Ausgabe 
1.10.1927
 
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uni) Kreuz den Leuten einzuknöpfen. So war ich ihm mehrere Minuten so nah, daß ich ihm auf die Stiefel treten konnte. Ich tafs aber nicht.

Dann sprach er. Seine Stimme ist ebensowenig typisch-soldatisch wie seine Erscheinung. Sie hat nichts Dröhnendes und nichts Schnarrendes. Hindenburg spricht sehr schlicht, ohne jede Geste und jede Pose, der Klang ist tief und fast etwas brummend. Seine Art zu reden hat nichts Fort­reißendes, sie ist väterlich und an Stimmkraft sehr haushälterisch. Aber es ist Hindenburgs Stimme. Er sagte:Kameraden, ich bin hierher- gekommen, um euch für alles zu danken, was ihr in dem ganzen Kriege fürs Vaterland geleistet habt, ganz besonders aber in den vergangenen Kampftagen. Die Division Bredow (das ist unsere 42. Jns.-Div.) hat den weitaus schwersten Stand an meiner Front gehabt und hat alle Anstürme des Gegners siegreich abgeschlagen. Wenn auch weiter so jeder einzelne seine ganze Kraft einsetzt und seine Pflicht tut, dann dürfen wir hoffen, unserm Vaterlande bald einen ehrenvollen Frieden Heimzubringen. Damit Gott befohlen, Kinder! Und hoffentlich auf Wiedersehen!" Dann brachte er das Kaiserhoch aus und Hauptmann v. E., der die Parade ausgestellt hatte, das Hindenburg-Hurra. Dann ging Hindenburg wieder zu seinem Auto zurück. Sein Schritt ist schwer und bedächtig, und jede Bewegung ist an Kraft sparsam. Das Auto kurbelte an und ratterte an uns vor­über, die wir, Hand am Helmrand, an der Straße standen.

Wir ritten durch den hellen Sonntag-Mittag zurück an die Front. Ein russischer Flieger kreiste durch auspuffende Schrapnellwölkchen über Ma- zuty, als wir wieder einritten.

Herzlich grüßt Euch Euer Walter.

Durchfahrt verboten!

Bon Otto Ernst.

Heut ist Festtag in Insterburg!

' :or einem Jahr hat Hindenburg )ie gute Stadt von den Russen befreit, las feiern sie heut in Dankbarkeit.

i-den, Musik unter freiem Himmel, ^absehbares Volksgewimmel markt und Straßen ringsum verwahrt egen Autos und Fuhrwerk jeglicher Art. emmt aber ein Auto im Sturm gefahren!

Ein General drin, hoch bei Jahren, raft und Milde im Angesicht,

E'n gottgeschaff'nes Heldengedicht.

. alt!" ruft der Schutzmann,hier komm'n Se »ich durch!" 2a, dann außen rum", lacht Hindenburg.

. ie dreie bringen uns wieder empor:

Genie, Ordnung und Humor

Düs Haus des RsichSpräftLeMeN.

Von Reichskunstwart Dr. Edwin Redslob.

In der Tatsache, daß sich das Haus des deutschen Reichspräsidenten in der Wilhelmstraße zu Berlin befindet, liegt an sich ein Symbol. Denn die Wilhelmstraße ist die Regierungsstraße der Reichshauptstadt, und die Geschichte ihrer Bauten bedeutet während der letzten zweihundert Jahre ein wesentliches Stück Geschichte Berlins, Preußens, Deutschlands.

Bis zum Beginn der Regierung des Großen Kurfürsten hörte die Stadt Berlin nach Westen zu mit dem Schlosse auf, das in seiner Anlage, wie fast ausnahmslos alle deutschen Fürstensitze, halb auf die Stadt, halb auf Parkanlagen und die freie Natur gerichtet war. Als dann neben der Dorotheenstadt vor den Mauern der Festungsanlage die Friedrichstadt gegründet wurde, dehnte sich die Stadt bis zu der östlichen Seite der Wilhelmstraße aus. Und da Friedrichs I. Sohn, König Friedrich Wil­helm I., hierin die Tradition seines Vaters fortsetzend, mit allen Mitteln auf Vergrößerung und Verschönerung der Hauptstadt drang, sorgte er besonders für die bauliche Ausgestaltung der seinen Namen führenden Wilhelmstraße. Besonders betrieb und förderte er den Bau repräsen­tativer Palais durch den Adel. Vielfach stellte er denen, die bauen wollten, Grundstücke und Material zur Verfügung, wozu er auch den Teil des Tiergartens hergab, der heute die reichseigenen Gärten umfaßt und so mit seinen alten Baumbeständen noch immer eine Einheit bildet. In anderen Fällen, wofür die romanhafte Entstehungsgeschichte des Palais des Prinzen Albrecht kennzeichnend ist, konnte man von einer hart in das Schicksal der Familie eingreifenden Verfügung des Königs sich nur loskaufen, indem man durch Errichtung eines Palais in der Wilhelmstraße dem Bauwillen des Königs Rechnung trug.

