Ausgabe 
27.7.1926
 
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eine Arbeit selbst zu verrichten, die er seinem Genossen ausbürden konnte. Der Maurer gab, stolz auf einen so bedeutenden Zellen­genossen, eifrig das gewünschte Zeugnis ab. In der großen irischen Bewegung gegen die Ausnahmegesetze für Irland während des Se­kretariats Balfours wurde der Versuch gemacht, erhöhtes Aufsehen dadurch zu erregen, daß man auf das Schauspiel irischer politischer Gefangener hinwies, die, obwohl aus guter Familie, die Schmach erleiden muhten, Magdarbeit zu verrichten und ihre Zellen selbst zu reinigen. Wer kümmerte sich darum? Man könnte leichtlich die Bei­spiele für die Wendung zum Bessern in der öffentlichen Meinung in dieser Hinsicht vermehren. Aber es ist nicht nötig, das Beweis­material zu häufen. Man wird vielmehr bereitwillig zugeben, daß der Vater, der feinen Sohn feinen eigenen Anstrengungen überläßt, nachdem er ihn mit einer Erziehung und einem angemessenen Ka­pital vollkommen ausgestattet hat, ihn nicht erniedrigt, seine Aus­sichten auf eine Frau aus guter Familie nicht verdirbt und die ge­sellschaftliche Stellung seiner Familie nicht verwirkt, sondern im Gegenteil feinen Charakter festigt und feine Ansichten in beruflicher, kaufmännischer, politischer und ehelicher Beziehung verbessert. Außer­dem beginnt die öffentliche Meinung, die gegen die Drohnen im Bienenstock immer strenger wird, mit einer Unterscheidung in der Besteuerung unverdienten Einkommens' zu drohe», ja diese sogar durchzusühren; so daß der Mann, der, trotz den Protesten der elter­lichen Weisheit und des guten Bürgersinnes, bedeutende Hilfsmittel für die Bereicherung und wahrscheinlich Demoralisation später Nach­kommen auswirft für deren Verdienste die Allgemeinheit gar keine Garantien hat dies auf die Gefahr hin tut, daß fein Almosen zuletzt vom Sieuerbeamten wirkungslos gemacht wird. So haben wir dem intelligenten und gemeinfinnigen Millionär fein altes Aus­kunftsmittel,feine Familie zu versorgen", verleidet. Alles, was seine Kinder jetzt von ihm fordern können, alles, was die Gesellschaft von ihm erwartet, alles, was ihm selber frommt, ist eine erstklassige Ausrüstung, nichtUnabhängigkeit".

(2(11$:Sozialismus für Millionäre".) Gemeinschaft.

Die ärgste Sünde an unseren Mitmenschen ist nicht, sie zu hassen, sondern gegen sie gleichgültig zu fein; das ist die Quintessenz der Ün= Menschlichkeit. (Aus:Der Teufelsschüler".)

Fortschritt.

Nur die Politiker bringen die Welt so allmählich vorwärts, daß niemand den Fortschritt erkennen kann. Die Meinung, daß die Natur nicht sprunghaft vorwärts geht, ist nur eine der üblichen ge­fälligen Lügen, die wir die klassische Erziehung nennen. Die Natur geht immer sprungweise vorwärts, sie mag zwanzigtausend Jahre nötig haben, um sich zu einem Sprunge zu entschließen, aber wenn sie sich endlich dazu entschlossen hat, ist der Sprung groß genug, um uns in ein neues Zeitalter hinüberzuführen.

(Aus:Zurück zu Methusalem".) Unslerblichkeii.

(Adam zu Kain): . . . könntest du es ertragen, ewig zu leben? Du glaubst, daß du es könntest, weil du weiht, daß du niemals deinen Gedanken wirst verwirklichen müssen, aber ich habe erfahren, was es heißt, dazusitzen und zu brüten unter dem Schrecken der Ewigkeit, der Unsterblichkeit. Denke daran, Mensch, unentrinnbar Adam sein zu müssen, Adam, Adam, durch mehr Tage hindurch als es Sandkörner an den Ufern der beiden Flüsse gibt, und dann ebenso weit wie je vom Ende zu sein. Ich, der ich soviel in mir habe, bas ich hasse und wegzuwerfen mich sehne: Sei deinen Eltern dankbar, die es dir ermöglicht haben, deine Last neuen und besseren Menschen weiterzugeben, und die dir eine ewige Ruhe gewannen. Denn: wir sind es gewesen, die den Tod erfanden.

