Erschienen m der Hanjeatlf chen Verlagsanstalt, Hamburg 36 (6M.).
Gin Zindenburg-YsrirLr.
Von Walter Flex.
Aus dem mit Spannung erwarteten Briefband von Walter Flex, der, von Walther Eggert-Windegg bearbeitet, im Oktober bei C.H.Beck in München erscheinen wird, ist uns die nach- "rehende bedeutende Schilderung der Gestalt Hindenburgs zum Vorabdruck zur Verfügung gestellt worden.
Ostfront, 3. April 1916.
Osten Gesiegelte, stand am Rande von Hindenburgs Hand ein ablehnendes ^°Al/üE'Wahl des JeLmarschalls zum Reichspräsidenten gleich, einer warmen Flamme des Wunsches aus dem Volke emporscylug, flog ich, es war noch zur Zeit des ersten Wahlganges nach Hannover, um mit dem Generalfeldmarschall über die Kandidatur Ludendorff zu sprechen.
Es war am Nachmittag, an dem man lernte, daß es noch ,Große m Deutschland gibt, über Parteien und Zirkel hinaus. Ich fand Hindenburg jünger aussehend, als damals im Großen Hauptquartier m Kolberg, da seine Augen fast blicklos «raren vor Schmerz.
* er sprach über Hitler, dessen, Anständigkeit des Gesichts er gelten ließ. Aber er sagte: „Was wollen Sie, er ist doch nur ein älrommler, und haben Sie schon mal gehört, daß ein General ernem Trommler nach- tflufi?" Es war sein Wort über Ludendorff, den er Nicht mehr verstand.
Aber in dieser Stunde sagte Hindenburg, und aus seinen alten Augen brach ein seltsames und ergreifendes Feuer: „Für Parteien werde ich alter Mann nichts mehr tun. Für das Vaterland beide Hands, man kann sie mic übbcidteti — ober nichts für Parteien! .
Es ist bekannt, wie Hindenburg, als er Reichspräsident wuroe, diese Ueberzeugung aufgefaht und durchgesührt hat. In iemer ^erson ruht wie verkörpert der Gedanke vom emrgen Deusichland. An -dem Äsend, da er den Sohn Flensburgs, Dr. Eckener, empfing, hatte ich auch oas Gluck, an dem runden Tisch zu sitzen. Er sprach nicht viel Worte aber ich sehe noch, wie er sein Rotmeinglas gegen Dr^Eckener, erhob und seine tiefe und feste Stimme über den Tisch klang: „Sie totem es für unser Deutschland, und Deutschland dankt Ihnen." Es war uns allen in hefem Augenblick als ob der Dank des Vaterlandes warm und lebendig zu fernem Pionier sprach, als ob Deutschland selbst »m Namen seines größten Bürgers Ehren vergab, es war nach so vielen Jahren Elend der große Aufschwung der Seele, den Hindenburg segnete.
Liebe Eltern! Gestern habe ich ein schönes, eindringliches Erlsbms gehabt. Soll ich Euch mal raten lassen? Vielleicht habt Ihr inzwischen auch in der Zeitung gelesen, daß H i n d e n b u r g die gruppen an unsere Front besucht hat. Der Oberstleutnant stellte mir s freundlicherweiis frei nach Dich., dem Divisionsftabsquartier, das noch hin^r Komm liegt, hinüberzureiten und mir die Hindenburgparade als Zuschauer «nzusehsn. Jeder Truppenteil der Division stellte zu dieser Parade eme kleine Ab- teiluna bis zur Stärke einer Kompagnie. Ich ließ mir s natürlich nicht zweimal sagen und ließ mir in der Frühe eine schöne Rosmante satteln. Mt mir ritt der Stabsarzt auf seinem sästinen Schimmel und Leutnant von Schulenburg. Der Weg durch den hellen Apnlmorgen war vrachug. Wie Wölkchen von frischem Grün hing schon em Borglanz des Fruuliugs in den lichtrnr Büschen und die hellroten Jungtriebe der Birken schwammen , wie Lämmerwölkchen zwischen den schwarzen Ellernkronen, uue Wege ivaren so morastig, daß man kaum begreift, wie unsere Verpsleaung ^rankommt nur an ein paar kurzen Stellen, ließ sich antraben Aus einer seitlich der Straße nach Hoduzischki dicht hinter wjch. gelegene Wiese war ein bis auf den Dreck ganz friedens-näßiges Paradrgew'.mmel. Eme schnarrende Stnnme, Aufstellen, Ausrichten, Wieder-andere-Aufstellen, Ausrichten usw. Die Mäntel waren von den Tornsitern gerollt, so daß die Kerls setzt leidlich sauber aussehen. Hinter der Paradewiese stieg die Straße zieEch steil hoch, und auf der Höhe hielt, ein Meldereiter, der nach dem Auto des Feldmarschalls ausspähte. Jetzt hob, er die Hand und sto?im Carracho heran. Die Blechmusik schmetterte, .die Autos, fauchten