von Frankreich, der ihm Zollfreiheit und Vorrechte bewilligt hatte, treu ergeben, sandte Carl Botschaft auf Botschaft, veranstaltete für ihn schöne Prozessionen und war bereit, ihm alles zu bewilligen, solange er weder Land noch Leute von ihnen forderte. Die Räte von Tournai hielten sich in dem Schlosse auf, in dem, in Händen ihrer grausamen Feinde, die Jungfrau eingesperrt war. Wir wissen nicht, was sie dem Herrn von Luxemburg zu sagen kamen, noch, ob sie von ihm empfangen wurden. Wahrfcheinlich weigerte er sich nicht, sie anzuhören, falls er der Meinung war, daß sie ihm geheime Angebote König Carls für den Kauf der Jungfrau überbrachten, die an seinen Schlachten teilgehabt hatte. Wir wissen auch nicht, ob sie die Gefangene sehen konnten, doch ist es wahrscheinlich, weil es damals meist nicht schwer war, Gefangene zu besuchen, und Borüberziehenden alle Möglichkeit gegeben war, eines der sieben Werke der Barmherzigkeit zu erfüllen. Es ist jedoch gewiß, daß sie, als sie Beaurevoir verließen, einen ihnen von Johanna anvertrauten Brief mitnahmen, beauftragt, ihn dem Magistrat ihrer Stadt zu übergeben Durch diesen Brief bat sie die Einwohner von Tournai, im Hinblick auf die Gunst des Königs, ihres Herrn, und der guten Dienste, die sie ihm erwiesen, ihr zwanzig bis dreißig Goldtaler für ihre dringenden Bedürfnisse senden zu wollen. Auf diese Weise erbettelten damals die Gefangenen ihre Nahrung.
Das Fräulein von Luxemburg, das eben sein Testament gemacht und nur mehr einige Tage zu leben hatte, bat, wie man erzählt, ihren edlen Neffen, die Jungfrau nicht den Engländern auszuliefern. Was vermochte aber die gute Dame gegen den König von England mit dem Golde der Normandie und gegen die heilige Kirche mit ihren Zornesblitzen? Denn wenn der edle Herr Johann dieses der Hexerei, des Götzendienstes, der Teufelsbeschwörung und anderer Verbrechen gegen den Glauben verdächtigte Mädchen nicht ausgeliefert hätte, so wäre er exkommuniziert worden. Die ehrwürdige Universität von Paris war darauf bedacht, ihn zu warnen, daß Ablehnung ihn erheblichen gesetzmäßigen Strafen aussetzte. Der edle Herr von Luxemburg war jedoch beunruhigt. Er fürchtete, daß in dem Orte Beaurevoir eine Gefangene, die zehntausend Pfund wert war, nicht genügend vor einem französischen, englischen oder burgundischen Handstreich oder vor irgendwelchen Leuten sicher war, die, ohne Bezug auf Burgund, England oder Frankreich, den Einfall haben mochten, ste zu rauben, um sie nach damaliger Sitte auf Lösegeld in einer Grube zu verstecken. Ende September ließ er seinen Herrn, den Herzog von Burgund, der schöne Städte und starkbefestigte Plätze besaß, ersuchen, er möge die Gefangene unter seinen Schutz nehmen, Herr Philipp willigte ein, und auf seinen Befehl wurde Johanna nach Arras geführt, dessen Mauern sehr hoch waren, und wo es zwei Burgen gab, von denen die eine, Court-le-Comte, sich inmitten der Stadt erhob. Es ist wahrscheinlich, daß sie in dieser eingeschlosfen wurde. Es war zu jener Zeit nicht üblich, dis Gefangenen verborgen zu halten. Johanna empfing in Arras Besuche, unter anderen den eines Schotten, der sie ihr Bildnis sehen ließ, auf dem sie bewaffnet, ein Knie auf die Erde g^enkt, ihrem König einen Brief darreicht. Dieser Brief wurde von Herrn von Baudricourt oder irgendeinem anderen, sei es einem Geistlichen oder Hauptmann, sein, der nach der Vorstellung des Malers das junge Mädchen dem Dauphin zugesandt hatte, oder ein Brief, der dem König die Befreiung Orleans oder den Sieg von Patay kündete. Dieses Bildnis war das einzige, das Johanna ähnlich fand; sie selber ließ keines von sich anfertigen, doch hing das Volk der französischen Städte während der so kurzen Zeit ihrer Macht ihre Bilder in die Kapellen, trug Medaillen, die sie darstellten, und folgte damit den Gebräuchen, die man zu Ehren der schon durch die Kirche kanonisierten Heiligen übte. Mehrere Edelleute, unter anderen ein Rat und Kämmerer des Herzogs von Burgund, boten ihr zu ihrem Nutzen und um Schande und Aergernis zu vermeiden, Frauenkleider an; aber um nichts in der Welt hätte Johanna das Gewand abgelegt, mit dem sie sich, durch eine Offenbarung veranlaßt, bekleidet hatte. Im Gefängnis von Arras empfing sie auch einen Geistlichen aus Tournai, vom Magistrat seiner Stadt beauftragt, ihre die verlangte Summe von zweiundzwauzig Goldtalern zu übermitteln. Dieser fromme Monn führte seine Bestellung bei der Jungfrau getreulich aus und bekam, wie es scheint, kein Entgelt, weil er offenbar den Preis dieses barmherzigen Werkes im Himmel einzuheben gedachte.
