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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Ml Dienstag, den 1-März Hummer <1
Unser literarisches Preisausschreiben.
Wir bringen in der heutigen Nummer die beiden ersten Aufgaben unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig auf die im heutigen Hauptblatt des Gießener Anzeigers ausführlich veröffentlichten Bedingungen.
Die Aufgabe besteht darin, die zwölf Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Wir betonen nochmals, daß alle zwölf Lösungen zusammen erst nach Schluß des Preisausschreibens, in der Zeit vom 20. bis 26. März 1927, eingereicht werden dürfen.
I.
Von den Perlen, welche der tauchende Fischer Auffängt, wählt er die reinsten für sich.
Für den Herrscher legt man zurück das Beste, Was gewonnen ward mit gemeinsamer Arbeit; Wenn sich die Diener durchs Los vergleichen, 5hm ist das Schönste gewiß.
Aber eines doch ist sein köstlichstes Kleinod — Jeder andre Vorzug sei ihm gegönnt, Dieses beneid' ich ihm unter allem — Daß er heimführt die Blume der Frauen, Die das Entzücken ist aller Augen, Daß er sie eigen besitzt.
Im Kriege selber ist das letzte nicht der Krieg. Die großen schnellen Taten der Gewalt, Des Augenblicks erstaunenswerte Wunder, Die sind es nicht, die das Beglückende, Das ruhig, mächtig Daurende erzeugen. In Hast und Eile bauet der Soldat Von Leinwand seine leichte Stadt; da wird Ein augenblicklich Brausen und Bewegen,
Der Markt belebt sich, Straßen, Flüsse sind Bedeckt mit Fracht, es rührt sich das Gewerbe. Doch eines Morgens plötzlich siehet man Die Zelte fallen, weiter rückt die Horde, Und ausgestorben wie ein Kirchhof bleibt Der Acker, das zerstampfte Saatfeld liegen. Und um des Jahres Ernte ist's getan.
II.
Es ist auf Erden kein besser List, Als wer seiner Zung' ein Meister ist. Viel wissen und wenig sagen. Nicht antworten aus alle Fragen; Rede wenig und mach's wahr! Was du borgest, bezahle bar!
Laß einen jeden sein, wer er ist, So bleibst auch du wohl, wer du bist.
*
Wir Drosseln, Amseln, Finken, Hänflinge, Stieglitze, samt anderen frommen, ehrbaren Vögeln, so diesen Herbst über Wittenberg reisen sollen, fügen euer Liebe zu wissen, wie wir glaublich berichtet werden, daß einer, genannt Wolfgang Eiberger, euer Diener, sich unterstanden habe eines großen freventlichen Uebergriffs und etliche alte verdorbene Netze, aus großem Zorn und Haß wider uns, teuer gekauft, um einen Finkenherd anzurichten. Er nimmt sich damit vor, nicht allein unfern lieben Freunden und Finken, sondern uns allen die Freiheit zu wehren, in der Luft zu fliegen und auf Erden Körnlein zu lesen, von Gott uns gegeben, und stellt uns nach unserem Leib und Leben, obwohl wir doch gar nichts gegen ihn verschuldet, noch solch ernstlichen und heftigen Uebergriff um ihn verdient haben.
Fasching im Rokokoschlotz.
Von Charlotte U l l m a n n.
Im alten Residenzschloß zu Kassel, das später während der Regierungszeit des Königs Jerome in Flammen ausging, erblühte ein fröhliches Leben, seit die junge Landgräfin Philippine dort ihren Einzug gehalten.
Sie war an dem lustigen Hofe des Markgrafen von Brandenburg- Schwedt aufgewachsen und noch jung dem greisen Friedrich II. von Kurhessen angetraut, der ein hochgelehrter, kunstsinniger Fürst war und ein großer Verehrer des Versailler Zeremoniells. Philippine aber liebte es, um sich eine Gesellschaft fröhlicher, ausgelassener Menschen zu versammeln, die mit Fastnachtspossen, Komödienspielen und sonstigen Zeitvertreib in ihren Gemächern die steifen Formen der französischen Etikette verscheuchten.
An einem Fastnachtsfeste hatte die tolle Laune in der Abendgesellschaft der Fürstin gerade den Höhepunkt erreicht, als plötzlich die Flügeltüren aufgingen und die lange, hagere Gestalt des Landgrafen in scharlachrotem'Schlafrock und stattlicher Perücke auf der Schwelle erschien, beim Anblick der kunterbunten Maskerade ernst das Haupt schüttelte und wieder verschwand, wie er gekommen war.
