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das Elektrokardiogramm, enthüllt dem Arzt alleFehler und Schwächen, und er kann danach mit Sicherheit seine Maßnahmen snr die Behandlung des Kranken treffen. r .
Seltsam tief leuchtet die Technik mit einem fein ersonnenen und doch gefühlskalte,, Apparat hinein in die verborgensten Regungen des menschlichen Körpers. So zeigte sich der Lerzkurve emer Frau eine zweite, schwächere und schnellere überlagert: es waren dre Lerz. ströme des Kindes einer werdenden Mutter. Ja, bet Jwrllmgen waren sogar Drei einander überlagerte Kurven festzustellen. So liefert und die Lerzschrtft den untrüglichen, frühzeitigen Beweis gerade für Zwillinge und übertrifft damit alle anderen früheren Verfahren. Doch die Leistungsfähigkeit des Apparates geht noch weiter. Freudige Gemütsbewegungen lassen das Äerz höher schlagen: die Kurzschrift spiegelt sie wieder. Furcht vor Entdeckung des Verbuchens treibt das Blut des Mörders beim Anblick seines Opfers schneller durch die Adern: die Lerzschrift lügt nicht, und mag der Verbrecher die Tat auch mit frecher Stirn noch so sehr leugnen. Der >eme Lichtstrahl des Lerzschreibers bringt es an den Tag. Ein we»es Anwendungsgebiet tut sich vor uns auf, das der Kriminalistik. Roch sind kaum die ersten zögernden Schritte getan; die nahe Zukunft wrrd uns Aufklärung über den Wert der Eefindung für diesen Zweck menschlicher Forschung bringen. Viel Arbeit ist bereits von den Technikern Sand in Sand mit den Aerzten und Psychologen geleistet worden, doch harren manche noch größere Aufgaben der Lösung.
Die gotische Sendung in bet germanischen Welt.
Von Alfons v. Czibulka.
Als die Ostgoten, dreihundert Jahre nachdem sie, uraltes skandinavisches Volk, von der Ostsee her an die untere Donau gezogen, von neuem ihre Schilde hoben und als vorletzter jener germanischen Frühlingsstürme über Italien niederbrachen, da ritt diesem Völkerstrom der gewaltigste der germanischen Heerkömge deutscher Helden- zett voran, um dessen Gestalt die Sage zu brausenden Akkorden schwillt — Dietrich von Bern. Selten nur hat uns die Geschichte das Leben eines Mannes, von dessen Gestalt die Sage so vielfältig Besitz ergriff, so treulich überliefert wie das Leben des Ostgotenkönigs Eheodorich, der von nun vierzehnhundert Jahren zu Ravenna gestorben ist. . „ r _
Unter einem glückverheißenden Stern stand seine Geburt. Denn an dem Tage trat er in die Welt, an dem, ein Jahr nach dem Tode der Gottesgeißel Attila, der auch das Gotenvolk hatte Heerfolge leisten müssen, der Ostgotenkönig Theodemir die Hunnen in entscheidender Feldschlacht schlug. An diesem Tage schenkte ihm die Konkubine Ezeliva einen Sohn.
Diese unruhigen, von verhaltener Kraft bebenden Germanenstämme, die halb als Eroberer, halb als Gäste und Vasallen im Norden des oströmischen Imperiums saßen, wurden von den byzantinischen Staatsmännern in Konstantinopel nicht gern gesehen. Da war es diesen lieb, daß die Söhne jener Heerkönige wieder halb als Geisel, halb als Gäste ihre Bindung und Erziehung am Kaiserhofe erhielten. So kam auch Theodorich, acht Jahre alt, als Gast und zugleich Geisel für die Treue des wenig botmäßigen Vaters an den Hof Kaiser Leos nach Byzanz. Er wurde sein Liebling. Dieses Jahr- zehnt, das er lernend und schauend, bezaubert von der wohl schon müden, doch noch hohen Kultur dieser griechisch-römischen Welt am Kaiserhof verbrachte, wurde bestimmend für fein Leben. Denn dort erschloß sich seinem klaren, weitschauenden Geiste der Blick für unerhörte Möglichkeiten germanischer Zukunft. Er sah die Größe dieses letzten Römsrtums, zugleich aber auch dessen innere Schwäche und Grei enhaftigkeit, die sich noch hinter dem Nachglanz und dem täuschenden Schein eines Weltreichs verbarg.
