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wählt. Man betrachtet sein Werk als den Ausgangspunkt der neuen, auch von Leonardo anerkannten und im wesentlichen beibehaltenen formalen Auffassung des Abendmahls. Gin auf­fallender Unterschied aber ist, daß Judas isoliert an der dem Beschauer zugewendeten Seite des Tisches sitzt. Das finden wir auch auf dem wenige Jahre vor dem Leonardoschen entstandenen Abendmahl der Domenico Ghirlandaj-o. Gemeinsam ist all den genannten, vor Leonardo entstandenen Werken die Einzelheit des an Christi Brust weinenden Johannes. L. verzichtete darauf, wohl zur betonteren Herausarbeitung der Hauptfigur. Dürer jedoch griff (f. o.) darauf zurück. Er beweist damit dasselbe, was ein Vergleich des Leonardoschen Werkes mit seinen Äorbildern lehrt: daß die wahre Kunst auch dort, wo sie in Anlehnung an Frühere arbeitet, souverän mit den tatsächlichen wie mit den künstlerischen Gegebenheiten schaltet. Schematische, starr sich an­lehnende Bezugnahme nur auf Aächstliegendes ist Epigonenart und als solche auch zuweilen nützlich. Große Künstler aber sind darüber erhaben.

Die Nacht auf dem Blocken.

Novelle von Alfred Bock.

Der Lehrer Dolkmann, ein Dreißiger mit freier Stirn und großen klugen Augen, sah an seinem Schreibtisch, einen Bericht an seine vorgesetzte Behörde zu beenden, den er tags zuvor be­gonnen hatte. Heut jährte es sich daß er im Dorf vom Kreis» fchulrat in sein Anrt eingeführt worden war. Er tat sein Bestes, Mißstände zu beseitigen, die sich unter seinen Vorgängern ein­genistet hatten. Die Kraft be£ Jugendbildners wohnte ihm inne. Mit Genugtuung stellte er fest: wo er in seiner Klasse anregte und ermunterte, begegneten ihm von ein paar Tückischen, Faulen abgesehen Arbeitslust und Vertrauen. Dem gab er in seinen: Bericht Ausdruck. _ .

Es klopfte. Er legte die Feder beiseite. Auf sein .Herein! trat eine Frau in die Stube, die vierzig, auch ein paar Jahre mehr zählen mochte. Trübes Schicksal hatte ihre Züge hart gemacht.

Gun Tag, Herr Lehrer!" sagte sie mit einer unsicheren Gebärde. .

Guten Tag, Frau Balser! Was führt Sie zu mir?" Sie holte tief Atem.

Herr Lehrer, morgen werden meine zwei Buben kon­firmiert. Ich marter mein Hirn: soll ich sie in die Stadt geben, oder soll ich sie int Dorf lassen? 's tut bitter notig, daß sie etwas verdienen."

Dolkmann hob die Brauen.

Was meint denn Ihr Mann?"

Ihr fahles Gesicht rötete sich. .

Mein Mann? Der spielt dadebei kein Nummero. Sie werden's wohl wissen, er lungert herum und legt sich aufs Trinken."

Ja, Frau Balser, ich weiß es.' , w

Schlimm genug, daß ich's sagen muß. bei dein Mensch hört der Friede Gottes auf. Wann er kein Geld in die Finger kriegt, macht er einen Mordsspektakel, schlägt alles kurz und klein. Was mir meine Eltern hinterlassen haben, hat er bis auf den Dlacken (ein kleines Stück Land) am Manischer Weg t>crfüminelt. 5>ie ßajxfxtli, Mc ich dld Wäfch^vLU verdien, lo-ngi kaum, daß ich den Haushalt Mr'. Ich bin alsfort in einer Bangigkeit und Plag. Was fang ich mit den Buben ®tT

Der Lehrer schritt ein paarmal in der Stube auf und ab, blieb dann vor der Frau, die ihn dauerte, fte&en.