Weder die Gefangennahme der Jungfrau noch der Rückzug der Waffenleute, die sie mitgebracht hatte, vermochte die Verteidigung von Compiegne zu erschüttern. Wilhelm van Flavy und seine beiden Brüder Carl und Ludwig, der Hauptmann Baretta mit seinen Italienern und die fünshundert Leute der Garnison bewiesen sich als energisch, gewandt und unüberwindlich. Eines Tages wurde Ludwig von Flavy durch eine burgundische Kugel getötet. Wilhelm, sein Bruder, ließ an jenem Tage die Minstrels wie gewöhnlich aufspielen, um das Kriegsvolk in Stimmung zu erhalten. Die Burgunder konnten Compiegne nicht umzingeln, weil seine Peripherie zu groß war. Es fehlte ihnen an Geld; ihre Kriegsleute, die nichts zu essen bekamen, desertierten mit jenem guten Gewissen, das damals unter derartigen Umständen die Söldner des roten wie des weißen Kreuzes zeigten. Herzog Philipp war, um das Mißgeschick noch zu erhöhen, genötigt, einen Teil der Belagerungstruppen gegen die aufständischen Bewohner Lüttichs zu senden. Als sich am 24. Oktober eine französische Hilfsarmee Compiegne näherte und die Engländer und Burgunder ihr entgegengezogen waren, fielen ihnen die Garnison, die Einwohner, die Frauen in den Rücken und zerstreuten sie.
Das Heer zog in die Stadt ein, und es war ein schauerlich-schönes Schauspiel, die Bastillen brennen zu sehen. Der Herzog von Burgund verlor seine ganze Artillerie. Johann von Luxemburg, der von Beaurevoir kam, wo er den Bischof von Beauvais empfangen hatte, kam gerade recht nach Compiegne, um seinen Teil an dem Ungemach zu empfangen. Da man damals für alle noch so erklärlichen Ereignisse übernatürliche Ursachen suchte, schrieb man die Befreiung der Stadt einem Gelübde des Grafen von Vendöme zu, der m der Kathedrale von Senlis eine jährliche Messe stiftete, falls die Stadt gerettet würde.
Der Lordschatzkanzler der Normandie zog Hilfsgelder ein, von denen zehntausend Pfund für den Kauf der Jungfrau zur Seite gelegt werden sollten. Der Graf-Bischof von Beauvais, dem diese Angelegenheit sehr am Herzen lag, drängte den Herrn von Luxemburg zum Abschluß, mengte Drohungen mit Schmeicheleien und wollte ihn mit dem normannischen Gold verlocken. Er schien zu fürchten — und diese Furcht wurde von Doktoren und Räten geteilt —, daß König Carl gleichfalls Angebote machen werde, ja, daß er die zehntausend Goldfranken des Königs Heinrich noch überbiete und schließlich die Armagnacs vermittelst Geschenken den Sieg davontrügen und ihre Glücksbringerin zurückeroberten. Das Gerücht war im Umlauf, König Carl hätte auf die Kunde, die Engländer würden Johanna um Geld erhalten, den Herzog von Burgund ersuchen lassen, um keinen Preis zu einem solchen Geschäft seine Einwilligung zu geben, und daß andernfalls die Burgunder in die Hände Frankreichs für die Jungfrau zu bezahlen hätten. Offenbar ein falsches Gerücht. Immerhin waren die Befürchtungen des Herrn Bischofs und der Pariser Gelehrten nicht ganz haltlos, denn an der Loire verfolgte man sehr lebhaft die Verhandlungen und 'suchte eine Gelegenheit, um einzufchreiten. Auch war ein glücklicher Handstreich der Franzosen nicht unmöglich. Hauptmann La Hire trieb sich in der Normandie herum, und andere Waffenführer streiften zwischen Seine, Marne und Somme.
