Ausgabe 
30.11.1926
 
Einzelbild herunterladen

384

schönste wählen.

(Schluß folgt.)

Deraniwottlich: Dr. Hans Lhhrivt. Druck der Brühl'jchen Aniversttäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Die LegenÄe von der Christrose.

Von Selma Lagerlöf.

(Fortsetzung.)

Es lvar ein langer und beschwerlicher Ritt. Sie schnitte nauf steilen und schlüpfrigen Seitenpfaden den Weg ab und zogen über Moor und Sumpf, drangen durch Windbrüche imd Dickicht. Gerade als der Tag zur Neige ging, führte der Räuberjunge sie über eine Waldwiese, die von hohen Bäumen umgeben war, von nackten Laubbäumen und von grünen Nadelbäumen. Sinter der Wiese erhob sich eine Felswand, und in der Felswand sahen sie eine Tur, aus rohen Planken. Nun merkte Abt Johannes, daß sie am Ziel waren und stieg von, Pferde. Das Kind öffnete ihm die schwere Tür und er sab in eine ärmliche Berggrotte mit nackten Steinwänden. Die Räubermutter saß an einem Blockfeuer, das mitten auf dem Boden brannte, an den Wänden standen Lagerstätten aus Tannen- reisig und Moos, und auf einer von ihnen lag der Näubervater und schlief.Kommt herein, ihr dort draußen!" rief die Räuber- mutter, ohne aufzustehen.And nehmt die Pferde mit, damit sie nicht draußen in der Nachtkälte zugrunde gehen!"

Abt Zobannes trat nun kühnlich in die Grotte, und der Laien­bruder folgte ihm. Da sah es gar ärmlich und dürftig aus, und nichts war geschehen, um das Weihnachtsfest zu feiern.

Die Räubermutter hatte weder gebraut, noch gebacken, sie hatte weder gefegt noch gescheuert. Ihre Kinder lagen auf der Erde rings um einen Kessel, aus dem sie aßen; aber darin war nichts Besseres als dünne Wassergrühe.

Doch die Räubermutter war ebenso stolz und selbstbewupt tote nur irgendeine wohlbestallte Bauersfrau.Setze dich nun hter ans Feuer, Abt Johannes, und wärme dich," sagte sie,und wenn du Wegzebrung mitgebracht hast, so, denn was wir hier im Walde kochen, wird dir wohl nicht, munden. Lind wenn du vom Ritt müde bist, kannst du dich auf eine dieser Lagerstätten ausstrecken und ruhen. Du brauchst keine Angst zu haben, daß du dich verschlafen könntest. Ich sitze hier am Feuer und wache, und will dich schon wecken, damit du zu sehen bekommst, wonach du ausgeritten bist."

Abt Johannes gehorchte der Räubermutter in allen Stucken und nahm seinen Schnappsack hervor. Aber er war nach dem Ritt so müde, daß er kaum zu essen vermochte; und sowie er sich auf dem Lager ausqestreckt hatte, schlummerte er ein.

Dem Laienbruder ivard auch eine Ruhestatt angewtesen, aber er wagte nicht zu schlafen, weil er ein wachsames Auge aufden Räuber. Vater haben wollte, damit dieser nicht etwa aufstünde und Abt Johannes fesselte. Allmählich jedoch erlangte die Müdigkeit auch über ihn solche Gewalt, daß er einschlummerte. Als er erwachte, sah er, daß Abt Johannes fein Lager verlassen hatte und jetzt am Feuer saß und mit der Räubermutter Zwiesprache pflog. Der Räubervater saß daneben. Er war ein hochaufgeschossener magerer Mann und sah schwerfällig und trübsinnig aus. Er kehrte Abt Johannes den Rücken, und es sah aus, als wollte er nicht zeigen, daß er dem Gespräch zuhörte.

Abt Johannes erzählte der Raubermutter von allen den Weih- nachtszurüstungen, die er unterwegs gesehen hatte, und er erinnerte sie an die Weihnachtsfeste und die fröhlichen Wethuachtssptele, die wohl auch sie in ihrer Jugend mitgemacht hätte, als sie noch in - Frieden unter den Menschen lebte.

