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Hauptströmungen. des 19. Jahrhunderts, gegen Romantik und Histo- risums. Der Vergangenheit reiht er ebenso die Masken herunter wie der Gegenwart., Die Kunst empfindet er als Lüge, und fo sind seine Künstler-Charakteristiken bei allem feinen Verständnis von unerbittlicher Schärfe, jchon in dem Dichter der „Candida", noch mehr in dem Maler im „Arzt am Scheidewege", und gegen den egoistischen Neroenmenschen, der nur sein privates Glück sucht und nicht sür das Wohl der andern lebt, ist die bittre Satire in „Haus Herzenstod" gerichtet.
Dach es gibt nicht nur Negatives in seinem Weltbild. Shaw glaubt, an die „Lebenskraft" int Menschen und an seine Höher- züchtung, nicht im Sinne Darwins, ober Lamarcks. Der geheimnisvolle Lebenswille in deut genialen Menschen muh sich mit einer ideellen Macht vereinen, wie dies in der herrlichen Gestalt der „Ma- jorin Barbara" ausgeprägt wird. Der Kanonenkönig Undershaft sagt hier, daß Religion jtos einzige Thema sei, von dem sich zu reden verlohne, und auch Shaw selbst bekundet immer ntehr diese Tendenz. Dieser Durchbruch des Religiösen, des Glaubens und der Mystik vollzieht sich in dem Werk, das die Krönung seines Schaffens bedeutet, in dem „Metabiologischen Pentateuch", „Zurück zu Methusalem", in dem in ebenso origineller wie tiefsinniger Weise die Entwicklung der Menschheit geschildert wird, von Adam und Eva bis zu dem Sieg des reinen Gedankens und des ewigen Lebens. Der ungläubige Spötter und stete Lereiner hat hier auf der Höhe seiner Weisheit und seines Wirkens seinen Glauben an die Menschheit bekannt wie Goethe im „Faust" und seine fünf Dramen als „Bildschnitzereien im Tempel der Zukunftsreligion" geschaffen.
Der Dramatiker Shaw.
Von Friedrich M örter.
Wie die meisten Iren, so hat Shaw die Neigung, alles besser 3» wissen, er muh immer gegen irgendetwas protestieren. Beschäftigt er sich mit der englischen Heuchelei, so fordert er Freimut und Natürlichkeit; bei der freimütigen Johanna von Are findet er auszusetzen, daß sie in ihrem Selbstbewußtsein zu weit geht. Trifft er auf einen Helden (Cäsar), so ruft er ironisch: Auch ein Held ist nur ein Mensch, und sucht die Schwächen hervor. Hat er es mit jemandem (Kleopatra) zu tun, der seiner „Menschlichkeit" keine Zügel anlegt, so fordert er schulmeisterlich: mehr heroische Haltung!
Shaw zeigt die Vorteile und die Nachteile jeder Anschauung, jeder Handlung und jeden Charakters; er versteht alles und er protestiert gegen alles. Shaw ist stets gerecht, aber er liebt nichts.
Das ist der Grund, warum er sich so schwer durchsetzte. Denn das deutsche Publikum will sich für die Gestalten auf der Bühne erwärmen. Dazu^ kommt, daß die Probleme der Shawschen Dramen nicht aus dem Herzen, sondern aus dem Verstand stammen. In seinen Dramen wirkt nicht Gefühl gegen Gefühl wie bei Gerhart Hauptmanns „Einsamen Menschen", nicht Leidenschaft gegen Leidenschaft wie bei Schiller^ sondern Behauptung gegen Behauptung, Beweis gegen Beweis. Seine Menschen sind nicht Träger eines Schicksals, sondern Wortführer einer Partei, einer Sekte, eines Standes, einer Weltanschauung.
Gerhart Hauptmanns Fuhrmann Henschel interessiert uns, trotzdem er „nur" Fuhrmann, — weil er ein sympathischer Mensch ist; Shaws Gestalten dagegen wirken nicht durch sich selbst, sondern sind vielmehr von der Bedeutung und der Wohlgesälligkeit der Partei und des Berufes abhängig, den sie vertreten.
Die Fragestellung in Shaws Dramen ist eine durchaus englische. Es handelt sich im Grunde stets um die Heuchelei.
