Ausgabe 
31.12.1926
 
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durcheinander. Ein entzückender Farbenrausch, dieser Schiffsball! Nicht nur die Jugend freut sich am Tanz. Alte Lerren im schnee­weißen Laar. Großmütter und würdige Matronen beteiligen sich eifrig. Die Lebensfreude aber schaut ihnen aus den Augen.

Im großen Speisesaal erlöschen plötzlich alle Lichter. Dann naht ein gespensterhafter Zug. In langer Reihe tragen die Stewards von ihnen erleuchtete, mächtige Eisblocks heran. Die Augen weiten sich staunend vor diesen glühenden Kunstwerken von Ananaseis. Der Erfolg der eigenartigen Feuerpolonaise ist außerordentlich. Lautes Beifallklatschen erhebt sich. Die Lichter flammen wieder auf. Schmetternd setzt die Bordkapelle ein.

Die Stimmung erreicht ihren Löhepunkt in der großen Fest­polonaise. Flinke Leinzelmännchen haben das geschloffene Prome­nadedeck geschickt in einen Ballsaal verwandelt. Funkelnde Guir» landen bunter Lampen ziehen sich die Reeling entlang. Die Wände sind mit Flggen aller Länder geschmückt. Eine farbenprächtige Polonaise durchzieht alle Gesellschaftsräume des Schiffes. Wie eine schillernde Schlange windet sich der übermütige Zug über Treppen und Korridore. In allen Sälen wogt eine froh erregte Menge.

Man scherzt, man flirtet, man tanzt bei lockenden Klängen. Die Wgen rauschen die Begleitung. Rot erglühen die Lampen auf den kleinen Tischen. Die Geigen schluchzen. Frauenaugen leuchten und locken. Man tanzt man tanzt! Durch die hohen Fenster aber lugt neugierig der Mond.

Still und lauschig ist cs im Rauchsalon. Die Beleuchtungs­körper verbreiten sanftes Licht. Man sitzt behaglich im weichen Ledersessel, schaut den Ringen seiner Zigarre nach und lauscht den aus dem Musiksalon herüberklingenden Schubertliedern. In der Ecke glüht der Kamin. Vor ihm sitzt eine Runde alter Seebären. Um die Mitternachtsstunde spinnen sie ihr Garn, daß sich den zu­hörenden Neulingen vor Entsetzen die Laare sträuben. Geschichten vom Klabautermann und dem fliegenden Lolländer wechseln mit gruseligen Erzählungen von ungeheuren Seeschlangen.

Draußen schäumt der Atlantik, rollt seine schimmernden Wogen heran. Ich steige auf Deck. Mit magischem Glanze erhellt der Mond die weite Flut. Ruhig zieht das Schiff auf goldfunkelnder Straße dahin. Einsam lehne ich an der Reeling. Linter dem Schorn­stein leises Geflüster. Ein paar junge Menschenstimmen. Und auf dem Mastbaum sitzt Amor, der kleine Schelm, als blinder Passagier. Im Glanze des Mondes blitzt sein Pfeil. Die Wogen rauschen das uralte, immer wieder junge Lied von der Liebe Leid und Freud.

Die meisten Paffagiere haben sich zur Ruhe begeben. Auch ich suche meine Kabine auf. Plätschernd pochen die Wogen an die Schiffswand, singen mir das Schlummerlied. Die Paffagiere können ruhig schlafen. Loch oben auf der Brücke halten treue Männer die Wacht? Emsig und gleichmäßig arbeitet die Schiffsmaschine. Ich lausche dem ruhigen Pulsscklaae ihres stählernen Lerzens.

xms Domkilnv.

Von Nikolaus Schwarzkopf.

Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach.

(Fortsetzung.)

Der alte Küster lachte laut heraus; in seinem Bart tat sich ein Loch aus, und daraus leuchtete ein langer Zahn. Jenseits im rechten Seiten­schiff stand eine fromme Beterin auf und ging fort vor solchem Lärm.

Nun weiß ich, wie ich es machen muß . . . ganz einfach: ich stelle nur Ueine, heruntergebrannte Kerzen hin, denn schmoren mutz mir der Gesell, schmoren nutz er mir!