Gegen Mitte November aber schloß der Herr von Luxemburg endlich den Kauf ab. Die Engländer nahmen Johanna in Empfang. Man beschloß, sie längs der Küste des Ozeans und der nördlichen Normandie nach Rouen zu bringen, wo man weniger der Begegnung von Raufbolden der verschiedenen Parteien ausgesetzt war. Von Arras wurde sie nach dem Schlosse von Grugy geführt, wo sie angeblich Mönche von Saint-Riquier in ihrem Gefängnis besuchten, dann nach Crotoy, dessen Burg von allen Seiten vom Meer umspült ist. Dort war der Herzog von Alenxon, den sie ihren schönen Herzog nannte, nach der Schlacht von Verneuil eingefperrt gewesen. Eben war ein Kanzler der Kathedrale von Amiens dort Gefangener der Engländer. Er nahm ihr die Beichte ab und reichte ihr die Kommunion. Und in dieser düstern und grauen Bucht der Somme, wo der Himmel sich tief herabsenkt, vom Flug der Meeresvögel durchzogen, sah Johanna wieder den Gast früherer Tage nahen, den heiligen Erzengel Michael, und ste ward getröstet. Man berichtete auch, daß die Fräulein und Bürger von Abbeville sie in der Burg besuchen tarnen. Sie taten dies vielleicht aus christlicher Barmherzigkeit; aber diejenigen, die Gutes von ihr dachten, verschwiegen es aus Furcht, vom Scheiterhaufen wie sie bedroht zu sein.
Die Doktoren und Magister der Universität verfolgten sie mit kaum glaublicher Heftigkeit. Diese Kleriker, des Glaubens und Eifers voll, die Ehre Gottes, wie sie es deuteten, zu rächen, waren immer bereit, Hexen zu verbrennen; sie fürchteten den Teufel, aber ohne es sich vielleicht einzugestehen, jagte er ihnen, wenn er Armagnac war, zwanzigmal mehr Schrecken ein. Von Crotoy entfernte man Johanna bei hoher Flut und führte sie zu Schiffe nach Saint- Valery, dann anscheinend nach Dieppe und schließlich nach Rouen. Sie wurde in das alte Schloß gebracht, das unter Philipp August am Abhang des Hügels von Bouvreuil erbaut war. König Heinrich VI., zu seiner Krönung in Frankreich gelandet, wohnte hier feit Ende August. Cs war dies ein trauriges und frommes Kind, bas Graf von Warwick, der Gouverneur des Schlosses, mit Härte behandelte. Das gewaltige Schloß hatte sieben Türme, den Hauptturm mit inbegriffen. Johanna wurde in einen feldwärts gerichteten Turm eingeschlossen, und zwar in den Mittelraum, der sich zwischen dem unteren Gewölbe und dem oberen Zimmer befand. Man erreichte ihn durch acht Stufen, und sie hatte ein ganzes Stockwerk des Turmes inne, der dreiundvierzig Fuß, die Mauern miteingerechnet, im Durchschnitt halte. Schräg stieg die Steintreppe empor. Da ein Teil der Dehnungen verstopft worden war, brach nur wenig Licht herein. Die Engländer hatten bei einem Schlosser von Rouen namens Castille einen Eisenkäfig bestellt, in dem man angeblich nur stehen konnte. Johanna wurde nach Aussagen der kirchlichen Schreiber bei ihrer Ankunft am Hals, an den Füßen und an den Händen darin angekettet und bis zur Eröffnung des Prozesses darin gelassen. Niemand aber sah Johanna im Gefängnis eingeschlossen. Diese Behandlung, sollte sie ihr wirklich zuteil geworden [ein, war nicht eigens für fie erfunden. La Hire hatte im selben Jahre nahe von Rouen einen Ritter in einem Eisenkäfig vorgefunden, aus dem dieser mit der Begründung nicht heraus wollte, fein Wort verpfändet zu haben. Johanna war im Gegenteil auf der Hut, irgend etwas zu versprechen; sie hatte vielmehr in Aussicht gestellt, zu entwischen, sowie es ihr möglich sei. Die Engländer, die sie der Zauberei verdächtigten, waren höchst mißtrauisch. Da sie von kirchlichen Richtern verfolgt wurde, hätte sie in ein geistliches Gefängnis gebracht werden sollen; aber die Godons vertrauten sie niemandem an.
<Fortsetzung folgt.)
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