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es zu sehen, aber es war ihm niemals ie Räubermutter gar eifrig zu bitten
höhle zu ziehen.
Auch er selbst wollte den Plan reiner Menschenseele verraten. Aber da begab es sich, daß Erzbischof Absalon aus Lund gereist kam und eine Nacht in Oeved verbrachte. Als nun Abt Johannes chm seinen Garten zeigte, fiel ihm der Besuch der Räubermutter ein; und der Laienbruder, der dort wnherging und arbeitete, hörte, wie der Abt dem Bischof vom Räubervater erzählte, der nun so viele Jahre vogelfrei im Wald gehaust hätte, und um einen Freibrief für ihn bat, damit er wieder ein ehrliches Leben unter andern Menschen führen könnte. — „Wie es jetzt geht," sagte Abt Johannes, „wachsen seine Kinder zu ärgeren Missetätern heran, als er selbst einer ist, und Ihr werdet es dort oben im Walde bald mit einer ganzen Räuberbande zu tim bekommen." _ ,
Der Erzbischof Absalon erwiderte, vast er den bösen Räuber nicht auf die ehrlichen Leute im Lande loslassen wolle. Es sei für alle am besten, wenn er dort oben in seinem Walde bleibe.
Da wurde Abt Johannes eifrig und begann dem Bischof vom Göinger Wald zu erzählen, der sich jedes Jahr rings um die Räuber- höhle' in Weihnachtsschmuck kleide. „Wenn diese Räuber nicht schlimmer sind, als daß Gottes Kerrlichkeit sich ihnen zeigen will, sagte er, „so können sie auch wohl nicht zu schlecht sein, nm dw Gnade der Menschen zu erfahren." '
Aber der Erzbischof wustte Abt Ioha>mes z>i antworten. — „Soviel kann ich dir versprechen, Abt Johannes," sagte er und lächelte, „an weichem Tage immer dir mir eine Blume aus dem Weihnachts- • garten im Göinger Walde schickst, will ich dir einen Freibrief ftir alle Friedlosen geben, für die du mich bitten magst."
Der Laienbruder sah, daß Bischof Absalon ebensowenig wie er selbst an die Geschichte der Räuberniutter glaubte, aber Abt Johannes merkte nichts davon, sondern dairkte Absalon fiir sein gütiges Bei sprechen und sagte, die Blume wollte er ihm schon schicken.
Abt Johannes setzte seinen Willen durch, und am nächsten Weihnachtsabend saß er nicht daheim in Oeved, sondern war auf den, Wege nach Göinge. Einer der wilden Jungen der Räubermutter lief vor ihnr her, irnd zum Geleit hatte er den Knecht, der im Lnst- garten mit der Räubermutter gesprochen hatte.
Abt Johannes hatte sich den ganzen Kerbst über schon seist danach gesehnt, diese Fahrt anzutreten, und freute sich nunsehr, daß sie zustande gekommen war. Aber ganz anders stand es mit dem Laienbruder, der ihm folgte. Er hatte Abt Johannes von Kerzen lieb und würde es nicht gern einem andern überlassen Haven, ihn zu begleiten und über ihn zu wachen, aber er glaubte keineswegs, daß sie einen Weihnachtsgarten zu Gesicht bekommen würden, er dachte nichts anderes, als daß das Ganze eine Falle sei, die die Räubermutter mit großer Schlauheit Abt Johannes gelegt hätte, damit er ihrem Mann in die Künde falle.
Der Laienbruder wollte ihr von neuem antworten, aber Abt Johannes bedeutete ihm durch ein Zeichen, stillzuschweigen. Denn Abt Johannes hatte schon seit seiner Kindheit erzählen hören, daß der Wald sich in der Weihnachtsnacht in ein Feierkleid hülle. Er hatte sich oft danach gesehnt, es zu sehen, aber es war ihm niemals gelungen. Nun begann er die Räubennutter gar eifrig zu bitten und anzurufen, sie möge ihn tim die Weihnachtszeit in die Räuberhöhle kommen lassen. Wenn sie nur eins ihrer Kinder schickte, ihm den Weg zu zeigen, dann wolle er allein hinaufreiten, und er würde sie nie und nimmer verraten, sondern sie im Gegenteil so reich belohnen, wie es nur in seiner Macht stünde.
Die Räubermutter weigerte sich zuerst, denn sie dachte an den Räubervater und an die Gefahr, der sie ihn preisgab, wenn sie Abt Johannes in ihre Köhle kommen ließe, aber dann wurde doch der Wunsch, ihm zu zeigen, daß der Lustgarten, den sie kannte, schöner sei als der {einige, in ihr übermächtig und sie gab nach.