Er handelte danach. Als er achtzehnjährig zu seinen Goten henn- kehrte und mit seinem jungen Schwerte an die Seite seines Vaters trat, da war er, der Barbarensohn, zugleich vollkommener Weltmann und doch noch Germane von unbändiger Kraft. Wie der Sturmwind in den heiligen Wäldern germanischer Urzeit rauschte seine junge Kraft feiner ersten Tat zu. Er nahm den Sarmaten Belgrad, um das dann später so viel deutsches Blut geflossen ist, und ein unvergessenes deutsches Lied durch die Jahrhunderte sang. Unbekümmert um den Kaiser, der die Erobenmg seines Vasallen für sich begehrte, behielt er Belgrad.
Als zwei Jahre später sein Vater starb, das Gotenvolk den zwanzigjährigen Jüngling unter Jauchzen und Schwerterklang auf den Schild erhob, da fügte er sich fürs erste klug unter die Oberherrschaft des oströmischen Cäsaren. So war er zugleich König seines Volks und Heermeister des Kaisers. Manches Jahr kämpfte er glanzvoll für den neuen Kaiser Zeno, dem er Krone und Reich erkämpfte und hielt. Richt ohne mit ungebrochenem, ursprünglichen Egoismus seine Rolle als Retter des Imperators zu nützen. Dafür erhielt er für sein Volk Mösien und Dazien, also Serbien und Teile von Sie- venbürgen und Rumänien. Und als er siegreich für den Kaiser auch aus Kleinasien heimkehrte, durfte er wie die alten Feldherren Roms als Triumphator, ja als „Waffensohn des Imperators" mit feinen Goten einziehen in Byzanz. Er wurde Konsul. Ja, der in ewiger Angst vor diesem bald treu ergebenen, bald ungestüm aufbegehren- den jungen Germanen lebende Kaiser ließ ihm gegenüber dem kaiserlicher Palaste ein Reiterstandbild errichten. Wohl, um ihn bei Laune zu erhalten. Aber der Gote scherte sich nicht darum.
Es konnte «ächt anders sein. In jenen neuen, aus dem Norden gekommenen Völkern, die seit Jahrhunderten auf der Wanderschaft waren, lebte ein unbändiger Drang nach Land und Macht, der ganze Glückshunger von Menschen, für die das Leben bisher hart gewesen. So kämpfte Theodorich bald für Byzanz, bald wieder heischte er ungestüm Land, Getreide und Jahresgelder. Ja er schickte sich an, gegen Konstantinopel zu ziehen. Zugleich aber horchte er nach Italien, wo das Regiment des germanischen Soldatenkönigs Odoaker, der den letzten weströmischen'Kaiser Romulus niederzwang — welcher Name so am Anfang und Ende römischer Herrlichkeit stand — sich geringer Liebe erfreute. Rom oder Byzanz, eine der beiden Weltstädte wollte Theodorich zu seinen Füßen sehen.
Hellhörig war die geschulte Staatskunst Konstantinopels, längst auch sah sie das Wetterleuchten über den Bergen des Balkans. Da ließ Kaiser Zeno seinen Waffensohn auf Italien los. Es war ein diplomatisches Meisterstück, wie Byzanz sich seines gefährlichsten Feindes entledigte. Für Ostrom sollte Theodorich Italien erobern und dort als Statthalter herrschen. Es kam dann freilich anders.
Im Sommer 488 marschierten die Goten. Nach Kämpfen mit Bulgaren und Gepiden führte Theodorich sein Volk über Belgrad, Mitrovitz, durch Kroatien und Krain, über den Karst den grünen, schäumenden Wassern des Bergstromes bei Görz zu, wo im späten Sommer des folgenden Jahres zum erstenmal im Kampfe der Deutschen gegen Stauen die Waffen am Äsonzo schlugen. Noch freilich waren es Germanen, die unter Odoaker aus Italien aufftisgen, um das sterbende Rom zu retten. Bon den Karsthöhen niederströmend, brauste die Gotenflut über sie hinweg. Einen Monat nach der Jsonzo- sckllacht nahm Theodorich Verona, also Bern. Vom „Vogt von Bern" singt die Sage. Rückschläge blieben nicht aus. Aber im nächsten Jahre siiegte er entscheidend an der Adda. Odoaker wich in seine von Sümpfen und Lagunen bewehrte Residenz Ravenna zurück, das die Ostgoten nun drei Jahre lang berannten. Es ist die Schlacht bei Raben, von der die Sage weiß. Endlich streckte Odoaker die Waffen. Theodorich war Herr in Italien. Und als Odoaker, gegen den er, entgegen dem Brauch der Zeit, Milde walten ließ, eine Verschwörung gegen ihn plante oder einer solchen sich doch wenigstens verdächtig machte, da stieß ihn Theodorich bei einem Gastmahle nieder. Dann aber ruhte sein Schwert.
