Ausgabe 
1.2.1927
 
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neidisch machen."

Sie scherzen mit mir unbeholfenem Bing.

Auf Ehre, schöne Dame!"

Nun ging der Nachtwachter mit schlürfenden Schritten vorbei, be- I trachtete die beiden Fremdlinge etwas mißtrauisch, indem er ihnen seine Laterne ins Gesicht hielt. , ... . ,

Von Höflichkeit scheint man in dieser Residenz auch nicht mel zu wissen!"

Leuchte er lieber seiner Eheliebsten ins Bett, hört Er, Nachtwächter? Bei uns zu Lande nennt man solch Tun neugierig!"

Aloysia Weber kniff Mozart in den Arm, was bedeuten sollte, daß s der von ihr heimlich so abgrundtief Geliebte keine Zwistigkeiten mit dem Nachtwächter bekommen sollte.

Einigen Grünschnäbeln habe ich schon heimgeleuchtet, Monsieur, ich suche eben noch einen, der in der Stadt umherirrt."

Mozart machte sich von dem untergehakten Arm Aloysias los, stellte sich mutig vor Kirchheimbolandens Nachtwächter:Ich werde noch heute abend die Geschichte vom groben pfälzischen Nachtwächter zu Kirchheim­bolanden bei Hofe erzählen, dann wird Er etwas erleben morgen."

Verzeihung, edler Herr, ich sprach ganz unpersönlich. Wie würde ich denn solches einem Gaste unseres Fürstenhauses zu sagen wagen?! Uebrigens wünsche ich den Herrschaften eine angenehme Nacht."

Mozart und Aloysia gingen lachend weiter. Gingen enggefchmiegt durch die krummen Häuserreihen bei der Stadtmauer.

Wohin wollen Sie mit mir, Herr Mozart?"

In ein Land, wo Milch und Honig flieht!"

Und das ist?"

Gnädigste, sehen Sie, wie sich jetzt der Mond entzückend aus den Wolken hervorzwingt. Sehen Sie? So ewig wandern die Wolken... Woher kommen sie, wohin gehen sie? Und schauen Sie dort, der Nacht­reif läßt die Dächer märchenhaft flimmern."

Es ist kühl, Herr Mozart, das Ist bei aller Schönheit der Mondnacht nicht obzulrhnen. Man wird wohl im Schloß auf uns warten, da eben die Glocke die Stunde rief, die das Souper beginnen laßt.

Sie haben recht, schöne Sängerin, allons!"'

Mozart nahm Aloysia fest unter den Arm. In einer dunklen Ecke blieb er plötzlich stehen.

"licr fängt das Land an, wo Milch und Honig flieht, Mademoiselle Aloysia."

Reden Sie irr?"

Niemals! Es gilt! Donnez moi s'il vous plait votre coeur, made- moiselle."

Dabei fiel Mozart vor Aloysia aufs Knie.

Um Gottes willen, Ihr seiden Beinkleid, mein Herr!"

Gilt nichts gegen die Seligkeit, Aloysia. Französisch wollen Sie nicht verstehen. Ich konjugiere deshalb im Stil der alten Römer: amo! Das heißt in praxi . . ." Mozart nahm Aloysias Kopf zart in den Arm, legte diesen nach rückwärts und küßte die etwas widerstrebende Sängerin.

Herr Mozart, ich verstehe ja kein Latein, da ich keine Messalina bin. Was tun Sie denn? Ist Ihnen nicht gut?"

Und dennoch gab Aloysia bei der Widerrede den Kutz zuruck, und Mozart jubelte:Du hast das Futurum schneller als ich begriffen, bravissimo!"

Wolfgang . . .!"

Aber nun zum Schloß. Was nur mein Vater sagen wird. Er wird schelten, daß wir in nachtschlasener Zeit draußen umherirren."

Sie standen beide wieder auf dem Marktplatz von Kirchheimbolanden.

Der Mond war nun ganz hervorgekommen. ......

Nun höre mich noch einmal an, Aloysia, die Kleinstädter sollen ihren Klatsch haben: Jetzt stellen wir uns mitten auf den Marktplatz und küssen uns; das heißt dann, wir sind vor aller Oeffentlichkeit verlobt.

Und sie geben sich die Münder brennendheitz am Abend des Februar anno 1778.

Siehst du, der Mond hat zugesehen, hat gelächelt, mein Weibchen ^Herzlichen Glückwunsch!" brummte eine Stimme irgendwoher. Das war der Nachtwächter.

