Gießener Kmilienblötter
UnterhaltMgsbeilüge zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1926
Zrertag, öen 3|. Dezember
Nummer |05
Zum neuen Jahre.
Bon Eduard Mörike
Wie heimlicher Weise ein Engelein leise mit rosigen Füße» die Erde betritt, so nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, ein heilig Willkommen, ein heilig Willkommen! Herz, jauchze du mit!
In ihm sei's begonnen, der Monde und Sonnen an blauen Gezeiten des Himmels bewegt. Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände sei 9(n ,,ang und Ende, iei alles gelegt!
tim Grenzstein des Jahres.
So etwas wie eine Silvesterbetrachtung.
Von Pfarerr Kornmann, Ulrichstein.
„Geben zu Darmbstadt am Siebenzehenden Tag Monats Julii Anno Christi Sechzehenhundert/dreißig und Vier", selbsthändig unterzeichnet / und mit aufftruckung seines Fürstlichen Insigels beskärckt, hat einmal Georg, Landgraf zu Hessen eine Ordnung von fleissiger Hebung des Catechismi usw. erlassen, in der unter anderem die Bedeutung des Neujahrstages hervorgehoben ist. An jedem Reujahrstag, so wird darin gesagt, soll die Zahl der Geborenen, der Getauften, der Konfirmierten, der Verheirateten, der Abendmahlsgäste und der Verstorbenen des abgelaufenen Jahres verlesen werden; außerdem aber sollen die, wir würden heute wohl sagen: die es nötig haben, „zu unfehlbarer Besserung ihres sündlichen Lebens gang eifferig angetrieben werben, damit der alte Mensch, der durch Lüste und Irrtum sich verderbet, mit dem alten Jahr abgelegt und dagegen der neue Mensch, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit, in dem neuen Jahr angezogen werde."
Am Grenzstein des Jahres: das Alte soll vergangen sein, — ein R e u e 5 soll werden. Run: wir stehen heute am Grenzstein eines Jahres; ein Grenzstein ist es, aber auch nicht mehr. Denn der Weg — unser Weg, geht weiter. Und darum gibt es kaum eine törichtere Redensart, als die, die von einem Abschiednehmen vom alten Jahre" spricht. Ja, das wäre so etwas, ein Abschied auf Nimmerwiedersehen! Viele gewiß würden sagen: tuen» ich es nur könnte! Nicht wahr, du trauernde Frau: wie gern (vielleicht!) würdest du all deinen Schmerz und deine stillen Tränen in schweigsamer Nacht hinter dir lassen und nun wirklich ein Neues beginnen,— wenn du's nur könntest! Und du, du dieses Jahr in Schulden Geratener, wie gerne würdest du dies schwere, eben zum Ende neigende Jahr ausstreichen aus deinem Leben und deinem Buche, — wie gerne von vorne, von unten auf anfangen und ein Neues bauen, wenn--du nur nicht so in alles
verstrick; wärest und wenn du nur könntest! Und du Arbeitsloser, dem bittere Verhältnisse den Unterhalt der Familie dauernd schwer bedrohen und äußerst gefährden — der du eben ein kärgliches, frostiges Weihnachten hinter dir hast — wie gerne würdest du nun, oom Grenzstein des Jahres ab, wieder frei aufatmen und rüstig zufassen, wie du es gewohnt warst, — nur wieder Arbeit und wieder Leben, was den Namen doch einigermaßen verdient, — wenn du es nur könntest! Und du^ liebe Mutter, die du schwer trägst an einem Aergernis in deiner Familie, — die du unaussprechlich darunter leidest, daß dein Kind, dir entwachsen, dir Unehre macht und deinen Namen schändet, — wie würde deine Seele jubeln und unter Tränen danken, wenn's nun, am Grenzstein des Jahres, so etwas gäbe wie ein wirkliches Hinter-sich-lassen und ein völlig neues Beginnen! Und du L°ich'sinniuer du, der du es über’s Herz bringst, so dahin- ul eben in dein, was du „Leben" nennst, und das Herz deiner M'llter dabei zerlreten kannst, ja, wie gerne würdest auch du vielleicht wieder Herr über dich und dein Leben werden wollen, — wie gerne losstreben von einem Dasein, dessen Lehre und Hohlheit dich in stillen, bepnntidjen Stunden selber angähnt und anstarrt mit schweren, großen, lastenden Fragen, — wie gerne würdest auch du vielleicht all das Alte, Faule hinter dir lassen und wieder ganz neu onfangen, •—--wenn du nur könntest!
Wenn wir nur könnten! Ach, wenn doch die jenseits des Grenzsteins nicht dieselben wären, wie die diesseits! Wenn's doch nur fo
etwas gäbe, wie ein Abschiednehmen vom alten Jahre, und ein neues beginnen am ersten Morgen des neuen Jahres! ---- Aber
stht diese Menschen an! Seht es euch an, ihr lieben Freunde, wie sie Silvester „feiern"! Wie sie dabei wohl auch solche Gedanken haben, wie wir hier?! Wirklich, da haben wir nur den einen heißen Wunsch: das; Gott unserem Volk doch wieder Sinn gäbe für ein rechtes Silvester-Feiern und für ein rechtes Neujahr-Beginnen!
