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Schautz am Katzeneck zur Miete. Der hatte ihnen längst ge» kündigt, war drauf und dran, sie an die Luft zu setzen. Warum? Weil der Peter Balser, genannt der Dampfkopp, das Haus ber- makelte. Der Bürgermeister war an den Hermann Jaeckel ur der Drückengasse herangegangen. Der sollte den Balsers sein Dachgeschoß zur Verfügung stellen. Der Jaeckel wehrte sich dagegen mit Händen und Füßen. Alan mußte die hartköpfigen Bauern kennen. Es dauerte nicht mehr lange, und die Balsers sahen aus der Straste. Die Frau war kreuzbrav. Die Jungen, die unter der Trunksucht und de!» Knüppel des Vaters litten, hatte Volk- mann mit Dachsicht behandelt. Wenn er sich jetzt bemüht«, ihnen Arbeit zu verschaffen, war bas nur seine Pflicht und Schuldigkeit.
Linker Glockengeläut waren die Konfirmanden und Konfirmandinnen «ingesegnet worden. Danach kamen die Schuler mit ihren Lehrern noch einmal zwanglos zusammen. Etwelche überraschten im Gefühl der gewonnenen Freiheit durch spruyLnde Witze, die man ihnen nicht zugetraut hätte, und erregten schallendes Gelächter. Still und bedrückt, als wären ihnen dre Worte im Mund erfroren, saßen die Balsers-Buben unter den Kameraden. Einen Beruf zu wählen, der ihrer Neigung entsprach, war ihnen verwehrt. Wohl hatten sie in Stunden tiefer Niedergeschlagenheit daran gedacht, davonzulaufen, doch siegte die Einsicht. daß sie die Mutter in ihrer jammervollen Lage mcht vev» lassen durften. , , , ,
Da sie die 'elterliche Wohnung betraten, schauten sie sich vergeblich nach den Geschenken der-Paten um. Die hatten, weck der'Peter Balser «inen Streit mit ihnen vom 3mm gebrochen, ergrimmt die Hand auf der Tasche behalten.
Der Peter, ein Fünfziger mit stark gerötetem Gesicht und der heisersn Stimme des Gewohnheitstrinkers, hatte zur Feier des Tages bereits etliche Kännchen Schnaps die Gurgel hi-n- U'lter®ie tat haben ihren Pfiff über mich," richtete er glucksend an seine Söhne das Wort, „sprechen, ich hätt' immer mein schwarz Hemd an, wär' ganz neben weg. Das Gekläff ästimrer ich net Ick weih, was ich will, und schwätz' auf den Kloben: ich hab' di« Jahr' für Euch gesorgt, alleweil ist's Zeit, daß Ihr mich versolleriert!" „ „ ■ . ,
Er war dreist genug, sich auszublassn tote «ne Kröte, redete viel ungewaschenes Zeug. Die Buben waren sroh, als der Dampflvpp sich endlich trollte.
Die Aiutter setzte ihnen Kaff« und Kuchen vor. Sw er« »Shlte von der Zeit, da sie selber konfirmiert worden war. Einen Tag vor dem Fest half sie die Kirche schmücken. Anerwartet ward sie nach Harrs gerufen. Ihr Vater, der schon lange kränkelte, kämpfte den Lodeskampf. Steinern stand bas Anglück vor der Tür, sah, wie sie drin vor Schmerz vergingen. Nach der Einsegnung beschied der Pfarrer die Konfirmanden zu sich und sprach: Deine Mutter, die so schwere Prüfungen erleidet, hat deine Jugend behütet, hat dich mit vieler Liebe umgeben. Ihr zu vergelten, was sie an dir getan hat, ist man deine heilige Pflicht! Kaum, daß sie das Konfirmandenkleid ausgezogen, begann sie zu schanzen, daß ihr das Blut aus den Nägeln sprang. .Und sie liest nicht nach in eherarm Fleiß.
Di« Buben sahen die Mutter unverwandt an. Ergriffen ihre Hände. Sie würden ihr die Kindestreue halten.