„Aber mehr als einen Begleiter darfst du nicht mitnehmen," sagte sie. „And du darfst uns keinen Kinterhatt und keine Falle stellen so gewiß du ein heiliger Mann»ist."
Dies versprach Abt Johannes, und damit ging die 'Räuber mutter. Aber Abt Johannes befahl dem Laienbruder, niemand zu verraten, was nun vereinbart worden war. Er fürchtete, daß seine Mönche, wenn sie von seinem Vorhaben etwas erführen, einem alten Mann, Ivie er cs war, nicht gestatten würden, hinauf in die Räuber-
fdttf Balgern hinter sich her in den Lustgarten treten sah, stürzte er sich ihnen sogleich entgegen und befahl ihnen, sich zu trolle«. Aber die alte Bettlerin ging iveiter, als sei nichts geschehen. Sie ließ die Blicke hinauf und hinab wandern, sah bald die starren weißen Lilien an, die sich auf einem Beet ausbreiteten, und bald den Efeu, der die Klosterwand hoch empor kletterte, und bekümmerte sich nicht im geringsten um de i Laienbruder.
Der Laienbruder dachte, sie hätte ihn nicht verstanden. Da wollte er sie am Arm nehmen, um sie nach dem Ausgang umzudrehen. Aber als die Räubermutter seine Absicht merkte, warf sie ihm einen Blick zu, vor dem er zurückprallte. Sie war unter ihrem Vettelsack mit gebeugtem Rücken gegangen, aber jetzt richtete sie sich zu ihrer vollen Kö'he auf, —- „Ich bin die Räubermutter aus dem Gömger Wald," sagte sie, „rühr' mich nur an, wenn du es wagst." And es sah aus, als ob sie nach diesen Worten ebenso sicher wäre, in Frieden von dannen zu ziehen, als hätte sie verkündet, daß sie die Königin von Dänemark sei. , ,, , .,
Aber der Laienbruder wagte es dennoch, sie zu stören, obgleich er jetzt, wo er wußte, wer sic war, recht sanftmütig zu ihr sprach. — „Du mußt cs wissen, Räubermutter," sagte er, „daß dies ein Mönchs- klostcr ist, und daß es keiner Frau im Lande gestattet wird, hinter diese Mauern zu kommen. Wenn du nicht deiner Wege gehst, dann werden die Mönche mir zürnen, weil ich vergessen habe, das Tor zu schließen, und sie werden mich vielleicht von Kloster und Garten verjagen." „ ■ ■ , ,
Doch solche Bitten waren an die Räubermutter verschivendet. Die ging weiter durch die Rofenbeete und guckte sich den Tifob an, ter mit lilafarbnen Blüten bedeckt war, und das Kaprifolium, das voller rotgelber Blumentraubeii hing.
Da wußte sich der Laienbruder keinen andern Rat, als in das Kloster zu laufen und um Kilfe zu rufen.
Er kam mit zwei handfesten Mönchen zurück, und die Rauber- mutter sah sogleich, daß cs nun Ernst wurde. Sie stellte ,ich breitbeinig in den Weg und begann mit gellender Stimme herauszuschreien, welche furchtbare Rache sie an dem Kloster nehmen würde, wenn sie nicht im Lustgarten bleiben dürfte, solange sie wollte. Aber die Mönche meinten, daß sie sich nicht zu fürchten brauchten, und sie dachten nur daran, sie zu vertreiben. Da stieß die Räubermutter schrille Schreie aus, stürzte sich auf sie und kratzte und biß, und ebenso machten es alle ihre Svrossen. Die drei Männer merkten bald, daß sie ihnen überlegen war. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als in das Kloster zu gehen und Verstärkung zu holen.
Wie sie über den Pfad liefen, der in das Kloster führte, be- gegneten sie dem Abt Johannes, der herbeigeeilt war, um zu sehen, waS für ein Lärm das wäre, den man vom Lustgarten hörte. Da mußte» sie gestehen, daß die Räubermutter aus dem Gömger Walde in das Kloster gedrungen war; sie hätten nicht vermocht, sie zu vertreiben, und wollten sich nun Entsatz schaffen.
Tiber Alst Johannes tadelte sie, daß sie Gewalt angewendet hätten, und verbot ihnen, um Kilfe zu rufen. «St schickte die beiden Mönche zu ihrer Arbeit zurück, und obgleich er ein alter, gevrechllcher Mann war, nahm er nun den Laienbruder mit in den Garten.
