Habeas-Corpus-Akte, bie Proklamation des Standrechtes und der kleinen Belagerungszustände und was es noch sonst alles gibt, behaupten, daß den Opfern ein so gerechter Prozeß, eine so wohl erwogene Sammlung von Gesetzen zur Führung ihres Falles oder ein so gewisserhafter Richter, der auf der strengen Gesetzmäßigkeit des Borgehens bestand, zuteil wird, wie es Johanna von feiten der Inquisition und des Geistes des Mittelalters sogar zu einer Zeit beschieden war, als ihr Land unter dem schwersten Drucke der Fremdherrschaft und des Bürgerkrieges seufzte? Wir hätten ihr weder einen Prozeß noch ein Gesetz zugebilligt, außer dem Kriegs- recht, das alle anderen Gesetze aufhebt, und als Richter hätte sie im besten Falle einen verärgerten Major und im schlimmsten Falle einen promovierten Advokaten in Hermelin und Scharlach gehabt, dem die Skrupel eines geübten Kirchenmannes, wie Cauchon, lächerlich und nicht gentlemanlike erschienen wären.
(Aus dem Vorwort zirr „Heiligen Johanna".)
„Man spricht deutsch".
Brief aus Trouville.
Bon Gerhard Bohl tna n n.
Flimmernde Glut brütet über dem weißen Sand« von Trouville. In den Aperitifs, die nach dem Bad und vor dem Dejeuner zu nehmen in diesen lässigen Wochen zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden ist, vergehen die Eisstücke, kaum daß sie von den weißgekleideten Gartons in kleinen Siiberkübeln herangebracht wurden. Unter dem Druck dieser tropischen Hitze erstickt jeglicher Drang nach Tätigkeit irgendwelcher Art: selig und bewußt versinkt man in den Rausch einer tiefen Ferienbehaglichkeit: sich von diesem Dasein tragen und treiben lassen, nichts denken, nichts tun, um Gottss- roiliert nichts tun. Faule Tage, herrlichstes Ruhen.
Wenn die durchgehenden Züge, die Rapides, aus Paris auf dem Bahnhof Trouville-Peauville eingetroffen sind, wird unser Städtchen, das sehr hübsch sich an die grüne steil aufsteigende Küste anschmiegt, von wüstem Geschrei durchtobt: „L'Echo de Paris! L'Jntransigeant! Le Petit Journal!" Das sind bie Zeitungsverkäufer. Der Zug hat ihnen die letzten Ausgaben geliefert, jetzt toben sie, gebabet in Schweiß, aus ihren Fahrrädern durch glühende gelbe Straßen zum Strand, dorthin, wo die Fremden lagern. Eifervolles Wettrennen: Wer zuerst eintrifft, darf hoffen, die meisten Exemplare zu verkaufen. Bei den Planches, dem breiten Brettersteig, der sich nm Badestrand hinzieht, springen sie ab und stampfen durch heißen Sand; stolpernd stürzen sie zu der^lichten buntgestreiften Zeltstadt der Parasols,- das sind bie großen L-chirme mit einem Sonnensegel, die hier unsere deutschen Strandkörbe vertreten. Sie werden zumeist von Franzosen gemietet: die finden in ihrem kleinen schattigen Bezirk Zurückgezogenheit aus der bunten Unordnung des Badelebens: hier träumt man auf Liegestühlen in die See, hier wird Konversation gemacht, gelesen, werden benachbarte Besuche empfangen. Der Parasol wird in den Strandstunden zum Salon. Denn das Seebad ist für Frankreichs Bürger eine mehr gesellschaftliche Angelegenheit. Die See? Die mag für die Kinder gut sein, die dort in der Dünung plantschen, kokette und sehr gepflegte muntere Wesen, die ihre schreiend roten und grünen Strandkittelchen bereits mit einer natürlichen Grazie zur Schau tragen. Die Erwachsenen schaudern noch vor diesem Wasser: es ist ihnen, sagen sie, noch zu kalt. Wir Deutschen verstehen das nicht recht. Da uns die heimatlichen Meere eine Temperatur van 18 bis 19 (Stab Ende Juni noch nicht bieten können, sind wir die Einzigen, die das Baden und Schwimmen sehr gewissenhaft, regelmäßig und sportlich betreiben.
