Ein Besuch im Salzburger MozarLhaus.
Von Dr. Hedwig Fischmann.
Aus der Helle des leuchtenden Sommertags, in dem frohes, gegenwartssicheres Leben in leicht beschwingtem Festtagsrhythmus pulst, m das stille Tal einer sich auf engem Raum mühsam emporwmdenden ! Treppe. Doch die Stufen flüstern und singen vergangenheitsschwer unter dem hastig emporeilenden Fuße: „Wir trugen des Kindes^ tastende Schritte. Uns übersprang des Knaben von frühen Triumphfahrteii sihn- i suchtsvoll heimwärtsstrebender Fuß. Doch unserer Enge entrang sich der Jüngling. Wir waren die Stufen — er schritt ins Licht. I
Und Lichtströme, blendend und jubelnd wie Meister Mozarts himm- I lisch« Weifen, durchfluten die Räume, von denen dieses Genius Erdenwallen und Himmelfahrt ihren Ausgang genommen. Drei Helle, freundliche Räume im dritten Stopwerk des stattlichen Bürgerhauses in der Getreideqasse 9 waren das Heim, in das der erzbischöfliche Musikus Leopold Mozart an einem Novembertage des Jahres 1747 seine junge Frau ! führte — ein Paar, das als das schönste Salzburgs gerühmt wurde. Des I Vaters tiefer künstlerischer Ernst, der Mutter heitere Lebensfreude und der Anmut Göttsrgeschenk, von beiden Eltern dargebracht, waren die Gaben, die ein reich spendendes Schicksal dem kleinen Wolferl in die Wiege gelegt, der dort in dem freundlichen Hoszimmer das Licht des Lebens erblickt. Ueber das Gewirr der Dächer, die das leuchtende Stuck blauen Himmels rings um den Hof umgrenzen, grühte den Knaben, damalswie | heute neugierig hereinlugend, einer der beiden Glockenturme von Fischer * von Erlachs Kollegrumskirche, grüßte in ihm die heitere, sinnenfreudige
Kunst des Salzburger Spätbarock die wesensverwandte erwachende Künstlerseele. Und wenn dann vom Turme die Glocke ihre eherne Stimme erhob, erfüllte sie in inniger Verschmelzung mit dem schwingenden, klingenden Rhythmus jener Linien, mit den flimmernden, schimmernden Lichtströmen die Räume mit einer musikdurchtränkten Atmosphäre, m der die bildsame Kinderseele mitschwang und Lebensprägung empfing. .
Durch diese Stuben hatte der kleine Wolfgang oftmals seine Spielsachen aus einem Raum in den andern getragen, wobei „allemal der, so leerginq, einen Marsch dazu singen und geigen mutzte". So beruhtet der getreue Hausfreund Johann Andreas Schachtner, der dem Knaben bei seinen kindlichen Spielen ein geduldiger Gefährte gewesen. Denn „sobald er mit der Musik sich abzugeben anfing, waren alle feine Sinne fÄ seine übrigen Geschäfte soviel als tot, und selbst die Kindereien und Tandel- spiele muhten, wenn sie für ihn interessant sein sollten, von Musik begleitet werden". Wie früh dies musikalische Interesse erwacht war, davon geben die Eintragungen von des Vaters Hand in einem in einer Vitrme ausgestellten Notenbuch von Wolfgangs Schwester Marianne Kunde, das zugleich von dem jüngeren Bruder mitbenutzt wurde. „Dieses vorher-
aehende Menuet Hai der Wokfgangerl im 4. Jahr erlernt , heflst es da. Und- Dieses Menuet und Trio hat der Wolfganger! den 26. Zanuarij einen Tag vor seinem 5. Jahr um halb zehn Uhr nachts in einer halben Stunde gelernt." Bald folgen auch die ersten Kompositionsverjuche des Sechsjährigen, ebenfalls von des Vaters Hand hier ausgezeichnet. Leopold Mozart war der verständnisvollste Lehrer und Förderer der reichen Gaben seiner beiden Kinder, und wie weit das Verhältnis von jenen aus Furcht aufgebauten Drillen zum Künstler, wie es ein Raffael Mengs von einem Vater erfahren, entfernt gewesen, dafür zeugen die rührend vertrauens, vollen Worte des kleinen Wolfgang: „Nach Gott kommt gleich der Papa.