Es ist ein Jammer, daß eure Kinder nie verkleidet auf der Dors- straße umhertollen oder im Weihnachtsstroh spiele!,'dürfen," sagte Abt Johannes. Die R-üibermutter hatte ihm zuerst kurz und barsch geantwortet, aber so allmählich wurde sie kleinlauter und latischte eifrig. Plötzlich wenbcte ;iw der Räubervater gegen Abt Johannes und hielt ihn» die geballte Faust vors Gesicht.Du elender Mensch, bist du hierhergekoinmen, nm Weib und Kinder von mir fortzulocken? Weißt du nicht, daß ich ein friedloser Mann bin und diesen Wald nicht verlassen darf?" ,

Abt Johannes sah ihm unerschrocken gerade in die Augen. Mein Wille ist es, dir einen Freibrief vom Erzbischof zu verschaffen/ sagte er. Kaum hatte er dies gesagt, als der Räubervater und die Räubernrntter ein schallendes Gelächter aufschlugen. Sie wußten nur zu wohl, welche Gnade ein Waldräuber vom Bischof Absalon zu erwarten hatte.Ja, wenn ich einen Freibrief von Absalon bekomme," sagte der Räubervater,dann gelobe ich dir, nie mehr auch nur soviel wie eine Gans zu stehlen."

Den Gärtnergehilfen verdroß es sehr, daß das Rauberpack stch vermaß, Abt Johannes auszulachen; aber dieser selbst schien es ganz zufrieden zu fein. Der Knecht hatte ihn kaum je friedvoller und milder unter seinen Mönchen auf Oeved sitzen sehen, als er ihii jetzt unter den wilden Räuberläuten sah.

Aber plötzlich sprang die Räubermutter auf.

Du sitzest hier und plauderst, Abt Johannes," sagte sie,und wir vergessen ganz, nach dem Walde zu sehen. Jetzt höre ich bis in unsere Sohle, wie die Weihnachtsglocken läuten."

Kaum ivar dies gesagt, als alle aufsprangen und hinausliefen; aber im Walde wat noch dunkle Nacht und grimmiger Winter. Das einzige, was man vernahm, war ferner Glockenklang, der von einem leisen Südwind hergetragen wurde.

Wie soll dieser Glockenklang den toten Wald wecken können? dachte Äbt Johannes. Denn jetzt, wo er mitten im Waldesdunkel stand, schien es ihm viel unmöglicher als früher, daß hier ein Lust­garten erstehen könnte.

Aber als die Glocke ein paar Augenblicke geläutet hatte, zuckte plötzlich ein Lichtstrahl durch den Wald. Gleich darauf wurde es ebenso dunkel wie zuvor, aber dann kam das Licht wieder. Es kämpfte sich wie ein leuchtender Nebel zwischen den dunkeln Bäumen durch, And soviel vermochte es, daß die Dunkelheit in schwache Morgen­dämmerung überging.

Da sah Abt Johannes, wie der Schnee vom Boden verschwand, als hätte jemand einen Teppich fortgezogen; und die Erde begann zu grünen. Das Farnkraut streckte seine Triebe hervor, eingerollt wie Bischofstäbe. Die Erika, die auf der Steinhalde wuchs, und der Porfch, der im Moor wurzelte, kleideten sich rasch in frisches Grün. Die Mooshügelcheu schwollen und hoben sich, und die Frühlings­blumen schossen mit schwellenden Knospen auf, die schon einen Schimmer von Farbe hatten.

Abt Johannes klopfte das Lerz heftig, als er die ersten Zeichen sah, daß der Wald erwachen wollte. Soll nun ich alter Mann ein solches Wunder schauen! dachte er. And die Tränen wollten ihm in die Augen treten.

Nun wurde es wieder so dämmerig, daß er fürchtete, die nächtliche Finsternis könnte aufs neue Macht erlangen. Aber sogleich kam eine neue Lichtwelle hereingebrochen. Die brachte das Murmeln von Bächlein und das Rauschen der eisbefreiten Bergströme mit. Da schlugen die Blätter der Laubbäume so rasch aus, als wären grüne Schmetterlinge herangeflattert und hätten sich auf den Zweigen niedergelassen. And nicht nur die Bäume und Pflanzen erwachten. Die Kreuzschnäbel begannen über die Zweige zu Hüpfen. Die <Ä>echte hämmerten an die Stämme, daß die Lolzsplitter nur so flogen. Ein Zug Stare, der das Land hinanflog, ließ sich in einem Tanuen- wipfel nieder, um zu ruhen. Es waren prächtige Stare. Die Spitze jedes kleinen Federchens leuchtete glänzend rot, und wenn die Vögel sich bewegten, glitzerten-sie Wie Edelsteine.

