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die trotz aller Schikanen und Unterdrückungsmaßregeln In immer größeren Auflagen erscheint.
Die Natur fragt nicht nach Politik und Gegensätzen. In ungetrübter Bläue wölbt sich der Sommerhimmel über den Wasgaubergen. Weit schweift der Blick über das blühende, farbensatte Land mit seinen Burgen, Tälern, Wiesen und Reben. Als sei die Welt ein einzig schöner Garten, zu Freude, Genuß und Eintracht geschaffen, als hätten sich hier nicht die blutigsten Kämpfe abgespielt, die überall nicht zu verwischende Spuren hinterlassen haben. Glattrasiert sind die Verghänge, die früher dichter Tannenwald bedeckte. Gleich Tropfen von rotem jungen Blut flammt im wuchernden Grus der Mohn auf. Die Schwedenschanze, zu der zwischen Buchen und Kiefern ein moosbedeckter Pfad führte, ist eine nackte Steinplatte, über der sich die Felsen, wie ineinander verstrickte Männerfäuste ballen. Unheimlich düster, Skeletten ähnlich, ragen aus den Bergkuppen einzelne schwarze, verkohlte Baumstämme auf. Man glaubt, einen ins Endlose sich dehnenden Gespensterfriedhof zu sehen mit hoch zum Himmel gereckten Knochenarmen. Zwischen Blumen und Sommcrgräsern läuft Drahtverhau. Bon hundert zu hundert Meter stehen Unterstünde. Kantinen, aus Granit, Felsen und Zement zusammengeschweißte Verliese, in denen Menschen jahrelang im Donnern der Kanonen ausharren mußten. Jetzt sieht man dort Scharen von Kindern, die in der Sommerfrische sind und in weihen Kleidern und Matrosenanzügen in den Unterständen Räuber und Prinzessin spielen.
Auf einem Bcrghang, ganz in der Sonne, mit dein Blick auf die ganze herrliche Vogesenwelt, liegt der Soldatenfriedhof. „Mort pour la Patrie", dann der Name und ein Datum. Ein Kreuz am andern, und ganz oben die 180 „inconnus" in einem einzigen großen Grab. Frauen, Mädchen mit Feldblumensträußen stehen vor den kleinen Kreuzen, und in unendlichen Erbarmen schlingt die allgütige Natur einen Kranz von goldblühendem Ginster um diese Stätte des Todes und der Tränen, hüllt in Bündeln von Licht dieses herrliche, so reich gesegnete und doch so arme Land ein, das seit Jahrhunderten nicht zur Ruhe kommt. . .
H shrnflug.
Bon „...üolf Herrmann.
„Hallo!" — „Hier Flugplatz! Die Maschine ist startbereit zum Höhenflug."
Unwillkürlich lenkt sich der Blick himmelwärts. Zum Fenster herein lugt ein Sonnenstrahl durch ein blaues Loch der Wolkenbank, die durch den Fensterrahmen begrenzt ist. Er winkt und lockt. Rascher schlagen die Pulse, denn wer auf Bergeshöhen über den Wolken war oder im Flugzeug sich im hellen Sonnenschein schaukeln durfte, während unten die Erde trüb und düster, wird stets freudig jede Gelegenheit begrüßen, die ihm dies Schauspiel von ungeheurer Pracht wieder genießen läßt.
Draußen jagen die Wolken. Doch die Decke ist nicht ganz geschlossen. Einige blaue Löcher, deren Wolkenränder sonnenbestrahlt leuchten, versprechen wundervolles Naturerleben. —
Rasch ist der nahe Flugplatz erreicht. Im Pilotenzimmer versorgt man sich mit der nötigen Umhüllung, die weniger bequem wie zweckmäßig ist. Schon wenn man sich in den pelzgefütterten Fiiegeranzug geklemmt hat, fühlt man sich in die Tropen versetzt. Das ist aber erst der Anfang. Um den Halz einen dicken Wollschal geschlungen, das Gesicht dick mit Vaseline eingeschmiert, auf dem Kopf eine dicke, pelzgefütterte Lederhaube, die Brille, Pelzschuhe bis zu den Knien reichend und lange molligwarme Handschuhe vervollständigen die Ausrüstung.
Die beiden anderen Teilnehmer sind ebenfalls „klar". Wie drei Marsbewohner bewegen wir uns über den Platz, wo die Maschine steht und der Motor eben nochmals abgebremst wird.