Von den Wänden herab grützen sie alle, die einst diese Räume in inniger Gemeinschaft, in andächtiger Anteilnahme an dem Aufbrechen der Wunderblume dieser Kunst erfüllt hatten. Hi«, gestutzt auf eme .VwIm- schule", die stattliche Gestalt des Vaters, des unbedingten Alleinherrschers in diesem kleinen Reich. Dort die heitere Frohnatur der Mutter die sich der Neigung ihres Gatten, auch in Hausfrauenfragen das entscheidende Wort zu sprechen, willig unterordnete, und doch auch bereit war, wenn es not tat, selbsicher in den Vordergrund zu treten. War sie es doch, die den jungen Künstlers an Stelle des durch feinen Beruf gefesselten Vaters auf jener enttäuschungsreichen Pariser Reise begleitete, auf der sie, fern der geliebten Salzburger Heimat, nach einer still ertragenen Zeit des Darbens und Leidens einen frühen Tod gefunden. Zwei erschütternde Dokumente von des Sohnes Hand, in diefen Räumen seines Kmderglucks doppelt erschütternd, erinnern an jene schweren Schicksalstage:, das eine em Brief an den ihm freundschaftlich verbundenen Ab bä Bullinger >n Salzburg, geschrieben „am traurigsten Tag meines Lebens, mit der Bitte, dem Vater die leidvolle Nachricht zu übermitteln; das .andere« die Hand- schrift des ersten Satzes der sogenannten „Pariser Symphonie m l->-Dm, die an der Mutter Todestag ihre Erstausführung gesunden und von deren Erfolg ein in scheinbar io fröhlichem Ton abgefaßter Brief dem noch ahnungslosen Bater berichtet. Kindlicher Liebe beredte Zeugen über die
! ^"^Wi«"ubenMq das Andenken der Mutter in dem Familienkreis, dem sie so früh entrissen, geblieben, davon gibt das nach ihrem ^ode enfltan- dene Familienbildnis unzweifelhafte Kunde: auf die in künstlerischer Hm- qab« am Klavier vereinte Geschwister, denen sich der Vater mit der Geige
I in der Hand zugesellt, blickt aus dem Rahmen der nach einem früheren ! Bild kopierte, lebensgroße Kopf der Mutter; so ward die Tote miteln- bezogen in den Kreis, dem sie niemals gestorben ist. Und wie sich hier die Gestalt der Schwester mit der des Bruders {o innig am Klavier eint, daß gleich einem bedeutsamen Symbol die Hand Wolfgangs hmubergreist über die des Nannerl, so war die musikalisch Hochbegabte seiner Kinder- und Jugendjahre nächststehende Gefährtin, bis des Genius auswärts. sagender Pfad sich von dem ihrigen trennte. Aber auf den vier ersten Kunstreisen des Knaben war sie die mitberechtigte Genossin semer frühen Triumphe. Ein Bild des Elfjährigen im stolzen Staatskleid der unglücklichen Erzherzogin Marie Antoinette, einem Geschenk der Kaiserin Maria Theresia, erzählt, in Gestalt und Haltung ganz den Ausdruck einer var- | nehmen Dame en miniature widerspiegelnd, von jenen Erfolgen, die sie a„ her Seite des Bruders am Schönbrunner Hof gefeiert. Und dort der
I putzige kleine Kavalier int Staatskleid des Erzherzogs Wakimilian, den Degen an der Seite, das war der vom Wiener Hof verhätschelte sechs.
I Jähriae Wunderknabe Wolfgang Amadeus Mozart, und doch in dem Ausdruck des runden pausbackigen Kindergesichts mit dem so u"b^angen in die Welt hineinguckenden Augen — das Wolferl, nur das Wolstrl, nichts als ein frisches, ahnungsloses Kind, als das er sich auch auf dem glatten Parkett von Schönbrunn bewiesen. Das Kmderlacheln, das hier um die roten Lippen so schelmisch zuckt, ist ihm sein ganzes Leben treu geblieben spottete selbst der so früh die körperlichen Kräfte auszehrenden Leiden und perlt, unvergänglich in das Zauberreich der Töne gebannt aus Meister Mozarts himmlisch sonnigen Weisen. Und klang es nicht jetzt, eben jetzt neckisch spottend, aus dem Nebenzimmer? Oder war es ein verwehter Hauch, der über die Saiten der Kindergeige huschte, die eins' mals sich gegen dies energisch« Knabenkinn gepreßt/ Nach langen Irr- führten ist sie zurückgekehrt zu dieser Statte und bückt hinüber zu dem chlichten, unscheinbaren Klavierchord, auf dessen fünf Oktaven des Meisters Hand so oft geruht, in heiligster Schöpferstunde die Schranken wensih >ch r Zeitlichkeit zur Ewigkeit niederreitzend. Des ,,Titus , der „Zauberswie unsterbliche Klänge entquollen zuerst diesen Tasten, und unter dem A hauch des mächtigsten Meisters, des Allbezwmgers Tod, entrangen stch iM klagend des „Requiems" Töne. Von der Kindergeige zu biefem eroigfei 5 geweihten Instrument — so schließt sich der eng bemessene Ring d^cj-s Lebens, der des reichsten Schassens- Umkreis in sich birgt. Und> auch , der dieses unfterblicheii Geistes sterblich-irdische Hülle gewesen hat beim gesunden zu der Stätte, an der einst des Knaben rosiges KopfckM s'4.« hi» Kissen geschmiegt: Mozarts Toten chadel. Wohl fehlt die letzte, un Uinstöhliche Gewißheit, daß der aus dem Besitz des. Anatomen H r stammende Schädel auch wirklich das heilige Gefäß dieses Schöpfers« B
! gewesen; war doch-dem deutschen Volk zur ew,albrennenden Schmackji , was irdisch an dem Genius gewesen, in em Massengrab des Mmk Friedhofs in Wien versenkt worden. Aber wir glauben sofst-rn, an sich bare Zeichen uns klammernd, an dies Unterpfand für die Menschwerö « des göttlichen Genius. . .. .
