Ausgabe 
31.12.1926
 
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Tippenkucker in Fronleichnamsrock und hohen Zylinder erschien. Das Mini) lief wie ein üngel aus dem ältesten Fenster des Domes auf den König Saul zu, und dann schritten die drei den Rhein hinab, und die Leute jähen ihnen nach, und die Gassenbuben wünschten: es lüge frischer Schnee!

Als daun nach ein paar Stunden das verdeckte Auto des reichen Weinhanolers am Portal des Domes hielt, hieß es: der Kapellmeister habe sicherlich iiicijt richtig gelaust und nochmals taufen müssen!

lind siehe: der Küster Tippenkucker deckt gleich nach der Rückkunft vom Kommerzienrat oben auf die Kanzel ein frisches Tuch, darauf steht in breiten Spitzen geklöppelt: In nomine patris etfilii etspirituis sancti! und da sieht er den kleinen, rotgekleideten Burschen mit dem Domdekan daherkommen und sieht, lvie beide am Laurentiusaltar stehen bleiben!

Sie sprecheii auch miteinander und beuten hin und her, lvie lvenn sie zwei Kunstgelehrte gelvesen waren!

Aha, denkt der Küster: Kindern und Narren soll man kein Ge heimnis anvertrauen! Es geht dir an den Kragen, Tippenkucker!

Da klopft's auch schon aufs Treppengeländer der Kanzel.Tippen­kucker, Tippenkucker! kommen Sie mal rasch herab! . . . Wissen Sie, von wem das Gemälde stammt? Sie wissen nicht, welchen Schatz Sie zu behüten haben! Sie Drache! Und zudem sind Sie auch noch betrunken!"

Domdekan und Domkind lassen den Alten stehen und eilen fort von ihm in die Sakristei.

Und nach kurzer Zeit sieht der Küster, lvie der Domdekan den kleinen Paulus in die Turmtür schiebt und an der Tür stehen bleibt, als tvvlle er aufmerken, daß Tippenkucker dem Kind kein Leid antue! . . . Ach, Tippenkucker wird dem kleinen Verräter kein Leid antun, verehrtester Herr Domdekan! Da brauchen Sie sich keine Sorge zu machen!

9.

Andern Tages steht der Gloriaengel mit dem Löschhorn voll Zer­knirschung am Altar, da sieht er einen Hausen Menschen beim Dom­dekan, denen zeigt der gelehrte Herr die Schätze des Domes und nimmt ihm, dem alten," treuen Küster, einen Verdienst weg, wie er das oft tut! Wie immer hielt der Dekan seine Gäste vor dem Denkmal des Kurfürsten Albrecht von Brandenburg besonders lange auf, denn er sah in dem glorreich herausgeputzten Kurfürsten bekannte Züge des im fremden Lande lebenden Kaisers, den er noch liebte!

Tippenkucker konnte auch sehr gut führen, jawohl . . . und die Amerikaner haben ihm dicke Trinkgelder in die Hände gedrückt, jawohl... aber nun überkam es den Alten: diese Zeit sei für ihn restlos vorbei, und er müsse über kurz oder lang von seinem Posten weichen!

Da klopfte ihm plötzlich jemand auf die Schulter und sprach:Guter Freund, warum so traurig?"

Das war Joseph Güldenpenning, der Diener des Generalvikars, auch einer von den Freunden des Domkindes, der wollte sich nur einmal den Kranz der kleinen abgebrannten Kerzen des Laurentius- altars betrachten. Tippenkucker stellte sein Lvschhom auf die Schnauze eines unerkennbaren Tieres, das aus der Fase einer wuchtigen Säule Nervorkriechen lvollte, aber natürlich nicht konnte, und sprach:Dn bist schon eingeweiht?"

Ja, mein Lieber!"

Es kostet mich den Kopf!"

Da sei Gott vor," versetzte Joseph,aber ich dachte mir sofort, als ich's erfuhr: mit dem Teufel ist bös Kirschen essen, dachte ich, da wird sich Freund Tippenkucker etwas Schönes einbrocken! Denn Satan ist fürchterlich in seiner Rache! Hab ich dir schon erzählt, wie er mich bei Tag und Nacht bedrängt?"

