Ausgabe 
31.7.1926
 
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Bon beiden Llferit grüßen Hellevlsuchtets Billest. Girlanden bunter Lampions ziehen sich um die Terrassen. Weiß« Kleider, leuchten aus Den Gärten. Musik Mngt über daS Wasser. Frohe Jugend dreht sich im Tanz. Wer nicht tanzt, pokuliert, freut sich des Lebens. In den Pokalen schäumt der Wein. Noch stnd di« Tage der Rosen!

Stockholm in Sicht! Bon der Höhe grüßt das lichtüber- gossene Skansen, schimmernde Perlenketten schlingen sich um die Äser. Die feurige Silhouette der Bergstraße der Södra hängt in der ißuft. Die ganze Ducht scheint von funkelnden Girlanden umkränzt. In lein Lichtmeer getaucht, empfängt uns die nordische Märchenstadt.

Wenn in Stockholm die Saison der leckeren Krebse gekommen, steht die Stadt im Festesrausch. Rirgends wie hier findet man eine derartige Verehrung für die roten Gesellen. Im gastrolo- gischen Kalender Der Schweden gilt die Krebspremiere als eines der bemerkenswertesten, vom Hauche der Romantik umsponnenen Ereignisse. Die Sympathie der Stockholmer für dieses krabbelnde Getier ist rührend. Man könnte fast von einer Kvebskultur sprechen. Werden Doch an einem Tage in den Stockholmer Restau­rants 15 000 Krebse verzehrt. Die Spalten der Zeitungen sind wochenlang mit Ankündigungen für Krebssoupers gefüllt.

3n den Markthallen und Fischgeschäften schlägt man sich förmlich um die in Körben und Kästen zappelnde Delikatesse. Da gibt es in den vornehmen Restaurants hervorragende Künst­ler und Sdezialisten im Zubereiten und Servieren der Krebse: In der Saison folgt Einladung auf Einladung zu Krebssoupers. Diese sind mit großen Feierlichkeiten verknüpft. Da gibt es kunstvoll mit den lieblichen Schalentieren bemalte Service aus Porzellan und Kristall. Die Gäste erhalten ganz allerliebste, mit roten Krebsen verzierte Servietten usw. Schließlich ist der Krebs ein Wassertier: also muh er tüchtig mit Flüssigkeiten begossen werden. Das geschieht dann auch gehörig mit Wein und Schnäpsen aller Art. Man sagt in dieser Zeit in Stock­holm:Ein Schluck auf jeden Krebs und ein Krebs auf jeden Schluck." ,

Aber nicht nur Stockholm feiert die Eröffnung der Krebs­saison. Gin Krebssouper auf der Veranda in einer Villa in den Schären, wenn der Vollmond am Himmel steht und die bunten Lampen leuchten, ist ein wirklich erlebenswertes Ereignis. 3n Aiesenschalen blinken Berge von roten Krebsen. Batterien bon Schnäpsen und Likören, von Weinen aller Art vervollständigen das freundliche Stilleben. Frohe Lieder klingen durch die stille Nacht. Erst spät trennt man sich, aber nur, um sich am nächsten Abend an anderer Stelle bei einem Krebssouper zu treffen.

Aus dem Häusergewirr reckt fid) ein riesiger Wolkenkratzer enrpor Seine Spitze krönt ein mondänes Restaurant. Mit dem Expreß- Fahrstuhl saust man hinauf. Die riesige Glashalle ist in rot und gelb gehalten. An kleinen Tischen eine auserlesene Gesellschaft. Kristall und Silber blitzt, Champagnerpfropfen knallen. Aus duftigen Roben leuchten weiße Racken. Frauen­augen leuchten, Rosen duften. Sehnsüchtig lockt die Fiedel. Wan flirtet, man tanzt! Letzter Clou Stockholms. Der Dolksmund nennt den Dau denTurm von Babel", aber es stimmt nicht, in Babylon ging es sicher nicht so vornehm zu wie hier.

Weit sieht man von dieser hochgelegenen Warte ins Land hinein. Die ganze Stadt lreat illuminiert unten ausgebreitet. Der Vollmond wirst sein funkelndes Netz auf das Schärengewirr und den wogenden Mälarsee. Dräumend erhebt sich an, feinen Ufern der imponierende Bau des neuen: in gotrschem Stile ge­haltenen Stadthauses. Die Terrassen sind vom Mondlicht über­flutet. Schlank ragt der Turm der Riddarholms-Kirche, des schwedischen Pantheons, wo die Heldenkönige Gustav Adolf und Karl XII. schlummern, empor.

