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Seelenfreunbfchaft mit dem Maler. Die hat nie Einzelheiten van ihm erzählt. Bei meinem Großvater, ihrem Bruder, hingen gute Reproduktionen der Odyssee, jedesmal, aber auch jedesmal, so oft sie ihn besuchte, und das geschah des öfteren in der Woche, schritt sie die Front der Bilder ab, während sie die Malocchio-Finger über die dünne goldene Uhrkette gleiten ließ. Sie schwieg dabei und schüttelte wohl bisweilen bewundernd den Kopf. Das dauerte eine Viertelstunde.
Endlich saß sie allein in ihrem Stübchen, stand um fünf aus und legte sich um Zwölf zu Bett, besorgte sich bis in die letzten Tage ihr Krämlein und las. „Ich lerne jeden Tag noch etwas Neues! Da bleibt man jung", sagte sie lachend, eine wunderschöne Greisin mit stolzen, aber nirgends scharfen Zügen, als ich sie nach ihrem Jungbrunnen fragte, und dann konnte sie über Wölfflin sprechen oder Dehmel, den sie gar nicht mochte, wie denn ihr Haß so jung wie ihre Liebe blieb. Zu . einem Fest bei uns kam sie, da wurde getanzt; und sie, juft achtzig geworden, ergriff meine Großmutter an der Hand, und die beiden tanzten leise ein Menuett, bis wir langsam aufhörten und nur noch zusahen. Dann klatschten wir mächtig, und Constanze dankte mit dem schönsten Hofknicks, nicht ohne Ironie, aber doch ihrer Anmut wohl bewußt, und nicht ein bißchen geschmeichelt; das war sie ganz und gar. So seh ich sie immer, wenn ich an sie denke.
Bor einem Jahrzehnt starb sie, in diesem Jahre wäre sie hundert geworden, wenn nicht ein paar Aerzte eine Balggeschwulst für Krebs genommen und sie operiert hätten. Beim Tannenberger Siege noch soll sie vor Stolz fast zersprungen sein.
Das ist vorbei.
Es ktehen keine Wachsstöckchen mehr auf meinem Weihnachtstisch.
Aber drinnen brennen sie lichterloh und werden — wunderlich — gar nicht kleiner, sondern immer größer.
Vorbei — ein dummes Wort!
Das LächsZn der Madonna.
Bon Willy Kirch.
Jedem, der die Frauenklinik Dr. Holmelms betrat, fiel im Eingangsraum die große steinerne Madonna auf, die, ein gotisches Meisterwerk, in edler Haltung mit einer Krone auf dem Haupte dastand und mit lieblichem Lächeln auf das Kindlein, das an ihrer Brust lag, blickte. Diese Madonna sowohl als auch die zwei großen farbigen Reproduktionen von zwei berühmten alten Madonnenbildern, die gerahmt an einer Wand zur Rechten hingen, ließen den fremden Besucher den Eindruck eines geistlichen Hauses gewinnen. Auch die Blicke der beiden Herren, die am Weihnachtsabend diesen Raum durchquerten, glitten wieder mit Befremden darüberhin, obgleich die beiden keineswegs zum erstenmal daS Haus betraten. Sie waren im Gegenteil als alte Freunde Dr. Holmelins sehr ost zu Gaste hier. So hatte der Doktor, der Witwer war, auch heute am Weihnachtsabend die beiden Junggesellen, eilten Kaufmann und einen Rechtsanlvalt, zu einer kleinen, gemütlichen Feier zu sich eingeladen.
Die alte Wirtschafterin empfing die schon erwarteten Besucher und führte sie ins Zimmer mit dem Bemerken, daß der Doktor noch beschäftigt fei. Es herrschte wohlige Wärme im Raum und ein kleiner Christbaum wehte weihnachtlichen Tannenduft durchs Zimmer. Die Freunde machten sichS bequem und nahmen in den weichen Ledersesseln Platz, ivährend die Wirtschafterin ein hübsch gedecktes Tischlein mit Gläsern und Gebäck hereinschob und eine dampfende Punschterrine in die Mitte setzte.
Gleich darauf kam Dr. Holmelin, ein schlanker Vierziger, mit einem etwas weichen Gelehrtengesicht und einer großen, schwarzen Hornbrille. Er begrüßte lebhaft seine Gäste und zündete die Kerzen des Weihnachtsbäumchens an.
