Ausgabe 
30.11.1926
 
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den Memerbrib

und das Helle

Siebenunddreitzig Stunden von Bord und stsbenunddreitzig Stunden aus der Welt. . . . ,,

Die Tochter uom Kommandanten i|t gerade im Flur, als jie jemand auf der treppe hört, der die Schelle nicht finden kann. «ie ist nicht ängstlich und macht auf. Da sieht sie einen nassen Menscyen stehen, fährt erst mit der Hand zurück, schreit dann und fangt an zu heulen, hängt fiel) b'cm kleinen ulten Kerl an den Hals:Ihr, Jung5 hoff, seid wieder da!" r .... .

Schon hat's in den Zeitungen gestanden, daß ihn endlich das Meer geholt hat: und da ist er doch wieder mit seinen li,t>gen Augen. Sie bringt ihn zum Kommandanten ins Zimmer. Und Klaus Hinrich Ringhoff trinkt einen furchtbar steifen Grog, und trockene Kleider und Betten sind da für ihn und seine Jungen, so gut, wie sie keiner von ihnen braucht. Sie könnten auf einem Steinhaufen

schlafen. . , .

Am andern Nachmittag kommt er zuruck auf sein ElbleuchlMss Nummer zwei. Und der Kapitän,' der ihm aus seinem heißen Kops ' 'es geschrieben Hal, steht da und drückt ihm die Hand, Freudcnwasler läuft ihm Aber das junge Gesicht.

Dsv MLirchsn--AnDLefLN.

Bon Herbert E u l e n b e r g.

Ein neuer Band derSchattenbilder" von Herbert Eulen­berg erschien unter dem TitelSterblich Unsterbliche" bei Bruno Cassirer in Berlin. Er enthält unter anderem das fol­gende Andersen-Märchen.

In den Zeiten, da die Menschen noch an das Märchen vom Storch glaubten, geschah es einmal, das; einer von diesen langbeinigen weißen und weisen Vögeln auf dem Dach eines ganz armen Scyuh- machers Rast machte. Das war auf der dänischen Insel Fünen. Und zwar in deren Hauptstadt Odense. Der Bogel, der sich auf seiner großen Frühlingsreise befand, wollte hier nur ganz kurz verweilen. Er gedachte nach Seeland hinüberzufliegen, wo er vor einem Jahre an einem Fjord oder See geboren war. Nicht weit von der großen Stadt Kopenhagen, dem Mittelpunkt und Hochsitz aller dänischen Ge­lehrsamkeit und Klugheit. Nein, Odense war entschieden ein z-.r kleines und unbedeutendes Nest für ihn, der Kopenhagen kannte.

Während der Storch schon seine spitzen Flügel lüftete, um bald die kurze Strecke Richtung Nyburg quer über deii Großen Belt nach Seeland zurückzulegen, vernahm er in dem Hause unter sich plötzlich das Wimmern eines kleinen Kindes, das soeben dem armen Schuh­macher und seiner Frau geboren war. Dies feine Geräusch weckte in der lichten Brust des Vogels ein ganz eigentümliches Gefühl. Es erinnerte ihn an die schöne Zeit, da er selber noch mit vier Ge­schwistern traulich in einem Nest geruht und sie allesamt zu fünfen eine Art Zwitschern hervorgebracht hatten. Späterhin im Leben war ihm diese zarte Stimme ganz verlorengegangen. Und er konnte stumm nur noch mit den- Kiefern zusammenschlagen undklappern", wie es die Menschen nennen.

Ms er dies gerade wieder ein paarmal versuchte, kam plötzlich die Störchin, die ihn schon mehrfach umkreist hatte, herangeflattert. Da verging dem Storch selber jählings die Lust, noch weiter zu fliegen. Und es begann sich in ihm jenes eigenartige Empfinden zu regen, das die schwatzhaften Menschen wiederum mit dem vielsagen­den AusdruckLiebe" umschreiben. Er beschloß ohne weitere Er­klärung, zusammen mit seiner Störchin hierzubleibcn. Und sie rich­teten sich alsbald, unbekümmert um die Mietvorschriften des Landes, auk dem First des Daches ein. Während sich nun zu diesem Paar all­mählich vier kleine Störche gesellten, die zwitschernd aus vier weißen, nur acht Zentimeter langen Eiern hervorgekrochsn waren, entwickelte sich unter dem Dach, auf dem sie alle thronten, in dem Hause der kleine Knabe dessen Quäken eigentlich den Storch hier festgehalten hatte, zur allseitigen Zufriedenheit. Er lag in einer Wiege, die sein Vater selber zusammengezimmert hatte. Und zwar mar zu diesem ungewohnten Werk von dem armen Schuhmachervater ein hölzernes Gestell verwendet worden, das kurz zuvor den Sarg eines ver­storbenen dänischen Grafen Olaf getragen hatte. Noch hingen davon schwarze Tuchreste an den Brettern der Wiege. Ob es dieser düstere Trauerstoff war, oder ob in dem zarten Knäblein schon eine Ahnung aufkeimen mochte, daß dies menschliche Dasein, das auf ihn wartete, nicht mit lauter Rosen ausgeschlagen sein werde, jedenfalls weinte es fick; erst tagelang in dies Leben hinein, also daß der Pfarrer, der ihn in der Sankt-Knuts-Kirche taufte, ärgerlich meinte:Der Junge schreit ja wie eine Katze."

