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Forscher selbst des öfteren gehört, daß die Fesselung das beste Mittel sei, den Toten am „Amgehen" zu hindern. Zum Teil mag auch Raummangel mit bestimmend gewesen sein, wenn man mehrere Tote in kleine Felsnischen oder -höhlen oder später in Dolmenkämmerchen, in Gang- und Steinkistengräbern unterbringen wollte. Der Locker ließ sich am leichtesten in kleine Räume hineinzwingen. Aeberall haben die Menschen, in der nun einmal bestehenden Uebereinstimmung des menschlichen Lirns und der dadurch bedingten gleichen Geistestätigkeit, dieselben Mittel mit kleinenAbweichungen angewandt, sich gegen die freigewordene und gefürchtete Seele zu schützen.
Sollte man es glauben, daß diese uralten Gedankengänge sich in. abgeschwächtem Maße zwar, aber doch bis auf unsere Tage in kultr- vierten Gegenden erhalten haben? Im „Werdegang der Menschheit' von Klaatsch und Leilborn wird erzählt, daß 1798 eine Verfügung des Konsistoriums von Erfurt verbot, „von Verstorbenen Arme und Beine zu binden", damit sie nicht umgehen könnten. Ferner, daN es bis vor kurzem im Vogtlands Sitte gewesen sei, dem Toten die Lände mit einem Tuche zusannnenzuschnüren, „damit er nicht zurückkehre und bald jemanden hole". Dann wird von einer Mitteilung A. Mollers berichtet, daß inan noch im Jahre 1901 einem bei Jena erfroren aufgefundenen Landstreicher Arme und Beine mit Strohseilen zusammengeschnürt habe mit der ausdrücklichen Begründung: „Dir wollen wir das Amherstrolchen unmöglich machen!" Auf der anderen Seite erinnere ich mich an den Gebrauch in meiner Leimat, im Sterbezimmer sofort alle Fenster zu öffnen, wie mir eine alte Frau sagte: „Damit die Seele herauskann!" Dieselbe erklärte mir in der Kinderzert auch die Sitte, denr Toten drei Lände voll Erde ins Grab nachzuwerfen mit den Worten: „Damit er Ruhe im Grabe habe!" Da war die Furcht vor dem „Umgehen" des Verstorbenen mehr in das Pietät- volle umgebogen werde. Das Erdenachwerfen ist ^sicher auch nut hervorgegangen aus dem Anhäufen von Erde und Steinen auf den Toten, wie es schon in der Altsteinzeit geübt wurde. Ebenso unsere Grabsteine, die das ganze Grab bedeckten. Bei den Urmenschen war es besonders der Kopf, als Sitz des Geistes, der bedeckt wurde, oder, wie im Doppelgrab der Kindergrotten von Mentone in Südfrankreich mit ausgestellten Steinen gestützt wurde. Lier lagen eine alte Frau und ein Jüngling nebeneinander als Locker, und ihre Köpfe waren überdeckt von. einer Steinplatte, welche auf zwei stehenden Steinen ruhte
Die Ausführung der Fesselung, welche zwar mit kleinen, technischen Unterschieden vorgenommen wird, sich aber im großen und ganzen auf derselben Linie bewegt, ist wohl meist sofort nach dem Tode geschehen, als die Glieder noch ihre Beweglichkeit besaßen. Be> manchen Wildvölkern wartete man jedoch, wie von Forschern erzählt wird, nicht den Eintritt des Todes ab, sondern nimmt die entsetzliche Blaß- regel schon am Sterbenden vor. Man dürfte wohl kaum fehlgehen, wenn man dasselbe auch vom Urmenschen annimmt. Bei anderen Lockern, wo schon die Totenstarre eingetreten war, hat man mit Gewalt die Glieder gebrochen und in die Lockerstellung gezwängt. In Japan soll die Leichenstarre zu gleichem Zweck durch em Pulver "^Die ersten Lockergräber mögen nur flache Aushöhlungen im Erdboden gewesen sein, mit Steinen gedeckt. In gebirgigen Landern beriutzte man Felshöhlen oder den Raum unter Schutzdächern von Fels. In der jüngeren Steinzeit preßte man sie m den kleinen Jnnen- ranm der Grabdolmen, welche aus3—6 Tragstemwund emem Deckstein bestanden, und Brandspuren in diesem Kämmerchen lassen vermuten,, daß vor jeder neuen Beisetzung durch Feuer Platz geschaffen worden ist. Vielleicht haben auch andere Gründe dabei mitgesprelt, z. B. wenn die Verwesung noch nicht vollständig war, oder rituale Gebräuche haben bei der Verbrennung mitgewirkt. Die Dolmen wurden durch Erweiterung allmählich zu Ganggräbern mit einzelnen Kammer, in denen die Leiche» beigesetzt wurden, »der man beerdigte diese mStem- kistenqräbern. In beiden wurden sowohl Locker als langgestreckte Leichen beigesetzt. Diese Steinkisten wurden nach und nach verkleinert, und dienten zur Aufnahme von Arsen, in welche man die Leichen in 8,'Ä’O Ä »»ww «« des Homo Aurisnacensis Hauseri waren offenbar wenigstens die Füße gefesselt gewesen, wie sich aus der Lage der Skeletteile ergab.