Ueberdem kam Paulus daher; hatte ein Medaillon aus Alu­minium am Hals hängen, das überm blauen Wachstuchschürzlein pendelte.

Da betrachte dir den Schwerverbrecher," sagte der Küster,der hat mich verraten!"

O, sag das nicht: ein Kind, und zudem solch ein Kind, wie könnte das dich verraten haben!"

Das Domkind faßte vertraulich des Glvriaengels Hand und sah zu Joseph auf, mit dem es schon manche Stunde gespielt hatte.

Aber los, erzähle!" befahl Tippenkucker, und Güldenpenmng sprach also:

Kommt in der Welt etwas Besseres nach? Nie, Andres, nie! Bier Generalvikare hab ich schon betreut, doch was der letzte mir antut, das ist ungeheuer!--- Nein, nein, gegen den Schnupftabak will ich

gar nichts sagen! Aber erst stellt er mir den am Knie zerbrochenen Christus auf den Schreibtisch, du kennst ihn ja, und jetzt . . . jetzt stellt er mir ,Jhn' selber, den Gottseibeiuns, nebendran, neben unfern Herrn und Heiland Jesum Christum!"

Joseph sprach laut und erregt, der Domschweizer zeigte sich, und Tippenkucker gab Joseph einen leichten Schlag an die Schulter und ging mit Löschhorn und Domkind nach der Sakristei zu.

Zwischen zwölf und ein Uhr ist der Dom geschloffen und der Küster kann machen, was er will. Heut nimmt er das Domkind mit in seine Wohnung, richtet rasch einen kleinen Fraß für sie beide und eilt nun hinüber ins Haus des Generalvikars zu Joseph, und Paulus zieht mit. In der Domgasse begegnet ihnen der große Maurersbub, der Chor­sänger, der schenkt dem Domkind zwei goldene Eicheln, die an zwei Eichenblättern wackeln, und sagt:Nun, bist du wieder ganz gesund?" and geht vorüber.

Der hohe Herr war noch nicht zu Hause, und Joseph führte feine Gäste in die Turmstube, in die Studierstube des Domherrn.

Sogleich stürzte sich Joseph auf dasTintenmohrcheu, das neben dem gewichtige» Tintenfaß stand, aus dem ein Kruzifixus, schwer in Messing getrieben, hervorwuchs.Sieh, Andres: ist's nicht eigentlich ein kleiner Teufel?"

Offen gestanden," erluiberte dieser,stell ich mir den Teufel anders vor! Betrachte doch die kindlich iveiße Gesichtchen! Guck, Paulus Nikolaus: das zierliche Näschen ist einfach nur ein weißer Zwirns­faden und das Mäulchen auch und die Augen! Ein Teufel, Paulus, ist dos ein Teufel?!"

Was für Lanzen sind das?" fragte das Kind, und bereite erwiderte: Lanzen? Das sinb boch keine Lanzen, mein Täubchen, da putzt der Generalvikar seine Federn ab, und das ist alles!"

Das Kind ilahm das Mohrchen, um damit zu spielen, und bie Männer schwatzten wie bie Weiber über ihre Herren und über den Laurentiusaltar, und nochinals sagte Tippenkucker leise, und er beutete aus bas Domkind, das am Fenster stand:Der da ist schuld!"

Unsereiner ist stumm luie das Grab: wenn Paulus das Mohrchen mitnehmen ivill: ich verrate nichts!"

Furchthase!" antwortete der Gloriaengel. Dann nahm er dem Kind das Mohrchen ab und stellte es an den rechten Platz, und dabei rasselte ein Nagel in der linken Heilandshand, so daß das Kind aus- merksam ben Gekreuzigten betrachtete. Joseph knallte den Deckel des dazu gehörenden Tintenfasses auf, daß er laut schallend in die Kerbe schlug, die er seit Jahren in das linke Heilandsknie getrommelt hatte. Das machte dem Kind Vergnügen, und es ließ den Deckel immer wieder gegen die blinkende Wunde schlagen.

Bis das dem Joseph zn bunt wurde! Er riß bas Kind vom Schreib­tisch weg und sagte ganz erregt:

Du brichst unferm lieben Heiland vollends das Gebein, du . . . dich muß ja . . . da guck: hier steht er, der wird dich holen, dich Schwer­verbrecher !