Als das kleine Knäbchen etwas kräftiger geworden war, wurde es wohl von seiner Mutter oder Großmutter an die Sonne gebracht. Das heißt oben neben dem Dachboden, wo in einer Rinne der Garten der Familie blühte. Dieser Garten bestand aus einem großen hölzernen Kasten, in dem Erbsen und andere Küchenkräuter wuchsen, aber auch ein kleiner Rosenstock duftete. Hier oben war das Kind Andersen in seiner schwarzumflorten Wiege, aus der es im Grunde sein ganzes Leben lang nicht hernuskommen sollte, dem Storch und den ©einigen, bedeutend näher als unten in der Schuhmacherstube, in der es nach Leder und Arbeit roch. Hier auf der Dachrinne, den Wolken und dem Mond benachbart, hörte der Knabe zuerst, wie der Storch seinen Jungen, die viel schneller heranwuchsen als das Men­schenkind, Märchen vorklapperte, Märchen und Reisegeschichten, die der Vogel auf seinen Flügen nach dein Süden und nach den Men­schen erlebt hatte, die noch viel brauner waren als die spanischen Soldaten, die sich eine Zeitlang auf der Insel Fünen herumtrieben. Diese Geschichten klangen dem Knaben noch weit schöner in der Er­innerung nach als Holbergs Komödien ober die Erzählungen aus

Tausendundeiner Nacht, die ihm, als er die Meisschensprache ver­stehen konnte, sein zärtlicher Vater aus alten dänischen Büchern vor- las. Ja, das Kind mußte noch mit Sehnsucht an diese fremdartigen Storchgeschichten zurückdenken, als der Vogel samt seiner Brut langst wieder fortgezogen war in seine heiße Heimat, und hier im Norden keine anderen Blumen mehr blühten als die Eisblumen an den dick zuoefrorenen Fensterscheiben. Die hatte dem Jungen dann sein eigener kränkelnder Vater erklären müssen. Denn der Storch sah jetzt auf einer wild duftenden Rosenhecke in Aegypten ober Kleinasien. Der arme Schuhmacher aber hatte hustend seinem Sohn die Frostgebilde an den Fenstern gezeigt und ihn besonders auf eine dieser Formen aufmerksam gemacht, die einer Jungfrau mit nusgebreiteten Armen ähnlich fah, und dazu bemerkt:Die Eisjungfrau wird mich wohl bald holen." Und das ging nur zu schnell in Erfüllung. Der Vater starb früh. Die Mutter muhte zu fremden Leuten waschen gehen. Und der Kleine, blieb allein zu Haus. Nähte Puppenzeug und spielte Theater mit sich. Und als die junge Storchengesellschaft, die mit ihm geboren war, wieder einmal an dem Hause oorüberftog und ihren Altersgenossen sah, da klapperte sie ganz höhnisch:Der Junge ist ja ein Mädchen geworden." Als der kleine Andersen dies vernahm, da wurde ihm ganz traurig zumute. Es war ja wahr. Er hatte em mimoseiizartes, überempfindliches und fast weibliches Gemüt, wie die Prinzessin auf der Erbse, dis durch zwanzig Matratzen und zwanzig Eiderdaunenkissen noch die harte Erbse auf dem Boden des Bettes merEte. Nie hatte er auch mit den anderen Knaben gespielt. Und in der Tuchfabrik, in der er kurze Zeit tätig gewesen war, hatten ihn die Gesellen wegen seiner hohen Sopranstimme verspottet. Nun wollte man einen Schneider aus ihm machen, weil er so gut Puppen- fleiber aus Lumpen zusammennähen konnte. Aber auch dies schien dem scheuen Knaben nicht sein wahrer Berus zu sein. Was wollte er nun werden, er, von dem die Leute noch nicht einmal mußten, ob er ein Knabe ober ein Mädchen war?

