Ausgabe 
27.11.1926
 
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Gießener Zainilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang Mb Samstag, öen 27. November Nummer 95

Advent.

Bon Angelus Sileslus.

Morgenstern der finftem Nacht, Der die Welt voll Freuden macht, Jesulein, Komm herein. Leucht in meines Herzens Schrein. Deines Glanzes Herrlichkeit Uebertrifft die Sonne wett;

Du allein,

Jesulein, Bist waS tausend Sonnen sein.

Deinem freudenreichen Strahl Folgt man in dem Erdental, Schönster Strom, Weit und fern

Ehrt man dich als Gott den Herrn.

Tlnser wahres Seelenlicht Komm herein und säume nicht, Komm herein, Jesulein,

Leucht in «reines Herzens Schrein.

Tage vor Weihnachten.

Von Hans T h y r i o t.

Wieder hat sich der Jahreskreis dem letzten Zwölftel zu ge­rundet, hat sich die Zeit erfüllt, daß die Glocken von allen Türmen in die Dämmerung klingen: Advent! Will sagen: über ein kleines, so wird in allen deutschen Landen, in allen deutschen Häusern der Christbaum brennen.

Tage vor Weihnachten: schöne, heimliche, festliche Tage der Zurüstung, der Vorfreude, oer Erwartung und herzkiopfenden Kinderseligkeit. Keines von unseren großen christlichen Festen, nicht Ostern, nicht Pfingsten, wirft so weit seine Schatten voraus, wie dieses deutscheste, zu dem wir uns rüsten, und das kein Volk der Welt so zu feiern versteht und zu feiern begehrt, wie das unsre.

Ob die Tage auch immer dämmriger zwischen Morgen und Abend vergehn wenn die Adventsglocken die. Weihnachtszeit einläuten, ist es doch immer wieder, als ob über aller trübkalten, nebelvsrschleierten Novemberöde jener Bethlehemsstern ein tröst­liches Licht verbreite.

Und alle Jahre wieder wirkt die Vorweihnachtszeit ihre heim­lichen Zauberfäden aus Goldflitter und Engelshaar durch unsere Alltäglichkeit und läßt uns, vielleicht nur ein paar Herzschläge lang, lächelnd auf die Erinneruntzsstimmen aus nahen oder fernen Kinder­tagen lauschen, die wie Christbaumglöckchen klingeln, aus schummrigen Märchenstunden raunen, aus dem alten und immer wieder neuen Weihnachtsevangelium die wundersame Geschichte verkündigen, die da anhebt: Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde . . .

Nun sind die Tage wieder nahe, wo man die ersten Tannen­bäume durch die Straßen tragen sieht, wo große Kinderaugen vor schimmernden Schaufenstern staunen, geblendet von der Fülle köst­licher und begehrenswerter Dinge; wo man mit Adventskränzen und Tannengrün die Stuben schmückt, wo es allgemach nach Wachs­kerzen, nach Backwerk und Bratäpfeln zu duften anfängt, und wispernde, verheißungsvolle Heimlichkeiten um uns herum am Werke sind; wo man sich, auf die holdselige und fast vergessene Kunst besinnt, in den sinkenden Tag hinein Geschichten zu erzählen und Weihnachslieder zu singen.

Es mag oft scheinen, als habe unsere nüchterne Zeit die glück­liche Gabe des Festfeierns verkümmern lassen. Wir haben so oft keine Muße, keine Stimmung, keine Anregung. Und es gehört doch gar nicht viel dazu. Ein paar Blumen, ein bißchen Tannengrün, ein wenig Musik, ein gutes Buch, ein kleinwinziges Angebinde oder Miwringsel, Zeichen der Liebe, des Gedenkens, des guten Willens, einmal den Alltag, die Geschäfte, die kleinen und großen Sorgen hinter sich zu werfen. Im Grunde gehört nichts weiter dazu, als ein fröhliches und gütiges Herz.

Manch einer auch wird in diesen Wochen vor Weihnachten an die Jahre des Krieges zurückdenken. Nie wieder haben wir wohl die Adventszeit so schmerzlich und sehnsüchtig erlebt, wie damals da draußen. Da haben wir erst gespurt, wie doch unser Herz an diesem deutschen Fest hing; nie hat uns das Heimweh jo heiß

überfallen, wie in der Kriegsweihnacht im Felde, in den entsetz­lich kahlen und kalten Stuben der Ruhestellung, in den Erdlöchern und Unterständen, wo wir hausten; nie haben wir so inbrünstig Weihnachten gefeiert, wie damals, als wir um das kümmerliche, stundenweit durch den Schnee geschleppte, französische Christbäum­chen hockten, das mit billigem Tand behängt und mit Ersatzkerzen besteckt war; als das dumpfe Rollen und Grollen der Front land­auf, landab die dröhnende Christmette orgelte, und als der von Leuchtkugeln geblendete Blick den Himmel absuchte nach dem Stern, der jetzt weihnachtlich über Deutschland stünde, weit dahinten, ganz weit . . .

