Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926
Dienstag, den 27. Juli
Nummer 60
Lsommerfewer.
Von Karl Nötiger.
Weite Ebne, Felderstille: Glanzlicht, flimmerheih. — Dunst des Mittags. — Wege führen Grad und weit hi in Staubig-weiß, Dis sie sich im Blau verlieren ....
Drängend schwillt der dunkle Wille Brauner Erde — leise reist Korn an Korn: im leisen Neigen Vor dein Wind, der sanfthin streift, Stehn die Felder da und schweigen. — Glairzduft deckt die Sommerfülle. — Wohl im blauen Abend hebt Sich ein Lied aus eines Kindes Mund von irgendwo — und schwebt: And lischt in des späten Windes Atem. — Traue Dämmer hüllen Weiter Ebne Aeifetraum.
Nacht steht hoch. And Stern« steigen. Dis an Horizontes Saum
Stehn die Felder blaß und schweigen.
Wartend lauscht die reife Stille.
Bernord Shsw.
Zu seinem 70. Geburtstage, 26. Juli.
Von Dr. Paul Landau.
Unsere Zeit ist der reinen Dichtung nicht günstig. Der geistige Mensch lebt nicht.mit seiner Epoche, sondern gegen sie, und so wird er, anstatt sich im ruhigen Gestalten und Schauen auszuwirken, zum Kämpfer, zum Prediger, zum Kritiker, Satiriker, zum Schriftsteller. In diesem Sinne ist Shaw der Dichter unsrer Tage: freilich ein sehr sonderbarer Poet, der das eigentlich Künstlerische ablehnt, dem die Dichtung nicht Selbstzweck ist, sondern nur Mittel zu höchst praktischen und nüchternen Zwecken. Er haßt — darin Tolstoi verwandt — nichts mehr als den „Sinnengenuß" der Schönheit: gesunde Wohnungen für die Armen sind ihm wichtiger als alles Aesthetentum. Er bekämpft Shakespeare, diesen höchsten Ausdruck der Poesie, nicht minder heftig als den Kapitalismus. Ein Dichter also, der keiner sein will, ein Mensch der Tat, dem seine Romane und Dramen Waffen im Kampf gegen die bestehende Gesellschaftsordnung sind wie seine Reden und kritisch-philosophischen Schriften: daher in, seinem Schaffen nicht zu vergleichen mit den großen Lyrikern und Visionären, sondern eher mit jenen Helden der Feder, die ihr Zeitalter repräsentierten, mit Lessing, Samuel Johnson oder Voltaire: aber alles in allem, eine überragende, freie, stolze, mächtige, hinreißende Persönlichkeit, die „höchstes Glück der Erdenkinder" ist.
Shaw ist auch darin ein Sinnbild unserer vielgestaltig wirren Zeit, daß er ein überaus verwickeltes, aus gegensätzlichen Antrieben gemischtes Wesen darstellt. Er ist zugleich Engländer und England- feind, zugleich Individualist und Sozialist, Puritaner und Freiheitsschwärmer, Gesetzesverächter und Staatsfanatiker, Weiser und Narr. Cs ist das große Verdienst der soeben in völlig neuer Bearbeitung bei S. Fischer in Berlin erschienenen Monographie über Shaw von Julius Bab, daß sie die biologischen und rassemäßigen, die nationalen und literarischen Grundlagen seines Wesens und seines Werkes klar darlegt und in der scheinbar sprunghaft-willkürlichen Entwicklung die stets gleichen Gesetze und Leitmotive aufzeigt.
shaw ist Engländer: die Familie wurde erst Ende des 17. Jahrhunderts nach der „grünen Insel" verschlagen. Als Engländer ist er ein Mensch des Willens unb der Tat, ein praktischer, zweckbewußter Arbeiter mit einem kühl-verständigen, klarsachlichen Blick, mit scharfer Beobachtung der Wirklichkeit, ein Herrenmensch von jener eisernen Energie und Zähigkeit, wie er etwa in Cecil Rhodes verkörpert ist. Zugleich aber ist er Ire, ein Wesen mit keltischem Witz und keltischer Beweglichkeit, erfüllt von künstlerischen Instinkten und kühnen Visionen, musikalisch begabt; ein Meister jenes grimmigen und grandiosen Humor, der an seinen Landsmann Swift gemahnt. Als Ire ist er aber nicht Katholik, wie die meistenderträumerischen, wundergläubigen Poeten von Erin, sondern Puritaner, ein Geistesgenosse von Knox und Cromwell, dem das Protestieren und Rebellieren im Blute steckt. Von der Mutter hat er die Liebe zur Musik und „des Lebens ernstes Führen" empfangen, vom Vater aber wohl die Freude an Eulenspiegeleien, He Lust am Postieren, das unruhige spöttische Clement seiner Natur, das ihm etwas vom Kobold und Schalksnarren verleiht. Als er 1876 Irland den Rücken kehrte, um
sich erst London und dann die Welt zu erobern, da „wußt' ich genau dos, was der Engländer nicht weiß, und was er kannte, wußte ich entweder nicht ober glaubte ich nicht." Aber allmählich lernt er das Englische zu dem Irischen, freilich nur, um es zu befehden. Wie so viele der grüßten britischen Geister, ein Byron oder Carlyle, ein Ruskin und Morris vor ihm, wird er zum leidenschaftlichen Kämpfer gegen bas typische Engländertum, unb bet Sozialismus — in der gemäßigten Form der „Fabier", die sich von Marr lossagten und mit geistigen Waffen für das ferne Ideal des Staatssozialisten eintreten — wird die von ihm gepredigte Lehre. Aus der reinen und etwas dünnen Gedankensphäre der „Fabier" hat der junge Shaw die schlagkräftigen Ideen seiner ersten kritischen Schriften und Dramen gezogen. Aber auch als selbständiger Denker ist er stets in der Fechterstellung gegen das offizielle England geblieben, so baß ihn noch vor tiirzem eine Schrift als den „Crzfeinb des Empire" anklagen konnte. So bekannt und gefürchtet er in feiner Heimat ist, so hot er doch die Teilnahme breiterer Massen auch heute noch nicht gesunden — der berühmteste und beliebteste englische Dichter der Gegenwart ist Barrie — Shaws Weltruhm ift' erst von Deutschland unb bann von Amerika aus nach seinem Vaterland gedrungen. Es war aber schon viel, bah Albion diesen schonungslosen Vertreter alles dessen, was ihm heilig war, überhaupt übertrug. Das war nur möglich, weil er selbst so viel Englisches besaß, so viel Spleen, so viel skurrilen Humor und gesunden Menschenverstand. So hat sich denn das Volk der Beefsteak-Esser sogar mit seiner Verherrlichung der Pflanzenkost, ebenso wie mit seiner Verachtung des Sportes ad- gefiinden.
