Ausgabe 
31.12.1926
 
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Die kleine Uhr in der Silvesternacht.

Bon Peter Warmund.

Je weiter die Nacht vorrückt, die Geräusche des Tages versinken, der Lärm der Straße verstummt, um so vernehmlicher tickt die Uhr neben mir auf meinem Schreibtisch; ein natürlicher und leicht erklärlicher Vorgang, den man nicht weiter beachtet.

Auch die kleine Uhr liegt da wie alle Tage und Nachte, geheimnislos- eisria bemüht. Es ist nicht vielWunderbares an ihr, wir kennen auch als Laien ziemlich genau ihren Mechanismus, er ist klar und durchsichtig.

Heute, in den letzten Stunden des alten Jahres, gewinnt die Uhr eine besondere Bedeutung: sie zeigt einen wichtigen Abschnitt an.

UUr9

Die kleine Uhr ist auch heute seelenlos und ungerührt. Ihr ,nacht diese Wende der Zeit nichts aus, eilfertig tickt sie und unsentimmalvon einem Jahr in das nächste, wie sie von einer gleichgiltigen Stunde in die andre springt. Aber in dieser nachdenklichen Nacht, m der sich 1926 müde zu seinem Ende schleppt, fällt mir plötzlich ein, wie die kleine Uhr mit allen ewigen Weltgesetzen magisch verbunden ist. Sie regelt ihren Lauf nach dem unwandelbaren Gang der Erde um bie Sonne ....

Und schnell und unbegreiflich schnelle

Dreht sich umher der Erde Pracht;

Es wechselt Paradieseshelle

Mit tiefer, schauervoller Nacht . . .

So lauten wohl dieWorte des Erzengels aus dem himmlichen Prolog zumFaust", die die Allmacht des Herrn preisen und diese kleine, unerschüttlich tickende Uhr ist ein Abbild dieser ewigen Gesetze, deren Rhythmus sie in sich verkörpert, anzeigt und mißt. Unternimmt man es aber, diese kosmischen Bereiche auszudenken, die in meiner kleinen Uhr von ihrer ewigen Beharrlichkeit künden, weilt man schon m dem rätselvollen Bereich, in welchem jeder Schritt UnermeßlichkeU wird.

Die Uhr sagt: es dauert nicht lange mehr bis zwölf, nicht mehr eine Stunde.

Aber was ist eine Stunde? Endlos dehnt sie sich dem Gelangweilten, wie eine Minute verfliegt sie dem Schlafenden aber was ist eine Minute? In einer Minnte erstand vor Goethes innetm Gesicht die Vision der Faust-Dichtung, in einer Minute kann eine Entdeckung gelingen, die das Gesicht der Welt umgestaltet.

Das Gehirn des Menschen erfordert den Begriff der Zeit, seitdem er mit dem Denken über sich selbst begann, er fand ihn, und seither umrauscht ihn die Zeit wie ein mächtiger, gleichmäßiger Strom: seit­dem er diese herrlichste und entsetzlichste aller Denkvorstellungen fand, sah er in einen unermeßlichen Abgrund, aus dem die Jahre nachein­ander emporstiegen, er schaute in eine undenkbare Höhe, in die sie entschweben, er hatte den Begriff der Unendlichkeit gefunden, der er­habenen und niederdrückenden Unendlichkeit denn alles, was mit der Zeit in Verbindung steht, zeigt zlvei Gesichter, ein beglückendes und

Neujahr auf hoher See.

Von Frih Löwe.

lieber den Atlantik jagt auf {onnenüberfuntelten Wogen der Ozeandampfer. Wie starke Riesen mit übermenschlichen Kräften arbeiten die Schiffsmaschinen. Ein Seer von unsichtbaren Äemzel- Männchen scheint tausend Räder zu schwingen. Ineifersüchtigem Wettstreit regen sich tausend emsige Käste. Es stöhnt und ächzt die Schar der mit unsichtbaren Ketten gefeffelten Maschmengeister. Mit rasender Geschwindigkeit treiben die vom Menschenhwn ge° fesselten Riesenkräfte gehorsam die Schrauben, die das Schiff durch die schäumenden Wogen peitsche,,. Wie eine Insel ragt dieser schwimmende Palast, das Werk modernster e-chlffsbaukunst, aus den Fluten. Ein Meereskönig, umkreist von Wolken schneeweißer Möven. Zu Tausenden umflattern sie unter wildem Gekreisch