Die Lage dieser Palais war außerorden.tlich günstig: ihre Zugangs- feite war an einer auf die festliche Hauptstraße des neuen Berlin füh­renden vornehmen Seitenstraße, die Gartenseite aber blickte in die hohen Bäume des Tiergarten.

Die drei größten Adelspalais der Wilhelmstraße haben gemeinsam, daß sie in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunoerts entstanden, und daß sie allein einen Ehrenhof mit Seitenflügeln haben, der dem fran­zösischen Adelspalast der Barockzeit entsprach. An geschichtlicher Tra­dition sind die beioen zwischen Boßstraße und den Linden gelegenen Palais für das deutsche Volk bedeutungsvoll geworden: dasHotel Radziwill" dadurch, daß es die Dienstwohnung des deutschen Reichs­kanzlers wurde und daß in ihr als Zeichen der höchsten politischen Machtentfaltung im Jahre 1879 unter Leitung Bismarcks der Berliner Kongreß stattfand, das Palais des Reichspräsidenten, eben dadurch, daß es zum Sitz des Trägers der höchsten Macht in der Deutschen Republik erwählt und mit der persönlichen Erinnerung an den Reichspräsidenten Ebert und den Reichspräsidenten v. Hinden­burg verbunden wurde. Und so sind die beiden Säle: derKongreß­saal" im Reichskanzlcrpalcüs und der Festsaal im Palais des Reichs-

vräfidenten die vornehmsten gesellschaftlichen Repräsentationsräume Ms heutigen Deutschland geworden, e

Die Baugeschichte des Palais des Reichspräsidenten beginnt im Jahre 1734. Architekt ist Konrad W i e s e n d, Bauherr der Landjägermeister des Königs, Graf Schwerin. Ein entscheidender Umbau im Innern er­folgte im Jahre 1778 durch den damaligen Besitzer, den Staatsminister von der Osten-Sacken. Durch diesen Umbau wurde nur bas Innere berührt, während ein wesentlicher Schmuck des Hauses, sein Mansard- Kupferdach, erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem einfachen Ziegel­dach weichen mußte, als der Verlagsbuchhändler Reimer die Metall- platten verkaufte und damit angeblich die gesamten Kosten für die Er­werbung des Hauses durch seinen Verlag zu decken vermochte.

Der Stil des Palais ift jenes einfache und lebendige Barock, wie es im Jahrzehnt vor dem Regierungsantritt Friedrichs des Großen unter Vermischung holländischer und französischer Einflüsse mit der vorhan­denen Bautradition in Berlin vorherrschte. Noch spürt man die Nach­wirkung der kräftigen Entfaltung des Berliner Barock, wie sie Schlüter und Eosander von Göthe in Berlin vertreten. Das zeigt sich vor allem in der Hervorhebung der Mitte, wo eine Türnische mit flachem Bogen und großer von Figuren gehaltener Kartusche über dem Balkon zwischen Säulen erscheint. Aber in der Gesamtwirkung ist der Bau im Vergleich zu der wuchtigen Größe Schlüters heiter und leicht gehalten, was be­sonders durch die schwingende Rhythmik der Fensterbekrönung erreicht wird. Die Freude an der Belebung des Baues durch plastische Motive tritt außer im Mittelteil der Fassade auch bei Kandelabern und Vasen des Gitters hervor, die ebenso wie wohl auch die Steinvasen in dem im wesentlichen in seiner großzügigen ursprünglichen Anlage erhaltenen Garten von dem Berliner Bildhauer Alfanz hergestellt sind. Da nun schon das Barock der Zeit um 1730 klassizistische Motive bevorzugte, so verbindet sich der Umbau von 1778, der den Uebergang vom Rokoko zum Klassifizismus zeigt, in außerordentlich günstiger Weise mit der äußeren Erscheinung des Gebäudes, denn das Ganze zeigt die selten so wirkungsvoll hervortretende Verwandtschaft zwischen der Zett kurz vor und kurz nach dem Vorherrschen des Rokokostiles. In der Art, wie im Festsaal die Wand durch doppelte Pfeilerstellungen, Nischen und Fenster gegliedert ist, zeigt sich jenes Gefühl für Belebung und zarte Reliefierung der Wandfläche, das der klassizistischen Zeit in so hohem Maße zu eigen ist. Durch die plastische Feinheit und den malerischen Reiz der Ausstattung wird jene Festlichkeit erreicht, deren Wirkung sich keiner entziehen kann, der die Räume betritt. Auch der Gartensaa! im Erdgeschoß des Hauses, vor allem aber die mit zwei Bildern des Ber­liner Malers Rode gezierte Galerie im linken Seitenflügel, sind Innen­räume von hervorragender künstlerischer Bedeutung. Insbesondere er­freut der Wechsel der Farben, die im Festsaal durch Stuckmarmor, in den Räumen durch Wandtäfelung und Wandbespannung erreicht wird, und der durch Deckenbilder, Supraporten und gemalte Friese eh» wesentliche Steigerung erfährt.

