaufen lebten, meine Mutter und ich nicht Burghausen am Neckar, sondern an der Salzach, da wohnten wir in einem alten Turm, der auf der Stadtmauer stand. Der Blick in das Land war chön; aber er und der Turm selber sind nicht wichtig in dieser Geschichte. Wichtig ist nur, daß der Turm ein Kellerchen hatte. O, em entzückendes, schneeweißes, gewölbtes, em kokettes Kellerchen war es. ®s war aber leer, bis der Faßbinder kam. Der verstand sich auf Weine, und eines Tages, als er das Kellerchen fah, sagte er:Da gehört ein Weinchen herein; ich weih eines, es soll auch nicht teuer sein, so ein

MeineC Mutter ^ sprach:Wir sind ja zwei Weibsleute. Muß das Weinchen auch schnell getnrnken werden?"

Gar so schnell nicht," sagte der Faßbinder,aber auch nicht gar so langsam." , .. m ,,

Ja, wir können nur Sonntags trinken , sagte die Mutter.

Es war schon In Burghausen, ausgenommen die Lust, die gar nicht gut für mich war. Sie war zu weich, sie -nacht- mich immer müde und in den uvei Jahren, die wir im Turm verlebten, habe ich nicht ein bißchen arbeiten können. Ich schämte mich aber, daß ich nichts arbeiten konnte und ost sagte ich zur Mutter:Nun gehe ich in wem Zunmer hinauf und muß etwas schreiben." Dann hab' ich im Zimmer gesessen, eine Stunde, auch zwei Stunden; habe aber nichts geschrieben.

Nun hebt die Geschichte an. Wir hatten em Mädchen ins Hous ge­nommen, vielmehr ich hatte es getan, weil mich ihre Verwandten gebe en hatten Denn cs war gar kein gutes Mädchen, nein, aber die Verwandten hofften es würde sich "bessern, wenn fremde Menschen, die em gutes Herz für es'hätten, sich seiner annehmen wurden. Es log ins Auge hmem, fv geschickt/ daß man es immer wieder für Wahrheit hielt. Es verleumdete uns auch, meine Mutter und mich, bei allen Nachbarn, und schließlich hat es der Mutter einen Brillantring gestohlen Das war arg, und die Mutter war schrecklich böse; weniger ich, denn ich mag Brillanten nicht leiden. Aber das Mädchen mußte nun aus dem Haufe gehn.

Ja aber nun die Mutter! Sie konnte sich nie mehr beruhigen Als Kind habe ich einmal sehr lange nachgedacht über eine Frage. Die Frage war' Wodurch unterscheiden sich Mütter von allen übrigen Menschen? Und ich kam zu dem Schluß: Sie unterscheiden sich dadurch, daß sie hundertmal ein und dasselbe sagen können. Denn so war es, wenn ich etwas gesündigt hatte: hundertmal bekam ich es wieder zu Horen.

So mar es nun auch mit dem Ring; immer und immer wieder blieb meine Mutter an dem Ring hängen; ichb konnte es endlich gar nicht mehr aushalten, denn ich war es ja, die das Mädchen ips Haus gebracht hatte.

Und eines Tages sagte die Mutter am Nachmittag:3dj roiti in die Stadt hinunter und dieses und jenes einkaufen." Wie sie das sagte, wußte ick daß sie nun in einer Stunde nicht wiederkäme; denn wenn sie m diesen Laden ging und in jenen, so wurde Überall viel geredet mit den Ladnerinnen und wer sonst da herein kam, lange Gespräche und für die Mutter viel lieber als Zeitungen. Da sagte ich also:Und ich will denn m mein Zimmer hinaufgehn und etwas arbeiten.Schon! sagte die Mutter, und also trennten wir uns.

Wie ich nun aber sicher war, daß die Mutter das Haus verließ, und ich doch nickt arbeiten konnte, dachte ich an das Fäßchen, und daß es so langsam leer wurde, weil wir nur Sonntags tranken. Als ich das dacht«, aina ich gleich in die Küche hinunter und nahm mir ein Glas. Ich suchte mir ein besonders schönes; das war geschliffen mit einer Blumenranke, und hineingeschliffen war der Name Rosa. Und ich schwenkte das Glas im Wasser, indem ich an jenes Mädchen dachte, das wir davongejagt hatten; der Name Rola hatte mich daran erinnert, obwohl ihr Name nicht Rosa war. Ich kaim ihn nicht sagen, ich habe ihn ganz vergeßen.

So stieg ich denn zum Keller hinunter. Und wie ich da an die Falltür kam war die offen. Nun, andere Menschen hätten bei einer Falltür sicher gedacht, daß sie geschlossen sein muß; ich bin nicht so, ich dachte mir nichts "dabei. Uebrigens sind auch meine Augen recht schlecht; aber dock, als ich aus der Halle oben in den dämmerigen Keller kam, spurte ich, daß ein Mensch drinnen war. Der fah auf der Sandbank neben dem Fäßchen. Ha, da war's meine Mutter! Sie war gar nicht zur ©tobt gegangen; sie faß neben dem Fäßchen, und m ihrem Schah hielt sie ein großes^ Glas Mutter, wie kommst du denn hierher?"

