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südlichen KuKurreiches in einer Zeit co. 1500 v. Ehr. um die Liebe einer Sklavin wirbt und bitter unter ihrer geringen Neigung leidet, so bekommt man zunächst einen tollen Lachanfall. Dann aber wird man betrübt. Denn selbst gesetzt, es hätte wirklich ein einziges Mal unter jenen Tyrannen einen Charakter ä la Siegwart gegeben, so ist noch niemand berechtigt, diesen! Einzelfall zum Typus zu erheben. Das heißt also, das Volk — der Ausdruck ist nicht als moralische Wertung ainzusehen, denn es geschieht unbewußt oder aus Bummligkeit — belügen. Wollte man den erwähnten Konflikt darstellen, so bot der Reichtum der Weltgeschichte in anderer Zeit und an anderem Ort Gelegenheit genug. Man wollte aber nun einmal jene bestimmte Epoche und quetschte um, so gut es gehen will, ein Dvämchen von ganz anderer Gefühlseinstellung hinein. Das war fahrlässig, man hat damit die Verantwortlichkeit des Films, insbesondere des historischen, außer acht gelassen und sich nebenbei gründlich blamiert. Ein falsches Weltbild geben, heißt aber verbilden.
älnd Verbildung, man muß das leider sagen, ist auch Trumpf im Spielfilm. Selbst dieser trägt in sich eine Fülle bildnerischer Elemente. Es erweitert mein Weltbild, wenn ich die Mode fremder Erdteile, das Leben auf englischen cottages oder in den Pullman-Cars der amerikanischen Eisenbahnen sehe. Im Schauspielerischen, als einer — im guten Sinne — übertreibenden Gebärden- und Mimenhaltung, sehe ich schärfer, was meine Zeitgenossen im Westen oder Osten, Norden und Süden von mir und meinen Landsleuten trennt ober was uns gemeinsam ist. Die Großaufnahmen prägen mir das Typische des Ausdrucks von Freud und Leid, Neid oder Hochmut oder Verlegenheit ein. Es ließe sich vorstellen, -daß nach Hunderten von Bahren filmischer Beobachtung der Vkensch zu einem trefflichen Phhsiogno- miker werden kann, daß er bei der leisesten Regung im Gesicht seines Gegenübers sofort richtig auf die Gemütsbewegung schließt, die jenen Zug veranlaßte. Aber auch glaublich ist es, daß der häufige Anblick schöner Gestalten und guter Haltung beispielgebend wird, der Zuschauer sich also nach dem ober jenem Ideal richtet und sich selbst besser hält ober glücklicher bewegt. Ganz besonders für das Volk, das den größten Augenmenschen Goethe hervorgebracht und anscheinend seine ganze optische Kraft an ihn abgegeben hat, ist die einseitige Erziehung des Films zum Sehen von unberechenbarer Bedeutung.
Man braucht auf die Wichtigkeit dieses gefühlbildenden Momentes nur hinzuweisen, um die hohe Verantwortlichkeit des Films darzutun. So Wichtiges und Köstliches hier mit Hilfe feinsinniger, besonders befähigter Regisseure und menschlicher Schauspieler erreicht werden kann, soviel kann beim Versagen dieser Stellen zerstört werden, und da auf dieser Welt das verneinende Prinzip immer kräftiger ist, als das bejahende, so sind hier die Folgen unabsehbar. Diese Befürchtung hat zur Schaffung eines Lichtspielgesetzes geführt. Aber eine leider noch größere Zahl verlogener Bildstreifen entzieht sich den Paragraphen. Es spottet jeder Beschreibung, was an falschen Gefühlen, an krummen und schiefen Tendenzen, von der bösesten Sentimentalität bis zur lügnerischen Verachtung des Lasters, und an bewußter Verschiebung eines gesunden Weltbildes bisweilen geleistet wird. Das Gesetz, wie erwähnt, versagt diesen geschickt entgifteten Machwerken gegenüber. Hier muß das Volk sich sein eigenes Gesetz schaffen, muß sich selbst verbieten, solche Sudeleien anzufehen. Jeder von sich aus mutz helfen-, auch diesen Acker von bösem Unkraut zu befreien, damit die gute Frucht zum Licht kann, Gesundung zu schaffen.