Vergegenwärtigen wir uns eines seiner Stücke: „Frau Warrens Gewerbe ist die Führung gewisser Häuser in Wien, London, Brüssel und Budapest. Sie stammt aus der Tiefe, war Scheuermädchen in einer Schenke, Kellnerin, Bardame und derartiges. Am Anfang -ihrer eigentlichen Laufbahn stand der Entscheid: ehrliche Arbeit der Fabrik und des Dienstes oder die gewissenlose Arbeit, die sie erwählte, durch die sie zu Reichtum und Macht kam. Frau Warrens Tochter ist eine junge Dame, die aus der Universität das drittbeste Zeugnis in Mathematik erhielt, die Ferien haßt und sich aus Schönheit und Romantik nichts, aus Liebe wenig macht. Sie ist sehr vernünftig, sehr kühl, sehr beherrscht, sehr sauber (dank dem Geld ihrer Mutter) und liebt die Arbeit.
Als dieses Muster einer jungen Engländerin über das Gewerbe ihrer Mutter aufgeklärt wird, anerkennt sie mit Shaw zwar: „Wenn ich du gewesen wäre, Mutter, würde ich getan haben, was du getan haft; aber ich würde nicht ein Leben gelebt und ein anderes geglaubt haben."
Shaw ist Wirklichteiismensch genug, keine „ideale Forderung" zu stellen; er verlangt nur, daß das, was die Not, das Leben erfordert, beim richtigen Namen genannt wird. Den Mut zur Wahrheit! Mut und Entmutigung find zwei der häufigsten Worte in L-haws Dramen.
Großes leistet der Mensch nur, wenn er feiner Natur folgt. Wie Shaw dies meint, zeigte er in feiner Gestaltung Cäfars: er ist gütig und so vernünftig, aus feiner Güte Zinsen zu ziehen; großmütig und suchslistig genug, seine Großmut zum Falle werden zu lassen. Während Britannus von „gesetzlichen Verpflichtungen" spricht, wenn er von unterworfenen Königen Geld erpreßt, sagt Cäsar einfach: ich brauche notwendig Geld. Er heuchelt nicht und gewinnt hieraus die Möglichkeit, Lügen so auszusprechen, als seien sie tölpisch verplauderte Wahrheit. Er tötet, wo es notwendig ist, aber er rächt sich nicht. Er ist groß und klein; gütig und hart. Er ist Natur. Sein Gegensatz ist Britannus, der englische Heuchler, der im entscheidenden
Augenblick stets daneben haut, weil er nicht selbständig zu denken wagt.
In „Cäsar und Kleopatra" lautete Shaws Fragestellung noch: Mut und Heuchelei, Natur und Konvention. In der „heiligen Johanna" ist sie vertieft zum Kamps zwischen Genie und Disziplin, zwischen den seherischen und den priesterlichen Kräften.
In diesem Konflikt wird Johanna zermalmt. Das Gesetz des Genies ist Vorwärtsbewegung, das Gesetz des Talents und des Durchschnitts: zuchtvolle Verwaltung des Bestehendes. Der Kampf Johannes ist der immerwährende Kampf des Werdenden mit dem Gewordenen; des Fortschritts mit dem Bestehenden. Wie in jedem Kampf, gibt es hierbei auf beiden Seiten Opfer. Sie sind die Opfer der gleichen Notwendigkeit, die um der Frucht willen die Blüte vernichtet.
Uebrigens gibt Shaw keiner von beiden Richtungen recht, sondern sagt: Das Leben besteht aus dem Spannungsverhältnis zwischen Fortschritt und Beharrendem. —
Shaws Werke sind dem Inhalt nach Erzeugnisse aus englischer Heuchelei und irischem Eigensinn; ihre Form ist konstruiert aus dem Stahl des Gedankens und verlebendigt durch die Glühbirnen des Witzes.
Aphorismen.
Aus Werken Bernard Shaws*).
Journalismus.
Der Journalist schreibt über das, woran jedermann, wenn er schreibt, denkt (oder denken sollte). Seine Aeußerungen wiederbeleben, wenn jedermann bereits an etwas anderes denkt, wenn die Flut des allgemeinen Denkens und Trachtens sich verändert- hat, wenn die vordersten Plätze der Bühne von neuen Spielern eingenommen werden, wenn viele mächtige Emporkömmlinge ihre Beliebtheit entweder überlebt haben oder mit ihr zugrunde gegangen find, wenn die Kleinen, die ihr begönnert habt, groß, und die Großen, die ihr angegriffen habt, heilig gesprochen sind und im Grabe vorn Volksgefühl Verzeihung erlangt haben; das heißt mit allen diesen Unvermeidlichkeiten den Wert eures Journalismus auf eine sehr- harte Proben stellen.
