Gießener jamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1926 Samstag, -en 51. Juli Nummer 61
Gemeinschaft.
Von Leo Sternberg.
Ach, ich brauche nur mein Herz zu fragen, Wenn es Antwort haben will von dir.
So im Einklang miteinander schlagen Deine Seele dort und meine hier.
Fühlt mein Blut die eigne Sehnsucht brennen Oder brandet deine süß heran?
Durch die Fernen, die uns beide trennen. Legt sich deine Brust der meinen an.
Atem hebt und senkt sich . . . Ach, wie flutet Süße der Gemeinschaft in den SchmerzI Kommt zurück mir Echo meines Blutes? Oder bist du meines Herzens Herz?
ZchWedischs Reise.
Bon Fritz Löwe.
Gamla glada Stockholm! Altes, fröhliches Stockholm! Wie die Schweden ihre Hauptstadt bezeichnend nennen. Wieder einmal weile ich in dieser alten, doch ewig jungen Stadt. Wo in der weiten Welt gibt es einen zweiten Platz, an dem Körper und Seele in gleicher Weise Ruhe und Erholung finden können. Stadt der Lebeirsfreude, des frohen Genusses, farbenfreudige Märchenstadt, sei mir gegrüßt! Umgeben von jedem nur denkbaren Luxus der großen Welt, verhätschelt und verwöhnt in fürstlich eingerichteten Hotels und erstklassigen Restaurants kann man in beschaulicher Ruhe die architektonischen Schönheiten Stockholms und seiner reichen Kunstsammlungen gemeßen.
Die Umgebung der schwedischen Hauptstadt ist von unvergleichlichem Reiz. Monatelang kann man hier verweilen, täglich immer neue Ausflüge unternehmen, ohne auch nur einen kleinen Teil der landschaftlichen Schönheiten gesehen zu haben. Auf Straßen und -Plätzen dieses nordischen Paris umweht dich stärkende Seeluft, der Duft von Waldern und Wiesen. Schlingen doch diese einen Zaubergürtel um die Stadt.
Richt zu vergessen die altbewährte schwedische Gastfreundschaft, die Höflichkeit, die Bescheidenheit und die Zudorkommen- heit der gesamten Bevölkerung.
Wer seine Seele von den Sorgen des Alltags reinbaöen, inmitten froher Menschen und lachender Aatur den Becher der Freude und des Glücks bis zur Deige leeren will, der gehe nach Stockholm.
Fest auf Skansen, dem berühmten Fveiluftmuseum Stock- Holnrs. Bon den alten, hölzernen Kirchtürmen schallen feierlich die Glocken. Im Baldersheim erklingen munter Fiolweisen. Dor der Bollnässtuga schwingt sich das junge Volk im Tanz. Alte Rationaltänze, vorgeführt in buntfarbigen Volkstrachten, wechseln mit Reigen und Rundtänzen. Auf hohen Felsen tummeln sich, Lappen mit ihren Renntieren.
Auf der Terrasse des Hauptrestaurants leuchtet es von hellen Sommertoiletten. Bildhübsche Mädels in schwedischen Rationaltrachten der verschiedenen Provinzen servieren das leckere Wahl. Wie sie lachen, wie sie knicksen, wie ihre frischen Wangen voll Jugendfreude glänzen. Hei, wie die bunten Röcke fliegen, wenn die Füßchen den Takt des neuesten Shimmy mitwippen. Das Orchester des Marinekorps spielt. Tausende stehen im Kreise und lauschen. Frohes Genießen ringsum. An blumengeschmückter Tafel geben schwedische Offiziere den Kameraden eines im Hafen liegenden amerikanischen Kriegsschiffes ein Fest! Feierlich klingt die schwedische Nationalhymne durch den Raum. Alles erhebt sich. Die Augen blitzen, die Gläser klingen! Der lFankee-Doddle folgt. Da springen all' die flotten jungen Offiziere auf, umfassen sich und jagen unter dem Jubel der zuschauenden Mädels tanzend um die Tafel.
Der Blick auf das tief unter mir sich, ausbreitende Stockholm ist berauschend. Aus dem Häusermeer steigen die schlanken Türme. Auf steilen Felsen ragt die Södra, der hochgelegene Stadtteil Stockholms. Auf breitem Meeresarme ziehen große Dampfer vorüber. Die Sonne sinkt, die wunderbare nordische Rächt bricht an. Stockholm schmückt sich wie zu frohem Feste. In der Tiefe flammen hunderttausende von Lichtern auf. klettern bis zu den steilen Felsenkuppeln, schlingen einen blitzenden Gürtel um Hafen und Stadt. In schwindelnder Höhe hängt.ei?» schimmernde Brücke. Wie glänzende Perlenketten funkeln die Laternen dieser aus Eisengerippen konstruierten Straße, die den Katharina- Fahrstuhl mit den Felsen der Södra verbindet. In der Ferne -
blinkt der Akälar-See. Ueber seine Brücken sausen, wie Kinderspielzeug anzuschauen, hell erleuchtete Züge. Gleich Irrlichtern huschen die elektrischen Wagen dahin. Die Autos gleichen kleinen Glühwürmchen, Schiffslaternen der aus- und einfahrenden Dampfer wersen rote imb grüne Streifen auf die zitternden Wogen. In schimmerndem Lichte erstrahlen die großen Hotels. Grell blitzt auf den Dächern die Lichtreklame.