Am andern Morgen Mckte der Lehrer Volkmann einen Boten mit der Meldung/ der Philipp und der Heinrich sollten sofort in die Hutfabrik kommen.
Alsbald machten sie sich auf nach Landershausen, ihre Mutter begleitete sie. t
Grauer Himmel hing über dem Gelände. Plotzuch brach die Sonne durch Zur Rechten und Linken des sanft ansteigenden Wegs schauten aus dürrem Laub goldgelbe Butterblumen und die weihen Blüten der Anemonen hervor. Llndeutlich zuerst, bann in schärferem Llmrih trat den Wandernden der Neubau der Hutfabrik entgegen.
Die Ankömmlinge begrüßte der langgezogene Pfiff der Sirene. Der Pförtner führte sie zum Werkmeister, der eben dabei war, bett Druckmesser des Dekaturapparats zu prüfen. Die Buben sahen sich zum ersten Male ungeahnten Wundern bet Technik gegenüber. Sie sperrten Mund und Ohren auf.
Des Werkmeisters Blicke glitten über sie hin.
Euer Lehrer", sagte er freundlich, „war bei mir. Ich höre, dah Ihr hier eintreten wollt. Ihr habt's gut abgepatzt. Ihr sollt zunächst in der Rohmaterialabteilung beschäftigt werden. 'S liegt viel im Wirbel. Tummelt Euch' "
Sich an Frau Balser wendend, setzte er hinzu:
„Wenn's Ihnen recht ist, können Sie auch bei uns eingestellt werden. Sie haben dann mit einer Arbeiterin, di« schon aus- gebildet ist, die Hutbügelmaschine zu bedienen.".
Frau Balser ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. Unwillkürlich hob sie den Kopf, ihre Brust wölbte sich vor. Das Glück, das ihr beharrlich den Rücken gekehrt, reichte ihr lächelnd die Hand. Jetzt war sie aller Sorge enthoben.
Der Werkmeister nahm die eben Angenommenen beiseite. Gr war durch den Lehrer von den Vorgängen in der Familie Balser genau unterrichtet. Wohlmeinend riet er der Mutter
und ihren Sötjnen. sie sollten jeweils am Samstag von ihrem Lohn sich nur auszahlen lassen, was sie für den Haushalt und ihre persönlichen Bedürfnisse untröingt brauchten. Die Restbeträge sollten sie als Sparpfennige stehen lassen. Auf diese Weise liefen sie nicht Gefahr, ihren Verdienst dem Peter Bals« ausliefern zu muffen. Der Vorschlag leuchtete ihnen ein, und sie beschlossen, danach zu handeln.
Fortan gingen sie Tag für Sag in die Fabrik. Die Bauern in ihrer tief eingewurzelten Abneigung gegen das Großgewerbe und die Fabrikarbeiter schaut«! ihnen nach und sprachen: „Mutz ist ein bittres Kraut!"
Die Straße nach Landershausen zog sich eine Stunde lang hin. Erfrischt spürten die drei die Bewegung ht frischer Lust.
Di« Buben, ganz erfüllt von den Eindrücken, die sie in dem großen 'Betrieb empsingen, waren voller Wißbegterde. Wan merkte, sie hatten Grütze im Kopf. Sie wollten lernen und fragen, wollten sich placken, vorwärts zu kommen. Auch Frau Bals« sühlte beruhigt die Verbindung mit einem lebendigen Ganzen, das ihrem Dasein Halt und Aufschwung lieh.
Während der ersten Woche, da seine Leute in der Hut- säbrik schafften, tat der Peter Balser, als könne er fein Wässerchen trüben. Er brannte vor Angeduld. Am Samstagabend, darauf baute er, würde er einsäckeln, was man seiner Frau und den Jungen ausgezahlt hatte. Gr täuschte sich gewaltig. Frau Bals« hatte in Landershausen ihre Einkäufe gemacht und sagte ihrem Mann vor die Stirn, daß sie ihm nichts geben könne. Der Dampf- kopp tobte tote ein Wilder, schlug Geschirr und Gläser in Stücke. Er schwang die Arme hoch umher, würde sich an seiner Frau vergriffen haben, hätten die Jungen sich nicht schützend vor sie gestellt.