(Aus:Zurück zu Methusalem".)

Der hunger nach Weilerenkwicklung.

Welches also ist die moderne Ansicht über der Heiligen Johanna Stimmen und Visionen und Botschaften Gottes? Das neunzehnte Jahrhundert behauptete, sie seien Täuschungen gewesen. Da Johanna aber ein hübsches Mädchen war und durch eine von einem be­stochenen politischen Bischof verhetzte abergläubische Meute mittel­alterlicher Priester abscheulich behandelt und schließlich zu Tode ge­bracht worden sei, müsse man in ihr das unschuldige Opfer dieser Täuschungen sehen. Das zwanzigste Jahrhundert hält diese Erklärung für einen zu abgeschmackten Gemeinplatz und verlangt etwas mehr Mystik. Ich glaube, das zwanzigste Jahrhundert hat recht. Denn eine Erklärung, die darauf hinausläuft, daß Johanna geistig minderwertig gewesen fei, während sie in Wirklichkeit geistig überaus hervor­ragend war, wird uns nicht überzeugen. Ich vermag nicht zu glau­ben, noch könnte ich erwarten, daß es alle meine Leser fo wie Johanna glauben, daß drei dem Auge sichtbare, gutgekleidete Per­sönlichkeiten: die heilige Katharina, die heilige Margareta und der heilige Michael nacheinander vom Himmel herniedergestiegen seien und ihr gewisse Weisungen überbracht hätten, wozu sie eigens vom lieben Gott beauftragt worden wären. Richt als ob ein solcher Glaube unwahrscheinlicher und phantastischer wäre als manche an­dere der modernen Glaubensthesen, die wir alle hinunterschlucken. Aber es gibt auch in Glaubenssachen Moden und Familientradi­tionen, und der Zufall will, daß ich, da meine Mode viktorianisch und meine Familientradition protestantisch ist, mich außerstande sehe, der Form von Johannas Visionen eine so große objektive Beweis­kraft zuzusprechen.

Daß aber Kräfte am Werke sind, von denen einzelne Menschen­exemplare für Zwecke erfaßt werden, die weit über den Zweck hin­

ausgehen, diese Individuen gedeihlich, geehrt, sicher und glücklich im Mittelstände am Leben zu erhalten, was doch das Um und Auf dessen ist, was ein braver Spießbürger vernünftigerweise verlangen kann, wird durch die Tatsache bewiesen, daß Menschen um des Wissens ober um sozialer Umwälzungen willen, durch die sie nicht um einen Deut besser, wirklich aber gar oft um manchen Deut schlechter wer­den, Armut, Schande, Verbannung, Cinl'erkerung, schreckliche Müh- sale und sogar den Tod auf sich nehmen. Selbst das eigensüchtige Streben nach persönlicher Macht spornt den Menschen nicht zu Mühen und Opfern solcher Art an, wie er sie begierig auf sich nimmt, sobald es sich um die Ausdehnung unserer Macht über die Natur handelt, obschon diese Machtausdehnung das persönliche Leben des Forschers in keiner Hinsicht berühren mag. In diesem Hunger nach Wissen und Macht liegt um kein Haar mehr Mystik als im Hunger nach Nahrung. Beide sind als Tatsachen und nur als Tatsachen bekannt, wobei der Unterschied zwischen beiden nur darin liegt, daß der Hunger nach Nahrung für das Leben des Hungrigen notwendig und daher ein persönlicher Hunger ist, wäh­rend der andere ein Hunger nach Weiterentwicklung und daher ein überpersönliches Bedürfnis ist.