"Und du, Regina," sagte die Mutter,wie kommst du denn hierher?

O da fingen wir an zu lachen, daß wir die Gtäser abstellen mußten. Die Mutter "saß links beim Fäßchen, ich setzte mich rechts vom Fäßchen und wir tranken aus unseren Gläsern und waren sehr guter Dinge. Auf einmal aber sagte meine Mutter:Schließlich hat sie mir doch meinen

Da'kam^ich ganz llußer mir. Ich dachte, hier sitzen wir nun im Keller und sind so guter Dinge; muh sie da wieder mit dem vermaledeiten Ring anfanqen! Nein, dachte ich, das muh nun aber ctn für allemal ein Ende nehmen. Und ehe ich es ganz Überlegte, in einer Begeisterung, die wohl aus dem Fäßchen kam, sprach ich zur Mutter:

Nun hör einmal zu: Vier Wochen lang muß ich dich von dem ab­scheulichen Ring reden hören, und ich bin schuld an der Sache, denn ich bm es gewesen, die das Mädchen ins Haus gebracht hat Jetzt Jag ich oll folgendes: Mit meinem Finger schreibe ich hier zwischen dich und mich ihren Namen in die Luft* und ich tat es und schrieb den Namen Rosa, wie auf meinem Glase der Name Rosa geschrieben war.Und jetzt, sagte ich zu meiner Mutter,lösche ich ihn aus. So. Und nun kann keiner von uns beiden mehr an sie denken."

Als ich das in einem Schwung gesagt und getan hatte, war ich W erschrocken. Ich sah meine Mutter an und sah, daß sie in die Lust starrte, wo ich den Namen fortgewischt hatte. Ihr Mund stand etwas offen; si- fah ein wenig staunend und ungläubig aus. Aber dann blickte ste weg, dann trank sie ihr Glas aus und stand auf und murmelte etwas uno ging aus dem Keller. . ,

Seit dieser Stunde ist der Ring wohl noch einmal ober zweimal er­wähnt worden, aber nur beiläufig und ohne Kraft, und bald ist er unv das Mädchen vergessen. Vielleicht wundert ihr euch, daß solch eine M-M in meiner Beschwörung war; aber mitunter, wenn es daraus antam, konnte ich einen sehr starken Willen haben. Ich will euch etwas erzählen, damit ihr mir glaubt, und weil auch der Zeitraum zwischen der totunoe im Keller und dem Ende meiner Geschichte sehr lang ist.

Als Kind in der Schule bin ich nicht sonderlich gut gewesen. Ich ham immer zu träumen und nachzudenken, und von dem, was ich.sollte, vieles mir unwichtig vor. Sollte ich etwa auf meiner Tafel schreiben, i - so dachte ich: h das ist nichts, und e, das gehört ja zum b; Ijprw also: ab. Nun hieß es einmal, es soll eine Preisaufgabe 8^' " werden; wer die am besten macht, bekommt einen goldenen Griffe.

Ein goldener Griffel! Das war einer in Eoldpapier, ich.kannte solche; allein wie ich nun war, dachte ich, dieser Griffel ward- aus richtigem Golde fein. Ein goldener Griffel, er war wie ei - dem die Engel im Himmel schreiben; und ich mußte ihn bekoim ,

Echos wenigstens bei der Jugend erfreuen; feine. Altersgenossen blieben unbewegt, wie ste es auch Nietzsche gegenüber geblieben waren. Das ist freilich (i(iH3 üiibcrs oeu)orbcn. mit ben ftinf |ct)on ootn , nannten männern gehör- Paul de Lagarde hrmteganz unbestritten zu den »t r. r f n tn n fe r ir eines neuen Deutschlands, uno tntro imnrei wieder zitiert Und wer je zum Beispiel einen Briefbogen des für deutsche Kultur so wesentlich kämpfenden Verlages Eugen D i e d c r i ch s m Ien° empfangen hat, findet an der Spitze cm Motto von Paul de Lagarde, eins seiner schönsten, vorwärtstreibenden Worte:

Gab es wenigstens Verschworene unter uns, einen heimlich offenen qzud der für das große Morgen sänne und schaffte und an den alle sich anschließen könnten, deren Sehnen er das Wort bete! Wir sind «s müde, mit Geschaffenem und Gemachtem abgefunden zu werden. Wir wollen Geborenes, um mit ihm zu leben, du um du. Wenn die Wind« nur wehen wollten!"

Das ist etwas zu langsam", meinte der Faßbinder, nun, und bann zugeredet, und das Fäßchen kam an. Es wurde eine feine n Keiler gemacht, von weißem Sand; da lag es denn wie ein