Ausgabe 
26.10.1926
 
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Wir fuhren von Neapel drei bis vier Schnellzugsstunden über den Hals der Sorrentiner Halbinsel und an Salermo vorbei nach Süden in eine braungelbe sumpfige Steppe. Zwischen grünen Bäumen und Büschen weiden schwarze Büffel, und leuchtet am Horizont das grünblaue Meer. In dieser Steppe stehen, nicht weit von der kleinen Stadt Pesto, aber doch einsam genug die drei Tempel.

Tags zuvor wqr Gewitter gewesen. Der Himmel war tiefblau. Die Sonne stach, und in dem feuchten Gestrüpp wimmelte es von Eidechsen und Schlangen, Grillen und anderen Insekten. Da in Paestum Malaria endemisch ist, und wir nicht ganz sicher waren, ob die übertragenden Insekten auch am Tage stächen, waren wir in einer ständigen, komisch-ernsten Besorgnis, gestochen zu werden,, und W. hüllte sich trotz der Wärme in ihr schwarzes Cape. In den etwas erhöhten Tempeln wehte «in etwas frischerer Wind.

Sie kennen die Außenseite des Poseidontempels von Abbildungen. Wenn man im Tempel steht, sieht man zwischen den Säulen hin­durch die braune Steppe, die hinten das Meer abschließt als ein schmaler, leuchtend grünblauer Streifen, den eine weißliche Dunst- fchicht vom Himmel trennt. Die Säulen sind goldbraun, porös, und jede ist wohl von hundert Eidechsen bewohnt. In die große Stille klingt das Zirpen der Grillen und das helle, langgezogene Ah! Ahl wie ein anerkennender Erstaunensruf, mit dem die ferne pflügen­den Bauern ihre Ochsen antreiben.

Von all dem kann man die rein architektonische Wirkung nicht trennen, ohne sie zu töten. Aus dem Ganzen, in das sie verwoben ist, wirkt stark und nicht zu sondern das Griechentum. Aber ich möchte glauben, daß es wie mit diesen Tempeln, mit der Antike überhaupt ist, daß die Trümmer schöner sind, als das. wovon sie uns blieben.

Talsperren in Deutschland.

Von Hans B o u r q u i n, Berlin.

Die Hochwasserkatastrophen, die schon so oft in den deutschen Stromgebieten große Verheerungen anrichteten, lassen immer wieder von neuem die Notwendigkeit erkennen, den Hochwasserfchutz weiter auszubauen. In verschiedenen Teilen des Reiches hat man durch An­lage von Talsperren diesen Schutz bereits in wirksamer Weise durch- geführt, und zugleich hat man in einzelnen Fällen die aufgestauten Wasserkräfte ausgenutzt. Wieviel gerade in dieser Hinsicht noch zu tun ist, lehrt die Tatsache, daß die deutschen Energiequellen nur zu etwa 5 Prozent aus Wasserkräften, dagegen zu 93 Prozent aus Kohle und zu 2 Prozent aus Braunkohle bestehen.

Es wird, wenn irgendwie angängig, immer das Bestreben fein, bei der Anlage von Talsperren Hochwasserschutz und Ausnutzung der Wasserkräfte zu vereinen. x

Die große Urfttalsperre (um ein Beispiel herauszugreifen) dient, wenn man von einer gewissermaßen im Nebenamt betriebenen kleinen Kraftanlage absieht, ausschließlich den Zwecken des Wasser- schiltzes. In der Eifel floß das Urft-Bächlein frei durch vielgewundene Täler mit steilen Hängen. Links und rechts hatten sich Siedlungen gebildet, aber man hatte sie vorsichtig vom Wasser abgerückt. Dann hat man eine Mauer quer ins Tal geschoben, die reichlich 5» Meter hoch ist. Sie ist nicht vollkommen gerade gebaut, sondern in einem Bogen ausgeführt worden, der seine einspringende Seite talwärts kehrt Man darf eine solche Mauer mit einem umgelegten Brücken­bogen vergleichen, der starken Druck aushalten soll. Das ist überhaupt die Weise, wie man bei Talsperren die Staumauer formt. Hinter diesem hohen Wehr hat sich nun das Urftwasser zu einem langen, schmalen und vielgestaltigen See aufgestaut, der nicht weniger als 45 Millionen Kubikmeter faßt. Oben an der Mauer fließt über, was an Wasser zuviel ist, und stürzt über Treppenstufen hinab, die die Wucht des Falles brechen sollen. Heut können die Leute im Urfttal unbesorgt sein, wenn starke Regenmengen niedergehen. Langsam steigt der weite Seespiegel; das geht ruhig vor sich und ohne stür­misches Fließen, wie es zuvor die Anwohner der Urft bedroht hatte. Und der Ueberfall an der Mauer sorgt dafür, daß über kurz oder lang wieder die normale Wasserhöhe eintritt.