Wieder wurde es für ein Weilchen still, aber bald begann es von neuem. Ein starker, warmer Südwind blies und säte über die Wald- wiese alle die Samen aus südlichen Ländern, die von Vögeln und Schiffen und Winden in das Land gebracht worden waren und auf seinem kargen Boden nirgend anders blühen konnten; und sie schlugen Wurzel und schossen Triebe in demselben Augenblick, da sie den Boden berührten.

Als die nächste Welle kam, fingen Blaubeeren und Preisel­beeren zu blühen an. Wildgänse und Kraniche riefen hoch oben in der Lust, die Buchfinken bauten ihr Nest, und die Eichhörnchen begannen in den Baumzweigen zu spielen.

Alles ging nun so rasch, daß Abt Johannes gar nicht Zeit hatte, zu überlegen, welches Wunder gerade geschah. Er hatte nur Zeit, Augen und Ohren weit aufzumachen. Die nächste Welle, die heran- gebrauft kam, brachte den Duft frischgepflügter Felder. Aus weiter Ferne hörte man, wie die Wirtinnen die Kühe lockten, und wie die Glöckchen der Lämmer klingelten. Tannen und Fichten bekleideten sich so dicht mit kleinen roten Zapfen, daß die Bäume wie Seide leuchteten. Der Wacholder trug Beeren, die jeden Augenblick die Farbe wechselten. And die Waldblumen bedeckten den Boden, daß er ganz weiß und blau und gelb war.

Abt Johannes beugte sich zur Erde und brach eine Erdbeer- blüte. And während er sich aufrichtete, reifte die Beere. Die Füchsin kam ans ihrer Löhle mit einer großen Schar von schwarzbeinigen Jungen hinter sich her. Sie ging auf die Räubermutter zu und rieb sich an ihrem Rock, und die Ränbermutter beugte sich zu ihr hinunter und lobte ihre Jungen. Der Ahu, der eben feine nächtige Jagd be­gonnen hatte, kehrte wieder nach Lause zurück, ganz erstaunt über das Licht, suchte seine Schlucht auf und legte sich schlafen. Der Kuckuck rief, und das Kuckucksweibchen umkreiste mit einem Ei im Schnabel die Nester der Singvögel. , .

Die Kinder der Räubermutter stießen zwitschernde Freuden­schreie aus. Sie aßen sich an den Waldbeeren satt, die groß wie Tannenzapfen air den Sträuchern hingen. Eines von ihnen spielte mit einer Schar junger Lasen, ein anderes lief mit den jungen Krähen um die Wette, die aus dem Nest gehüpft waren, ehe sie nach flügge waren, das dritte hob die Natter vom Baden und wickelte sie sich um Lais und Arm. Der Räubervater stand draußen auf dem Moor und Brombeeren. Als er aufsah, ging ein großes schwarzes Tier neben ihm einher. Da brach der Räubervater einen Weidenzweig und schlug dem Bären aus die Schnauze.Bleib' du, wo du hingehörst, sagte er,das ist mein Platz." Da machte der Bär kehrt und trabte nach seiner Seite fort.

Immer wieder kamen neue Wellen von Warme und Licht, und jetzt brachten sie Ente>,geschnatter vom Waldmoor her. Gelber Blütenstaub von den Feldern schwebte in der Luft. Schmetterlinge kamen so groß, daß sie wie fliegende Lilien aussahen. Das Nest der Bienen in einer hohlen Eiche war schon so voll von Lonig, daß er am Stamm hinunterttopfte. Jetzt begannen auch die Blumen sich zu entfalten, deren Samen aus fremden Ländern gekommen waren. Die Rosenbüsche kletterten um die Wette mit den Brom- beeren die Felswand hinan, und oben auf der Waldwiese sproßten Blumen, so groß wie ein Menschengesicht. Abt Johannes dachte an die Blume, die er für Bischof Absalon pflücken wollte, aber eine Blume wuchs herrlicher heran als die andere, und er wollte die aller-