Vielleicht aber ist das auch ein volksbildnerisches Element und gewiß kein zu unterschätzendes, dem einzelnen es zu Über- lassew feine -Urteilskraft, seinen Geschmack, sein Gefühl für Echt vder -Unecht zu prüfen und wie Herkules am Scheidewege der wahrhaft edlen Kinomuse auf dem beschwerlicheren, aber lohnenderen Wege zu folgen. Wie Überall auf dieser Welt, gilt es auch hier, das Matz zu finden.
Bildhauer und Dichter.
Bon Dr. Fritz Adolf Hiinich.
Rainer Maria Rilke: dieser Name, vor fünfzehn Jahren noch das geliebte Borrecht eines kleinen Kreises von Anhängern, hat heute, nach Ausweis der Auflagen feiner Bücher, vor allem durch den großen Erfolg der Buchausgabe des „Cornet" in der Jnsel- bücherei, in vieler Herzen Wurzel geschlagen, und wir wünschen, daß das hohe Ethos seiner Schöpfungen, wo immer sie mit magischer Kraft Seelen an sich ziehen, vertiefend und veredelnd auf sie wirken möge. Denn Rainer Maria Rilke gehört zu den unauffälligen, aber unablässigen Kämpfern um die Erhöhung ihrer Menschlichkeit, und man hat von seinem Menschtum das Gefühl einer kristallklaren und unantastbaren Lauterkeit. Er gehört nicht zu denen, die sich bescheiden, er ist ein Bauender, der träumt, sich zu vollenden, und gleichwie es bei Nietzsche im „Ecce homo" heißt: „Jedes Wachstum verrät sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners", so schließt in bedeutsamer Uebereinstimmung der Geister ohne gegenseitige Beeinflussung ein Rilkesches Gedicht: „Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte von immer Größerem zu sein."
Immer scheint das Schicksal die, denen es wohl will, überlegneren Gegnern gegenüberzustellen (und ist nicht jeder, der größer fft als wir, eine Herausforderung, ein Anfporn, uns mit ihm zu messen?), und der Darsteller von Rilkes unerhörtem Aufstieg wird seinen Begegnungen in der Welt der Körper und des Geistes samt ihrer Wirkung auf das Wachstum des Dichters seine ganze Aufmerksamkeit schenken müssen. Fragen wir nicht, auf welchen Wegen der Dichter dem großen Erlebnis zutrieb, das mit dem Namen Rodin eine Reihe von Jahren für ihn verknüpft ist; keine biographische Forschung wird je den wahren Zusammenhang des Gewebes, das wir Leben nennen, aufdecken und das unwiderstehliche mystische Zueinanderstreben der Geister, die sich finden sollen, restlos erklären können. Das allen sichtbare Zeugnis der Mitarbeit des Dichters an dem Schaffen des Bildhauers, dessen Sekretär er war, liegt in den beiden Aufsätzen vor, die in dem Bande „Auguste Rodin" zusammengefaßt sind: als Versuch der Deutung eines großen Werkes, wie es in der Kunstgeschichte einzig ist. Eine seltene Vereinigung: ein Bildhauer voll grüblerischen Ringens um die Wahrheit in seinen Nachbildungen bes wirklichen und geträumten Lebens und ein Dichter, voll Gerechtigkeit wie wenige und bemüht, in das Dunkel des Lebens der Dinge hinter ihrer Oberfläche einzudringen. Auch feine Beschreibung der Rodinschen Kunstwerke nimmt hiervon ihren Ausgang: indem er sich in ihre Anschauung vertieft, verfolgt er den Weg, den sie gegangen sind, über die Hände, die den Meißel geführt und den Ton geformt haben, zurück bis zum Gehirn, wo der Gedanke langsam zur Tat reifte. In diesem Verhältnis wie vielleicht in keinem andern zuvor oder danach, ist der Dichter der Dienende, der Empfangende. Inmitten der Welt von Stein, die ihn umgibt, erschließt sich ihm aus den erstarrten Gesichtern und Gestalten, in denen das beziehungsreiche Leben auf einen Augenblick und eine Gebärde zusammengedrängt ist, die Grundidee der Rodinschen Plastik, und er wird nicht müde, an vielen Beispielen zu zeigen, wie sich in den Figuren des Meisters das verfließende und sich zerstreuende Leben vieldeutig sammelt: mit diesem immer wiederkehrenden Worte umschreibt er seinen Begriff des Wesentlichen in der Kunst Rodins. „Niemals," so heißt es von der Voix Interieure, „ist ein menschlicher Körper so um fein Inneres versammelt gewesen, so gebogen von seiner eigenen Seele und wieder zurückgehalten von seines Blutes elastischer Kraft."