Ihre Jungen haben einen hellen Verstand. Seitdem iw hier bin, haben sie mir keine Veranlassung gegeben, mich über sie zu beklagen. Daß man bei ihnen nichts von der unreinere Luft spürt, die sie daheim umweht, rechne ich der Mutter

Q,tt "

Die' Hand der Frau krampfte sich auf der Brust zusammen. Aus ihren Augen quollen Tränen.

Wäre Ihr Familienleben nicht aus den Fugen , fuhr der Lehrer fort,hätte ich Ihnen geraten, die Jungen in die Stadt zu bringen. Ihr Philipp hat. mir einmal <mMrtr<nrt, er möchte gern Geometer werden. Sem Drud^, der Heinrich, schwankt zwischen Schreiner- und Schlosserwerkstatt Unter 6en obwaltenden Verhältnissen werden die zwei einsehen, daß sie keine lange Lehrzeit durchmachen kirnen, daß sie mit ihrem Verdienst für die Mutter eintreten müssen. Nun kommt mir der Gedanke: Nächste Woche wird drüben in Landershausen die Hutfabrik eröffnet. Ich kenne den Werkmeister gut Sch werde mit chin sprechen. Es wäre möglich, daß ich Ihren Jungen in der Fabrik einen Platz ausmachen kann."

Die Muskeln im Gesicht der Frau spannten sich-Gottsodcrst, das war ein Plan! Von den Bauern, die immer knackerten, lieber Blut gaben als Geld, war wenig zu erwarten. 3n der FabrU fischten ihre Buben vorn, da hatten sie Brot, zu leben. Brachte der Herr Lehrer sie dort unter, würden sie ihm ewig dank- bar wiederholte, werde mit dem Werkmeister

Frau ging. Der Lehrer nahm seinen Platz am Schreib­

tisch wieder ein. Die Aermste. waren seine Gedanken, hatte nicht | alles vor ihm ausgedeckt. Die Balsers wohnten beim langen

Bilder des Abendmahls.

Don Walther Appelt-Plauen.

Zu den bekanntesten Bildern nicht nur der kirchlichen, son­dern aller Kunst überhaupt, gehört Leonardo da VincisLetztes Abendmahl". Freilich kennen oder kannten es bis vor kurzem die wenigsten nach dem Original, das durch ungeschickte Hebere malungen fast noch mehr entstellt war, als durch Materialmängel und Einflüsse der Jahrhunderte. Rekoiistruktionen, die nicht immer glücklich waren, oder kopierende Stiche lieferten die Vorlagen für die weitverbreiteten Wiedergaben des berühmten Bildes. Dieses war vom Künstler im Refektorium des Mailänder Klosters S. Maria della Grazie direkt an die Wand gemalt worden, und »war mit Oelfarben, nicht, tote meist angenommen wird, in der Technik des Fresko. Die mangelhafte Bindung zwischen Farbe unb Malgrund war die Hrsache für den unaufhaltsam fort» schreitendcm Verfall des Bildes. Immer mehr griff die Ab­bröckelung wichttger Partten um sich, so daß man um die letzte Jahrhundertwende soweit war, das in trostlosem Zustand be­findliche Meisterwerk verloren zu geben. Diese Besorgnis war zum Glück übertrieben. Nach gänzlicher Beseitigung aller Äebermalungen wurde das Bild in jahrzehntelanger, unsäglicher Mühe soweit totederhergeftellt, wie es in Anbetracht seines Alters überhaupt noch möglich war. Erst unlängst ist diese Arbeit, bei der jedes winzige Farbplättchen einzeln von der Wand entfernt und haltbarer wieder befestigt wurde, beendet worden.

