Ausgabe 
1.3.1927
 
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Der KarneosL von Venedig.

Die Geschichte einer Faschingsmode. 'Von Dr. Paul Landau.

GrgerleLte.

Bon Otto Julius B i e r b a u m.

Fräulein Gigerlette Lud mich ein zum Tee. Ihre Toilette

War gestimmt auf Schnee; Ganz wie Pierrette War sie angetan.

Selbst ein Mönch, ich wette, Sähe Gigerlette Wohlgefällig an.

War ein rotes Zimmer, Drin sie mich empfing, Gelber Kerzenschimmer In dem Raume hing. Und sie war wie immer Leben und Esprit.

Nie vergeh ich's, nimmer: Weinrot war das Zimmer, Blütenweih war sie.

Und im Trab mit vieren Fuhren wir zu zweit In das Land spazieren, Das heißt Heiterkeit. Daß wir nicht verlieren Zügel, Ziel und Lauf, Sah bei dem Kutschieren Mit den heihen vieren Amor hinten auf.

Maskiert kann man alles sagen, Und alles wagen: die Maske steht unter dem Schuh der allerdurchlauchtigsten Republik. In der Maske kann man ich überall sehen lassen, in den Salons, den Bureaus, im Dogeupalast und im Ridotto, auf dem Ball und in den Klöstern. Diese venetiamsche Maske, die sich die Welt der Feste vom Manzanares bis zur Spree unter­tänig machte,besteht in einem Mäntelchen von schwarzer Seide; die Bürger tragen sie auch von rotem oder grauem Tuch, weil es dauer­hafter ist. Den Kopf bis ans Kinn verhüllt die sog. Bauta oder Kappe, die bis über die Schulter hinabgeht. Das Gesicht ist mit einer Wachs­maske (Volto) bedeckt, welche bis zum Munde reicht, und dazu druckt man einen weihen Federhut, um sie sestzuhalten, so tief über die Maske, daß man nur eben sehen kann; und weil die Fremden das, nicht gewohnt sind, o erkennt man sie gleich daran. Dies ist die allgemeine Tracht beiderlei Jeschlechts; man unterscheidet die Frauen nur an den unter dem Man­tel hervorragenden Röcken". So meldet der Reisende Keyßler.

Was hatte eine solche fast düstere Vermummung Anziehendes? Sie war mehr als eine Verkleidung; sie war ein Inkognito, ein Freibrief sur jede Ausgelassenheit, jede Tollheit. Niemand wußte von lemandem, wer er sei, und unter dem Schutz der Maske konnte sich sodiegeheime Ge­schichte des Karnevals" abspielen, deren Abenteuer nach Addison d.« ganze Skandalchronik des galanten Europas umschlossen.Man sieht den Adu vermischt mit dem Volk", erzählt Casanova Der Fürst unterhalt sich mit dem Diener, die Schönste mit dem Häßlichsten. Es gibt keine Be Hörden und keine Gesetze." Die lästigen Schranken der Stand« und der Etikette, sie fallen hier.Die Maske ist die größte; ^egüemlichkeit, jubelt eine Lustspielheldin Goldonis. Der stillen Seligkeit der Masken ge° ellt ich dann noch die Lust an der Verkleidung. Man verkle.de sich auf alle Arten, und es gibt eine gedruckte Anweisung, dl« die besten Me­thoden aufzählt. Da quirlen die grotesken Gestalten der Stegreifkomodie durcheinander: Covinllo mit seinen Ziegenbocksprungen setzt hinter der reizenden Zerbinetta her. Brighella ist aus der Flucht vor dem wüten­den Capitano, der ihn am liebsten zweimal totschlagen wachte; groteske Doktoren von Bologna trösten die unglücklich liebenden Arlechmos. Geist- volle Leut putzen sich als Deutsche aus und temperamentvolle als Schwei- zer Kein Volk fehlt und kein Stand bis zu den Schornsteinfegern und den Savoyarden mit ihren Murmeltieren. Casanova hat s'G die weiße spitze Rieienmütze Pierrots aufgestülpt; Golgoni liebt das buntscheckige Habit des Strahensängers, und der Ratsherr Conte Pepoli stürzt sich «L Har­lekin direkt aus der Senatssitzung in den Strudel.