So herrisch und ungezügelt, unbekümmert um Recht und Unrecht, er auch wüten konnte, wenn sich jemand ihm entgegenstellte, so milde verfuhr er nun gegen Italien. Beispiellos blühte es auf. Es wurde Italiens letzte goldene Zeit, von der später die Römer wehmütig j sagten: „Auf offener Straße konnte man Gold und Silber lassen, die Städte und Häuser schlpssen ihre Tore und Türen nicht mehr. Da waren Wein und Brot billig, und es hatten Arbeit die Künstler und Handwerker." Theodorich fühlte sich als gottgewollter Erneuerer römischer Cäsarenherrlichkeit. Die Saat, die das Herz des Knaben in Konstantinopel empfangen, ging nun wunderbar auf. Unendlich viel tat er für Kunst und Gelehrsamkeit. Ja, er bestallte einen eigenen Beamten „zum Schutze der Baudenkmäler Italiens". Selbst aber baute er mit wahrhaft königlicher Großartigkeit. Wer heute durch Ravenna wandert, fühlt und sieht es noch, was dieser „Barbar" für Italien getan.
Theodorich war Deutscher. Deutsch die ein wenig romantische Art, mit der er ganz der Tradition jenes Roms verfiel, dessen Herr er nun wurde. Deutsch auch seine rührende und doch großartige Wolkenträumerei, mit der er, der Unbesiegbare, der Welt den Frieden geben wollte — ohne Schwert und Blut. Und diese Welt war nicht klein. Bald waren es ganz Italien, Dalmatien, Sizilien, Teile von Pannonien, Noricum und Rhätien, das nordafrikanische Vandalenreich, das südliche Gallien und ganz Spanien, über die er als mächtigster Herr im Abendland gebot. Alle Germanenstämme wollte er einen und mahnte sie zu Eintracht und Frieden. Ader der große Frankenkönig Chlodwig, der über ganz Gallien herrschte, der junge Gebieter jenes Germanenvolkes, dessen Namen heute noch Frankreich trägt, lachte über die Friedensmahnung des Ostgoien und fiel — früh schon zeichneten sich Frankreichs große Pläne ab — über die Alemannen im Elsaß her. Dann wandte er sich gegen die Westgoten in Spanien. Seit Theodorich so friedlich tat, fürchtete ihn Chlodwig nicht mehr. Aber er irrte sich. An der Rhone zerschlug ihm der Gote sein Heer und fast auch das Reich.
Dann verließ Theodorich das Glück. War den Kaisern in Byzanz bisher auch dieser Gotenfürst, der da als freier König, unbekümmert um seine Vasallenpflicht, ja förmlich als Imperator in kaiserlicher Pracht in Italien herrschte, ein Dorn im Auge gewesen, so hatten sie sich doch nicht offen gegen ihn.gewandt. Als sie aber, bisher Beschützer des artanifchen Bekenntnisses, nach Chlodwigs Bekehrung zum katholischen Glauben sahen, wie plötzlich die ganze Macht der Kirche an die Seite des Frankenkönigs trat, da machten sie ihren Frieden mit dem Papste. Trotzend und auf sein gutes Recht vertrauend, übersah Theodor«», selbst Arianer, die Gefahr. Und mit einem Male konnte er sich in den letzten Jahren seines Lebens nur noch mit Härte der Feindschaft erwehren, mit der bald das ganze katholische Italien sich gegen ihn erhob. Sein Reich wankte in allen Mauern, als er im späten Sommer des Jahres 526, zweiundsiebzig Jahre alt, die Augen schloß. An deutschem Idealismus ist sein Werk zerbrochen.
Vor den Toren Ravennas steht noch heute fein gewaltiges Grabmal. Seine Asche aber sollen fanatische Römer in alle Winde zerstreut haben. Vielleicht ist deshalb unsere Sehnsucht durch die Jahr- hunderte so ruhelos durch Italien gewandert.
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck der Brühl'?chen LiniverfitätL-Buch» und Steindruckerei. 2l. Lange, Giehen-
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