Dagegen kann als Schulbeispiel einer Anlage, d,e das Wasser bändigt und es auf die Schaufeln von Turbinen leitet, die Tal- sperrebeiMarklissaam Queis (Schlesien) gelten. Wenn dort 15 Millionen Kubikmeter Wasser angesammelt sind, so ist der Stau 37 Meter hoch, erreicht aber noch nicht ganz die Krone der Sperr­mauer. Diese Fassungskraft steht freilich hinter der Urfttalsperre zurück- sie ist aber doch nicht unbedeutend. Von den überaus zahl­reichen Talsperren in Deutschland fassen die meisten weit weniger Wasser. Die Ockertalsperre z. B. kann allerdings 20, Die Sperre bei Mauer am Bober 50, die Möhnetalsperre in Westfalen 130, die ebenfalls westfälische Sperre im E d e r t a l M2 Millionen Kubikmeter Wasser sammeln, wobei Stauhöhen von 30 bis 50 Meter erreicht werden, aber sie erdrücken doch die Bedeutung von Marklissa nicht. , m ...

Es ist üblich, daß man Talsperren unter normalen Verhältnissen bei weitem nicht ganz voll laufen läßt. In Marklissa z. B. staut man im Juni, Juli und August nur 7 Millionen Kubikmeter Wasser auf; in den übrigen Zeiten geht man auf 10 Millionen; mindestens sollen 5 Millionen für Kraftbedarf vorhanden sein. Man hat ja Mittel, um dem Stauspiegel eine beliebige Höhe zu geben wenigstens unter normalen Verhältnissen. Man kann das Wasser des Queis ganz im Staubecken sammeln, ud es läßt sich in unterirdischen Stollen teil­weise um die Sperre herumleiten. Die vorhandenen Ablasse sorgen dafür, daß die gewünschte Stauhöhe wieder erreicht wird, wenn sie überschritten worden ist. Ganz besondere Verhältnisse treten nun bei

Hochwasser auf. Dann ist die Sperre in der Lage, die erwähnten 15 Millionen Kubikmeter Wasser voll aufzunehmen. Der Wasser- spiegel reicht dan gerade an zwei Ueberlauföffnungen links und rechts an den Rändern des Beckens, und bei weiterem Steigen fließt das Wasser in weiten Schächten und Stollen um die Mauer herum zu Tal. Schaffen diese selbsttätigen Ablässe nicht genug Wasser fort, fo ist das nicht ohne weiteres gefährlich. Noch ist di« Dammkrone ja nicht erreicht, und das geschieht erst, wenn sich etwa 3 Millionen Kubik­meter mehr angesammelt haben. Vor einem erwarteten Hochwasser hatte man das Staubecken bis auf eine Million Kubikmeter entleert; innerhalb von 24 Stunden wuchs dann bei wolkenbruchartigem Regen die Staumafse auf reichlich 15 Millionen Kubikmeter an, und damit gelang es, das Unterland vor der Wut des Wassers zu fchützen.

Am Boden des Staubeckens befinden sich Grundablässe, die groge Wassermassen in verborgenen Kanälen unter der Mauer hindurch zu einem hinter dieser gelegenen Kraftwerk führen, wo mächtige Tur­binen angetrieben werden, und das führt uns nun zur Ausnutzung der Wasserkräfte bei Talsperren überhaupt.