Diesen Glücklichen schlagt keine Stund«.Um Mitternacht wie zu Mittaa" erzählt Goldoni,findet man alle Lokale offen, stets Esten be­reit in'den Gasthöfen, überall Musik und Tanz." 2'chn^wahrendlanden rtinnhefn ihre stille Fracht lachender Schonen. $ turnen und Bänder, Kusse Mazz^tta^st"eine^tte^ne^"S?adt'von^ud?n^und^Ze^nEheroorgewachjen.

ÄSÄÖBÄÄÄ hnrt man Sänger oder Sängerinnen kleine Canzenette Beneziane ab-

S 'S Ä'Srtr.i?

mckit" De Wahrsager sind besonders geschäftig.Sie bedienen sich Ä Äe/eUeÄ0betten fflJmMoJ Fragenden

m?nn fann ohne Lachen nicht ansehen, wenn bisweilen noch blöd« junge Mädchen sich nähern und mit vieler Furcht undnochetwasSchamhastig- keii Iwcb ihrem Schicksal in Liebesangelegenhelten sich erkundigen. In h Nnkioohäuiern unter den Galerien des Markusplatzes drangen sich kesondelk bie Nemden Bänke oder Stühle sind aber nicht geduldetz iv.e Keyßler berichtet, weil die Oesterreicher diese Gelegenheit benutzt hätten, um Verschwörungen anzuzetteln.

Je mehr sich der Karneval dem Ende zuneigt,, desto eiliger lagen lick die großen Bälle, die Feste, Aufzüge und Schaustellungen. Bunt ge schmückte Ockisen werden in der letzten Woche durch die engen Gassen gehetzt Am Fastnachtsdienstag beginnt das riesige Schlußfeuerwerk, da Valciite und Lagunen in eine strahlende Glorie cinhullt, schon am Heller- llchten Tage Lauten dann endlich um Mitternacht die Glocken der vielen Kirchen dumpf-melodisch den Aschermittwoch cm, dann ist alles wie be­täubt von dem Taumel der wilden Wochen ... .

Die Bewunderung, die diese gigantische Festveranstaltung bei den Fremden fand, war ungeheuer. Mancher große Herr, der nicht May lich an die Adria zurückkehren konnte, zehrt-: sehnsüchtigvon ^n kos.l'chen Erinnerunaen, und so entstand in dem Hirn der absoluten cherrfcyer, die nichts Unmögliches kannten, leicht der Gedaicke, stchew Venedig ihrem fiof hervorzuzaubern und jo daheim den echten, richtigen Karne zu feiern Allenthalben wurde diese Idee in die Wirklichkeit umgesetzt, Versailles, und in Kopenhagen, in Wien und Madrid und m ?e: ersbmg. Wir greifen einige Beispiele von deutschen Hofen heraus, um zu zeigen, wie sich diese originelle Faschingsmode dervenetlanischen Messen ^Wchl'al/Ät«^geftaltete Max Emanuel von Bayern, der lan^e Zeit In der Lagunenstadt gelebt, sein Nymphenburg zu einem Klein-Benedig um. Er ließ zunächst Gondeln aus Venedig kommen die wie große fremd Vögel auf den Kanälen schwammen. Dann, wurde 'n SMrnb "g von Venetianern eine Werft angelegt, auf der prächtige, reich 8*$^' ' Zelten und Wimpeln versehene Fahrzeuge ensttanden Gondolieri blauen, mit Silberborten besetzten Jäckchen und Pumphosen lecke en ernsten Schifflein, die für die Maskenfeste die rechte Loka«ftlmmung icy^ fen. Und wie auf den Nymphenburger Kanälen, so durften auch auf o Elbe die Wahrzeichen Venedigs nicht fehlen. August der Starke 1

weaen doppelt unter dessen Spott leide. Philippine strich liebkosend über di/ blonden Locken des schluchzenden Mädchens und versprach ihr zu $eIf3eht wurde der Junker wieder zu den engeren Festlichkeiten in ihren Räumen hmzugezogen. Dieser war nicht wenig überrascht, als Serems-

(KTiibte, ibn lüicbcr in ©nob^n anZUNbyniLN.