Auch ein anderer Dichter von weniger eindrucksfähiger Seelensubstanz und größerer Widerstandskraft als Rainer Maria Rilke würde durch solchen Umgang in seinem eigenen Schaffen auf die Dauer nicht unbeeinflußt geblieben sein. War die Lyrik des Dichters bisher vorwiegend musikalischer Natur gewesen, ein Erfaßen schier unsagbar schwebender Gefühle und Stimmungen durch Worte und Wortzusammenhänge, deren vor ihm noch keiner mächtig gewesen war, so formen sich nun seine Gedichte zu Gebilden, die in schärferer Umgrenzung an Menschen, Tieren oder Gegenständen das darin angehäufte Leben (und nicht nur dieses, sondern auch das ihnen aus ihrer Umwelt anhaftende Leben) aus einer bezeichnenden Haltung oder Geste zu beuten und darzustellen sich bemühen. Keiner vermag den geheimnisvollen Zug des Schicksals zu ergründen, aber" wenn wir zurück an das zuerst im Jahre 1902 in schmächtigem Großoktav erschienene „Buch der Bilder" denken, so will es uns scheinen, als ob eine unabwendbare Notwendigkeit den Dichter nach Paris und zu Auguste Rodin gezogen hätte. Wenn das „Buch der Bilder" den Uebergang von grenzenlosem Träumen in nie vordem betretene Bezirke zu festeren Konturen bedenket („Immer verwandter werden mir die Dinge und alle Bilder immer angeschauter"), so sind die beiden Bücher „Neue Gedichte" (1907) und „Der neuen Gedichte anderer Teil" (1908) die Vollendung des dort frühlingshaft Begonnenen und Erstrebten, und wenn in der zweiten, sehr vernrehrten und seitdem unverändert gebliebenen Auflage des „Buches der Bilder" (1907) Paris als neue Kulisse wie ein Rahmen vor einem unendlich tiefen Hintergrund steht, so herrscht in den beiden letzten großen Gedichtbüchern Rodin vor, und cs wirft wie eine Selbstverständlichkeit, daß eines von ihnen ihm namentlich gewidmet ist.
Aber zu glauben, daß diese Gedichte wie nach Diktat geschrieben und vom Schatten Rodins verdunkelt seien, wäre ein Zeichen von sehr äußerlicher Kunstauffassung und würde eine Verkennung des Rilkeschen Genius bedeuten, für den alle Begebenheiten und Anlässe nur die Scheite sind, die das Feuer feines Gestaltungswillens nähren, um darin mit immer größerer und reinerer Flamme zu verbrennen. Wohl sind in den „Neuen Gedichten" Motive aus der klassischen Vergangenheit der Plastik, wovon Rodin ein „sehr per- sönlich ausgewähltes Museum" besaß, neben solchen zu finden, di» aus dem unentrinnbarem Zwang ber Gestalten des Bildhauers auf die Vorstellungswelt des Dichters geboren sind: wohl türmen sich dk gleich gewaltigen Bildwerken Gesichte von Michelangelosscher Größe empor und begegnen uns Gedichte, die ein Niederschlag von Gesprächen über die Mystik der Kathedralen sind: aber der tiefst« Gewinn, der dem Dichter und seinem Schaffen durch die Begegnung mit Rodin zusiel, liegt in der Erweiterung seines Gesichtsfeldes, wohin .ihm aus ber bereicherten Erkenntnis der großen unb geringen Dinge unaeahnte Stoffe zufließen: in der Vertiefung seines Blickes für das Geschehen, das hinter allen Ausdrucksformen des Lebens steht, um darin wie auf großen Schauplätzen zusammenzuströmen: in den neuen Aufgaben und Forderungen, die hiS« an ihn gestellt wurden und in deren Bewältigung er zu der Größe heranwüchs, die wir heute an ihm bewundern.
Hchrtstleitung: Or. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gieße».


