Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Sietzmer Anzeiger
Jahrgang 1926 Samstag. Sen 28. August Nummer 69
Wiesengang.
Von Paul Heyse.
2er letzte Grummetwagen ist herein;
Nun sind die Wiesen leer; das Reich ist mein.
Kein Aehrenfeld, das mir verschlossen bleibt, Nur Stoppeln, über die der Ostwind stäubt.
Ich wandre, wandre. In erschrocknem Lauf Springt dann und wann ein Häschen vor mir auf. Die scheue Feldmaus schlüpft behend ins Loch, Rur ihres Schwänzleins Spitze seh' ich noch.
Zeitlosen rings umher. Ihr bleiches Rot Lügt nur das Leben; doch ihr Saft bringt Tod.
Nichts Farbenfrohes, keiner Blume Spur; Zum Winterschlaf anschtckt sich die Natur, Wie sich ein schönes Weib am Abend spät Des Schmucks entkleidet, eh' sie schlafen geht.
Doch wer sie liebt, der findet tausendmal Sie holder so, als in des Festes Saal.
Geborgen vor der Schmeichler ödem Schwarm, Hält er sie jetzt am Busen, liebewarm,
Entzückt von ihres Auges letztem Gruß, Den vorm Entschlummern sie ihm gönnen muß, Wie dort der Sonne letzter Schimmer müd' Aus tiefgesenkter Wolkenwimper sprüht.
Tizian.
Zur 350. Wiederkehr seines Todestages.
Von Dr. Paul Landau.
Es gibt kein anderes Künstlerieben, in dem innere und äußere Größe, höchste Vollendung und Reise, Macht und Glanz, Gesundheit und Schönheit so vereinigt sind, wie in dem Tizians. Deshalv haben auch die Dichter von Muffet bis zu Hofmannsthal, wenn sie die Schöpferkraft des Genies in ihrer reinsten Gestalt besingen wollten, den Meister von Cadore zum Helden gewählt. Freilich — diesem stolzesten Sohne des Glücks fehlt die überirdische Verklärung, die von den leiddurchfurchten Stirnen Michelangelos oder Rembrandts leuchtet, mangelt jene geheimnisvolle Magie, die das dunkle Schicksal Leonardos umschwebt. Bei Tizian ist alles klar, hell, in sich gerundet, ausgeglichen. „Der göttliche Zug in Tizian besteht darin," sagt Jakob Vurckhardt im „Cicerone", „daß er den Dingen und Menschen diejenige Harmonie des Daseins anfühlt, welche in ihnen nach Anlage ihres Wesens fein sollte oder noch getrübt und unkenntlich in ihnen lebt. Die Kunst hat diese Aurfgabe wohl durchgängig; allein keiner löst sie sonst so ruhig, so anspruchslos, mit einem solchen Ausdruck die Notwendigkeit. In ihm war die Harmonie eine prästabilierte."
Solch vorher bestimmter Einklang aller Kräfte und Triebe erwuchs ihm aus' seiner Herkunft und Umwelt, aus seiner Zeit und seiner Begabung. Der Sohn der rauhen und reinen Alpenwelt von Cadore, ein früh gestählter, ndleräugiger, energischer und zäher Gebirgsmensch, steigt in die weich schimmernde Lagunenstadt hernieder, in der sich damals um 1500 die reiche Blüte der Renaissancekultur entfaltete. In ihm verschmolz sich die urwüchsige Sicherheit des Naturburschen mit der verfeinerten Geschmackshöhe Venedigs. Wie wenn fein Leben von Anfang an auf ein Jahrhundert angelegt gewesen wäre, hat er sich langsam und spät entwickelt. Ueber seinen Jugendwerken liegt tiefes Dunkel; doch finden wir ihn da, wo er zuerst mit eigenen Arbeiten hervortritt, ganz unter dem Einfluß feiner Lehrer und Vorbilder, des Bellini, Leonardo, Cima da Co- nogliana, Palma Vecchio, vor allem des Giorgione, in dessen Werkstatt er arbeitet, mit dem er eng befreundet war. Es gibt eine ganze Anzahl Bilder, Meisterwerke ersten Ranges, bnnmter das berühmte „Konzert", die man bald dem Giorgione und bald dem Tizian zu- gefchrieben hat. Aber Ludwig Justi hat in feinem Giorgione-Werk jetzt wohl unwiderleglich dargetan, daß der junge Tizian hinter dem reifen Giorgione in der Einheitlichkeit der Bildform und der seinen Geistigkeit weit zurücksteht, daß der wundersame Jüngling von Castelsranco seinen Jünger und Erben ebenso befruchtet hat wie die ganze Kunst feiner Zeit. Noch lange klingt im Werk des Ueberleben- den der zarte Seelenton, die visionäre Träumerei und jugendliche Schönheitsfülle des zu früh Dahingegangenen nach. Bis zur „Himm- i lifchen und irdischen Liebe" und dem „Zinsgroschen", zwei der ge- I
seiertsten Schöpfungen Tizians, ist dieser Einfluß mächtig. Gior- giones Geist schien nach seinem Tode auf ihn übergegangen, und ebenso hat er die ganze Entwicklung der venezianischen Kunst in sich aufgenommen. Er war der glückliche Vollender, der auf den Schultern der Vorgänger zum Weltruhm emporstieg.