Dieser Umwerter aller Werte unb Zertrümmeret der alten Tafeln entging dem tragischen Schicksal eines Nietzsche, weil er nach bem alten Philosophenrat „lachenb bie Wahrheit sagte". Er ist ein Prebiger und Prophet von der Art des alten Abraham a Santa Clara, der bie Maske bes Narren vornimmt, bamit bie Menschen ihn hören. Er begann sein Reformwerk als politischer Agitator, setzte es fort als Kritiker über Musik unb Kunst unb wählte schließlich bie Bühne zu seiner Kanzel, von der er feine paradoxen Wahrheiten wirtlich der ganzen Welt verkünbete. Deshalb steht für ihn auch bie künstlerische Gestaltung bes Stosses im Hintergrunb. Er arbeitet mit den Tricks bes alten Intriguenstücks, häuft 'Unwahrscheinlichkeiten unb zufällige Verwicklungen. Die langen Vorreden, in denen er die Grundgedanken seiner Dramen geistreich erläutert; sind ihm wichtiger als die Stücke selbst. Die Figuren benutzt er nur als Sprachrohr, und immer wieder hört man bie helle, scharfe, klare Stimme von „G. B. S." aus seinen Gestalten, mag er nun der antike Cäsar ober der moderne „Kanonenkönig" fein. Seine Erfindungsgabe ist recht schwach; die innere Phantasie fehlt diesem Anti-Erotiker. Und doch! Cs gibt Stellen in feinen Dramen, bie in bie Höhen reinster Dichtung ragen unb einen unvergeßlichen stolzen Seelenklang haben. Wenn biefer Ironiker unb Kritiker bie Hemmungen unb Sprödigkeiten seines Talents überminbet, bann schwingt er sich in heilige Sphären unb findet den Ausdruck edelster Männlichkeit, den Ton religiöser Hymnik. Von solcher geheimen Spannung sind bie unvergänglichsten feiner Werke getragen: bie wundervolle Seelenbidjtung „Candida", der Sang von der tapferen Heilsarmee-Majorin Barbara, bas Sterben bes Dichters im „Arzt am Scheibewege", bie heimatliche Tragik von „John Bulls anbrer Insel", bie dämonische Phantastik von „Mensch unb Uebermensch", Ciisars weltgeschichtliches Gelächter, bie melancholoische Heiligkeit ber Heldenjungfrau von Orleans unb das kosmische Mysterium „Zurück zu Methusalem".
Shaw hat bie Weltanschauung, bie er sich in den Kämpfen und Studien seines ersten Londoner Jahrzehnts errungen, in der leichten Form vier amüsanter Romane und bann in ben beiden aus seiner Kritikertätigkeit erwachsenen Werken „The Quintessence of Ib- senism" unb „The perfect Wagnerite" beljanbclt. Ibsens Gesell- schastsdramen müssen babei ebenso für seine Theorien herhalten wie Wagners „Ring", in bem er ben Kampf gegen ben Kapitalismus bargestellt sieht. Seine ersten Dramen sinb mit starker Tendenz gegen soziale Mißstände gerichtet, gegen bas Clenb ber „Slums", bie „Häuser des Herrn Sartorius", gegen bie Ausbeutung ber Menschen „Frau Warrens Gewerbe". Dann roenbet sich Shaws Kritik immer mehr ben rein menschlichen Konflikten zu; ein Gegner jeber Romantik bemüht er sich um bie Erschütterung bes konventionellen Helben- ibeafs unb stellt als feine Lieblingsfigur einen ganz unhelbischen, nüchtern realistischen Tollkopf hin, ber von ber Welt verkannt wird unb sich boch schließlich als ein kreuzbraver Gesell mit bem Herzen auf ■ bem rechten Fleck offenbart. Den historischen Größen, einem Napoleon, Cäsar, ber heiligen Johanna, verleiht er etwas von biefem gefunben Menschenverstand, biefem natürlichen Mutterwitz unb läßt sie sprechen unb hanbeln wie Menschen unserer Tage. Shaw ist völlig imhistorisch. In seinem Schaffen gipfelt ber Kamps gegen bie beiden