Die verschiedenen Formen, in welchen unsere Einbildungskrast die Annäherung übernatürlicher Kräfte dramatisch verdichtet, sind ein Problem für den Psychologen, nicht für den Historiker. Nur muß der Historiker begreifen können, daß Schwärmer weder Schwindler noch Narren sind. Man kann sagen, die Gestalt, in der Johanna die heilige Katharina erblickte, sei nicht wirklich die heilige Katharina gewesen, sondern nur die dramatische Gestaltung, die Einbildungskraft Johannas, jenes sie belastenden Hanges, jener treibenden Kraft, die hinter jeder Entwicklung steckt und die ich eben den Hunger nach Weiterentwicklung genannt habe. Aber wir sind nicht berechtigt, die Visionen Johannas in dieselbe Kate­gorie einzureihen wie die Vision eines dopppelten Mondes, gesehen von einem Betrunkenen, oder wie die Brockengespenster und der­gleichen. Die Unterweisungen der heiligen Katharina waren hier­für viel zu dringend, und der einfältigste französische Bauer, der an Erscheinungen himmlischer Personen vor begünstigten Sterblichen glaubt, ist der wissenschaftlichen Wahrheit über Johanna näher als die rationalistischen und materialistischen Historiker und Essayisten, die sich verpflichtet glauben, ein Mädchen, das Heilige sehen und sie sprechen hören konnte, als Wahnwitzige oder als Lügnerin herab­zusetzen. Wenn Johanna verrückt war, bann war es die ganze Christenheit mit ihr; denn Leute, die ehrfurchtsvoll an die Existenz himmlischer Persönlichkeiten glauben, sind in diesem Sinne genau so verrückt, wie jene, die sie sehen zu können glauben. Als Luther sein Tintenfaß nach dem Teufel warf, war er nicht verrückter als jeder andere Augustinermönch: er hatte eine lebhaftere Phantasie und vielleicht weniger gegessen und geschlafen das war alles.

(Aus dem Vorwort zurHeiligen Johanna".)

Die Veränderlichkeit der Toleranz.

Der zu irgendeinem Zeitpunkt erreichbare Grad der Toleranz hängt von dem Druck ab, unter dem die Gesellschaft ihr Gefüge aufrecht erhält. Im Kriege zum Beispiel unterdrücken wir die Evan­gelien und kerkern die Quäler ein, legen den Zeitungen einen Maul­korb an und machen ein ernstes Vergehen daraus, wenn einer zur Nachtzeit ein Licht anzündet. Unter dem Drucke des feindlichen Ein­falls schlug die französische Regierung im Jahre 1792 viertausend Menschen den Kopf ab, meistens aus Gründen, die in Zeiten eines geordneten Friedens keine Regierung auch nur zur Chloroformie- rung eines Hundes veranlaßt hätten. Im Jahre 1920 metzelte und brandschatzte die britische Regierung in Irland, um die Anwälte eines verfassungsmäßigen Umschwungs zu verfolgen, den sie bald darauf selbst durchführen mußte. Späterhin taten die Faszisten in Italien alles, was die Schwarzgelben in Irland getan hatten, nur mit eini­gen grotesk-wilden Variationen dies unter dem Drucke eines un­geschickten Versuches einer industriellen Revolution durch Sozialisten, die den Sozialismus sogar noch weniger verstanden, als Kapita­listen den Kapitalismus verstehen. In den Vereinigten Staaten fand unter dem Eindruck des panischen Schreckens, der durch die russisch- bolschewistische Revolution vom Jahre 1917 ausgebrochen war, eine unglaublich wilde Verfolgung von Russen statt. Diese Beispiele ließen sich leicht vervielfachen: doch genügen sie, um zu zeigen, daß es zwischen einem Maximum an duldsamer Toleranz und einer unbarm­herzigen intoleranten Schreckensherrschaft eine Wage gibt, auf wel­cher die Toleranz ständig steigt oder fällt, und daß das neunzehnte Jahrhundert nicht den mindesten Grund zu der selbstgefälligen Ueberzeugung hatte, es wäre toleranter als das fünfzehnte, oder daß in unseren sogenannten erleuchteteren Zeiten sich solch ein Vor­fall wie die Hinrichtung der Heiligen Johanna unmöglich ereignen könnte. Tausende von Frauen, deren jede tausendmal ungefährlicher und weniger schreckhaft für unsere Regierung waren, als es Jo­hanna für die Regierung ihrer Zeit gewesen ist, find in den letzten zehn Jahreü hingemetzelt, in den Hungertod getrieben, durch Feuer von Haus und Hof vertrieben worden, und was der Verfolgung und der Schreckensherrschaften noch mehr waren dies alles im Ver­lause von Kreuzzügen, die weit tyrannisch-anmaßender waren als die mittelalterlichen Kreuzzüge, die nichts Uebertriebeneres zum Zwecke hatten als die Befreiung des Heiligen Grabes aus den Händen der Sarazenen. Die Inquisition und ihr englisches Aequiva- lent, die Sternkammer, sind nicht mehr, in dem Sinne, daß ihre Namen nicht mehr angewendet werden. Aber kann irgendein mo­derner Ersatz für die Inquisition: die Sondergerichtshöse und Aus­nahmekommissionen, die Strafexpeditionen, die Aushebung der