In quälenden, sorgenvollen Gedanken war der Junge wieder ein­mal zu der Dachrinne emporgeklettert, wo er als Kind so oft gelegen hatte. Vielleicht, daß der Wind muhte, was aus ihm werden sollte? Er unterhielt sich jetzt häufig mit dem Wind, der ihm schon allerhand Geschichten von Waldemar Vaa lind seinen Töchtern zu erzählen anfing. Der junge Andersen hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, der noch von Großmutters Tagen hier herumstehen mochte. Er streckte eine langen Beine vor sich und beschloß einzuschlummern, wie es der Wind anscheinend schon tat. Denn er schwieg, und es war ganz herbstlich still über den Dächern. Und siehe, es geschah, daß der alte Storch, der ihn ehemals über feinen weinerlichen Einzug in die Welt klappernd beruhigt hatte, wieder des Weges einherzog. Er kannte sogleich den kleinen Jungen von früher wieder, wiewohl er letzthin sich aufs neue in der Nähe von Kopenhagen zur Erweiterung seiner Wissenschaften aufqehalten und nur mit großen weltwichtigen Singen abgegeben hatte. Da er sah, wie die Wolken der Unentschlossenheit ihre Schatten auf die offene Stirn des Knaben warfen, klapperte er ihm schnell wieder etwas vor und tröstete ihn als alter Wahrsager: jDu wirst ein großer Mann werben, mein Kind, und dies dein

Heimatnest wird einst ein Freudenfeuer für dich abbrennen und dich zum Ehrenbürger ernennen. Und ganz Dänemark wird dich feiern. Und seine ersten Männer werden freundschaftlich mit dir stehen wie du mit dir selber. Und du wirst dem Theater dienen, bevor du die Dichtkunst freist, wie Jakob erst um Lea bienen mußte, ehe ihm Rahel zuteil würbe. Unb beine Stücke werden aufgesllhrt werben. Und selbst deine wenigen Feinde werden davon urteilen-es wäre beinahe ein Erfolg gewesen. Und du wirst die Welt bereisen wie ich. Und alle gebildeten Menschen werden deinen Namen nennen."

Da mußte der Knabe laut lachen im Schlaf. Und er streckte träu­mend die Hand in die Höhe, als wollte er schon nach dem Lorbeer greifen. Der Vogel flog, durch die Bewegung erschreckt, von dannen in die blaue Luft, die über dem Kleinen Seit stand. Von dem Schwirren seiner Flügel aufgewacht, rief der junge Andersen ihm angstvoll nach:Was soll ich nun werden? Sprich!" Und aus dem Himmel kam die Antwort:Was du werden sollst: Den einen nichts, den andern viel: Ein Märchenerzähler, nur ein Dichter!"

SonnenstTÄstt und Ws tTvitterung.

Von vr. Friedrich Krüger.

Unsere Sonne befmbet sich seit etwa Jahresfrist wieder einmal in einem Stadium der erhöhten Sonnenfleckentätigkeit. Wie bekannt, ist diese Fleckentätigkeit eine gesetzmäßig wieder­kehrende Erscheinung. Im Zeitraum von etwa ll*/3 Jahren nehmen die Sonnenslecken allmählich zu und erreichen nach einer bestimmten Zeit ihr Maximum, um dann allmählich wieder fast ganz zu ver­schwinden. Gegenwärtig befindet sich unsere Sonne auf dem Weg zum Maximum, das in etwa zwei Jahren erreicht sein wird. Die neue Fleckenperiode wurde vor genau einem Jahr (im November 1925) durch das Auftauchen zweier großer Sonnenslecken eingeleitet, die im Januar und Februar (da die Sonne sich in etwa 28 Tagen einmal um ihre Achse bewegt) erneut gesichtet wurden. Im Sommer, im September und im Oktober dieses Jahres hat man wiederum gewaltige Sonnenfleckengruppen festgestellt, die so groß sind, daß fünfunddreißig Erdkugeln bequem darin Platz finden würden. Es handelt sich bei diesen Flecken um ungeheure Wirbelstürme, die eine außergewöhnliche elektromagnetische, Fernwirkung ausüben und nicht nur den Luftmantel der Erde beeinflussen, sondern auch empfindliche erdmagnetische Störungen herber- führen. Man weiß seit längerer Zeit, daß mit dem Auftreten großer Flecken auch die Zahl der Polarlichter zunimmt und daß Gewitter