Rach Austausch einiger Geschenke saßen bald die drei beim Punsch vereint und plauderten. Doch war es fast nur Dr. Holmelin, der sprach. Die beiden anderen toaren sichtlich nicht besonders aufgelegt zum Reden. Das Gesicht des jungen Kaufmanns war versonnen und verriet die etwas sentimentale Stimmung, die den Junggesellen leicht am Weihnachtsabend überkommt. Der Rechtsanwalt dagegen zeigte mehr ein spöttisch überlegenes Lächeln. Er haßte, wie er selber sagte, diesen Weihnachtsrummel, fand ihn dumm und albern. Er war nur gekommen, weil in seinem Stammlokal heute doch nichts los war. Ganz anders war der Doktor. Auf seinem Antlitz lag ein heller Schein von Glücksgefühl und wohliger - Zufriedenheit. Etwas Strahlendes ging von ihm aus, das schließlich auch ein wenig auf die andern Übergriff. Der starke Punsch tat seine Wirkung, und die Unterhaltung wurde lebhaft.
Der Rechtsanwalt, dessen Augen bei der Wanderung durchs Zimmer aus dem gerahmten Bilde einer Madonna an der Wand haften geblieben waren, warf in einer Pause des Gesprächs plötzlich eine Frage ein, die er schon lange hatte stellen wollen.
„Warum eigentlich", wandte er sich an den Doktor, „umgeben Sie sich überall in ihrem Hanse mit diesen Heiligenbildern. Man möchte fast meinen, daß ein Theologe an Ihnen verloren gegangen sei, obgleich mir nicht erinnerlich ist, Sie jemals auf dem Wege zur Kirche gesehen zu haben."
Der Doktor schwieg aus die Frage, nur ein Lächeln spielte fein um seine Lippen, und der Glanz, der vorher schon auf seinem Antlitz lag, verstärkte sich. Nach einer kurzen Stille, während der die beiden fragend auf den Doktor blickten, stand dieser plötzlich auf und schritt zur Wand. Behutsam nahm er dort das Bild herab und kehrte damit an den Tisch zurück, räumte hier ein wenig das Geschirr beiseite und stellte vorsichtig das Bild so auf den Tisch, daß es, nach hinten angelehnt, von hellstem Licht bestrahlt, den Gästen gegenüber stand. Es war eine ausgezeichnete Reproduktion jenes Jnnenfkügels vom
Jsenheimer Altar mit der unendlich lieblich lächelnden Madonna Meister Grünewalds.
Der Doktor setzte sich wieder.
„Haben Sie jemals einen Menschen so lächeln gesehen?", wandte er sich dann nach kurzem Schweigen an den Rechtsanwalt.
Der Gefragte beugte sich minutenlang zum Bild herab.
„Rein", kam etwas spöttisch, fast belustigt seine Antwort. „Menschen lächeln nicht so", fügte er bann ernster werdend noch hinzu. — Der Kaufmann aber schwieg befremdet und wußte augenfcheinlich überhaupt nichts Rechtes darauf zu erwidern.
Der Doktor lächelte und schien befriedigt. Eine Weile war noch Schweigen, bann stand er plötzlich auf und ging hinaus. Nach wenige» Minuten tiefster Stille erschien er wieder in der Tür und winkte wortlos seinen Güsten, ihm zu folgen.
Er führte sie durch einen langen Flur, der mit einem roten Läufer ausgelegt und matt erhellt war. Vor einer Tür am Ende blieb et stehen, machte den verdutzt ihm Folgenden ein Zeichen, ganz still zu sein, öffnete lautlos die Tür und lüftete ein wenig den schweren Vorhang, der von innen noch die Tür verdeckte.
Das Auge fiel, zunächst vom Schein der Lichter eines Christ, baums geblendet, auf ein Bett, in dem halbaufgerichtet eine junge Frau mit einem nackten, kleinen Kindlein in den Armen ruhte. Eine Wöchnerin, die wohl erst vor ganz kurzer Zeit die schwere Stunde überstanden hatte und unterm Weihnachtsbaume nun zum erstenmal ihr Kindlein sah, das eine Schwester, die lächelnd im Hintergrund des Zimmers stand, ihr eben in die Arme hineingebettet hatte. Der feierliche Schein der Kerzen warf ein goldenes Licht auf das Gesicht bet jungen Mutter. Das aufgelöste blmtbe Haar fiel goldbestrahlc in langen Wellen auf ben rosig runden Leib des kleinen Wesens nieder. Mit zarten, noch vom Leide wächsernen und wie zerbrechlich schlanken, schmalen Fingern hatte sie das kleine Köpfchen zu sich auf gehoben. Aus ihrem Antlitz aber stand ein Lächeln von so unenblid, reinem, innerem Beglücktsein, daß die entzückten Augen bet Lausche i Hinterm Vorhang leben big jenes Bild der lächelnden Madonna zu sehen glaubten.