^'.re Neujahrsnacht ist angebrochen. Weithin leuchtet die blaugrüm .Neeresfläche. Eine blutrote Scheibe, neigt sich die Sonne den sie sehnsüchtig erwartenden Fluten entgegen. In roten Wogen ist sie verschwunden. Am fernen Äorizonte steht eine schwarze Wand. Wie mit einer Riesenfaust reißt der Wind die dräuenden Wolken- gebilde auseinander. Gleich Schemen zerflattern sie und geben dem Monde die Bahn frei. Der aber wirst fern goldenes Netz über d,e See Auf die davonflatternden Wolken zaubert er güldene Farben­märchen. Am klaren Pimmel steht das silberne Sternenheer.

Wenn in der Neujahrsnacht in der ganzen Welt tue Wogen der -hreude hoch ausrauschen, hüllt sich auch das einsam dah,ziehende Schiff in schimmerndes Festgewand. Große Kronleuchter werfen strahlendes Licht aus die festliche Runde. Wem, d,e Kerzen auf- flammen und die Töne des Orchesters erklmgen, entfaltet sich das gesellige Leben an Bord in strahlender Fülle. Am Silvesterabend aleicht das stolze Schiff einen, schwimmenden Marchenschloß.

Silvesterball an Bord heißt das Zauberwort, dem alle erliegen. Die Festräume schwimmen in einer Flut von Licht. Die ganze Schiffsgesellschaft gleicht einer einzigen großen Familie. Das Orchester spielt fröhliche Weisen. Jugend und Schönheit haben sich zum Fest des Frohsinns und der Lebensfreue vereint.

Man kann sich gar nicht sattsehen an all diesen biegsamen, schlan­ken Gestalten. Die Kapelle muß die neuesten Tänze immer aufs neue wiederholen. Mit unermüdlichem Eifer wird getanzt. In leuchtende Farben gehüllt, in prunkvollen Toiletten, überdeckt imt Gold- und Silberstickereien, schweben die Schönen vorbei. Der Anb.ick des Kranzes schöner Frauen und Mädchen wirkt überwältigend. In­mitten dieser Farbensymphonie nehmen sich die Sorten tote schwarze Tintenkleckse aus. Wieviel schlaflose Nächte '»ag wohl das Kom­ponieren dieser raffiniert schönen Toiletten gekostet haben. Erst jetzt geht mir völlig das Verständnis auf für die Riefendimensionen der n,»geführten Schrankkoffer. Eii, Frühlingstraum von Jugend und Schönheit flutet vorüber. Das trippelt, das tänzelt b,e breite, blumengeschmückte Schiffstreppe hinauf und hinab wie em sich> me erschöpsender Karnevalszug. Das lacht, das jubelt, das schtoitr

ein fratzenhaftes. Die kleine Uhr neben mir ist in dieser Unendlichkeit Sinnbild und Bestätigung.

Sie ist der unerbittliche Herrscher der Welt, es kann nichts geschehen, das nicht von ihrem Ticken begleitet wäre; denn auch die kleinste Be­wegung meines Armes, mit der ick die Uhr vor mich lege und sie melancholisch betrachte, ist noch in bte Zeit eingebettet und von ihrem Ticken begleitet. .

Sie tickt jetzt, wenige Minuten vor zwölf, lauter und langsamer, als lege sie in diesen letzten Abschnitt des alten Jahres einen feierlichen Nachdruck. Wir wissen, daß demnichtsoist, bah diese Uhr als derEwigkeit Dienerin in unendlicher Gelassenheit ihre Sekunden abschreitet aber wir wollen es dennoch glauben, weil es schön ist, in der Einsamkeit dieser letzten Nacht von 1926 die Teilnahme dieses kleinen Wesens mit uns zu wissen.

Nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. In der Nachbarschaft haben sie schon die Fenster geöffnet und schreienProsit Neujahr!", bengalische Feuer werfe,, flackernde Lichter, und Feuerwerkskörper knallen; vor so profanem Gelärm zieht sich die kleine Uhr in sich selbst zurück sie ist fast unhörbar geworden und unaussprechlich langsam, als wolle sie sterben. .....

So zögernd verfließen die Minuten des Wartens tote fliegen die die Stunden der Freude dahin, wie grau erscheinen die Augenblicke des. Schmerzes, wie behangen mit Flitter die wenigen Stunden eines reinen ausgeglichenen Glücks! Aber was ist Schmerz, Erfolg, Freude? In Bereitschaft sein, ist alles, würde Hamlet antworten und hinzusügen, daß unser Denken alles erst zu dem macht, was wir empfinden.