Ais Abt Johannes dort anlangte, ging die Räubermutter tote zjwor zwischen den Beeten umher. And er konnte sich nicht genug über sie wundern. Er war ganz sicher, daß die Räubermutter me zuvor in ihrem Leben einen Lustgarten erblickt hätte. Aber wie dem . auch sein mochte, —- sie ging zwischen all den kleinen Beeten utnher, die jedes mit einer andern Art fremder und seltsanter Blumen bepflanzt waren, und betrachtete sie, als wären es alte Bekannte. Es sah aus, als hätte sie schon öfters Immergrün und Salbet und Rosmarin gesehen. Einigen lächelte sic zu, und über andere wieder schüttelte sie den Kopf. z
Abt Johannes liebte seinen Garten mehr als alle andern Dmge, die irdisch und vergänglich sind. So wild und grimmig die Räuber- mutter auch aussah, so konnte er es doch nicht taffen, Gefallen daran zu finden, daß sie mit drei Mönchen gekämpft hatte, um chn m Ruhe zu betrachten. Er ging auf sie zu und fragte sie freundlich, ob ihr der Garten gefalle. , o .
Die Räuberniutter wendete sich heftig gegen Abt Johannes, denn sie tvar nur auf Kinterhatt und Aebcrfall gefaßt, aber als sie seine weißen Kaare und seinen gebeugten Rückctt sah, da antwortete sie ganz freundlich: „Als ich ihn zuerst erblickte, da schien es nur, als ob ich nie etwas Schöneres gesehen hätte, aber jetzt merke ich, daß er sich mit einem andern nicht messen kann, den ich kenne."
Abt Johannes hatte sicherlich eine andere Antwort erwartet. Als er hörte, daß die Räubermutter einen Lustgarten kennte, der schöner wäre als der seine, bedeckten sich seine runzligen Wangen mit einer schwachen Röte. ,
Der Gärtnergehilfe, der daneben stand, begann auch sogleich die Räubennutter zurechtzuweisen. — „Dies ist Abt Johannes, Räubermutter," sagte er, „der selber mit großem Fleiß und Mühe von fern und näh die Blumen für seinen Garten gesammelt hat. Wir wissen alle, daß es im ganzen schottischen Land keinen reicheren Lustgarten gibt, und es steht dir, die du das ganze liebe Jahr im wilden Walde hausest, wahrlich übel an, sein Werk meistern zu wollen."
„Ich will nieniand meistern, weder ihn noch dich," sagte die Räubermutter,,, ich sage nur, toeftn ihr den Lustgarten sehen könntet, an den ich denke, dann ivürdet ihr jegliche Blume, die hier steht, ausraufen und sie als Ankraut fortwerfen."
Aber der Gärtnergehilfe war kaum weniger stolz auf die Blumen als Abt Johannes selbst, und als er diese Worte hörte, begann er höhnisch zu lachen. — „Ich kann mir wohl denken, daß du nur so chwätzest, Räubermutter, um uns zu reizen," sagte er, „das wird mir
ein schöner Garten sein, den du dir unter Tannen und Wacholder büschen im Göinger Walde eingerichtet hast! Ich wollte meine Seele verschwören, daß du überhaupt noch nie hinter einer Gartenmauer gewesen bist."
Die Räubermutter wurde rot vor Aerger, daß man ihr also mißtraute und rief: „Es mag wohl sein, daß ich niemals vor heute hinter einer Gartenmauer gestanden habe, aber ihr Mönche, die ihr heilige Männer seid, solltet wohl wissen, daß der große Göinger Wald sich in jeder Weihnachtsn.acht in einen Lustgarten verwandelt, um Vie Geburtsstunde unseres Kerrn und Keilands zu feiern. Wir, die wir im Walde leben, haben dies nun jedes Jahr geschehen sehen, und in diesem Lustgarten habe ich so herrliche Blume« geschaut, daß ich es nicht wagte, die Kand zu erheben, um sie zu brechen."
Da lachte der Laienbruder noch lauter und stärker: „Es ist gar leicht für dich, dazustehen und mit derlei zu prahlen, was kein Mensch sehen kann. Aber ich kann nicht glauben, es könnte etwas anderes als Lüge sein, daß der Wald Christi Geburtsstunde an einer solchen Stelle feiern sollte, wo so unheilige Leute wohnen, wie du und der Räubervater." — „And das, was ich sage, ist doch ebenso wahr," entgegnete die Räubermutter, „wie daß du es nicht wagen würdest, in einer Weihnachtsnacht in den Wald zu kommen, um es zu sehen.'