Tizian ist kein Schilderer jugendlich-schwärmerischer Gefühle rote Giorgione; er ist der Meister männlicher Ruhe und Kraft, und daher ist es verständlich, daß er erst als Mann sich selbst fand. Erst in den dreißiger Jahren seines Lebens bricht die leidenschaftliche Größe feines eigenen Genies durch, die stürmische Dramatik seiner Komposition, die feurige Beseeltheit und üppige Kraft seiner Farben. Er erobert dem Altarbild neue Gebiete: in dem brausenden Himmelan der „Assunta", in der engen seelischen Verbindung der Heiligen- grüppen, vor allem aber in der dramatischen Erregung, die schließlich sich im „Petrus Martyr" Figuren, Farben und Landschaft zu einem einzigen hinreißenden Akkord zusammenfügt. Während er aber seine religiösen Werke meist für Venedig schafft, erobert er als Porträtmaler die ganze Welt. Seine frühen Bildnisse — so der wundervolle „Mann mit dem Handschuh" — verraten noch die lyrische Hingabe, die Giorgione in seine Porträts legte; dann aber entwickelt er sich zu einem ganz objektiven Charakterschilderer, der mit kalter, durchdringender Schärfe das Innere seiner Modelle enthüllt und sie zugleich durch die farbige Behandlung mit einer unbegreiflich strahlenden Pracht umkleidet. So werden Tizians Bildnisse nicht nur zu großartigen Kunstwerken, sondern auch zu erschütternden geschichtlichen Dokumenten. Man denke nur an die düstere Melancholie, die blutlose Energie Karls V., der als schwarzer Reiter wie als pelzumhüllter Kranker doch feine Majestät bewahrt, oder an den alten Sapst Pius III. mit dem verwitterten Mumiengesicht, aus dem die uchsaugen doch so gebietend blitzen. In dem Neapeler Bild mit den beiden Nepoten hat er die Schlußtragik dieses Papstlebens, den Abfall der beiden gleißnerifchen Höflinge hellseherisch vorausgeahnt. Selbst einem Aretino, seinem genialen „Gevatter", der so meisterhaft fein Schaffen zu verherrlichen wußte, verlieh er, ohne die Frechheit und Roheit seiner Züge zu verbergen, etwas Imponierendes und Hoheitsvolles, etwas Dämonisches und Großartiges. Es war etwas Königliches in diesem Maler der Könige, der alles adelte.
Der Maler der Fürsten war zugleich der Fürst unter den Malern. Nach dem Tode Bellinis 1516 trat er nicht nur in dessen materielle Vorrechte als der bevorzugte Meister der Signorie ein, sondern wurde auch als der erste Künstler der Stadt anerkannt. Macht und Reichtum waren die Dinge, die er mit rücksichtsloser Energie erstrebte und errang. Nach den italienischen Machthabern wurden die Weltherrscher Start V. und Philipp II., die Päpste seine Auftraggeber und Verehrer. Karl wurde leichter zugänglich, wenn ihm ein neues Werk seines Lieblings gezeigt werden konnte, und Philipp flehte ungeduldig Tizian um Bilder an, die ihm die Düsternis feiner Residenzen erhellten. Der Maler wurde zum Reichsritter ernannt, trug die goldene Kette, die ihm der Kaiser verliehen, verkehrte auf dem Reichstag zu Augsburg, auf den ihn Start geladen, mit den höchste» Herren wie mit seinesgleichen, empfing den Besuch König Hein- richs III. von Frankreich in feinem prächtigen Haus und gab Feste in feinem Garten, in denen sich die ganze Pracht und Gefellfchafts- kultur der Renaiffance offenbarte. Und dabei verfolgt er stets feine persönlichen Pläne, ringt unablässig um seine Stellung, fordert Geld und scharrt es zusammen, wohl weniger aus gewöhnlicher Habgier als aus Machthunger und dem Wunsch nach Glanz. In feinen zahlreichen Briefen ist wenig von Kunst die Rede, um so mehr von Geschäften. Er zeigt sich als gewiegter Hofmann, im spanifchen Zeremoniell erfahren, küßt König Philipp die Hand und dem Papst den Fuß. Aber das tut er nur als ein echter Landeskünftler, der mit den Wölfen heulen muß, als der Renaissancemensch, dem alle Mittel recht sind, um fein Ziel zu erreichen. Und dies Ziel ist die Vollendung feiner Kunst.
Tizian nähert sich bereits dem Alter, in de;n andere Greife werden, als feine Palette-in ihrer reichsten Farbenpracht erstrahlt. Nun schafft er — hauptsächlich für Philipp II. — jene mythologischen und allegorischen Gemälde, jene nackten Venus- und Danae-Äe- stalten, diese schönen und glücklichen Menschen in einer klassisch reifen Landschaft, deren gesättigtes Lebensgefühl an die Stanzen des größten Renaiffancedichters, Ariost, gemahnt. Nun erhalten die Töne feiner Malerei ihren stärksten und heitersten Glanz, strömen in auf- und abschwellenden Bewegungen zu dem herrlichsten Fest der Augen zusammen, so in dem Wunder des „Tempelganges Mariä", den Tizian schon als Sechziger malte. Aber über diese Höhepunkte malerischer Gestaltung, die etwa voir der blühenden „Magdalena" der Pitti-Galerie bis zu dem Berliner Bild feiner Tochter Lavinia reichen, hinaus gibt es bei Tizian noch eine Steigerung: die Magie feines Altersstils. Auch hier kam der Anstoß wie in der Jugend wohl