2iÖe ersten Abende verhielt er sich sehr bescheiden als er pch aber wie­der in der Gesellschaft heimisch fühlte, Zeigte er sich auch hier a.sbald als der Quälgeist des Fräuleins von Baumoach. Die Landgrafin beobacl^ tete dies und blieb eines Tages plötzlich vor dem 2unier ftehen, als sich dieser lebhaft mit dem Minister von Schliessen unterhielt. Sie sagte zu ihm:Ei, mein lieber Herr von Knigge, es freut mich besonders, daß Sie sich so warm mit Fräulein von Baumbach befreundet haben, oie ist eine vortreffliche Dame." . ... ~

Gewiß, gewiß, Durchlaucht", erwiderte Kmgge mit spöttischem Ton. IM schätze Fräulein von Baumbach außerordentlich.Das höre ich gern mein Lieber!" antwortete Philippine sehr ernst mit gnädigem Kopfnicken, ohne den Spott in Knigges Ton zu beachten. Der lustige Junker machte sich auch weiter keine Gedanken über das immerhin doch auffallende Benehmen der hohen Frau, er setzte seine Angriffe auf die schöne Hofdame in alter Weife fort. *

So kam der Geburtstag der Landgrafin heran, der sehr festlich ge­feiert wurde. Knigge benutzte die Zeit bis zum Eintritt der Herrschaften, um wieder einmal seine übermütige Laune an Fräulein von Baumbach auszulassen. Er knüpfte gerade die Bänder auf an ihrer Frisur, als die Landgräfin am Arm ihres Gemahls durch die gegenüberliegend« Tur m den Festsaal trat. Mit erhobener Stimme sagte Philippine:Ach, mein lieber Baron, da Sie sich so lebhaft für meine Henriette interessieren, so will ich heute gnädig gegen Sie sein und Ihnen verraten, daß Fräulein von Baumbach Ihnen ebenso herzlich zugetan ist, wie Sie ihr. Geben Sie Ihrem Freunde nur Ihre Hand, liebe Baumbach, Ihre Eltern sind da­mit einverstanden. Mein Gemahl, ein neues Brautpaar!"

Der Landgraf reichte seinem Hofjunker sehr gnädig die Hand und gratulierte zu der glücklichen Wahl. Knigge suchte nach Worten, um das Mißverständnis auf schickliche Weise aufzuklären, doch die Landgrafin wußte jede Gelegenheit dazu zu vereiteln. Wollte er keine plumpe Sto­rung bei der Geburtstagsfeier der Fürstin verursachen, so müßte er gute Miene zu dem Spiel machen, er muhte die Glückwünsche der anwesenden Gäste über sich ergehen lassen, und mußte Bescheid tun, als man auf sein und seiner Braut Wohl trank.

Unter die Weltwunder, denen nichts Aehnliches an die Seite zu stellen fei, rechneten Reisende des 17. Jahrhunderts den berühmten Karneval von Venedig, den die Fürsten und hohen Herren mit Vorliebe besuchten, um alle Finessen des Amüsements auszukosten, und den sie meist mit leerem Beutel verließen. Er ist für diese Zeit das Fest der Feste, ja er wird sogar zur Weltmod«, indem man ihn an den europäischen Höfen nachahmt. Frankreich, Spanien und Deutschland haben auf dem Fest­programm ihren veneanischen Karneval, und sie nennen ihreRedouten" nach dem vornehmsten Vergnügungslokal, dem Ridotto auf der Via San Mose. Der Fasching wirdä la venetienne gefeiert.

Sechs Monate beherrscht er die Lagunenstadt, der tolle Wirbel der Masken und Bälle; Im Oktober beginnt er und geht als Präludium bis Weihnachten, dann setzt er mit voller Macht am Dreikönigstage ein und steigert sich in feinen Lustbarkeiten bis zum Aschermittwoch. Solange er dauert, trägt alles Masken, vom Dogen bis zur Dienerin. Maskiert er­ledigt man seine Geschäfte, geht vor Gericht und kauft seinen Fisch ein.