Altpaläelithische Locker sind auch das weibliche Skelett von der Langerie Basse, aus der Kulturstufe des Nagckalenien, und das von T a Ferrassie ebenfalls der französischen Provinz der Oordogne angehörig. Seit jener fernen Arzeit haben sich die Lockerbestattungen weiter verbreitet, man findet sie ebenso gut in Amerika und Afrna
Vorstellung von einem Fortleben nach demTode schließen.lassen^, tn den älteren Zeiten vielleicht in „besseren Jagdgründen , wrebei den Indianern. Wegzehrung in Gestalt von gebratenem Fleisch, von dem noch die Knochen erzählen, hat man den ersten mitgegeben, die schönsten Waffen, die besten Werkzeuge, späterhin auch Hausgerät und Schmucksachen. Von dem Kranz von durchbohrten Schneckenhäusern an, der um den Lals des Am-lgnacmannes gelegen hat bis zur feinen Lalsspange der neolithischen Frau und anderen kostbaren Gegenständen ist ein gerader Aufstieg »» benwrken Jedenfalls deuten diese Grabbeigaben auf etwas wre eine! Gefuhlssphare hm, auck auf eine religiöse, die sich im Laufe der Zeit mehr und mehr entwickelt und vergeistigt und endlich zu den pietätvollen Bräuchen geführt hat, mit welcher wir heute unsere Toten betreuen.
HoÄrergrLiber der Steinzeit.
Von E. Seeger.
Anter dem weit ausladenden Schutzdach des hohen Kalkfelsens, wo die uralte Lorde Obdach gefuiiden, herrscht Bestürzung, Grauen rmd Furcht: ihr Führer, dem der Löhlenbär mit bösen Tatzenschlagen die Schulter aufriß, liegt plötzlich, nach tagelangem Toben im Wundsieber, unbeweglich, kalt und stumm vor ihnen! Schläft er? Sie warteri und warten, ob er erwache, aber er bleibt steif und still, seine Augen starren geradeaus, aber keinen blicken sie mehr an! And allmählich beginnt der Körper sich zu verfärben. Es ist etwas anderes als der Schlaf! Was aber? Etwas fehlt, ein rätselhaftes Etwas, Das vorher da war und nun entschwunden ist. Vielleicht kehrt es doch noch wieder.... guült, belästigt die Lorde, wie es der Lebende oft genug getan hat! Jedenfalls ist cs etwas, wogegen man sich schützen muß! ____
Und so holen diese primitiven Menschen Riemen und -Lierhaut aus der Löhle, mit denen sie sonst die Felle der erlegten Tiere um ihren Körper befestigen, und beginnen, den Toten zu fesseln. Liber seine Gliedmaßen sind längst erstarrt. Sie brechen sie, daß die Gelenke krachen und schnüren sie dicht an den Körper heran, so daß das Kinn auf den Knieen lagert und eine Figur in Lockerstellung entsteht. Sie kratzen die Erde weg, legen den Toten in die flache Löhlung und schleppen schwere Steine herbei, die sie aufihn wälzen—in der Nähe ihrer Löhle aber, und den Kopf des Toten dem Löhleneingang zugewandt, damit sie ihn stets unter Aufsicht haben. Erleichtert atmen sie auf in dein Gefühl, daß er ihnen nicht mehr schaden, nicht mehr zurückkommen, und, wie wir jetzt sagen, „umgehen" kann! And sie wenden sich wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Jagd, zu.