heran, aus dem zweiten stieg Hindenburg. Die Truppen waren m einem nach der Straße zu offenen Viereck aufgestellt, u»r zuschauenden 2fsi.pere standen in zwei Gliedern am rechten Flügel neben der Musik. Hindenburg schritt die Aufstellung ab und ging ganz dicht, lanMin und einen leden anschauend an uns vorüber. Er trug den neuen Feldmantel nut resetm- grünem Kragen und hatte in der Hand den Jnterimsstab, der nichtvie anders als eine Reitgerte aussieht. Die schwere massige Gestalt entsprach ganz der Vorstellung, die man aus Bildern und Beschreibungen mt brachte. Aber das Gesicht und der Kopf sind anders «ls meist auf Bü dern, nicht so martialisch und auch anders aufgebaut. Das Gesicht schein! mir auf den meisten Darstellungen ganz ungebührlich verkürzt und in me Breite gedrückt, während in Wahrheit die stärksten Linien des bei aller Fülle straffen Gesichts und Nackens den Aufbau des mächtigen Kopfes nach oben betonen. Die Bilder scheinen mir ebenso, fehlerhaft wie die von unten aufgenommenen Photographien großer Standbilder, aus denen \ dann auch das Gesicht zurücksliehend und in die Brüte verkürzt eischcm. 6 Kopf und Gesicht Hindenburgs sind in keiner Hinsicht typisch, I« es amr 8 geradezu ausfällig, wie die Gesichter der Generale und Stäbler um J, her neben seinem fast etwas fremdartig abstechenden Gesichte zu TyM' preußischem Offizierstyp, Lebemannstyp, Agrariertyp wurden. Die Farr- feines Gesichts ist nicht braun und nicht gelb, sie spielt ganz leicht in einen sonderbaren Oliv-Ton, der sein Gesicht nicht so rauyhautig wie aus Den meisten Bilden erscheinen läßt, sondern ihm einen gewissen Glanz gibt, wie ihn altes poliertes Holz hat. Die Augen scheinen neve den schweren Polstern des mächtigen Gesichts und in Säcken liegend k , aber voll ruhigen Lebens, sehr ernst und sehr gütig. Ueber ihre 8« kann ich nichts sagen, ich hatte keinen Farbeneindruck, sie säpenen - tief und dunkel, und so sind sie auch, unabhängig von der Farve Iris. Er nahm die Parade ab und ließ sich dann eine Reihe von »» . vorstellen, die sich in den letzten Kämpfen das Eiserne Kreuz v > hatten. Er überreichte das Kreuz jedem selbst, und wir halsen tn ,
vielen halben Figuren die Einheit eines Menschen zu sehen, der immer alles um der Sache willen tat, dessen große Kraft aus der wahren Tiefe eines starken und menschlichen Herzens immer strvnue und strömt.
Es ist ein kostbarer Besitz meines Lebens, üay mir vergönnt war, Hindenburg, den Generalseldmarschall und den Präsidenten des Deutschen Reiches, in vielen entscheidenden Stunden seines Lebens nah m sehen. Zum ersten Male — ich habe das in meinem Buch „S o cheht die Weltgeschichte aus. . ."*) erzählt - am Abend des Tages, da der Sieg von Tannenberg entschieden war.
Die kleine Stadt Osterode in Ostpreußen war festlich erleuchtet. In den wenigen Wohnungen, die von ihren Besitzern nicht vermssen waren, und in den anderen, die ihre Herren eben zurückkommen sahen, brannten die Stearinkerzen hinter den Fenstern zu sechsen und achten. Der hübsche, nur halbleere Marktplatz bekam einen hellen Schein. Die Leute, die über das helle Viereck gingen, in dessen Mitte deutsche Munitionswagen in Reihen aufgefahren waren, machten die gleichen ernsten Gesichwr wie am Tage vorher, da die Riesenwirbel der Schlacht durch die Lust dröhnten. Durch das gelbe Licht geht eine massige Gestalt. Als sie sich dem kleinen Hotel nähert, in dem ich am Fenster sitze, sieht man ein wenig von dem Rot der Generalsausschläge leuchten. Der General nimmt an einem kleinen Tisch am Fenster Platz, der Wirt tritt herzu, und der hohe Offizier bestellt zwei Schnitze! für sich und seinen Begleiter. Ein Zivilist schlagt ^.arm bei dem Wirt, daß der „Tisch am Fenster" das Essen schneller becomme als er, der schon so lange warte. Der General sieht sich einen Augenblick um: in den graubraunen Augen ist Ernst und Belustigung seltsam gemischt. „Es ist der neue Oberkommandierende, der eben die große Schlacht gewonnen hat, Hindenburg", sagt der Wirt begütigend zu dem Zivilisten.
