Gießener zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
IahrgangHb " Vienstagden 28. Dezember Nummer Ivh
sie werde
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Weihnachtsbaum.
Won Ada Christen.
Hörst auch du die teilen Stimmen Aus den bunten Kerzlein dringen?
Die vergessenen Gebete
Aus den Tannenzweiglein singen?
Hörst auch du das schüchternfrshe, Helte Kindertachen klingen?
Schaust auch du den Men Enget Mit den teilten, Meißen Schwingen?
Schaust auch du dich .selber wieder Fern und fremd nur wie im Traume? Grüßt auch dich mit Märchenaugen Deine Kindheit aus- dem Baume? . . .
Tante Constanze.
Von Wolfgang Go e tz.
der Biedern,eier leibhaftig zu fühlen meinte, nicht die uralten, » wichtigen Schränke, noch auch die alten dunklen Bilder wenig b, kam,ter Maler aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die fo hell leuchten, wenn man sie reinigt, nicht fehlte das Post- und Reifespiel, auf dem noch wirklich die Postkutsche fuhr. Bilderbücher waren da mit ausgeschnittenen Bilderbogen, die viel schöner waren als unsere, nur ein wenig fremd, aber gerade darum vertraut. Auch das Spukige fehlte nicht: die Wackelmadame. Das war ein graues Weiblein aus Holz das mit dem Kopf nicken konnte. Und merkwürdige goldene Berl'ocks, tlelne Händchen aus Korallen, die den Malocchio abwehren sollten, und die dünne Uhrkette, an benen die klirrenden Kleinigkeiten hingen, ließ Tante durch ihre Finger gleiten, die selber gestellt waren wie bei den Italienern, wenn sic dem bösen Blick begegnen.
Ich.weiß nicht, warum sie sich gegen den so energisch wehrte, war sie doch eine aufgeklärte und kluge Person, die das Leben nahm, wie es ist, und sich ihre eigenen Gedanken über das machte, was sie wahrnahm, und das war nicht wenig. Es ist eine reine Spekulation von mir, wenn ich diesen leichten Aberglauben qu* eines ihrer ersten Erlebnisse zurückführe. Das war an den Dutzendteichen bet Nürnberg gewesen, und ihr »ater und Onlel hatten den Professor Daumer begrüßt, der mit einem Jüngling zu ihnen trat. Der Junglmg nut den traurigen Augen, der etwa, sechzehn Jahre sem mochte, hatte bald die Freundschaft der um zehn Jahre jüngeren Constanze gewonnen, man hatte sich oft getroffen, und der Jüngling sagte: Manzchen mit dir ach ich am liebsten, du machst so kleine Schritte! Viel mehr wußte Tante Constanze nicht von ihm zu erzählen, sie lachte nur spater dabei ein stilles, freundliches Lachen, das von unbekannten Heiter- leiten zu wissen schien, und es wäre gar mchtsandieser Gefchichte, wenn der Jüngling nicht seinerzeit Europa, |g die Welt lnatemioies Staunen versetzt hätte als aenigma temporis E: es war Kaspar Hauser. Als dann die Rachricht kam von dem Ansbacher Dolchstoß,
Als tch noch Kind war, standen zu Weihnachten immer zwei kleine Wachsstöckchen, bunt, einfältig und treu neben den Spielzeugen, den Bleisoldaten, auch noch neben den Büchern, rechts und links. Ich wäre sehr erbittert gewesen, wenn sie gefehlt hätten. Meine Großmutter schenkte sie mir immer, sie hielt es für dringend geboten, dem Enkel diese prometheischen Pyramidlein zu schenken, obwohl sie selber ein bißchen darüber lachte. Anzufangen wußte ich, der ich nun schon im erleuchteten Zeitalter des Gases heranwuchs, nichts mit diesen nun spielerisch gewordenen Resten einer weiten Vergangenheit. Zu fragen traute ich mich lange Zeit nicht: die Großmutter nicht, weil ich sie vielleicht verletzt hätte, bei den Eltern klopfte ich nicht an: die hätten Zweifel in meine Bildung gesetzt, was mir peinlich gewesen wäre.
So fragte ich Tante Constanze. Und sie, die sonst voller Schnurren und Erzählungen stak, strich mir über den Kops und sagte, nicht böse, auch nicht abweisend, ober fremd: „Das ist vorbei!' So habe ich nie erfahren, was man früher mit den Wachsstöckchen angestellt hat, und noch heute kann ich es mir nur einigermaßen zusammendenken. Aber das Wort der Tante Constanze, dieses: „Das ist vorbei!" klang mir seltsam und klingt noch heute nach, denn als ich später bei Goethe zu meiner Freude erfuhr, daß Borde! ein dummes Wort ist, fiel mir ein, daß zwischen Tante Constanze und den Wachsflöckchen eine wunderliche, geheimnisvolle Beziehung webte.
Eines Tages, als ich zum erstenmal Tonte Constanzes Wohnung iah — ich ljatte sie oft besucht, aber man sieht erst viel später Ser« artiges zum erstenmal —, mußte ich gleich denken: Ja, wo sind denn die Wachsstöckchen'? Es sehlte sonst nichts in dieser stillen Wohnung einer Einsamen. Die hohen Stühle mit den schrecklichen Lehnen, in denen man so steif sitzen mutzte, daß man die Stege an den Hosen ä,,,. »hiwmwpr leihhaftia aii fühlen meinte, nicht die uralten, ge-
roar sie in den Garten gegangen, in der „Wage" zu Leipzig, hatte sich unter die Akazie gesetzt und hatte bitterlich gemeint.