Ein Hauptbesitz des Hauses sind die allegorischen Bilder des ab» echter Rokokomaler noch in Paris ausgebildeten Berliner Akademie­direktors Christian Bernhard Rode, von denen bei dem unter Friedrich Wilhelm IV. erfolgten Umbau vier im Treppenhaus eingefügt find. Die Galerie im linken Seitenflügel ist umgebaut worden, als bas Haus um die Mitte des 19. Jahrhunderts zur Ministerdienstwohnung hergerichtet wurde. 1866 bis 1871 diente der Bau als Wohnung des Gouverneurs von Berlin, feit 1872 wurde er für das königliche Haus» Ministerium verwandt.

Im 19. Jahrhundert erlebte das Palais sine Blütezeit, als Graf und Gräfin Schleinitz hier eine vor allem der Pflege von Kunst und Musik gewidmete Gastlichkeit eröffneten: im Saal des Hausministeriums war jener denkwürdige Abend, an dem es Richard Wagner gelang, [eine Musik und feine Ideen endlich auch innerhalb der vornehmsten Gefell-, schäft der Reichshauptstadt durchzufetzen.

So stellt dieses Haus, das sich während der letzten Wochen durch einige Renovierungsarbeiten, die sich insbesondere auf den Anstrich der Fassade bezogen, auf die Feier des achtzigsten Geburtstages des Reichs­präsidenten von Hindenburg vorbereitet hat, in sich selbst ein Denkmal deutscher Geschichte dar.

Die Trommeln von Tannenberg.

Von Peter Bang.

Cs war im Winter 1887.

Vor dem Krollschen Garten standen in langer Reihe die Kutschen der Hofgesellschaft. Die Kutscher mummelten sich m ihre weiten Pelzkragen und trippelten ungeduldig von einem Bein aufs andere. Es war kalt und ungemütlich. Und der Wind peitschte jedem unbarmherzig Schnee und Eiskörner ins Gesicht.

In den weiten Sälen brannten die noch neuen Gaslampen in ver­schwenderischer Fülle. Zwischen den langen Courschleppen der Damen wimmelte es von Uniformen und goldstrotzenden Minister- und Diplo- matensräcken.

Eben verabschiedete sich ein baumlanger Attachs von der zierlich sich neigenden jungen Baronesse von Rödern, die mit ihren Eltern den Ball verlieh. Es war der schwedische Legationsrat Frederik Rappe.

Ein paar Sekunden folgten die treuherzigen blauen Augen des blon­den Hünen der schlanken Mädchengestalt. Dann trat er m den Saal zurück, ging durch die noch immer fleißig walzenden Paare hindurch urtb näherte sich einem Tisch an der hinteren Wand.

Es war diescharfe Ecke". So genannt nicht etwa nach gesteigertem Konsum geistiger Getränke im Gegenteil, die paar Flaschen sauren Mosels waren zum Leidwesen desMarkeurs" den ganzen langen Abend über noch nicht leer geworden sondern nach den scharfen Bemerkungen, die von hier flüsternd die Runde zu machen pflegten. Rur daß der hagere alte Herr mit der rotbraunen Perücke, der sie zu machen pflegte, kein« Ahnung von dem raschen Umlauf seiner gar nicht böse gemeinten Sa» iasnum hatte.