Schwedens ruhmvolle Vergangenheit steigt aus der klaren nordischen Nacht zum funkelnden Sternenzelt.

*

Das romantische Wald- und Wasserparadies Schwedens wird von 3ahr zu Jahr in immer größerem Maßstab Brennpunkt des internationalen Touristenverkehrs. Wie wenige kennen je­doch die zauberisch schönen Sommernächte in den Schären Norr- lands. Ist Angermanlands Jnselgewirr auch noch so lachender Natur wie der Schärengarten Stockholms, so ist es dafür mäch­tiger, imponierender. Wie wenige haben den romantischen Jn- dals-Elf und den majestätischen Angermans-Glf gesehen! Mancher hat vielleicht Per Hallströms NovelleDer tote Fall" gelesen, aber nicht gedacht, daß er selbst die Stelle dieser ungeheuren Katastrophe und die herrlichen Landschaften von Ragunda mit dem brausenden Hammerfors, in denen der Roman spielt, kennen lernen kann.

Ich benutzte zur Fahrt in diesen vielleicht schönsten und romantischsten Teil Schwedens den Dampfer Karl XV. der Stockholmer Reederei Svea, der mich in sonniger Fahrt von Stockholm in das Zentrum der rauschenden Urwälder und Ströme führen sollte.

3ur Fahrt nach Sundsvall liegt zu Füßen des hochragenden Schlosses der Dampfer bereit. Stolz blähen sich die blaugoldenen Flaggen im Winde, als unser weißes Schiff zur Fahrt in das Labyrinth der Schären vom Bollwerk sich losmachte. Die nor­dische Sonne wirft ihre Feuer auf das breite Hafenbecken und überfchMtet die anstürmenden Wogen freigebig mit schimmernden Goldperlen. ' , ; ;

Auf funkelnder Straße ziehen wir dahin. Hinter Uns ver­sinken die Türme vön Stockholm. Schon sind wir mitten im Jnsel­gewirr der Schären. Vom felsigen Strand aus dem lachendest Grün der Inseln lugen malerisch Villen und Landhäuser. Linier zierlicher, in unheimlicher Höhe hängender Brücks gleitet das Schiff dahin. Segel- und Motorboote, gefüllt mit fröhlichen Sommergästen, fliegen über die Fahrstraße. Jubelnder Zuruf dringt zu uns herauf.

Die ganze Küste von Stockholm bis fast zum Meer« ist ein einziger, unvergleichlich schöner Badestrand. Das tummelt sich in den grünen Wogen. Das liegt wohlig im weichen Waldmoos, oder sonnt sich auf hohen Felsen! Wie die schlanken Gestalten uns vom Ufer zujubeln. Wie stolz wirkt die Schönheit all dieser jungen Menschenkinder unter dem lachenden, blauen Himmel. Sonnenübergoss en liegt die See. Spielend werfen sich die grün- weißen SHaumwogen auf das junge, frohe Volk. Durch einest schmalen, langen Kanal geht die Fahrt mitten durch schattigen Eichenwald. Wiesen dehnen sich zum Strand. Junge Pferds sausen beim Vorbeifahren des Dampfers im Galopp davon. Immer breiter wird das Fahrwasser. Weite sonnenübergossens Duchten öffnen sich. Aus den- Fluten steigt die Festung Vaxholm. Weihe Möwen umflattern unser Schiff, streiten sich schreiend um die artsgeworfenen Speisereste. In angeregter Stimmung wird in dem auf hohem Deck gelegenen Speisesalon das ganz vorzüg­liche Mahl eingenommen. Wie im Film sieht man durch die Fenster die Landschaft vorübergleiten. Auf der Kommandobrücke wird bei strahlendem Sonnenschein der Kaffee serviert. Noch fahren wir in den Schären. Aber immer mehr breitet sich der Meeresspiegel. Bon steilen Felsen glühen Feuerzeichen. Wir passieren das im Wasser verankerte rote Feuerschisf. Die See ist spiegelblank. Dlutrot finkt der Sonnenball ins Meer. Auf dem Vorderdeck herrscht lustiges Leben und Treiben. Bei Zither- und Gitarrenklang dreht sich alt und jung im Tanz. Passagiere, Maschinisten, Matrosen, Küchenfeen, Stewardessen in buntem Durcheinander. Meer und Himmel erglänzen in rosa Farben. In behaglicher Kabine singt man das uralte Wiegenlied des Meeres in tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen sind wir in Sundswall. Die Stadt bietet, umkränzt von waldigen Hügeln, mit ihren modernest Häusern einen prächtigen Anblick. Sie ist das Zentrum einer gewaltigen Holzindustrie. Die Entwicklung der Stadt hängt völlig mit der der Holzwarenindustrie Schwedens zusammen. Auf lachender See geht die Fahrt weiter bis Hernösand, der, HauptstcÄt Angermanlands. Wan nennt es wegen seiner wunder- baren Lage inmitten der waldigen BerglandschastDas Athen des Nordens". In Hernösand besteige ich den kleinen Fluß­dampferTourist" zur Fahrt auf den Angermans-Slf.