Herr Mozart, Sie kompromittieren mich vor allen Leuten.

Wolfgang Amadeus bin ich getauft."

Schwätz' net so viel, bummer Bub'!"

Dieses Idiom steht dir entzückend, Aloysia.

Vor dem Schloßportal stand Mozart noch einmal still.Wir sagen aber niemand etwas von unserem Glück, hörst du? Und wenn du mtt den Kavalieren lachen solltest, dann ..."

Na, bann?"

Dann . . . lache ich über ... .

Deine bumme Eifersucht. Ist man im Salzburger Lande immer so

©ie sollen auch neidisch auf mich fein, deinetwegen, Aloysia."

Nun aber hinauf, sieh, sie scheinen schon zu tafeln

Mit erhitzten Gesichtern traten sie in den Saal. Mozart bekam eine ältere Hofdame als Tischnachbarin, Aloysia einen forschen Offizier

Mozart war wie abwesend. Immer wieder schaute er nach Aloysia. Diese erhob das Weinglas und drohte mit dem Finger ganz unbemerkt. Mozart konnte sich nicht beherrschen, er stand auf und schickte ihr erregt ^'"^,A§°"taktlos!" sagte Mozarts Tischdame zu ihrem Gegenüber.Wie kann man solches öffentlich treiben. Sie wird eine Dornestique jein.

"«Pardon, Gnädigste!" wandte sich Mozart zuruck, v,es ,st aber domestiauenhaft, von seinem Tijchnachbarn so zu sprechen.

Die jungen Damen im Kreise lachten. Die Hofdame rauschte nach $!*011e1 ©oufffeu'r eher aus Mannheim sah wie auf Kohlen. Im ftiüen aber segnete er bas Glück seines Kindes, trotz der eifersüchtigen Konsterniertheit der Hofdame.

Turme machtvoll zu tönen an, und aus ollen Ecken gaben jubelnde Weifen Antwort, die einst von diefer Schwelle sich zuerst empor» geschwungen. Sonnenverklärt lag Mozarts Kinderland.

Liebesidyll um Mozart.

Historische Skizze von Karl Semmel.

Im Musiksaal des Schlosses zu Kirchheimbolanden tupften die Diener die Lichter mit langen Stöcken aus. Der Musikabend war vorbei. Der blutjunge Mozart hatte diesen mit einer eigens komponierten Sonate beendet Der Saal hatte sich bald gelichtet. Die Kavaliere tänzelten schar­mant hinter den Reifrockdamen des Hofes her.

Wolfgang Amadeus Mozart wartete nun im dunklen Flur des Schlosses auf Aloysia Weber, die mit ihm mi Reisewagen, diskret vom Vater begleitet, von Mannheim herübergekommen war Sie war San» aerin als letzte kam sie eben aus dem Saal und gab einem Diener, der vorüberging, ihre Notenmappe zur Aufbewahrung. Ihr kindhaftes Gesicht war erhitzt. Mozart eilte ihr entgegen, hing um ihre entzückenden jungen Schultern den Mantel, nahm ihren Arm und stieg mit ihr die Schloh- treppen hinab. Er selbst auch im warmen Havelock, denn der Februar ritz frostig bas Land aus. . ... .

Der Hof gab nach dem Konzert ein Souper, das inzwischen gerichtet wurde. Es waren dazu meist Offiziere geladen worden. Die beiden jungen Leutchen wollten sich zwischen Konzert und Tafelei etwas im Freien er9U3ntHo wandelten sie durch die schlafenden Gassen der kleinen Residenz von Nassau-Weilburg. Gespenstisch flackerte noch hier und da ein Talg- licht hinter gerafften Gardinen in niedrigen Stuben.

Sie haben die Arien prima gesungen. Mademoiselle.

'Meinen Sie wirklich, junger Meister?"

Ich habe es gesehen, wie sich die Kavaliere die Halse nach Ihnen aus- red'ten Sie müssen nach Italien gehen und dort das Volk mit Arien

Mozarts musikal sche Entrvrärlung.

Von H. Hering.