Wir, die Deutschen. Ein eigenes Kapitel. Auch in Paris hat man sie mehr und mehr getroffen, aber wer dem brausenden Dunst der großen Boulevards an bie normannische Küste entfloh, hat doch wohl geglaubt, er werbe in biesem Weltbad Trouville nur auf vereinzelte Sprachgenossen stoßen. Ein leerer Wahn. Es ist keine lieber« treibung. Trouville ist nicht mehr die Vorstadt von Paris — wie etwa Swinemünde die Berlins — Trouville ist eine Sommerkolonie Deutschlands geworben. Es ist am besten, wenn man hier immer beutsch spricht, aber mit etwas Französisch kommt man zur Not auch durch, sagen wir, bie Deutschen, wenn wir wieder einmal einen Landsmann treffen, der sich uns in einem charakteristisch deutschen Französisch verständlich machen möchte.
Wir, die Deutschen, sind im Durchschnitt alle ganz erträgliche Menschen, wir wissen, daß wir hier in einem diffizilen Lande leben, daß man uns argwöhnisch beobachtet, wenn man sich das auch nicht merken läßt, wir wissen, baß wir hier ein großes Volk zu vertreten haben unb haben noch nicht vergessen, wie bitter und hart bie Erscheinungen einer Inflation brücken; wir bebenfen stets, baß jetzt Frankreich unter den gleichen Entbehrungen leidet, bie wir erlitten haben, und wenn auch bie meisten von uns ohne die französische Geldentwertung nicht Hierher gekommen wären, so haben wir doch insgesamt Takt genug, nicht durch übermäßig üppiges Wohlleben aufzufallen. Wir, die Deutschen, sind ein friedliches, trinkgelderspendendes Volk. Wir sind nicht ungern gesehen. Man liebt uns nicht, gewiß nicht, aber man hat wieder Achtung vor uns. Achtung und eine heimliche Scheu: Wie hat es diese Nation vermocht, so rapid diese Inflation zu überwinden, die uns noch droht, deren größte Leiden wir noch nicht ermessen haben? Solche Fragen brechen, offen
Schriftleitung: Dr. Frisör. Mlh. Langs. — Druck und Verlag der
und versteckt, im Gespräch mit jeden Franzosen vor. Daneben wird sich jeder bemühen, den Deutschen merken zu lassen, daß er gegen ihn „nichts habe". Der Krieg? Oh, c'etait un malheur, monsieur, an grand malheur — das bedeutet: er war Verhängnis und Schicksal, dafür können weder ich noch Sie, monsieur c’est <?a! An die Lüge von Deutschlands Kriegsschuld glaubt heute kein Einsichtiger, und deren gibt es mehr, als man nach bem Geschrei der französischen Presse glauben sollte. Unb ist der Deutsche vielleicht noch mit einem leisen Bangen nach Frankreich gereist, er findet, daß auch die bescheidensten Befürchtungen noch übertrieben waren. Wenn er seine Herkunft nicht verleugnet, wirb er alsbalb hier einen Portier, dort einen Oberkellner, einen Mixer oder einen Hausdiener finden, der deutsch spricht. Sie tun es einstweilen noch nicht sehr gerne, aber sie beginnen mehr und mehr damit. In den großen Trouviller Hotels liegen deutsche Zeitungen aus, in den Kiosken der Pariser Boulevards findet man die gesamte bedeutende deutsche Presse von links bis rechts vertreten, unb an den Schausenstern liest man mehr und mehr bie heimatliche Inschrift: „Man spricht Deutsch". Diese kleine Ankünbigung wirb zum bebeutungsvollen Symbol.
Wir bie Deutschen, bie richtigen Deutschen, sind in Frankreich im allgemeinen gut zu leiden. Wir erwerben uns vielleicht einige Teilnahme, jedenfalls: wir fallen nicht auf. Peinlich aber sind jene entfernten Genossen, die ehenso fließend tschechisch wie ungarisch, polnisch unb beutsch reben, bie Internationalen, bie sich jetzt einmal als Reichsdeutsche ober Oesterreicher ausgeben (bet Konjunktur wegen), bie hier in Trouville sitzen, wöchentlich einige Male nach Paris fahren unb dort ihre Jnflakionsgeschäste treiben: die gefährlichen Nutznießer aller Geldentwertungen der Welt. „Kaufen Sie Zucker", rät einer von diesen, „Zucker ist ein stabiler Wert, kaufen Sie Oele ober Kaffee, das sind Dinge, die nach Dollarkurs gehandelt werden, daran können Sie nichts verlieren". Solcher Art sind ihre Schiebungen. i
Die ganze große Saison beginnt hier erst im August, bisweilen haben wir hier nur ein gesellschaftliches Borpostengeplänkel. Wenn der Nachtwind kühler über den Strand weht, wenn von rechts her die Lichterreihen Le Havres durch leichten Nebelschleier funkeln und das Trouviller Kasino Lichtmassen in die Dunkelheiten wirft, begibt sich der, der sich nicht im Smoking an die Bar-Tische setzen will, in das kleine Strandens« Topsy. Bei Topsy ist Musik, bei Topsy wird gelegentlich getanzt.