' Der Doktor schloß den Vorhang wieder und führte ferne ®dfu zurück ins Zimmer. Es luar, als sei auf den Gesichtern der drei Menschen etwas von dem Glanze jenes hellen Bildes haften geblieben. Still herrschte, nicht betretenes Schweigen, silberklangerfüllte, lichte Still!
„Muß ich noch den Grund des Hierseins dieser Heiligenbilder nun erklären?" unterbrach dann Dr. Holmelin das Schweigen.
„Ich will nur noch erzählen, wie ich einst zu dem Beruf des Frauen arztes kam. Keine lange Geschichte, ein paar Worte nur. —
Auch ich verlor einmal den Glauben an die Menschen und an Uj Lächeln. Warum, das ist ja gleich, es war die ewig alte, sich immer wiederholende Geschichte. Ich war Student. Ein Weihnachtsabend wats wie heute. Ich haßte damals auch den Weihnachtsrummel und irrte einsam-durch die Straßen, flüchtete aus einem Kaffee wieder, weil mich ein spöttisch arrogantes Lächeln traf und innerlich verletzte. Mir schien es damals, als hätten alle Menschen ein ganz besonders höhnisches unb dummes Lächeln aufgesteckt. Zerfallen mit mit selbst und allem Leben irrte ich umher. Da rief mich eine Stimme plötzlich an. Es war ein alter Freund von mir, ein junger Mediziner, der Assistent in einer Frauenklinik war. Er sah wohl, >oie es um mich stand und lub mich ein, den Abend doch bei ihm im Kreise seiner Eltern zu »erbringen. Ich lehnte ab unb wollte weitergehen, doch er ließ nicht locker, faßte mich am Arm unb zog mich mit sich fort. Er wollte schnell zur Klimt noch, um sich zu überzeugen, ob alles bort in Ordnung sei. Er nahm »sich mit, unb willenlos ließ ichs geschehen. Ich tvandelie dann aus den Flur der Klinik auf unb ab, unb wartete auf ihn.
Ich weiß noch, wie bie feine Stille unb ber leise Schritt der Schive ftern, jene Ruhestimmung bet Genesung, mich gefangen nahmen. Dann kam mein Freund zurück unb tointte mich heran an eine Tür, aus der er kam. Er lüftete ben Vorhang, so wie ich vorhin, unb ließ mich in bas Zimmer blicken. Ich sah bas basselbe wunbersame Mlb,bas Sie soeben faben. Ich sah zum ersten Male jenes Lächeln der Mabonna, bas tvic ein Weihnachtswunber aus mich wirkte. Ich stand gebannt, beglückt. So hatte ich das Lächeln eines Weibes nie gesehen.
Der Abend, den ich dann in ber Familie meines Freundes verlebte, war bet schönste Weihnachtsabend meines Lebens. Ich sah ein Lächeln überall, es war vor meine Füße hingefallen wie ein blitzender Reif. Ich war beschenkt wie das Kind mit den Sterntalern im Märchen. Der ganze Abend war erfüllt von diesem Lächeln, und der Entschluß, Frauenarzt zu werden, stand in mir fest. Ich mußte dieses Lächeln Wiedersehen, immer um mich haben. Ich wollte Helfer sein -zu diesem Lächeln.
Ms ich damals wieder in ein Museum kam, das ich oft besuchte, da blickte ich mit anderen Augen auf die herrlichen Madvnnenbilber alter deutscher Meister, an denen ich vorher gleichgültig vorübergegangen war. Das Lächeln ber Madonna war mir znm Erlebnis geworden, so wie den Künstlern, die es schufen in ihren Bildern. Ich liebte sie von nun an alle diese stillen, herrlichen Madonnen, die in den Gewölben bei Museen stehen und lächeln, lächeln für den, ber dieses Lächeln zu e> leben vermag.
Es ist etwas Seltsames um das Lächeln der Menschen", fuhr Dr. melin fort, „sie lächeln so leicht, so oberflächlich, so bedeutungsw gefallsüchtig ober dumm, gewinnenb ober verletzend, es gibt vielte . nur ein Wahrhaftes Lächeln, das Weihnachtslächeln, das Lächeln b>. Mutter, die beglückt zum erstenmal ihr Kindlern sieht."
Der Doktor stand auf und holte eine Mappe herbei, schlug sie a> und legte Leonardos Gioconda auf den Tisch.
„ Sie sehen", fuhr er fort, „viele Künstler haben das Lächeln des Meu scheu gestalten wollen, aber nicht alle haben cs schaffen können, dieses


