Gießener Hamilienblätter
Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Dienstag, den 5(. August Nummer 70
ElfenzeiL.
Von Martin Greis.
Wann nach gesunk'nem Sommertag Der goldne Mond erblinkt, Es währt nicht lang, im Erlenschlag Der Els' den Elfen winkt.
Da schlingt sich klar der luft'ge Rechn Bergan vom schwülen Tal, Da schwebt er über Felsgestein Zum offnen Trümmersaal.
Da ist es eine wonn'ge Nacht.
Von Scherz und Lust durchrauscht;
Da werden Grüße dargebracht Und Küsse ausgetauscht.
Die Mähder, die beim Morgengraun Zur Burgwies' schwenken ein, Sie können noch im Grase schaun Manch golden Ringelein.
Da war's, wo sie den Kranz gepflückt Und fein den Reihn gedreht;
Die Spur, kaum in den Tau gedrückt, Ist wie ein Hauch verweht.
Sommeriage im Glfatz.
Eindrücke von einer Elsah-Reise.
lieber dem Elsaß breitet der Sommer seinen weiten blauen Schwingen aus. Es ist Ferienzeit, aus der man alles streichen möchte, was nicht zur Daseinsfreude, zum Rauschen der Bergbäche, zum Wogen der Kornfelder und Reifen des Hopfens gehört. Mensch will man sein. Den grauen Staub der Politik in seinen vier Wänden zurücklassen, um mit Rucksack und Wanderstab — denn, Wunder aller Wunder — beide haben sich trotz Wetterte und Hansi im Elsaß gleich guten alten Freunden von jenseits des Rheins eingebürgert, die Vogefenwelt zu durchwandern. Dieses Glück wird jetzt auch den Deutschen zuteil. Der 'Stacheldraht, den Haß und Ranküne so lange Jahre nach dem „Frieden" zwischen den feindlichen Staaten errichtet hatten, verliert allmählich seine Spitzen — nur die Prestigefrage verlangt noch eine gewisse Zurückhaltung. Aber das Visum ist ohne Schwierigkeiten erhältlich, es ist im Preis um die Hälfte herabgesetzt, und Paß- und Zollrevision haben an der Mausefalle in Kehl ihre Schrecken verloren. Die Gastwirte brauchen im Elsaß nicht, wie bei uns, über mangelnden Besuch zu klagen. Der Frankensturz kommt ihnen, wie der Industrie, zu gut, und ein wahrer Strom von Fremden hat sich schon im Frühsommer über den Wasgau ergossen. Der Elsässer freut sich nicht im mindesten darüber; er läßt ohne jede Begeisterung diesen Segen über sich ergehen. Die Fremdenindustrie liegt ihm im Gegensatz zum benachbarten Badener und Schweizer ganz und gar nicht. Er ist viel zu egozentrisch, zieht seine Kreise zu eng, als daß er sich je willig in die Eigenarten, die Wünsche und Bedürfnisse eines andern hineinversetzen, geschweige denn ihnen Rechnung tragen könnte. Es fällt ihm gar nicht ein. wegen der „etrangers", — in diese Kategorie reiht er alles ein, was nicht „ditsch babble" kann — irgend etwas an seinen lieben alten Gewohn- beiten zu ändern, sein Haus neu verputzen, Läden frisch streichen öder gar eine den modernen Anforderungen gerecht werdende bauliche Veränderung vornehmen zu lassen. „Ich lüe, wie ich lüe" (schaue, wie ich schaue), ist noch immer der allgemein geltende Wahlspruch, und daran werden auch die Tausenden von Verwöhnten, an Wasserspülung und heißes und kaltes Wasser gewohnten Fremden nichts ändern; alles ist beim Alten geblieben. Abgesehen von den wenigen großen Bade- und Modeplätzen sind es immer noch die lieben, kleinen, durchaus einfachen Gasthäuser in den Städtchen am Fuß der Weinberge, in den engen Tälern zwischen den kulissenartig sich vorschiebenden Bergen. Die Wirtin, die unbedingt Schosephine oder Caroline heißt, kocht mit ihren Töchtern. Speisekarten, Blumen auf den Tischen, schwarzgekleidete Serviermädchen, Häubchen und weiße Schürzen sind unbekannt; dafür rekeln sich silbergraue Katzen auf den sonneheißen Fenstergesimsen; nicht nachzuahmende pommes frites, Chateau-briands, Omelettes Soufflees steigen aus den Pfannen, und ein Wein perlt in den Gläsern, für den man den ganzen Komfort und die Hygiene des modernen Lebens dahingibt. Sie haben es an sich, diese Rebensäfte — der Rapvschwyrer, der Wadebrecher, der Herzinfierer — von denen ein elsässischer Dichter sagt, daß sie wie Herrgottsengel mit sammtener Hösle d' Kehl nunterschlupf'.
Wie friedlich liegen diese elsässischen Städte am Fuß der blauen Höhen mit ihren roten Kirchtüren und alten Dächern da. Man könnte fast vergessen, daß auf den Bergkämmen noch vor zwölf Jahren Chasseurs Alpins und deutsche Truppen sich in erbitterten Kämpfen jeden Zoll dieser schweren braunen Erde streitig machten, und alle Autos, Leiterwagen, Kärren mobil gemacht worden waren, um in der sengenden Augufthitze die Verwundeten von den Gipfeln in den Schatten der Täler, in die Spitäler und Notlazarette zu schaffen. Markirch, Dambach, Rothau, Leberau — wer die Tage erlebte, die Leiterwagen über das schlechte Pflaster humpeln sah, das Jammern der Verwundeten und Sterbenden hörte, durch die Krankensäle ging, die für Hundert eingerichtet waren, während für Tausend Platz geschafft werden mußte, wird das Grauen dieses brennend heißen Augusts nie vergessen.