Doch seit auf der Hut, Tippenkucker! Wenn ihr einen wirklichen Teufel richtig zusainmengeschmort habt: paßt auf, daß et euch nicht am Schlafittchen packt!

Keine Angst, warf Tippenkucker ein,aber langsam muß er mir jetzt schmoren, und zwar diesmal nicht am Kopf, das sag ich Ihnen, Türmer!"

Der Türmer lachte noch, als er schon an der kleinen Tur stand, die in den östlichen Seitenturm führte.

Vom Marktportal her näherte sich der Kapellmeister und machte Schritte wie Rübezahl und winkte mit beiden Händen.

Sie kommen mir wie gerufen, Sie beide; ich fall einen kleinen Kommerzienrat taufen und habe seit neunzehn Jahren nimmer getauft!

Immer die Musik gemacht, lachte Tlppenkucker,aber nur Geduld, wir werden's schon noch fertigbringen!

Sie eilten in die Sakristei, König Saul führte das Domkmd an der Hand, und dessen Füßchen trippelten neben den großen Schuhen einher Ivie eine Taschenuhr neben einem Herzschlag. Tippenkucket nahm den kleinen Paulus auf den Arm, der Kapellmeister suchte tm Buch die Taufgebete, ließ sich belehren, wann und wohin das Kreuz­zeichen zu machen sei, wann und wo das Köpfchen zu waschen sei, und der Gloriaengel lobte den König Saul und sprach:

Guck uns einer in unser Latein!" und der Kapellmeister er­widerte:

Dem Herrn Kommerzienrat kommt s nicht so genau drauf an, denk ich!" ~ r . .... ,. . .

Dann rückte auch schon die große Taufge,ellschast an, und der Domkapellmeister machte seine Sache sehr gut, wenn auch die Amme und alle, die zusahen, ein bißchen lächelten. Schließlich kam der Kom­merzienrat, der selber dabei war, erhob sich zum Kömg Saul auf die Fußspitzen und sprach:Richt wahr, die Herren kommen doch zu einer Flasche Wein!

Sie sahen sich an, die Täufer, nickten und verschwanden in ihr« Sakristei.

Gut gebrüllt, Löwe," sagte Tippenkucker,wenn man seit neun­zehn Jahren nicht iehrgetaffthat!"

Ordentlich stolz war der Kapellmeister und fröhlich obendrein, als habe der Wein schon in ihm gewirkt, und er nahm das Domkind auf seine breite Achsel und lies mit ihm in der Sakristei umher, und er brauchte nicht zu bangen, das das Kind mit dem Kops irgendwo an­stieß, denn die Sakristei hob sich in außerordentlich dicken Säulen­bündeln bis beinah in den Himmel hinauf.

Aber du gehst auch mit, Paulus Nikolaus, denn du hast dein Teil redlich dazu beigetragen," sprach der König Saul,kannst du Wein trinken? Gloriaengel, heut leisten wir uns eins!"

Auch der Gloriaengel war sehr froh.

So stürzt man aus dem tiefsten Schmerz treppauf in die hellste Freude!" sagte er.

Schmerz?" fragte König Saul,wieso Schmerz? Was drückt Euch, Tippenkucker?"

Der Küster sah zum Sinb hinauf, schmunzelte verlegen und sprach schließlich:

Darf ich's dem Herrn Kapellmeister sagen?"

Ich verrate nichts," erwiderte das Kind.

Kommen Sie mit, Herr Kapellmeister! Am Laurentiusaltar bet Teufel . . . der hat einen Heiligens Hein I"

Was oill der Teufel mit meinem Gloriaengel?" versetzte der König Saul.

Nichts, nichts will er mit mir," antwortete Tippenkucker,aber ich habe ihn ein wenig schmoren lassen, und das will er mir antreiben !*

Schmoren, warum aüh schmoren?" , .

Was tut er in unserer Herrlichkeit, denk ich! Hinaus mit ihm, aus unserem Dom! Denk ich!" ,

Denk ich, denk ich," sagte jetzt der Kapellmeister,wir Leut sollen überhaupt nicht so viel denken!"