Inmitten des ohrenbetäubenden Lärms erschien der Hauswirt, der lange Schautz, und donnerte:
„Heut in vier Wochen putzt Ihr die Platt', oder ich jag' Euch, dah die Lappen fliegen!"
Die Kündigung bestand zu Recht. Der Bürgermeister, der davon verständigt' wurde, "«h dem Hermann Jaeckel in der Drückengasse durch den Ortsdiener sagen, er müsse am festgesetzten Tag sein Dachgeschoß für die Balsers in Bereitschaft halten.
Der Dampftepp, ohne einen Pfennig, schlorpte von HauS zu Haus und bot seine Dienste als Taglöhner an, ileberaK wurde et abgewiesen. Ein Kerl, der dreimal voll und siebenmal nicht nüchtern war, hatte den Anspruch auf ehrliche Arbeit verloren. Er klopfte nun riugsher die Ortschaften ab, verdiente hier und da eine Kleinigkeit, setzte das Geld gleich wieder in Branntwein um. Mehrmals blieb er über Nacht fort. Am Tag, da der Amzug der Familie Balser vor sich gehen sollte, war er zur Stelle.
„Eine Sünd' und Schänd'", knotterte er, „daß man in das Gekriech klettern mutz!"
Die geringe Habe wurde in die Brückengasse geschafft, aber siehe da! das Dor des Hermann Jaeckel war verschlossen. Di« Nachbarn Jagten, er fei mit feiner Frau fort gefahren. Die Nacht brach herein, der Seppel Stutzmann, deffen Hofreite unmittelbar neben der des Hermann Jaeckel lag, öffnete nach tagen Hin- und Herreden den Balsers seine Scheune.
Alsbald machte der Peter sich's im Strohviertel bequem und zündete seine Pfeife an.
In dem Augenblick, da der Seppel Stutzmann bas Streichholz aufflammen sah, schrie er, die geballten Fäuste schüttelnd:
„Satanskuochen, verfluchter! Gell«, du willst die Scheuer anstecken?"
Er ritz den Peter in die Höhe und zwang ihn, mit Frau und Kindern die Scheune zu verlassen. Nun war guter Rat teuer. Ein paar Mitleidige erboten sich, den Obdachlosen für di« Nacht Unterschlupf zu gewähren. Frau Balser aber, ohne zu fackeln, entschied:
„Allo auf den Blocken! Von uusenn Eigentumsfeld kann uns niemand verjagen."
Handwagen wurden mit dem Hausrat beladen. Selb viert spannten sie sich davor und zogen die Gefährte durch das Dors.
Schuhspitzengucker und Depeschenträger hatten dis Nachricht von dem seltsamen Amzug verbreitet. Sobald die Balsers auf ihrem Macken am Wombacher Weg angetagt waren, sammelte sich allerlei Schindvolk und fiel über die Auszügler mit rohen Späße!» her. Der Dampftopp, anstatt den Garstvögsln die Mäuler zu stopfen, drückte sich. Frau Balser, an allen Gliedern zitternd, machte ihrer Empörung Luft.
„Das heiß ich, der Anständigkeit den Kops abgebisssa'. stieß sie heraus. „Schämt Euch in die Seel' hinein, so schänd» lästerlich die Dreckorgel zu drehn. find dah Jhr's wißt: Hi« auf dem Blocken bau ich mir ein Haus!"
Die lachten hell auf. Die Balsern war ärmer als eilte Schnecke. Und baute sich ein Haus? HimmÄhagelsternlaternI Bei der rappelte eS im Oberstübchen. And sie grölten:
„'s geht nix über eine zähe Haut,
Feuer und Wacht, das Haus wird gebaut!"
Der Ortsdiener erschien und machte dem Anfug ein Ende .
Er forderte die BalserS auf, die Nacht im Backhaus zu verbringen. (Schluß folgt.)
vchriftlestung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Aniv.-Brrch» und Steindruckerei, R. Lang«, Giehen.