Das ist vorüber. Und das Memento des Totentages ist verhallt. Wenn heute die Adventsglocken mit menschlichen Stimmen die Leben­den rufen, sollen sich Blick und Gedanken nach vorwärts richten, voller Zuversicht, daß der Christbaum, den wir anzünden werden, den Lichterkranz einer deutschen Zukunft trage.

Die Legende von der Christrose.

Von Selma Lagerlöf.

Die nachfolgende schöne und stimmungsreiche Erzählung der berühmten schwedischen Dichterin ist der ausgezeichneten deutschen Gesamtausgabe ihrer Werke entnommen, mit deren Schaffung sich der Verlag Albert Langen in München sehr verdient gemacht hat.

Die Räubermutter, di: in der Räuberhöhle oben int Gringer Walde hauste, hatte sich eines Tages auf einen Bettelzug in das Flachland hinunter begeben. Der Räubervater selbst war ein fried­loser Mann und durfte den Wald nicht verlassen, sondern mußte sich damit begnügen, den Wegfahrenden aufzulauern, die sich in den Wald wagten; doch zu der Zeit, als der Räubervater und die Räubermutter sich in dem Göinger Wald aufhielten, gab es im nördlichen Schonen nicht allzuviel R isende. Wenn es sich also begab, daß der Räubervater ein paar Wochen lang Pech mit seiner Jagd hatte, dann machte sich die Räubermutter auf die Wander­schaft. Sie nahnt ihre fünf Kinder mit, und jedes der Kleinen hatte zerfetzte Fellkleider und Lolzschuhe, und tru auf dem Rücken einen Sack, der gerade so lang war wie es selbst. Wenn die Räubermutter ?u einer Laustüre Hereinkarn, dann wagte niemand, ihr das zu ver- weigern, was sie verlangte, denn sie bedachte sich keinen Augenblick, in der nächsten Nacht zurückzukehren und das Laus anzuzünden, in dem man sie nicht fteundlich ausgenommen hatte. Die Räuber- mutter und ihre Nachkommenschaft waren ärger als die Wolfsbrut, und gar mancher hatte Lust, ihnen seinen guten Speer nachzuwerfen, aber dies geschah niemals; denn rnan wußte, daß der Mann dort oben im Walde hauste und sich zu rächen wissen würde, wenn den Kindern oder der Alten etwas zuleide geschähe.

Wie nun die Räubermutter so von Lof zu Los zog und bettelte, kam sie eines schönen Tages nach Oeved, das zu jener Zeit ein Kloster war. Sie klingelte an der Klosterpforte und verlangte etwas zu essen, und der Tür üter ließ ein kleines Schiebsensterchen herab und reichte ihr sechs runde Brote, eines für sie und eines für jedes Kind.

Aber während bi' Räubermutter so still vor der Klosterpforte stand, liefen ihre Kinder umher. And nun kam eines von ihnen heran und zupfte sie am Rocke, zum Zeichen, daß es etwas gefunden hätte, was sie sich ansehen sollte, und die Räubermutter ging auch gleich mit ihm.

Das ganze Kloster war von einer hohen, starken Mauer umgeben, aber der kleine Junge hatte es zustande gebracht, ein kleines Linler- türchen zu finden, das angelehnt stand. Als die Räubermutter hin­kam, stieß sie sogleich das Pförtchen auf und traf, ohne erst viel zu fragen, ein, wie es eben bei ihr der Brauch war.

Aber das Kloster Oeved wurde zu jener Zeit von Abt Johannes regiert, der ein gar pflanzenkundiger Mann war. Er hatte sich hinter der Klostermauer einen kleinen Lustgarten angelegt, und in diesen drang nun die Räubermutter ein.

Im ersten Augenblick war sie so erstaunt, daß sie regungslos stehen blieb. Es war Lochsommerzeit, und der Garten des Abtes Johannes stand so voll Blume», daß es einem blau und rot und gelb vor den Augen flimmerte, wenn man hineinsah. Aber bald zeigte sich ein vergnügtes Lächeln auf dem Gesicht der Räubermutter, und sie begann einen schmalen Pfad hinunterzugehen, der zwischen vielen kleinen Blumenbeeten durchlief.

Im Garten stand der Laienbruder, der Gärtnergehilfe war, und jätete das Ankraut aus. Er war es, der die Tür in der Mauer halb offen gelassen hatte, um Queckenaras und Melde auf den Kehricht­haufen davor werfen zu können. Als er die Räubermutter mit ihren