Wohl kaum hat bas Bild eines Schafsenden soviel Wandlungen er­fahren wie bei Mozart; denn jede Zeit bildete ihr Urteil mit ihren Maßstäben nach den ihr zusagenden Augen der einzelnen Werke. Robert Schumann konnte so z. B. von der 6-Moll-Symphon,e als von grwchifch. schwebender Grazie sprechen; und den meisten Heutigen erscheint Mozart als der appollinische Götterliebling, der Meister des Ro okw Das was seiner Zeit als treibende und gestaltende Kraft innewohnte,, hat man als die Tat seines Genies hinzustellen versucht. Nicht er hat seiner Zeit den Stempel aufgebrückt, sondern er ist auf dem Zeitgründe erwachsen, er sog stilistische Momente seiner Zeitgenossen in sich auf und je mehr sichHerne Persönlichkeit auswirkte und ausrcifte, um so mehr vermochte er die ver- schiedensten Stilelemente zu einem Einheitlichen, Persönlichen zu ver- chweitzen. Das soll und darf keinen Abstrich von seinem Werke bedeuten, im Geoenteil, aus dem Rahmen der Zeit prägte sich so bas Plus ferner Persönlichkeit um so deutlicher heraus. Je mehr Licht über ferne Zett- aenollen gebreitet werden konnte, um so klarer erstand sein Werk. Die letzten Jahrzehnte mufikhistorischer Arbeit haben ihr gut Teil baran getan. Und was in den verschiedenen Urteilen über ihn als wesenseigentimrliche Seite erschien, bedeutet so vielmehr verschiedene Phasen fernes Schassens. «Rur als Kind seiner Zeit hätte er sich ebensowenig die Weltgeltung er» Angen können wie der schaffende Genius, der alles aus sich heraus gebar, her Wahrheit des ßebensfreifes entsprochen hatte.

«Beurteilt man das Wunderkind Mozart nach seinen Jugendwerken, so perqifct man meist, daß diese Veröffentlichungen einmal erst gefjorig durch einen Vater, den, musikalisch hochgebildeten und hochbedeutenden Leopold Mozart, berichtigt und stilisiert wurden, zum andern, daß das was schon eigentümlich rnozartisch in ihnen erscheint, Erinnerungen an Zeitgenossen, die er aufnahm, darstellt. In Paris gerat der Siebenjährige in «Abhängigkeit von Johann Schoberts subjektiv gefärbter Klaviermusik, in London wirkt sich sein Umgang mit Christian Bach, dem jüngsten Sohne Sebastians, aus, der mit seiner Zartheit dem jugendlichen yim Erwecken wird. Wie groß die Abhängigkeit von feinen «Borb Ibern mar, und wieviel feine Iugendwerke von fremder Hand überarbeitet wurden, das erhellt ein Skizzenbuch aus der Londoner Zeit, wo der Knabe während einer Krankheit des Vaters sich allein überladen war. Um fo mehr aber bestätigt sich so der organisch natürliche Entwicklungsgang des Knaben mit der sortlaufenden Steigerung zur Hohe.

Die Vorbilder Eberlins (Salzburg) und Michael Haydns, kurz ine Elemente des Salzburger Stiles, prägen fid) in; ber Klausurarbeit des Zehnjährigen aus, die ihm den Erzbischof zur «Prüfung auserlegt, der erste Teil des OratoriumsDie Schuldigkeit des ersten und fürnehmsten @eb(£in Aufenthalt in «Wien erschließt dem Zwölfjährigen das Theater. Persönlicher Umgang verbindet ihn mit Hasse, der für >h" begeistert ist, und Gluck, dessenAlkeste" in Wien ihre Uraufführung erlebt hatte Die Opera bufia bringt mit Werken von Piccmi, Gaßmann und Guiseppe Scarlatti auf ihn ein; so folgen di- Erstlinge ihren SpuremTa mw semplice (im «Auftrag des Kai ers Joseph II.) schließt, sich an Piccims buona firfiuola an;Eastien und Bastienne", em zierliches Schäfer» ttiickchen läßt schon seinen Sinn für Humor und Liebbegabung erkennen. «Wiens bodenständige fompbonifdje ^unfti

hatte wie die «Mannheimer und norddeutsche Schule dem Werk Joseph Haydns den Boden bereitet. Mozarts symphonische Arbei en stehen jetzt unter ihrem Einfluß; Durchführungen mit Ansätzen zu thematischer Arbeit,Imitationen der Streicher, Menuette als dritte Telle der mer» ! fähigen Werke. Zwar blieben Eindrücke von früherer Zeit mtt ihren | «Wesenszügen in ihm lebendig; aber ihre Form- und Gestalwngsprmzipien I werden vielfach durch die Wiener ersetzt. Wiens geistiger Gehalt weckt M i ihm Schlummerndes; Töne für Gefühlsäußerungen, wojur 'hm bisher ! eigene fehlten, empfängt er; die Fähigkeit zur Gestaltung gioH.rer I Formen wächst.