Mehr gehoben und geschoben, als aus eigener Bewegung gelangt man auf die Plätze. Rasch werden nochmals die aufgehängten Instrumente geprüft, und der Inhalt der Sauerstoffflasche festgestellt: alles handbereit zurecht gelegt, denn viel Bewegungsfreiheit bleibt nicht, und die Messungen folgen so dicht aufeinander, daß man keine Zeit mit Suchen versäumen darf. Drei gespitzte Bleistifte werden für heute genügen. Die dicken Handschuhe und oben die Temperatur lassen die zum Schreiben dienende Spitze leicht verschwinden.
Rascher und schneller dreht sich der Propeller, unser Vogel zitiert, ein leiser Ruck untz e» rollt. Von Sekunde zu Sekunde wächst die Geschwindigkeit. Kaum spürbar find die Stöße der Bodenunebenheiten. Leicht hebt sich die Maschine vom Erdboden, und zufrieden brummend, geht es der Sonne entgegen.
Kaum 35 Sekunden sind seit dem Anrollen vergangen, und schon überfliegen wir einen Schornstein, flitzen die Hallen und Hörster unter uns vorüber.
Höher und höher schraubt sich unser Vogel. Fünf Meter unter uns schleppt er wippend die Düse zur Geschwindigkeitskontrolle nach. 120 Kilometer Geschwindigkeit zeigt das Instrument.
800 Meter . . . Die Wolken sind noch weit über uns.
1000 Meter. Das Thermometer sinkt langsam. Unten fährt der Schnellzug Berlin—Frankfurt. Erst war er vor uns, langsam rücken wir auf, und nun kann man durch ein Loch im Boden sehen, wie die Lokomotive zurückbleibt. — Die Luft ist ruhig. Keine Fallböe hat unseren Flug gestört. Unaufhaltsam geht es höher und höher hinauf.
2000 Meter. Vereinzelte Wolkenfetzen jagen vorüber. Ab und zu blitzt ein Sonnenstrahl auf und winkt und lockt.
3000 Meter. Das Thermometer zeigt minus 4- Grad. Wir sind mitten in der Waschküche. Nebelfetzen jagen über, unter, neben uns. Nichts ist zu erkennen. Nichts zu sehen, nur Nebel, dicker, dichter Nebel. Der Motor brummt sein eintönig Lied. Seine braven Pferde reißen uns vorwärts und aufwärts. — Die Sekunden werden zu Minuten. — Wann wird die Wolkendecke durchflogen fein? — Nach 100 Metern joirö es heller. Der Nebel zerreißt und leuchtender, strahlender Sonnenschein umfließt uns und läßt die Tragflächen glänzen.
3500 Meter. Die Temperatur ist auf minus 5,5 Grad gesunken. So erzählt uns das Thermometer. Es ist immer noch warm in der Pelle, die uns umgibt. — Unter uns eine Gletscherlandschaft, strahlend von der Sonne beschienen, mit schneeigen Bergesgipfeln, die bis zu uns heraufragen.
3800 Meter. Die Temperatur finkt rascher. Man fühlt sich pudelwohl. Das Bedürfnis auszusteigen und sich in der blendend weihen Watte zu tummeln ist mächtig. Man will nicht glauben, daß diese Pracht nicht trägt und drunter graue Erde liegt. Nichts ist mehr von ihr zu sehen. Nur die weihe wogende Wolkendecke unter uns. Frei von Erdenschmutz, Stadtdunst und Staub, die blaue Atmosphäre über uns, und herrlicher Sonnenschein um uns. — Der Motor singt sein rauhes Lied und trägt unseren Vogel höher und höher.
4000 Meter. Die höchsten Schneegipfel unseres Wolkengebirges sind erklommen. — Höhenluft! — Die Temperatur ist auf minus 8 Grad gesunken. Ein paar kleine Wölkchen tauchen auf, die höher fliegen wollen, als wir. — Da, ein Riesensee in unserem Wolkengebirge. Wie fliegen darüber. Tief unten im See ruht eine versunkene Welt. Ein Strom fließt da, an dem eine Stadt liegt. Schon ist's vorbei. Wolken, Sonne, blauer Himmel, sonst nichts!
4500 Meter. . . 5000 Meter . . . Man spürt eine bleierne Müdigkeit. Warum denn noch die dummen Instrumente ablesen? Ruhig sitzen bleiben! Man möchte tief Atem holen. Jede Bewegung wird zu viel. Daneben steht ja Luft. Die Sauerstoffflasche wird aufgedreht. Hei, wie das schmeckt. Verflogen ist die Müdigkeit, und man geimeßt wieder das Losgelöstfein von der Erde.
