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Gießener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1926 Dienstag, den 27. April Nummer
Frühling.
Don Lev Sternberg.
Die Dienen stoßen in die Blüten, daß leis das ganze Bäumchen schwankt und schauernd seinen duftigen Süden von trunkner Sehnsucht fühlt umrankt. Und tausendblütig wildem Willen ach, hingegeben bis zum Leid: „Nehmt alles euch! 3a, kommt euch stillen und saugt euch aus mir Ewigkeit!"
Der Glückssall.
Don Luise Glaß.
Motto: Glück haben kann jeder,
Festhalten ist das Kunststück.
3n die Fleischergasse war das große Los gefallen, Schneider Dierlings hatte das Glück betroffen. Seit zwei Jahren spielten die drei Männer zusammen: der Großvater, der mit Hilfe seiner Hornbrille sogar noch die Knopflöcher zustande brachte, und die Brüder Ede und 3ule, die froh waren, wenn im Laufe des Jahres ein paar Einsegnungsröcke und ein Dallschwenker ihrer Werkstatt entstieg. Meistens muhten sie ihre Nachbarn und Neben- menschen mühselig ausflicken.
Und mm das große Los. Die ganze Gasse nahm teil an dn" „Donnerwetter," sagte die Wirtin zur Goldenen Gans, oben an der Ecke, „wenn sie nur wohnen bleiben! Kann ich das große Los nicht selber haben, so soll's wenigstens in der Nachbarschaft verzehrt werden." _. , . „ .
Und der Wirt vom Roten Hirschen, am andern Enve, sprach hinter einem tiefen Seufzer drein: „Bloß wissen macht ich, wie ihnen zumute ist. Drei Zehntel! — Hundertfünfzigtaasend Mark!" , » « • re.
Daraus, wie ihnen zumute war, machten Dierlrngs kern Geheimnis Lachend und jubilierend sahen sie beisammen in der Wohnstube, die zugleich- Werkstatt war. Großvater oben auf dem Tritt, kreuzbeinig, Nadel und Faden bei der Hand, 3ule behäbig an dem etwas wackeligen runden Tisch, wo seine Frau «inen Grog nach dem andern braute, Onkel Ede im Fensterstock. von wo er bald auf die Gasse hinaus, bald in die Stube herein lachte. .. ,,
Onkel Ede war ledig, und wollte ledig bleiben, — nun erst recht: wenn einer Geld in der Tasche hat, ist ihm als Junggesellen erst recht wohl. . -
"3iaua“, sagte der verheiratete Bruder, und die Schwägerin setzte" hinzu: „Verheirateten ist auch erst recht wohl, wenn sie Geld in der Tasche haben. Aber laßt ihn nur; setzt is er der Erbonkel, der wird unfern Kindern gut tun, wenn er ausge- r t । tvrr+ "
Worauf der Onkel noch- vergnügter lachte als vorher.
„Ich nicht! Ich tu’ keinem gut, ich verbrauch mein Teil selber. Jetzt aber macht' ich wissen, wie es all den Neidhammeln draußen in der Gasse zumute ist." . «
In diesem Augenblick kam Jule Dierlrngs ältester Sohn nach Hause, ein frischer, breitschultriger Bursche wm tobzehn Jahren, den sie zum Unterschied vom Onkel den Nemen Ede nannten - Schneider hatte er nicht werden wollen. , Erstens weil die Schneider verulkt würden, soweit einer freus&eung auf dem Tritt säße, zweitens weil ein Zimmermann ubechaupt alles könne, und drittens weil Karl Peterlein, sein Ideal, auch ZimmermanNnse.h^tte Stiefmutter gesagt; „des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Nachher kann ja meiner mal ins Geschäft treten rmd's Haus erben "
Meiner" war jetzt vier Jahr« alt, taugte auf der Diele und" ah Schokolade, die sein sechsjähriges Schwesterchen zur Feier des Tages vom Kramer geholt hatte. Die beiden horten auf die schönen Namen Adolf und Flora, - wenn fte uber- ^^Frau^Emmeline Vierling war eine ordentliche Frau, nur *^°Der"habmt fte's ängetauft, sagten die Leute, sie Hren Vornamen zum erstenmal horten — und sie Felber taufte es wieder ihren Kindern an. Flora und Adolf — das Nang!
„Is es wahr?" schrie der kleine Ede zur Sure herein und schlug einen Purzelbaum.
„Da gib mir flink einmal ein Goldstück, Vater. Das groß« Los muß ich mit den Bekannten begießen; wer Geld hat, hat Pflichten."
„Nana", sagte der. Vater.