Wir sollen uns immer nur fürchten!"

Bonn Teufel soll man sich schon fürchten! Habt Ihr ihm den Schein um den Kopf gemacht, um die Stirne? Wo die vermaledeiten Gedanken wohnen?"

tueiß . .

(sJat nichts wißt Ihr: der Kopf sollt nie einen Heiligenschein haben! Im Himmel droben sind die Heiligenscheine um Herz und Hand, aber kein einziger ist um die Stirn! Denn der Kopf kann nicht Musik machen und kann überhaupt nicht jubeln, und int Himmel wird fortgesetzt gejubelt und musiziert, und nie werden da im Schädel so schwere Ge­danken herumgewälzt!"

Aber dem Gottseibeiuns gehört doch auch kem Schern um bie Hand ... und ich mein, ich sollt mir keine Sorgen machen um feinen Heiligenschein!" . r . . ,,,

Um den Euren, Großvater, müßt Ihr mehr besorgt sein.

Ei der Daus, Paulus, nun macht mich der Herr Kapellmeister gar zum Großvater, und der Gloriaengel ist nicht einmal Vater gewesen .

Ich auch nit, Tippenkucker," antwortete der König Saul, und sie standen am Laurentiusaltar. Aber da lachte der König Saul und meinte: ach, bewahre, das sei nicht schlimm! Ein Heiligenschein, nein, der sieht anders aus, aber was ich Euch zeigen muß, Glona- engel . . . kommt mit mir! ,

Sie schritten am Längsschisf hin, und plötzlich blieb Komg Saul stehen und hob das Kind zu einem Heiligen empor, der an der Saute hoch oben stand.

, Wer ist das?"

"®ct hl. Dionys!" erwiderte Tippenkucker,der hat bei Bacharach die ersten Reben gepflanzt, aber man hat ihm Stirn und Gehirn weg­gehauen!" , . _ , , .

Grad über den Augen weg," erwiderte der Komg Saul,aber der Heilige lächelt! Lächelt er? Er lächelt! Nein: er lacht, er lacht aus Leibeskräften! Und dieses Lachen hab ich aus dem Kerbholz! Wieso? Ganz einfach: meine Chorbuben, wenn die das hohe L singen, so fällt der spitze Ton schnurstracks in das Grübchen dieser Wange, und steter Tropfen . . . Wißt Ihr nun, warum meine Buben fo gern das hohe C singen, obgleich die Herren Domherren das nicht leiden können? Denn Bieler Gehirne sind von Gedanken ganz zerschlagen wie unser Heiland an der Geißelsäule! Ich aber lasse einen Heiligen, der kem Gehirn mehr hat, lächeln und lachen und fröhlich sein, und weil erst fröhlich sein muß und mutz erst singen können, werheillg werdenwill, deshalb ... ja, und weil einem die vielen dicken Gedanken immer im Weg sind, wenn man singen will, und deshalb sind sie unsereinem auch im Weg wenn man heilig werden will, deshalb. . . . Aber ich werde den Herren, die gegen ihre Musikanten oft herzlos sind, ein Oratorium schreiben ,Das Lächeln des hl. Dionys' und werde mich an ihnen rächen." . , . .. .,

O, ich armer Gloriaengel, ich kann kein Oratorium schreiben, aber ich werde mich doch auch rächen dürfen!"

Das Domkind sprang vor den Paten und sprach:

Wo ist das Grübchen, Onkel?" und der lange Mann hob den Knaben empor; ein Fetzchen Sonne fiel über das Haupt des Kindes, und Staub wirbelte aus dem Grübchen, da das Kind feinFingerchenhmem- ICßt<bogleid) zog Tippenkucker sein Staubtuch aus der Tasche, aber König Saul stellte das Kind auf die Steinplatten und sprach:

Es wird jetzt langsam Zeit; laß dir von deiner Mutter dein rotej Schlüpferle anziehen, bann gehen wir sclbdritt zum Kommerzienrat.

Nach einer Stunde etwa sah man den Domkapellmeister am Rhein auf und ab gehen; er trug die Soutanella und einen glänzenden Hut. Immerzu wandte er den Kops nach dem Domportal, bis dann endlich