Doch noch ein Glied, dunkel, leidesfchwer, schließt diese Schickfalsteu- dort das Doppelbildnis der brüderlich sich umschlungm halten»« «A Mozarts, der Letzten dieses Geschlechts, auf deren Schultern die lasteno Schwere des Epigonentums ruhte. Gleich den Goet^-Enkeln waren .
I verurteilt, im Schatten eines Großen zu stehen. Und die wm | Verse Grillparzers kommen mir in den 6mn, die er dem Schm!
jüngeren Mozart-Sohnes geweiht, dem der große Name zum Schmer» | genossen, zum Ertöier aller Schaffenskraft geworden:
„Du warst die trauernde Zypresse An deines Baiers Monument ...
Ein Schatten haste sich über das lichte Bild dieser Räume 8« ru^- kündend von der Vergänglichkeit irdischer Geschlechter, mögen sie aM ihrem Haupte die Wolken berühren. Doch da hoben die Glocken
»ich es wird doch fein Mensch von allen die, mich kennen sagen können j hn6 irh im Umgang mürrisch ober traurig wäre — und für diese Gluck , fettgkett danke ich a?te Tage meinem Schöpfer und wünsche sie von Herzen . ekSasmiftneerin @lütf1inenb«r Ewigkeit. Was das Glück dieser Welt an- belangst so flndet er es vor allem in der Liebe der Seinen zu ihm und
Jutt'l7öl"schreibt er seiner Frau: „Run kannst Du wir aber kein größeres Vergnügen machen, als wenn Du vergnügt und lustig bist — benn wenn ich nur gewiß weiß, daß D i r nichts ab geht bann ! ift mir alle meine Mühe lieb und angenehm, — denn die fatalste und verdrehteste Lage, in der ich mich befinden konnte, wird nur zur Kleinigkeit, wenn ich nur weih, daß Du gefuyd und lustig bist.
Aber die größte Freude für ihn bleibt das Schaffen.
Bei den unruhigen und krankhaften Genies kann das Schaffen zur Qual werden — das gierige Suchen nach einem Ideal, das entflieht. Bei I gefunden Genies, wie Mozart eines war, ist es eine so vollkommene, natürliche Freude, daß es ihnen beinahe zum physischen Genuß wird. Für Mozart ist Komponieren und Spielen eine für sein Wohlbefinden ebens unerläßliche Tätigkeit wie Essen, Trinken oder Schlafen. Es ist em Be- diirfnis, und zwar ein beglückendes für ihn, weil er sich unaufhörlich be- | r' Dies muh man wohl im Auge behalten, wenn man jene Stellen in feinen Briefen verstehen will, die sich auf das Geld beziehen. .. I
Seyen Sie versichert, daß ich mein absehen nur habe, so viel möglich aeld zu gewinnen; benn bas ist nach der gesundheit bas beste.
9 (olrfies Bekenntnis mag empfindlichen Naturen grob erscheinen, aber man darf nicht vergessen, baß das Geld Mozart stets bis an sem Lebensende gefehlt hat. Sein freier Schafjenstrieb und damit feine Gesundheit wurden dadurch immer gestört, und immer dachte er und mutzte er an den Erfolg und an das Geld denken, die ihn frei machen sollten. Nichts ist natürlicher. Wenn Beethoven anders handelte, so schuf 'hmfem Idealismus eine andere Welt zum Leben eine «reale ffieU (ganz ZU schweigen von seinen reichen Gönnern, die ihm das tägliche Brot sicherten). Aber Mozart glaubte an das Leben, an die Welt, an die Nealrtat der Dinge. Er wollte leben und siegen, und es gelang ihm, wenigstens zu siegen. — Das Leben hing nicht von ihm ab. .
Gerade das ist das Wunderbare, daß sich seine Kunst immeraus den Erfolg richtet, ohne jemals etwas von sich selbst zu opfern. Seine Musik hat er stets im Hinblick aus die Wirkung beim Publikum geschrieben. Und dennoch würdigt sie sich niemals herab, sie fagt nur, was sie sagen will Hierin kam Mozart sein Taktgefühl, sein ^°rfl'nn,sein ironischer Geist zu Hilfe. Er verachtet das Publikum und schätzt sich selbst sehr hoch. Auch macht er niemals Zugeständnisse, über die er hatte erröten muffen. Er überlistet sein Publikum, unb "er lenkt es Er flößt feinen Hörern di« Illusion ein daß sie feine Gedanken verstehen, wahrend der Beifall, den sie feinen Werken zollen, sich nur auf die Stellen bezieht, die einzig und allein für den Applaus gemacht waren. Was liegt daran, ob sie verstehen? Es genügt, daß sie Beifall klatschen, und bafj der Erfolg des Werkes dem Komponisten die Freiheit sichert, neue Werke schaffen zu fijnnen. (Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Herzog.)