6000 . . . 6600 . . . Immer langsamer steigt unser Vogel. Minus 30 Grad ist die letzte Temperaturablesung. — Fertig! —
Abwärts geht es. Tiefer und tiefer. Eine Stunde fast sind wir gestiegen, dank der Nachwirkungen der Begriffsbestimmungen von Versailles. Unsere „treubesorgten" Nachbarn im Westen klettern in einer Viertelstunde so hoch wie wir in der vierfachen Zeit.
Der Motor ist stark gedrosselt. Die Maschine macht Spiralen. Man hat das Gefühl, es drückt jemand auf die Schultern. Vom Sitz kann man nur mit großer Anstrengung hoch. Die Wirkung der Zentrifugalkraft! Die Ohren sausen. Man muh häufig schlucken, um den Druck auf dem Trommelfell loszuwerden. Die Wolkengletscher kommen näher und näher. Da, ein Loch! Hinein mit der Maschine! Wie ein Stein saust sie in die Tiefe. Die Tragflächen zittern. Es wird dunkel. Die Erde in Sicht!
Der Pilot fängt die Maschine, und ruhig brummt der Motor wieder fein Lied. Ein Blick nach unten. Die Gegend ist bekannt. Da unten zieht ein anderes Flugzeug ruhig feine Bahn. Oder nicht? Was will es so tief über dem Wald? Mutz diese Maschine notlanden? Gott sei Dank, sie ist an dem Waldstück vorbei! — Es sah nur so aus. 600 Meter war sie über dem Wald.
Die Haube herunter. Die Pelzschuhe aus. Den Hals frei. Lust! Luft! In gestrecktem Gleitflug geht es dem Heimathafen entgegen. Es ist das Schönste am ganzen Flug, wenn der Motor langsam läuft und die Maschine ruhig schwebend dahingleitet. Man kann sich unterhalten und fühlt sich frei von der Crdenschwere. — Unten rollt langsam ein Zug über eine Eisenbahnbrücke. Der Pfiff der Lokomotive hat uns erreicht. — Ab und zu bekommt unser treuer Motor etwas Gas, daß er nicht einschläft. Friedlich liegt die Erde da! Dort hinten im Dunst ist unser Ziel. Nach einer Viertelstunde ist unser Flugplatz zu sehen. Wir überqueren einen Wildpark, saftige Wiesen. 300 Meter über dem Fluß spiegelt sich ein Sonnenstrahl als letzter Gruß im Wasser. Unbeschreiblich prächtig ist das Bild! Die Stadt, die Menschlein da unten sind wie bewegliche Punkte. Einige Schaufenster sind erleuchtet. Rasch rollt das Bild ab. Eine letzte Kurve, ein kaum spürbares Poltern der Maschine. Wir haben wieder festen Boden unter uns. Die Maschine rollt aus, wird zu ihrem Standplatz gebracht, der Motor abgestellt, und vorbei ist der Höhenflug.
Höhenflug? 6600 Meter? — Ja! Heute zählt eine derartige Höhe noch als Höhenflug. Wie lange noch, und der Verkehr spielt sich viel höher ab? Doppelt, dreifach so hoch? — Die Anfänge dazu sind gemacht. Schon vor dem Kriege waren die Meteorologen eifrig bemüht, die oberste Atmosphäre zu durchforschen. Die Arbeiten wurden durch den Kriegsausbruch unterbrochen, und werden heute wieder tatkräftig in Angriff genommen.
Vor einigen Wochen traten in Hamburg die Mitglieder der Gesellschaft für Höhenflug-Forschung zusammen und besprachen die • Möglichkeit der aktiven Betätigung, nachdem die Begriffsbestimmungen von Versailles zum Teil gefallen sind. In Amerika hat man Geschwindigkeiten von 410 Kilometer pro Stunde erreicht, und der letzte Höhenrekord ist mit 12500 Meter festgestellt.
Die technische Möglichkeit besteht, den Transozeanverkehr, wenn auch vielleicht vorläufig nur für Post- und Frachtbeförderung, in die Stratosphäre zu verlegen. Sollte es auch nicht auf den ersten Anhieb gelingen, so besteht doch heute die Aussicht, daß in vielleicht gar nicht so langer Zeit dieser Traum in Erfüllung geht. Waren wir auch die letzten Jahre in jeder Weise behindert, unsere hervor-