Das äußere Bild dieser lieben, alten, der Industrie und dem Wein ergebenen Städte hat sich nicht geändert. Nur daß die Plätze mit den Kastanien vor der Maire aus rotem Sandstein sich jetzt in stolzem Selbstbewußtsein „Place de la Republique, du Marechal Foch, du President“ oder „Place Wilson" nennen dürfen. Nichts destoweni- ger leiert der Orgelmann seine Schlager herunter, und stehen in der Apotheke zum „Soleil d’ Or" noch genau dieselben roten, grünen, blauen Pokale und Phiolen, die einen als Kinder wie Wunder aus Tausend und einer Nacht anmuteten. Das Ereignis des Tages bildet noch immer das graue Postauto mit den abgenützten Sitzplätzen und der niedrigen Decke, an der man sich unweigerlich beim Ein-und Aussteigen die Schädeldecke anrennen muß. Man handelt nach dem Vorbild der Bourbonen „Rien appris et rien oublie“ und die „Voyageurs" werden in derselben drangvoll fürchterlichen Enge vom Tal auf die Paßhöhen geführt, wie zur Zeit, da sich dort oben schwarzweißrote und blauweihrote Grenzpfeiler gegenüberstanden.
Trotz der schlummernden Ruhe, in der diese Städte sich zu wiegen scheinen, wird gearbeitet. Dicker Rauch steigt aus den Fabrikschloten, in den Färbereien dampfen und brodeln die Kesfel. Die Industrie nützt die Konjunktur aus und schickt in alle Welt ihre billige Ware. Immer neue Kräfte werden eingestellt, und die Heim- arbAterinnen, die „Piquereuses", die die Stoffe auf Fehler und Unsauberkeit hin zu prüfen und zu reinigen haben, kommen nicht mehr zur Ruhe. Freilich, der Geist der Zeit hat vor der Vogesenwand nicht Halt gemacht. Die Arbeiter sind sich ihres Wertes bewußt; sie sind organisiert, drücken immer neue Lohnerhöhungen durch, streiken, und die Fabrikherren, die einst in Absolutismus und Selbstherrlichkeit regierten, sehen sich zu immer neuem Entgegenkommen gezwungen. Die zahlreichen Wohltätigkeitswerke, die das Leben ihrer Frauen füllten, sind eingegangen. Man braucht nicht mehr für warme Kleidung, Bons für Lebensmittel und Heizung zu sammeln, nun der Arbeiter sein gutes Auskommen hat und Vereinen angehört, die auch für des Lebens Freude, für Ausflüge, Feste, Theater sorgen. Wenn der Alkoholteufel nicht wäre, gäbe es kaum Arme und Bedürftige mehr in der Arbeiterklasse.
Zu Fuß erreicht man, besser noch als init dem staubüberdeckten, denkbar unbequemen Auto, in einer knappen Stunde die Kammhöhe, an der einst die Grenze lief, La Frontierei Welch seltsame, geheimnisvolle Romantik dieses Wort umwob, wird nur der in französischem Geiste ausgewachsene Elsässer verstehen. Vater, Mutter. Kinder zogen zu allen Kirmessen, zur Feier des 16. Juli hinauf. Buden und Stände waren aufgeschlagen, man kaufte Trikoloren, Fähnchen, Orden, rotweißblaue Sträuße, die den Reiz des Verbotenen hatten, und die man in Taschen und Kleidern versteckte, um sie zu Haus an die Wände zu nageln. Dort bekam man die Werbepostkarten mit den sehnsüchtig nach dem „Oiseau bleu, qui vient de France" ausblickenden Elsässerinnen, mit Rouget de Liste, der in Straßburg auf dem Broglie seine Marseillaise gedichtet hat, und allen möglichen'Varianten der französischen nationalistischen Melodie. Der Nimbus dieser Paßhöhen ist verloren gegangen, seitdem die „Douaniers fran<?ais“ mit den kleinen Käppis verschwunden sind, und man nicht mehr in „Ditschland" Mittagessen und in „Frankrich" Cafe noir trinken kann. Der Traum ist Wirklichkeit geworden, der Paradiesvogel der Phantasie sitzt im Käfig und, wie immer, hat die Erfüllung ihn flügellahm gemacht und ihm das Gold vom Gefieder abgestreift. Die Forderungen der klerikalen Partei, die Fragen der Autonomie sind so brennend geworden, daß die französische Regierung, die diese Probleme als nicht bestehend einfach negierte und überging, nun doch gezwungen wurde, dazu Stellung zu nehmen, und ihnen dadurch auch in der Oeffentlichkeit einen Leib aus Fletsch und Blut zuzugestehen. Wetterles „Nouvelliste", der den deutschen Behörden so viel Schweiß gekostet hat, ist vergessen, dafür gibt es eine „Zukunft", die laut dasSelbstbestimmungsrechtdes 1 Elsässers, die Erhaltung seiner deutschen Eigenart fordert, und