Zur Fahrt nach Saltjöbaden, dem mondänen Badeort, in der Umgebung Stockholms, liegt zu Füßen des hochragenden Schlosses der Danchfer Gustavsberg bereit. Stolz blähen sich die blaugoldenen Fahnen im Winde, als unser weißes Schiff zur Fahrt in das Labyrinth der Schären vom Bollwerk sich losmachte. Die nordische Sonne wirft ihre Feuer auf das breite Hafenbecken und überschüttet die anstürmenden Wogen freigebig mit schimmernden Goldperlen.
Auf funkelnder Straße ziehen wir dahin. Hinter uns versinken die Türme von Stockholm. Schon sind wir mitten im Jnselgewirr der Schären. Dom felsigen Strand, aus dem lachenden Grün der Inseln lugen malerisch Villen und Landhäuser. Von Ufer zu Ufer, von Insel zu Insel fährt unser Schiff.
Im Triumph werben die ankommenden Gäste von den sie an der Landungsstelle erwartenden Wirten, zu der auf der Terrasse gedeckten Tafel geleitet. Ein sogenannter „Festmittag" wartet ihrer. Alle Delikatessen, alle Leckerbissen des berühmten schwedischen Smörgasbord stehen bereit. Es leuchten die roten Hummern. Aus der Küche dringt verheißungsvoll Bratenduft. Eisgekühlt träumt goldiger Punsch.
Unter zierlicher, in unheimlicher Höhe hängender Brücke gleitet das Schiff dahin. Segel- und Motorboote, gefüllt mit fröhlichen Sommergästen, fliegen über die Fahrstraße. Jubelnder Zuruf klingt zu uns herauf.
Die gange Küste von Stockholm bis Saltjöbaden und weiter nach dem Meere zu, ein einziger, unvergleichlich schöner Badestrand. Das tummelt sich in den grünen Wogen, das liegt wohlig im weichen Waldesmoos oder sonnt sich auf hohen Felsen! Wie die schlanken Gestalten uns vom Ufer zujubeln. Weihe Glieder blinken, elfenbeinerne Schultern leuchten. Wie stolz wirkt die Schönheit ihrer jungen Glieder unter diesem lachenden blauen Himmel. Sonnenübergossen liegt die See. Spielend werfen sich die grünweißen Schaumwogen auf das junge frohe Volk. Schmeichelnd umarmen sie die weißen, schlanken Körper. Wenn die Wellen einander überstürzend, anrollen, überschüttet sie die Sonne mit prunkendem, tropfendem Geschmeide. Dann wieder liegt die ganze Badegefellschaft malerisch gruppiert in dem Felsen, läßt sich von der Sonne rösten, vom Winde kühlen.
Durch einen schmalen Kanal geht die Fahrt mitten durch schattigen Eichenwald. Wiesen dehnen sich zum Strand. Junge Pferde sausen beim Borbeifahren des Dampfers im Galopp davon. Immer breiter wird das Fahrwasser. Weite 1 onnen- übergossene Duchten öffnen sich.
Saltjöbaden, das elegante Modebad kommt in Sicht. Am felsigen Strand macht der Dampfer fest. Der erste Besuch gilt der Badeanstalt. Hinein in die schimmernden Fluten. Welch' köstlicher Genuß das Schwimmen in dieser breiten, waldumrausch- ten Ducht. ~
Dann sitze ich auf der Terrasse des Grand-Hotels. Ringsum funkelt und blitzt es. Tannenduft und Seeluft vereinen sich zu wundersamem Aroma. Im Waldesrauschen und Meeresbrausen klingen die Töne des Orchesters. Hier ist es gut sein! Jugend und Schönheit Stockholms vereinigt sich hier zu frohem Feste. Dlumengeschmückte, kunstsinnig gedeckte Tische ringsum. In geschliffenen Pokalen funkelt der Wein. Rosen duften betäubend. Die Sonne zaubert den anmutigen Stockholmerinnen eine schimmernde Goldkrone um das blonde Haupt. Man kann sich gar nicht sattsehen an diesen biegsamen, schlanken Gestalten. Ich sinne und träume, blinzle hinein in die sonnenüberflutete Bucht und reiße dann plötzlich die Augen weit auf, wenn eine besonders graziöse Erscheinung vorübergleitet.
Ein schimmernder Gürtel schlingt sich um das Idyll von Saltjöbaden. Der Staub ist von diesem Felseneiland verbaNM. So frisch, so stärkend die Luft, Segelboote gleiten über die stilH Flut weiße Möwen flattern um buntbewimpelte Schiffe. Azurblau spannt sich das Himmelszelt über all dieser Schönheit.
Gellend schallt das Abfahrtsignal des Dampfers über das Wasser. Roch steht mir die herrliche Heimfahrt nach Stockholm bevor. Die Sonne sinkt. Purpurn erglänzen die Wolkenrander. Mit Flammenglut überschüttet sie die Wogen. UnvergeHttch die Erinnerung an diese nordische Dacht in den Schären.