Da befiel das Kind große Angst vor dein Tintenmorchen und sprang ans Fenster. Tippenkucker kam herzu, zeigte ihm die mit den obern Fenstern aus dem Kreuzgang hervorlugenbe Wohnung des Dom- baiimeisters, deutete, wo der Dombaumeistergehilfe feine Hühner untergebracht hatte, und Güldenpenuing kam freundlich, beugte sich zum Kind hernieder und sprach:

Weißt du auch, warum der Gloriaeiigel keinen Hahn kann krähen hören?"

Nein," antwortete das Kind,weißt dn's?"

Ich weiß es auch nicht, aber ich kenne einen, der erschrickt jetzt noch, obwohl er schon längst im Himmel ist, wenn er einen Hahn krähen hört!"

Das Domkind lief zur Tür hinaus, und überbem schloß unten bet Herr bes Hauses sein Portal auf, uub Tippenkucker und das Kind stellten sich hinter die Küchentür, bis der Herr in feinem Zimmer ver­schwunden war. Paulus rasch ein Stückchen Kuchen, bann gingen die zwei heim in ihren Dom.

Weil Paulus den Kreuzgang ofsenstehen sah, sprang er hinaus, rannte, wie wenn er von einem andern Knaben im Spiel verfolgt würde, durch die drei an der Südwand des Domes angebauten Hallen gänge, in denen Heilige jeglicher Art ausgestellt sind.

Aber der Gloriaengel fürchtete, daß der zweite Küster, der schon die Schlüfsel für den Kreuzgang verwahrte, nunmehr bald erster Küster werden müsse . . . und er tat, als habe er nichts gesehen, uub ging in feine Stube.

Und was er befürchtete, war fchon geschehen: auf dem Tisch lag ein Brief des Domdekans!

Tippenkucker wollte ihn gar nicht öffnen.

Wohin? dachte er. Auch der Türmer kann nirgends eine Woh­nung finden, weil der Franzmanii jeden Pflasterstein beschlagnahmt, aber heraus muh der Küster, heraus muß er!

Er riß den Brief auf: gut, sie hatten ihm wenigstens sein Gehalt gelassen! Er brauchte doch nicht betteln zu gehen! Paulus Moguntius Nikolaus: einen Bettler hast du nicht aus ihm gemacht, aber einen, bei wie unser lieber Herr und Heiland nichts tat, wohin er sein Haupt legen könnte, Paulus! . . .

Zwar wohnte seitlich neben dem Roroeingang der Gehilfe Hämmer- lein, der hatte die geräumigsten Zimmer inne; so geräumig, daß er, um gesehen zu werden, schier ein Fernglas neben seine Türen hätte hängen muffen, denn Hämmerlein war auch noch sehr klein. Aber der Gehilfe hatte diese Zimmer angepfrvpst mit Gerümpel ans allen Winkeln des Domes, unterhielt am Fenster einen Taubenschlag, auf dem rückwärtigen Gang sogar einen Hühnerstall, und der alte Tippen- furfer haßte das Federvieh, besonders die Hühner und ihren Hahn.

Zudem hätte er von dort aus immerzu den Turmhahn gesehen, wenn er die Nase zwischen den Tauben aus dem Fenster gestreckt, und ebenso die beiden Hähne von St. Peter.

Wie aber sollte et sein ehrlich verdientes Ruhegehalt sich von einem Hahn vergällen lassen! Schließlich erwog er, oben bei den Türmers leuten Unterschlupf zu suchen, wenn auch der kleine Paulus sein Feind war! Denn da oben sieht man, wenn man ivill, vom Speicher aus die ganze Herrlichkeit des Hauptschiffes, riecht den Weihrauch, hört ben Chor, hört, wie bie Turmuhr Schlag auf Schlag, unerbittlich dieses erbärmliche Leben herunterklopft, bis dann die Seele geläutert reif ist für die Himmelspforte! Da oben wohnen diese Leutchen über den Glocken und unter den Glocken, als gehörten sie wirklich in deren Gewoge. Zwar nah dem Feind . . . aber: wer weiß!

Also trug bet Küster feinen alten Leib, der an die Ebene gewohnt war, die dreihunbertfechsundneunzig Stufen der Turmtreppe hinan, Stufe um Stufe. (Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck der Vrühl'schen Aniversikäts-Luch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.