Die überragende Bekanntschaft des Leonardoschen Bildes dürfte ihrem Grund darin haben, daß das Thema des Abend­mahls bei weitem weniger gestaltet wurde als andere Themen aus der Passionsgefchichte. Diese auffallende Erscheinung wird zuweilen dahin erklärt, daß den Künstlern der Stofs des Abend­mahls schon in sich selbst zu streng gegliedert gewesen sei, als daß er ihrer Phantasie noch den genügenden Spielraum gelassen hätte. Doch kommen wir mit dieserErklärung" nicht allzu weit. Denn das Gleiche müßte für diePieta" gelten. Die aber ist neben Kreuztragungen, Dornenkrönungen, Beweinungen, Grab­legungen, und vor allem Kreuzigungen außerordentlich oft gemalt und geformt worden. Vielleicht kam es ben Künstlern bzw. ihren Auftraggebern durchweg mehr daraus an, das Lei dens Moment in der Heilandspassion darzustellsn. Schließ­lich sind sogar rein äußere, nämlich räumliche Gründe nicht von der Hand zu weisen. Die Künstler und ihre Anreger mochten glauben, das vielsigurige Abendmahl verlange entsprechend der inneren auch eine gewisse äußere Monumentalität. Das ist gar nicht so gewaltsam herbeigesucht, tote es aus den ersten Blick erscheinen kann. Ein Vergleich zwischen Leonardos Wandgemälde und einem Holzschnitt Dürers über das gleiche Thema beides im Geiste der damaligen Zeit betrachtet scheint es unschwer zu bestätigen. Auch deutlicher wird bas Gesagte unterstrichen, wenn wir die von der schließlichen Ausführung wesentlich abweichende erste Entwurfszeichnung Dürers in den Vergleich einbeziehen. Die räumliche Aufteilung der verschiedenen Gruppen ist in der Skizze glücklicher, vor allem weniger gedrängt als im Holzschnitt, dem dadurch eine dem Motiv widersprechende Enge und Gedrücktheit anhaftet. Das führt zu einer Frage, die wohl die Grundgedanken unserer Erwägungen einleuchtend klar macht: Ob nicht auch Dürer den gewaltigen Stoff in wuchti­gerem Format wuchtiger und freier hätte bewältigen können? (Die Zeichnung läßt noch keineswegs bestimmte Absichten auf ein kleinformatiges Graphikblatt erkennen.)

BenierkenSwert ist die erwähnte Skizze die sich tn der Wiener Albertina befindet und ebenso wie der Holzschnitt vom Jahre 1523 basiert ist ferner dadurch, daß Christus mit dem an feiner Brust weinenden Johannes an einer Schmalseite des Tisches, links am Bildrande sitzt. Ob Dürer dabei das Bestreben leitete, über Leonardo hinauszugehen oder auch nur von ihm abzuweicheii, kann dahingestellt bleiben. Sicher aber ist bas bei späteren Abendmahlsdarstellungen, denen wir freilich, bei den bedeutenderen Werken bleibend, erst tn unserer Zett be­gegnen. Sv ist z. D. Eduard v. GebhardtsAbendmahl" nicht nur räumlich zusammengerückt, sondern auch bewegter gehalten, wodurch es fteilich auch imruhiger wird. Auch Emil Nolde komponiert seinAbendmahl" (Museum Halle) weniger streng als Leonardo auf die langgestreckte Wagerechte, kommt dem großen Vorgänger aber doch an ruhiger Abgeklärtheit und innerer Größe viel näher als E. v. Gebhardt und mancher andere. Noch weiter von Leonardos Schema entfernen sich Jüngere, wie Jaeckel und Hofer. Gleich Dürer setzen sie den Heiland an eine Schmalseite des Tisches, bauen aber diesen von der andern Schmalseite aus gesehen ansteigend auf.

Wir sehen, daß es schwer oder unmöglich ist, über Abenb» mahlsdarstellungen irgendeiner Zeit zu reden, ohne sie mit der des Leonardo in vergleichende Beziehung za bringen. Deshalb feien auch noch einige vor dem Leonardoschen entftanbene Bilder kurz betrachtet, von deren einigen der große Florentiner sich sichtlich hat beeinflussen lassen. Beinahe schematisch auf die Wagerechte und Senkrechte die bei L. in den Wandtäfelungen und Fenstern wiederkehrt ist ein aus dem 12. Jahrhundert stammendes Relief im Dom zu Modena konstruiert, das die Apostel stehen läßt. Sitzend gibt sie, um einen runden Tisch gruppiert, Guiliano da Rimini (Anfang des 14. Jahrhunderts). Taddeo Gabbi weicht mit feinem Fresko (Florenz, S. Croce) von dieser Anordnung ab, indem er wieder den langen Schmaltisch