Wenn man eine gefüllte Gießkanne unten seitlich anbohrt, so schießt das Wasser mit großer Geschwindigkeit heraus, weil es unter dem Druck der darüberliegenden Massen steht. Und rechnerisch ist seine Wucht fo groß, als ob es von der Höhe des kleinen Staues in den Behälter herabgefallen wäre. Ganz ähnliche Verhältnisie finden wir bei den Talsperren. Vielleicht darf eine kleine Rechnung ver­anschaulichen, daß man aus einer solchen recht ansehnliche Arbeits­kräfte herausschöpfen kann. Nehmen wir an, daß unten in jeher Sekunde nur ein Kubikmeter (also 1000 Kilo) Wasser an ein Kraft­werk abgeliefert werden, und der Stau nur 10 Meter ausmacht. Dann sind also jene 1000 Kilo 10 Meter tief gefallen, und der Tech- mker errechnet aus den 10 Metern und den 1000 Klio 10 0 0 0 Meterkilo Arbeitskraft, die er für jede Sekunde dem aus- ftrömenben Wasser zuspricht. Nun bedeuten aber schon 75 Meterkilo in der Sekunde eine Pferdestärke (oder P. S.), und eine Rechnung ergibt, daß das Wasser hier bereits 133 P. S. entwickelt. Wenn davon schließlich auch nur 100 in einer Turbine fruchtbar gemacht werden können, so bedeutet auch dies eine stattliche Leistung. Die Kraftwerke großer Talsperren bieten natürlich bedeutend mehr, besonders wenn deren Wässer hoch angestaut sind. Bei günstigem Stande entwickelt Markli sa 3575 P.S., das nahe Goldenträum 6000, das benachbarte Boberröhrsdorf 3500, die Möhnetal s p e r r e 2150, und aus der C d e r t a l s p e r r e lassen sich etwa 4000 ent­nehmen. ,, . , .

Von den Kraststationen pflegt ein weitverzweigtes Netz aus- zuqehen, das die elektrischen Kräfte einem großen Gebiet dienstbar macht. Meist werden diese in Form von Drehstrom (auf drei Lei- tungen) unter Spannung bis zu 40 000 Volt in ganz dünnen Drahten zuerst an Unterwerke geliefert, die dann eine niedere Spannung her- stellen, die sich zu praktischem Gebrauch eignet. An Verbrauchern für die Ströme solcher Zentralen fehlt es zumeist nicht. Heute findet man im schlichtesten Bauernhaus elektrisches Licht. Auch das Kleingewerbe hat sich längst mit dem elektrischen Antrieb befreundet, nachdem die Technik vorzügliche Kleinmotoren herausgebracht hat, die für schwache Leistungen bestimmt sind.

Wenn nun auch das Wasser für seine Arbeitsleistungen fernen Lohn verlangt, so erfordern doch Bau und Betrieb von Zentralen und Netzen große Summen. Hier müssen Staat, Gemeinden und Ge- noslenschasten di« nötigen Mittel aufbringen. Vielfach bilden bann meherere Talfperern-Krastwerke zusammen ein großes einheitliches System, und bei einem solchen soll auch Dampfkraft zur Reserve vorgesehen fein, weil die Versorgung mit Wasserkraft leider etwas unsicher bleibt. ~ . _r, .

Unsere Ausführungen haben den Leser nach dem Osten und Westen Deutschlands geführt. Und jetzt fei noch eine Riesenschopfung aus Süddeutschland kurz vorgeführt: das Murgwerk. Diest ge­waltige Anlage nutzt das Gefälle von Murg, Schwarzenbach und Raumünzach gesondert aus, und sie ist lediglich zum Zwecke der Kraftgewinnung bestimmt. Hier wird eine riesige Druckhohe von 360 Meter wirksam, und es werden Turbinen angetrieben, die je 27 000 Pferdestärken liefern, was feine Wasserturbine in ganz Europa leisten fann. Die Talsperre bei Schwarzenbach im badischen Schwarzwald stellt die größte Sperre in Deutschland bar. Ihre Mauer ist aus Guß­beton mit eingelagerten Felsstücken hergestellt, was eine ganz neu­artige Bauweise bebeutet.

So haben Talsperren eine eminente Bedeutung: ste bändigen die Gewalt der Naturkräfte und stellen diese Kräfte in den Dienst mensch­licher Kulturarbeit.

Das Leben der Heiligen Johanna.

Von Anatole France.

(Fortsetzung.)

Alenxon aber zeigte sich mit einiger Kavallerie in der Nähe der Stadt, wo einige Tage zuvor über die Seine eine Brücke geworfen worden war. Immer der Gefahr gewärtig, begleitete Johanna diele Wagehälse. Aber vorsichtshalber hatte der König wahrend der Nacht die Drücke abbrechen lassen, und die «eine Schar muhte ab^ehen. Nicht etwa, daß der König darauf verzichtete, Paris einzunehmen: er dachte mehr denn je, seine große Stadt wiederzugewinnen, jedoch ohne Angriff, mit Einverständnis eines Teils der Bürger.

Gefangenschaft.

Im Monat September begaben sich zwei Bewohner von Tour- nai nach Beaurevoir. Der Amtsbezirk von Tournai, dem König -