Erschreckt stob nach diesem Ueberfall die Gesellschaft auseinander und erwartete mit Zittern den kommenden Morgen, denn daß Seine Durchlaucht über alle, die es gewagt hatten, die heilige Ordnung der Hofgesetze freventlich zu durchbrechen, ein strenges Strafgericht ergehen lassen würde, darüber war niemand im Zweifel. Besonders di« Landgräfin war in der peinlichsten Verlegenheit, wie sie die ausgelassenen Vergnügungen in ihren Räumen bei dem pedantischen, strengen Gemahl entschuldigen könne.
Der Kammerjunker, Freiherr von Knigge, hatte sich in seinem jugendlichen Uebermut im Schlafrock und in der charakteristischen, großen Perücke des Landgrafen diesen Scherz erlaubt in der Annahme, daß zu dieser nächtlichen Stunde niemand in ihm den Pseudo-Landgrafen erkennen würde. Jedoch bei seiner eiligen Rückkehr war ihm im Korridor eine Hofdame der Landgräfin, Henriette von Baumbach, begegnet und hatte ihn belustigt über den losen Streich mit Nennung seines Namens gegrüßt.
Natürlich erwartete der Junker, die junge, von ihm schon oft schonungslos geneckte Dame würde stehenden Fußes ihre Herrin über das Geheimnis aufklären. In feiner wenig beneidenswerten Lage eröffnete
sich Knigge in tiefstem Vertrauen einem älteren Freund, dem Marquis de Luchet, und bat uni feinen Rat. Henriette verriet ihn nicht.
Den weifen Grundsatz, den Knigge später in seinem klassischen Werk, dem im Jahre 1788 erschienenen „Umgang mit Menschen" anempfiehlt, „daß man nicht jedem vertrauen soll", hat der Jüngling vielleicht schon erprobt, denn der falsche Franzose versprach als treuherziger Kamerad tiefstes Stillschweigen, riet aber auch selbst, an diese delikate Sache nicht weiter zu rühren.
Eine gewitterschwüle Atmosphäre herrschte am Aschermittwoch bei Hofe. Und sieh da, Serenissimus erschien zur Mittagszeit in guter Laune bei seiner Gemahlin, um sie wie üblich zur Tafel abzuholen und machte keine einzige Andeutung von den Ereignissen der verflossenen Nacht. Neugierig, wie Frauen sind, konnte Philippine es sich nicht versagen, sich zu erkundigen, wie ihr liebwerter Herr Gemahl den gestrigen Abend verbracht habe. „O prächtig, ich habe eine ganze Sammlung von alten Kupferstichen durchgesehen, die ich für unsere Galerie zu erwerben beabsichtige . . ." Und nun unterhielt sich der große Herr äußerst angeregt und entzückt über diese Bilder, während Philippine erkannte, daß sie das Opfer eines Fastnachtsscherzes geworden
Der französische Kammerherr de Luchet bat um eine Audienz bei Ihrer Durchlaucht, teilte ihr den losen Streich des Kameraden mit, bat auch hier um Geheimhaltung in kluger Vorsicht, da der Freiherr von Knigge ein Meister in der Fechtkunst und im Scheibenschießen war. Serenissima war nicht wenig entrüstet über den kecken Junker, wartete aber still die Gelegenheit ab, um ihn zu strafen. Der Hofjunker wurde fortan nicht mehr zu ihren geselligen Zusammenkünften eingetoben, und Knigge dachte nicht anders, als daß Fräulein von Baumbach der Land- grafin die Sache hinterbracht habe. Der Marquis de Luchet, dem er diesen Verdacht aussprach, beeilte sich in sittlicher Entrüstung, den Argwohn feines Freundes noch zu verstärken und ihn gegen die Hofdame einzunehmen. Henriette von Baumbach, als fchönsts Mädchen am Hofe, war der Liebling der Landgräfin, auch durch ihr natürliches, frisches Wesen, ein frohes, liebenswürdiges Geschöpf. Wo sie sich von nun an sehen ließ, trat alsbald Knigge wie ein böser Schatten hinter sie. Jedem ihrer Worte folgte wie ein Echo ein sarkastischer Witz des Junkers. Henriette litt darunter, sie war dem geistreichen Plauderer von Herzen zugetan, und als di« Lsndgräsin einst das junge Mädchen in Tränen fand, fragte sie diese volser Teilnahme nach dem Grund ihres Kummers.
Henriette machte ihrem gepreßten Herzen Luft und beichtete offen ihre gehetime Liebe zu dem Freiherrn von Knigge, daß sie dieser Zuneigung