Diese Furcht vor dem Tode und den Toten, vor dem unerklärlichen Vorgang des Ablebens, hat die ganze Erde, überall wo Menschen «oebnen, zu Kockerbestattungen geführt und tut es bei einzelnen Maturvölkern noch. Beängstigende Träume, welche diese unkomplizierten Gehirne nicht von der Wirklichkeit zu unterscheiden vermochten, schufen Verwirrung und Furchtvorstellungen. Schlug einem von ihnen ein stürzender Ast oder Stein gegen den Kopf und verursachte eine Ohnmacht, so kehrte doch nach einiger Zeit das Bewußtsein wieder, und alles war tvie sonst! In dein Menschen mußte sich also etwas befinden, was beim Tode heraustrat. In der Altsteinzeit mochte mehr die Vorstellung herrschen, daß der Körper selbst wieder auferstehen und umgehen könne. Langsam erst !vird sich der Begriff des Geistes im Körper gebildet haben, der am Entweichen und damit am „Amgehen" und Anfugtreiben gehindert werden sollte. Daher würben auch vielfach, wie noch heute bei wilden Stämmen, alle Körperöffnungen sorgfältig verstopft, ehe man zur Fesselung und Amschnürung schritt. Wahrscheinlich laufen dabei mehrere Vorstellungsreihen neben- und durcheinander her. Von Wilden haben die
in vermehrtem Maße auftreten, weil die höchsten Wolkenschichten im Lustmantel der Erde, die Cirruswolken, von den ultravioletten Strahlen der Sonne elektrisch geladen werden. Diese Cirrus- tootten, deren Läufigkeit mit derjenigen der Sonnenflecken parallel läuft, sind aber, wie neuerdings festgestellt wurde, die Voraussetzung dafür, daß sich überhaupt ein Gewitter entladen kann.
. Nicht nur die zahlreichen wundervollen Polarlichter, die während des letzten Winters und sogar noch imMärz wahrgenormnenwerden konnten, sondern auch der Gewitterreichtum dieses Sommers darf mit aller Bestimmheit als eine Auswirkung der erhöhten Sonnenfleckentätigkeit bezeichnet werden. Wir haben einen verregneten Sommer hinter uns und werden, da die Fleüenblldung bis 1928 eine wachsende Tendenz zeigt und dann noch etwa zwei Weitere Jahre äußerst spürbar bleiben wird, noch bis zum Jahr 1930 mit regenreichen Sommern zu rechnen haben. Diese Auffassung Wird auch von mehreren hervorragenden amerikanischen Gelehrten geteilt, von denen, wie berichtet wird, einige auf Grund von langjährigen Beobachtungen der Sonnenfleckenperioden eine umwälzende Aenderung in den Wärmeverhältnissen der Erde vorausberechnet haben. Die Erzählungen von der bevorstehenden LAreder- kehr einer Eizseit sind selbstverständlich ins Reich der Fabel zu verweisen, da derartige Vereisungsperioden sich in Zeiträumen, die sich über viele Jahrtausende erstrecken, vorher ankündlgem Wohl aber sind, wenn unsere Lufthülle jahrelang außerordentlichen kosmischen Einflüssen ausgesetzt bleibt, Klimaschwankungen und -Veränderungen eine selbstverständliche und naturnotwendige Folge, und mit dieser Tatsache haben wir uns, wenigstens für einige Jahre, abzufinden, bis die Sonnenfleckentätigkeit wieder dasMimmum erreicht.
Daß die elektro-magnetischen Fernwirkungen der Sonnenflecken häufig auch Störungen im Telegraphenbetrieb herbeiführen, ist eine längst bekannte Tatsache; neu, wenn auch nicht überraschend, ist dagegen die Erfahrung, daß auch Rundfunkübertragungen auf große Entfernungen durch Sonnenfleckenwirkung empfindlich gestört werden können. Beobachtungen biefer Art würben in Nordamerika am 26. Januar v. I., unb am 9. März b. I. gemacht, als große Flecken in ber Mitte ber Sonnenscheibe austauchten. Die verschiebenen Fachzeitschriften für Rundfunk haben übrigens schon gelegentlich auf biefe eigenartigen Zufammenhänge zwischen Sonnenflecken unb Rabiostörungen aufmerksam gemacht. Genauere Beobachtungen gerabe biefer Störungen können dazu beitragen, die kosmischen Wirkungen ber Fleckentätigkeit genauer zu erkennen, da nur im Zusammenwirken aller Kreise das seltsame Phänomen ber Sonnenflecken in seinem Wesen unb seiner Auswirkung ganz erfaßt unb gebeutet werben kann.