Wir wandern im Nebel dahin. Nebel steigen immer aus Tiefen auf. Fröstelnd umfängt uns die graue, wogende Maffe. In uns nur ein Wunsch: wenn es doch zu Ende wäre!' — Noch haben wir von der Sonne nichts bemerkt; aber nun muß sie wohl am Werke fein. Run brandet der Nebel auf — hoch wie Fontänen werden Nebel- maffen hvchgefchleudert — ein gigantisches Ringen von Sonne und Nebel hebt an. Wir schreiten und schreiten. Und plötzlich erleben wir s: all der Nebel gehoben, zu Wolken geballt, abziehend wie ein geschlagenes Heer, und vor uns lachender, wärmender, beglückender Sonnenschein! Deutsches Land, von Nebel befreit, in lachender Sonne! O, daß es uns davon etwas sehen ließe, das neue Jahr, 1927!
Freilich, so unendlich schwer der Weg.bis dahin, so ermüdend oft. Manche Nacht bricht darüber herein. Da heißt's: den Weg suchen, und tasten, daß man nicht zu Fall komme über Glätten und über Felsen, daß man den Weg nicht verfehle über kaum begangene Einöde . . . Und doch schreitet man aus, in einem sieghaften Vertrauen, und eben, da der Abend hereinbricht, läßt uns eine letzte , Helligkeit hinfinden zu vertrauten Menschen und zu lieber Häuslichkeit. Da schimmern im uferlosen Nebel auf ein paar Lichter der j Heimat.
Ich meine, wenn wieder fo etwas in uns wäre: so ein großes, stilles Leuchten, — wenn unjere Häuser wieder so etwas würden, wie es die Lichter der Heimat sind dem Wandernden im Nebelmeer, — ich meine: wenn solche Gedanken uns nun bewegen, an Silvester, und gar zu Taten emporreißen, dann hat es ja wohl Sinn, an diesem Abend einmal am Grenzstein des Jahres einen Augenblick zu verweilen, ober besser, da wir das ja gar nicht können, so eben im Vorübergehen dies einmal uns durchblitzen zu lassen und dann sinnend weiterzuschreiten; und so dürfen w'ir denn wohl schließen mit der Frage: Hat unsere Art der Silvesterfeier einen Sinn?! Und mit dem herzlichen Wunsch und heißen Gebet: Gott schenke unserem Volk die rechte Art, den Grenzstein des Jahres zu sehen!
Immer noch hoffen mir für unser Volk, gerade wir Jungen, die so etwas werden möchten wie ein Vortrupp der Besinnung auf das Tiefste und Wertvollste in unserem Volk, und mir bekennen uns freudig zu dem, der einmal so schön gesagt hat, er wolle sich „lieber zu Tode hoffen, als im Unglauben zugrunde gehen". Hoffen aber lassen uns nur, wie alle Besinnlichen in unterem Volk, sinnvolle Silvesterfeiern.
Des Jahres letzte Stunde.
Von Bernhart Rehse.
Mit schweren, müden Schritten stapfte das alte Jahr durch den dunklen Winterwald. Zum Sterben traurig war ihm zu Mute. Und zum Sterben wollte es sich verkriechen im tiefsten Walde, weit fort von den Menschen, die ihm seinen letzten Tag so bitter elend gemacht hatten.
Auch das alte Jahr hatte an diesem Tage Bilanz gemacht, und als es den Ablauf seiner Tage übersah, da dünkte ihm, es könne mit dem Ergebnis zufrieden sein. Es hatte kein gutes Erbe übernommen. Und wenn es sich auch eingestand, daß manches nicht so geworben war, wie es sich das Jahr zu Anfang in seiner strahlenden Jugendfröhlichkeit gedacht hatte — es hatte doch redlich am Guten gearbeitet, und der Dank der Menschen für seine Tätigkeit War ihm gewiß.
Um diesen Dank zu empfangeu, War es heute zu den Menschen gegangen. Aber o weh! Was hatte es hören müssen! Der Politiker sagte ihm, es hätte immer den anderen Parteien Vorteil gebracht und seine Partei schmählich im Stich gelassen. Es solle sich zum Teufel scheren. Der Kaufmann hatte gerade einen provisorischen Ueberschlag über seine Debet- und Creditseiten gemacht und saß da mit gefurchter Stirn, als das Jahr bei ihm eintrat. „Dank willst du?" schrie er das alte Weiblein an, „meinen bescheidenen Gewinn haben deine Steuern gefressen. Scher dich zum Teufel!" — Der Land mann ließ die Alte gar nicht in seine Stube hinein. „Schlechtivetterjahr, Schuldenjahr, der Teufel soll dich holen, alte Hexe!" und schlug ihm die Türe vor der Nase zu.
Keinen Dank, keine freundlichen Abschiedsgruß bot man ihm dar, wo es auch anklvpfte. Unter Schimpfen und Verwünschungen hetzte man die Hunde auf die Alte, bis sie mit zitternden Knien den Wald erreichte.
„Ein armseliges Geschlecht sind die Menschen," murmelte sie, wahrend sie sich die Tränen aus den Augen wischte, „das Gute ver-