Der Großvater aber kam vom Tritt, zog den Tischkasten auf, in den sie ihren Gewinn eingestrichen hatten, und langte eine Doppelkrone heraus.
Sogleich verlangte Frau Emmelin« auch zwei für ihre Kinder.
„Kommt her, Flora und Adolf, hier is waS zum Spielen."
Nun rollten di« beiden Goldstücke als Spielzeug durch di« Stube.
„Nana", sagte Vater Jule, der Onkel Junggesell lachte, und der Großvater kicherte mit dem leisen Behagen des Alters, das junger Leute Dummheiten nicht mehr ganz ernsthaft zu nehmen vermag.
„Willst du auch einen Grog?" fragte die Mutter großmütig. Aber der kleine Ede wollte lieber mit den Kameraden trinken.
Trotzdem stand er noch ein paar Minuten zögernd in der Stubentür.
Endlich- fragte er: „Wo ist denn Lisbeth?"
„Die flaniert je immer irgendwo rum“, antwortete Frau Emmeline spitzig, und das „Nana" des Vaters Hang diesmal sehr bescheiden.
Onkel Ede pfiff „Wenn ich ein Vöglein wär'", und der Großvater, der schon wieder stichelte, antwortete behaglich: „Lisbeth weih es noch gar nich, die wird horchen!"
Da ging der kleine Ede, ohne weiteren Gruß, zur Türe hinaus. Also zuerst mal die Schwester suchen, so lange hatte das festliche Degreßen noch Zeit.
Hinter ihm drein sagt« die Mutter: „Mit den zwei Großen hat mer alletoeile seine Not — nu denkt an was andres — nu seid bloß lustig: Hundertfünfzigtausend Mark."
Draußen in der Dämmerung, die in der Fleischergasse beizeiten einfällt, schaute ich der Heine Ede suchend um Er wußte ungefähr, wo Lisbeth ums Dunkelwerden zu finden war: wenn Ede vom Bau kam, dann war auch der Zimmermann Peterlein nicht mehr weit. , „ „ „ „
Nach kurzem Rundblick ging der Kieme stracks auf das gegen» überliegende Haus zu, llopfte und trat in die Unterstube. Hier wohnte die Waschfrau Peterlein, „seit die Welt steht", sagten di« Geschwister Vierlings. Das hieß: so lange wir zuruckdenken Formen.
Und so lange war die Peterlein auch schon Witfrau. Aber sie hatte sich und ihren einzigen Jungen ordentlich durchgebracht, mit Hilfe von Ehrlich-keit, Seifenschaum, Fleiß und Sprichwörtern, gereimten oder ungereimten.
Ihren Sohn erzog sie tüchtig, wenn s notig war. mit lockerem Handgelenk, wozu auch Sprichwörter die Erklärrmgen und Nutzanwendungen lieferten.
Ms Lisbeth und Ede Vierling die Mutter verloren, Bauten sie ihr Häuschen zu Frau Peterlein, da heimsten sie Verse und Quarkbrote ein, wenn sie drüben vergessen wurden.
Später, nach des Vaters zweiter Heirat, staken fte auch dann bei Peterleins, wenn sie drüben gesucht wurden. Obwohl die Stiefmutter lustig war und ihnen keinen Stein in den Weg legte, gehörte ihr Herz der Nachbarin, und an dem Karl hingen sie alle beide, wie die Kletten.
Auch jetzt als der kleine Ede eintrat, hing Lisbeth ganz buchstäblich an Peterleins Hals uto weinte Mu
„Willst du gleich lustig fein!“ schrie Ede, und warf sein Goldstück wie einen Fangball in die Lust. „Heute darf kein Diettmg 5eUl®a lachte sie schon ebenso fröhlich wie Ber kleine. „Ach &u dummer Ede! ich bin ja nur so übermäßig glücklich, wett wir doch nun heiraten können."
KunMück", sprach Ede großartig, „das kann ich inm auch.
"Du?!" Da lachten alle drei fröhlich auf: Muhme Peterlein, Karl" Peterlein und Lisbeth Vierling. ,
Lisbeth aber deutete auf ihren Karl: „Den« schau dir an. Der ist Polier beim reichen Großkopf geworden!' ,
3a“ fügte die Mutter mit Stotz hinzu, „nun wird Frau Wetting' nicht mehr die Olafe rümpfen über seinen, Gruß, und der aemachte Schwiegersohn wird willkommen feen.
Wer weiß, dachte der kleine Ede. Laut aber sagte er: „Polier bin ich noch nicht, aber heiraten könnt' ich schon auch, denn mein Alter hat's große Los gewonnen." „ t ___
Erst waren alle totenstill, dann schrien fte durcheinander, und Karl schlug mit der Faust auf den Tisch.