Nichtsdestoweniger ist der Journalismus die erlesenste Form der Literatur, denn alle erlesenste Literatur ist Journalismus. Der Schriftsteller, der darauf aus ist, die Flachheiten, die „nicht für ein Zeitalter, sondern für die Ewigkeit find", hervorzubringen, hat seinen Lohn darin, daß er in allen Zeitaltern unlesbar ist: indessen Plato und Aristophanes, die dem Athen ihrer Zeit etwas Vernunft einzubläuen versuchten, Shakespeare, der dieses selbe Athen mit Elisabethanischen Handwerkern und Warwickshirejagden bevölkerte, Ibsen, der die Aerzte und Kirchenvorsteher einer norwegischen Gemeinde photographierte, Carpaccio, der das Leben der heiligen Ursula genau so schilderte, als ob sie eine in der benachbarten Straße wohnende Same gewesen wäre, noch überall lebendig und gegenwärtig sind, mitten zwischen dem Staub und der Asche Tausender von akademischen, peinlichen, archäologisch korrekten Männern der Wissenschaft und der Kunst, die ihr Leben lang der gemeinen Art des Journalisten, sich mit dem Vergänglichen zu befassen, hochmütig auswichen.
Ich bin auch ein Journalist und stolz darauf und streiche mit Vorbedacht alles aus meinen Arbeiten heraus, was nicht Journalismus ist, überzeugt, daß nichts, was nicht Journalismus ist, lange als Literatur lebendig bleiben oder, solange es lebt, von irgendeinem Nutzen sein wird. Ich befasse mich mit allen Epochen; aber ich studiere keine außer der gegenwärtigen, die ich noch nicht gemeistert habe, noch jemals meistern werde; und als Dramatiker habe ich keinen Berührungspunkt mit irgendeiner historischen oder anderen Persönlichkeit, ausgenommen mit dein Teil von ihr, der auch ich selbst ist, was — je nachdem — vielleicht nur neun Zehntel ober neunundneunzig Hundertstel von ihr sein mag (wofern nicht etwa ich größer bin als sie). Aber dieser Bruchteil ist jedenfalls alles, was ich von ihrer Seele überhaupt erfahren kann. Der Mann, der über sich selbst und über seine eigene Zeit schreibt, ist der einzige Mann, der über alle Menschen und über alle Zeiten schreibt. Der Schriftsteller anderer Art, der da glaubt, daß er und feine eigene Zeit fo verschieden von allen anderen Menschen und Zeiten seien, daß es unbescheiden und belanglos wäre, von sich und ihr zu sprechen ober anzunehmen, baß sie, außer ihn selbst unb seine Zeitgenossen, irgenbmen interessieren könne, ist ber verblenbetste aller Egoisten unb folglich ber unlesbarste unb entbehrlichste aller Autoren. Und bnrum mögen anbere immer pflegen, was sie Literatur nennen: für mich ben Journalismus!
(Aus: „Wie Shaw ben Norbau bemolierte".)
Die Würbe der Arbeit.
Sogar bas Vorurteil gegen die körperliche Arbeit ist im Schwinden. In den künstlerischen Berufen wurde mit ihr eine Art Kultus getrieben, als Ruskin feine Oxforder Schule ins Freie führte und sie Straßen bauen ließ. Es sind jetzt viele Jahre her, daß Dickens, als er ein Gefängnis hesuchte, auf ben Giftmischer Wainwright stieß unb biefen Gentleman feine Urbanität daburch verteidigen Härte, daß er seinen Mitgefangenen (einen Maurer, wenn ich mich recht erinnere) fragte, ob er (Wainwright) sich je herbeigelasfen habe, die Zelle zu reinigen ober ben Besen zu handhaben ober, kurz, irgenb»
*) Shaws Werke sind in Einzelausgaben sowohl wie gesammelt in ber Uebersetzung von ©iegfrieb Trebisch bei S. Fischer in Berlin erschienen.