Und können wir das Denken auch nicht ausrvtten, weil es zu unserem menschlichen Wesen gehört, wir können der Zeit Inhalt geben, und der Same, den wir in den Schoß der Zeit legten, wird als Frucht den Gehalt unseres Daseins bestimmen. ~

Ich beuge mich auf die Straße hinaus. Alle Fenster sind geöffnet, aus allen winken und jubeln Menschen einander zu, die Fremdesten sind in dieser ekstatischen Stunde einander Freunde geworden. O eksta­tische Stunde, o flüchtige Freundschaft!

Alle haben an sich dieses kleine pochende Herz, bte Uhr, deren Schlag durch den Taumel dieser Minute um nichts gesteigert wird aber sie hören nicht darauf, sie werden nur durch das leidenschaftllche Pochen ihres blutvollen Herzens hingerissen, lieber ihnen schimmern die Sterne das Sinnbild der gleichen Allmacht, deren Walten meine Uhr verkörpert ....

geffen sie, das Böse behalten sie im Gedächtnis. Und weil sie sich niemals des Guten und Schönen erinnern, das ihnen widerfahren tu, sind sie glücklos. Und suchen die Schuld bei den andern. Ich >mll meüte Nach­folgerin bitten, die Menschen zu lehren, die Freude und bte Schönheit in ihren Herzen zu bewahren und sie zu achten unb zu ehren, bann wird {ein Menschenkind mehr ganz ohne Glück sein. Dann totrb auch meine Nachfolgerin keine so bittere letzte Stunde haben wie ich, die ohne eines Menschen freundliches Abschiedswvrt den Weg in bte Unenbltchkeit gol)en toll . ^^ergehen ein Licht burch bie Bäume ausleuchten. Aus einem Blockhaus, bas tief verschneit unter uralten Bäumen lag. drang ein lautes Gewirr von Jungmännerstimmen. Als sie verwundert nähertrat, hatten sich die Stimmen ztü einem harmonischen Gesang zusammengeschlossen, unb in feierlichen, getragenen Tonen lang es in bett schweigenden Abendwald hinaus:

Des Jahres letzte Stunde Ertönt mit ernstem Schlag: Singt, Brüder, in bie Runbe Unb wünscht ihm Segen nach ....

Der lauschenden Alten fliegen die Tränen in bie Augen. Aber dies- mal vor Freube: es gab also bock) noch Menschen, bie ihr Segen nach­wünschten. Wer waren sie? Sie lugte burch die Scheiben. Da saßen im Halbkreise um das Herdfeuer eine Schar junger Gesellen, alle tm gleichen Alter, sie mochten 16, 17 Jahre zählen, und sangen, .jugenb und Feierstimmung blitzten ans ihren Augen, in denen sich der Schein der Christbaumkerzen spiegelte. Das Lied ging zu Ende, ^.a erhob sich einer unter ihnen und sprach:Ja, ihr Freunde und Fahrtgenossen, ehe das liebe alte Jahr von unb scheibet, wollen wir ihm ^anl jagen für all bas Gute, bas es uns geschenkt hat. Es hat uns auf unseren Fahrten roteber viele neue Schönheiten unseres SöaterlanbeS offenbart. Es hat auf unserer großen Sommerfahrt zum ersten Male vor uns allen bie gewaltige Majestät bes Meeres aufgetan, bas unauslöschlich in unserer Erinnerung sein wirb, so lange wir leben. Es hat uns weiter* geführt in ber Erkenntnis ber Geistesschätze unseres Volkes, es hat uns noch inniger oerbunben in ber Liebe zu unserer schonen Heimat, zu unserem Baterlande. Dankbar für bas all Schöne, bas es uns ge­bracht hat, weihen wir in seiner Scheidestunde bem alten ^ahr unser ^Hochauf richtete sich bie Alte. Sie hatte ihren Dank, ihren Abschieds- gruß von ber Jugenb bekommen. Beglückt stieg sie den Psab zum Waldgipsel hinan. Dort ließ sie sich nicber, und wahren!) ringsum im Tale die Glocken ben Ausklang ihrer letzten Stunde schlugen, ging sie im Anblick ber einigen Sterne ein in bie Unendlichkeit.