Aus dem Blechtrichter des Topsy-Grammophons tonen die nasalen Laute französischer Komiker, krähend quetschen englische Girls ihre songs, die vertraute Walzer deutscher Operetten schmeicheln, unb wenn bie „Balencia"-Platte aufgelegt ist, singt alle Welt mit. Denn biefen neuesten Schlager haben sie alle gehört, sie sahen im Moulin Rouge Mistinguett, die diese Melodie über das Parkett des Theaters hinschmettert, von hundert nackten Mädchenbeinen umwirbelt; Valencia muß man kennen, es ist der Gasserhauer, der im Begriffe ist, sich Europa zu erobern. Und um Mitternacht ist das kleine Cafe Topsy Europa geworden, eine Völkerfamilie, vielgestaltig wie das Repertoire seines Grammophontrichters: Deutsche, Engländer, Dänen, Schweden. Einige Pariser dazwischen. Die Abende bei Topsy sind auch ein Symbol auf den Einfall der Fremden in bas Land des gefallenen Franken . . .
Wir sind hier alle nach Trouville gekommen unb sitzen nun hier fest, faul und träge; dazu verführt biefe schon südliche unb fast tropische Atmosphäre. Warum eigentlich wählten wir Trouville? Der Name lockte, der Nimbus einer erlesenen Eleganz. Täuschung. In Trouville ist jegliche Schichtung vertreten, die ganze Welt, die halbe Welt, der erwerbende Bürger, der kleine Rentner. Und diese Stabt ist burchans nicht nur von ben Fremden abhängig, sie führt mit ihren 6000 Einwohnern das rege selbständige Leben eines mittleren Provinzortes. Die große Vornehmheit, die erlesene.Gesellschaft von Paris besucht viel eher bas benachbarte Deauville ober Cadourg ober bas wunbervoll zwischen hohen Bäumen gelegene Houlgate. Unb überall breitet sich bie reiche, üppige Natur einer Küste aus, die in nichts an ben verwehten unb zerzausten Charakter der nördlichen Gestade erinnert. Hier gedeihen Rosenkulturen über der hohen Steilküste von Honfleur, die uralten Gehöfte mit ihren verwitterten Mauern sind von einem Blütengewirr überzogen, aus schönen Fayencen — Erzeugnissen der Werkstätten von Rouen ober Ca- bourg — quellen strömenbe Fälle von Blüten, unb bas Auto fährt Kilometer um Kilometer zwischen dem bunklen Grün hoher Hecken.
In alten wehrhaften Schlößchen, in Kathedralen unb Wallfahrtskapellchen ist bie reiche Geschichte bieser normannischen Küste verewigt. Und bie Normannen sind in ihrer Erscheinung noch bie Nordmänner, die Nachkommen der Wickinger geblieben, bie einst diesen Küstenstrich eroberten; schöne schlanke Gestalten mit blondem Haar und großen hellen Augen. Anheimelndes liegt in dieser Landschaft und in ihrer Kultur, Norddeutsches, von Romanischem durchdrungen — eine seltsame und in sich ausgeglichene Mischung. Und da wird es dem Deutschen, der nach dem Kriege zum ersten Male wieder im Ausland weilt, vielleicht auch geschehen, baß er sich in dieser glücklichen Normandie wieder seines Deutschtums freut, daß er sich nicht mehr als ein Paria Europas, daß er sich wieder anerkannt und geachtet findet. Vielleicht auch, daß er sich nach diesem Lande, welches ihm ein so hohes Gefühl oermittelte, wieder zurücksehnt, weil er gelernt hat, es zu lieben.
Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.