Das Licht von der Straße fällt über die große, mächtige Erscheinung, die im Schattenspiel der Kerzen noch riesiger wirkt. Die Ruhe auf dem Gesicht ist fast steinern. Eine Adjutant bringt eine Karte, auf Der ine andere Schlacht von Tannenberg, die Schlacht, die der deutswe Ritterorden anno 1410 gegen die Polen verloren hat, dargestellt ist. Hindenburg sieht schweigsam auf den Marktplatz, auf dem die Munitionswagen in der sinkenden Nacht goldene Lichtränder bekommen. Er, schreibt nut kur- : zem Daschenlopierstift eine Depesche: . . . Eure Majestät gehorsamst bitten, die Schlacht nach dem Ort Tannenberg nennen zu dürfen . . .
In derselben Stunde flog der Name Hindenburg schon durch Deutschland, hinaus in die ganze Welt und über das große Wasser.
Zwei Tage später war Hochamt in Grieslienen. Alle zurückgekehrten j Bauern und ihre Frauen waren in der Kirche, die Tür stand auf, und der Klang der auffallend schönen Orgel rauschte hinaus aus der Pfeiler- kühle auf den sonnigen Kirchhof. Der war Kampfplatz gewesen. Preuhl che Tornister und russische Brotbeutel lagen durcheinander; sehr viele deutsche Helme. In der Mitte war ein Soldatengrab, man hatte Aftern und Herbstblumen auf die kahle Erde gepflanzt und das Kreuz sehr forgc faltig behauen. Ein Auto hielt. Der General stieg aus. Mit einer Stille und Einfachheit, die nichts von Pofe wußte, nahm Hindenburg den Helm ab. Ein Mensch, nichts weiter. Ms der Gottesdienst zu Ende war, kamen die Bauern langsam vorbei, sie grüßten ine frischen Gräber. Ihre Augen blieben lange und schwer an dem großen, ernsten Blick Hindenburgs hänaen. Der Orgelklang flutete in vollen Schluhakkorden über die Hügel, über die zerschossenen Mauern und über das verbrannte Gestrcmcy. Wer ine Stunde erlebt hatte, wußte, warum Hindenburg so volkstümlich m
Deutschland war. _ . ... ...
Im Lause des Krieges habe ich Hindenburg in vielen en-tjcyeidenden Tagen gesehen und später, nach dem Zusammenbruch, sein Ausharren in Pflicht und Würde in Kolberg an der Ostsee erlebt, wo 'bas deutsche Oberkommando in der Revolutionszeit sah. Immer blieb der Eindruck der menschlichen Seite seiner Persönlichkeit gleich. Am stärksten in der Erinnerung steht mir ein Zusammentreffen in Wilna, als sein alter Freund, Generalfeldmarschall von Eichhorn, ein Milttarjuduamn । feierte Da brachte es der Zufall mit sich, daß ich mit den beiden Gene- ! raten eine Zeitlang allein bei einer Flasche Rotwein faß und Hindenburg zu plaudern anfing. Er sprach auch von seiner Aussasiung der strategischen Dinge, kam auf das Schachspiel der Schlacht und meinte, nur wer die größere Ruhe hätte, würde den letzten Zug tun.
Dann die letzte Begegnung vor seinem Abschied von der Armee m Kolberg. Alles war zusammengebrochen. Im Osten drangen polnische Jn- furgenten schon gegen Bromberg in der Richtung Berlin vor. Seme Augen ■ waren wie blicklos vor Schmerz. Er hatte eine Handbewegung, mit der er über die Augen fuhr, die erschütterte. „Ich habe gedacht, da- stehen zu müssen. Sehen Sie, so viele gingen. Ich bin em sehr alter Mann, wenn die Jungen sehen, daß ein so alter Kerl seine Pflicht tut, werden sich doch manche besinnen. Ich bin todmüde, aber ich werde.stehen, bis ich umfalle, solange dieser alte Körper noch zu etwas gut ist, für ein Beispiel." ~ .
Es war die Zett, da die Reste der Armee in Gefahr standen, vom Bolschewismus überrannt zu werden, da Trotzki in dem Funkspruch „An Alle" erklärte, daß Deutschland für die bolschewistische Revolution gewonnen sei. Auf den müden alten Augen stand da ein hoher, vielleicht der . letzte Teil der Rettung Deutschlands vor der Anarchie.
Einmal sah ich Hindenburg längere Zeit mit dem Kaiser zusammen. Auch damals in Wilna. Ich war im engsten Gefolge. Der Kaiser sprach lebhaft mit dem polnischen Bischof, als die Kathedrale besichtigt wurde. Er sprach über den Stil der Leuchter, die man ihm zeigte, und er wußte viel über den dunklen Ton eines Bildes des heiligen Sebastian zu sagen. Hindenburg sprach kein Wort. Als die beiden später im Auto sahen, ging aus irgendeinem Grunde der Motor nicht gleich an. Der Kaiser sah nach der einen Seite aus dem Auto, Hindenburg nach der anderen. Stumm. Als ob sie verschiedene Sprachen gesprochen hätten und wußten, daß einer den anderen nicht verstand, qar nicht verstehen konnte.
Allerdings auf dem großen Durchbruchsplan, den die Lieblinge des Kaisers, Falkenhayn und Mackensen, entworfen hatten und der den scheinbaren Erfolg, in Wirklichkeit den endgültigen Mißerfolg im