Hoch oben in den Urwäldern Schwedens liegt eine der Zentren der Druckpapierfabrikation. In den waldreichen Ge­bieten Norrlands werden jahraus, jahrein Millionen von Bäumen gefällt. Die tosenden Gebirgsbäche führen sie den großen Strömen zu. Diese befördern die Stämme aus den hochgelegenen Wälderst im Innern des Landes hinab nach den Sägewerken und Holz- stoffabriken an der Küste, wo sie zu Papiermasse verarbeitet oder als Rohmaterial für die Papierfabrikation exportiert werd en.

Der Angermans-Glf hat eine Länge von 450 Kilometern und ist einer Der größten, in feinem Unterlauf der imponierendstÄ Fluß Schwedens. Seine Größe wird durch folgende Ziffern- be­leuchtet: Von Malgomay bis Solleftea bildet der Fluß 38 Fälle, Über die die Stämme brausend herab-schießen. Wie schwarze Gespenster wälzen sie sich in weißem Schaum, verschwinden in den wilden Fluten, springen prasselnd und donnernd in der grünen Gischt. In rasenden Sprüngen stürzen sie sich über dis Felsen herab, um dann mit verdoppelter Geschwindigkeit die Fahrt nach der Küste wieder auszunehmen. Le mehr man sich den Mündungen nähert, um so mehr weiten sich die prächtigen Flüsse. Sie gleichen dann Breiten Meeresbuchten.

Don allen Seiten steigen Rauchwolken zum blauen nordischen Himmel. Hinter ihnen hämmern und rasseln die Maschinen der Sägewerke und Papierfabriken. Tausend emsige Kräfte regen sich. Ein Labyrinth von rauchenden Schloten und Riesenhallen. Sirenen heulen, Dampfpfeifen akkompagnieren sie. In den Riesenhallen stampfen Hunderte von Maschinen. Das ist die Sinfonie des schwedischen Aordlandes. Weit öffnen sich die Tors zu einer großen, stolzen und mächtigen Kulturwelt. Hier lebt und wirkt das moderne Schweden in einer seiner mächtigsten Industrien.

Die breite Fläche des Angermans-Glf blitzt und funkelt ist lachendem Sonnenschein. Soweit das Auge reicht, treiben auf den Fluten die gefällten Waldes riesen. Langsam fährt der Damp­fer durch dies Labyrinth von Stämmen. Sie treiben auf dest blauen Wogen. Sie krachen donnernd gegen die starken Schiffs­wände. Vorsichtig laviert der Kapitän den Dampfer. Jeden Augenblick rasselt der Schiffstelegraph. Das Schiff stoppt. Förm­liche Inseln von starken Stämmen jagen vorbei, versperren den Weg. Ganze Wälder ragen aus dem Wasser, treiben in dest Stromwirbeln umher. Der Rücken des Flusses trägt sie geduldig. Bei Dal, Svanö -und Kramfors befinden sich die größten Holz- stofsabriken Schwedens. Bei Sandslan liegt das größte Holz­sortierungswerk Schwedens, gleichzeitig das größte der ganzen Welt Hier werden jährlich ca. 12 Millionen Stämme sortiert.

Bei Nyland ändert der Fluh sein Arussehen. Er strömt jetzt zwischen sanften Höhen, die in grünen Farbentönen leuchten.