Wenig nachdem der Urgroßvater ins Zimmer getreten war und sich weinend in einen Stuhl geworfen hatte: „Goethe ist tot. , 'ßs wurde viel geweint damals, und In der „Wage zu Leipzig besonder«. Des Abends versammelten sich die Geschwister dort mit ihren Freunden und lasen sich Jean Paul vor, während Stanzcheir und der kleine Ferdinand, der später ein Turnvater wurde, im Nacht- Hemdchen an der Tür den Watten des Großen aus der Wunsiedelet lauschten, bei dem die drinnen im lichten Saal Zähren vergossen ober laut auflachten oder sich, gerührt von den edelsten Gefühlen, in die Arme sanken und selbstvergessene Küsse reiner Menschenliebe tauschten, was den beiden Spähern viel Bergnügeu bereitete.
Und bann die Geschichte mit dem Flügel! Urgroßvater Ober- zollinspektor konnte sich endlich ein Klavier kaufen, dasselbe Klavier, das bei der neunzigjährigen Constanze noch immer treulich dien«. Es war ein altes Klavier, zu einem neuen reichte es bet Oberzollinspektors nicht, und man war sich über die Qualität nicht einig. Wozu aber hatte man denn in Leipzig die Gewandhauskonzerte und einen dazugehörigen Kapellmeister? Der wurde denn gerufen, kam auch, lobte das Instrument, und es gefiel ihm so, daß er eine ganze Stunde darauf phantasierte. Da sah die ganze melköpftge Familie und hörte dem Kapellmeister Mendelssohn-Bartholdy zu, und als er wieder gegangen war, wunderten sich alle, daß sie den wunderbarer! Ton des Instrumentes nicht gleich erkannt hatten.
Ob dieser Tag das entscheidende Moment war, bah Constanze ihre Stimme ausbilden ließ, weiß ich wieder nicht, jedenfalls fand die neue Saison die Jungfrau im Gemandhauschor. Da begab es sich, daß man das Paradies und die Peri, ober war es der Rose Pilgerfahrt, zum erstenmal aufführen wollte unter der Leitung des Stent- ponisten. Alles war festlich versammelt zur ersten Chorprobe, uns Herr Schumann trat fröhlich an das Pult, legte, die Lippen wie zum Pfeifen behaglich gespitzt, die Partitur auf, klopfte an und hob den Stock. Aber nicht her Chor, nicht das Ordjefter setzte em, als er zu taktieren begann, und das fiel ihm diesmal doch auf, bah er verwundert hochblickte. Er sah sich betroffen um, es hatte aber keiner den Mut, etwas zu jagen, obwohl heftige Unruhe herrschte. Nur Constanze trat herzklopfend heran und sagte bebend: Herr Kapellmeister, Sie haben die Stimmen zu Hause gelassen. (Denn das Werk war noch Manuskript!) Robert halte den Taktstock beiseite gelegt und traurig gefügt: Da kann man nun freilich nicht spielen. Er war sehr verzweifelt, aber Constanze, nun etwas mutiger, hatte kurz erklärt, sie werde sie schon holen, und der Kompoflteur war über diesen Einfall in Entzücken geraten und heischte die Gewandhauskutsche für das Fräulein Goetz, und so fuhr sie in diesem engen Raum, der so viel grotze Gedanken umhegt hatte, zu Clara, die ganz entsetzt war über bas, was ihr Robert wieder mal angestellt hatte. Ms die hübsche Mamsell endlich die Stimmen brachte, da stand Robert am Pult und sann vor sich hin, die Pfeiferlippen gespitzt, und „danke zu sagen hat er auch wieder vergessen. t .
Obwohl sie doch eine hübsche und reizende Person gewesen fei» muß, wofür der Ausspruch eines großen Kenners Zeugnis ist. Denn eines Tages war sie mit Seebeck, dem berühmten Physiker, beii Goethe näheren Umgangs gewürdigt hatte, und feiner Familie aus ^r Bastei. Der Zufall wollte es, datz Preußens junger König feinem Detter Sachfen beit Antrittsbesuch gemacht hatte, und der Landes- oater wollte gewiß dem Fürsten über nwrkischen Sand -mpomeren und führte ihn also in die rauhe Wildlandschast der Sächsischen Schweiz, an eben demselben Tage, da Seebecks ihre Freundin Con- stanze zum Kaffeetrinken dorthin führten. Die Aufregung war nicht gering, als die Herrschaften plötzlich erschienen Sem Sachsen:war wohl sein lieber Seebeck ausgefallen. Da geschah das Entsetzliche -7 und Constanze schauerte noch leicht, als sie bereits die Achtzig erreicht hatte — der Krone lächelnder Erbe hatte fein Lorgnon nut den uier- ediqen Gläsern erhoben, auf Constanze gerichtet und gesprochen: Weich eine charmante Person! So schnell als es höflich erschien, hatten sich Seebecks der königlich sächsischen Huld entzogen und waren Hals über Kopf mit Constanze {jinuntergefturmt, aufs Schiff und nach Dresden, wo man im Schutze sächsischer Regrmenter einiger- matzen sicher sein dürste. Dennoch zitterten sie noch «in Weilchen, denn wer kannte die Schliche und Tücke des preußischen Ogers der durch Me dEen Worte ganz unzweifelhaft den Wunsch kund- gegeben hatte, Constanze feinem ungeheuren Harem emzuverleiben.
Aber °gern"erzähtte'die°Tante Constanze doch von diesem grüß.
: biri ber Frau von Holstein, der Mäzenatin und Witwe des bald ver- aeffenen Komponisten. Durch deren Vermittlung lerme sie Vrettet fermen, den sie bisweilen in Weimar besuchte. Die Alternde hatte eine


