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offenbart eine
Brief aus Neapel
Von Gerd Kauter.
die Fifcherboote ausfahren, bis sie am Horizont einen Lichterkranz bildeten, und hörten von der anderen Seite des Ortes feltfame und unvergeßliche Lieder, die offenbar von kleinen Knaben im Chor gesungen wurden. Ich nehme an, daß es Spiellieder waren. In Moll und dem leidenschaftlichen Rhythmus aller italienischen Lieder. Dabei war in ihnen deutlich das noch nicht Erschlossene dieser Leidenschaft von Knaben und ihre freche, unbekümmerte Froh
er mit dem nassen Lappen dranrührte, einen Stich unterm rechten Augenlid bekommen. ., .
Der böse Alte geriet so in Wut, ich mag gar nicht mehr dran denken. Er stierte um sich, sah die Mücken vergnügt tanzen und folgte mit der flachen Hand der, die es ihm angetan hatte. „
Einmal hockte sie oben auf dem Leierkasten. Der Kroger schlug ÄU daß sich dem Drehorgelmann das Herz im Leibe umkehrte und alle Register dröhnten. Dann hockte die Verfolgte mitten auf dem Tisch zwischen den drei Gästen. Langsam kam der Kuhlenkroger näher, blaurot im Gesicht. Er zielte, klatschte zu, daß der Tisch brummte, — da war die Schneiderin längst über ihn hingeflogen, schlug einen zierlichen Bogen und saß wieder auf dem gleichen Platz. Der Kröger seufzte vor Zorn, er kühlte die heiße Hand am Genick, ließ die Schneiderin nicht aus dem Auge, schielte nach einer Fliegen- klappe und sah plötzlich den schlenkernden Schuh des Leierkasten- mannes dicht neben dem hochb einigen Fräulein. Im gleichen Augenblick hatte er den Schuh abgezogen, zielte und schlug zum letzten Male dröhnend zu, daß das Bier spritzte.
Ich sage zum letzten Male, denn im Augenblick, wo er dem Seiertaftenmann das Zauberding abgezogen hatte, war der wie ein Hase auf den Beinen. Der Kuhlenkröger bückte sich, er wollte ihm rasch den Schuh wieder überschieben. Aber unser Freund hatte mit einem Griff die Drehorgel umgehängt, lud sie auf den Bauch, drei heile Schneiderinnen oben auf, und fand wahrhaftig die verwünschte Klinke nach draußen. Und so entsetzlich Wirt und Gäste hinterdrein schrien und ihm alles Böse anhingen, er flüchtete schon den Weg nach dem Bahnhof, ein wenig eilig, ein wenig schief und krumm von den vielen Getränken, aber glücklich mit der geretteten Orgel. Mehr noch, als er recht zusah und im Zug alles überlegte und den Schneiderinnen danken wollte, lagen drei kleine echte Goldstücke im Tuch, wo die Fräulein gesessen hatten. Das war wohl zum Dank für die Musik über Tag.
Der Leierkastenmann hat seitdem noch viel im Wald vor der Stadt gespielt, er hat noch oft den alten Uhu in der Eiche geärgert und sich häufig genug über die drei Schneiderinnen gefreut, die gutartig um feinen Leierkasten tanzen. Wenn er dann auf dem Heimweg einen alten Schuh im Weg liegen sieht, macht er einen Riesenbogen. Aber wenn er vor Dunkelwerden in der Sandgrube des Kuhlenkrögers vorbeikommt — wo die ist, will ich euch lieber nicht sagen —, zieht er grinsend feinen alten Speckhut. Der Kuhlenkröger steht dann oft und guckt durch eine Ritze nach draußen, ob keine Gäste kommen. Und er ärgert sich blau über den Leierkastenmann, der feine Zeche nicht bezahlt hat, aber er kann ihm ja nicht zu Leibe und hat vielleicht auch Angst, da könnten wieder drei Schneiderinnen auf der Drehorgel sitzen.
lichkeit. . ... ... ,
Die Hitze trieb uns nach Capri, wo es kühler ist. Die große, milde Schönheit Capris will ich nicht darzustellen versuchen, sondern Ihnen zur Abwechslung, die ich doch auswählen muh, das erzählen, was sie uns ein wenig verdorben hat. Das waren zwei Originale", ein deutsches und ein italienisches, jedes vollkommen in seiner Art. Sie erbitterten mich mehr als gut ist.
Der Deutsche, jetzt uralt, ist vor vielen Jahren eingewandert und hat eine Pension gegründet, in der wir leider wohnten. Alle Wände und Mauern dieses Hauses sind mit hunderten kleiner Zementreliefs überfät, auf denen Sprüche in den verschiedensten Sprachen, meistens aber leider deutsche, zu lesen sind, die langst vergangenen Situationen der Politik und seines Gastekreises gelten. Ich habe selten etwas fo öffentlich Albernes und zugleich Dauerhaftes gesehen, wie diese Sedimente einer deutschen Scheinbildung “"^«‘anbere, Italiener, ist täglich auf der „Piazza" zu finden, dem Verkehrsmittelpunkt des Ortes Capri, von dem aus man auf das Meer, deck Vesuv und Neapel sehen kann. Er ist, roas man einen „schönen Mann" nennt, 70jährig, rotwangig, groß und breit mit weißem Vollbart. Er hat es darauf abgesehen, den malerischen Capresen zu spielen. Er steckt in einem weißen Hemd, offener, bunte geflickter Weste, farbiger Schärpe und langen Hosen und zieht vor allem durch eine rote, hängende Mütze die Augen auf sich. 3m rechten Mundwinkel trägt er eine Pfeife und sieh fo Tag für Tag am Gitter. Sein Gesicht, das Faulheit und Eitelkeit ausdruckt ist ungemein widerlich. Unzählige, in den Laden verkäufliche Bitter stellen ihn dar und erklären feine Einkünfte. Sogar als Puppe kann man ihn erwerben. . _ , ...
Am Vesuv, auf dessen Besteigung mir diesmal verzichten muhten, kommt man auf der Fahrt von Neapel nach Pompei am nächsten vorbei. Von Capri aus gesehen gibt seine Silhouette nicht viel mehr als ein Bild. 3n der Nähe wird er neu und lebendig und offenbart eine sehr eigenartige Individualität. Der flach ansteigende Sockel ist grün von Steingärten, der Lava- und Aschenkegel rostrot. In den tiefblauen Himmel schiebt er seine schneeweißen Kumuluswolken, die nur ab und zu durch eine braun-blutige Beimengung gefärbt find. Sie wachsen wie weihe Pflanzen aus feinem Gipfel, werden vom Winde langsam abgeweht und lassen hinter sich neue keimen. Das, was kein Bild geben kann, ist das Unaushorliche und doch Ruhige dieser Bewegung, deren erstaunliche Schnelligkeit man erst er chliehen muß: mehrere hundert Meter in der Minute.
Ohne diese Wolkensäule wäre der Vesuv in seinem landschaftlichen Charakter unseren Bergen vergleichbar. Mit ihr ist er em ganz neues Ding von Berg. Es gelang mir einen Augenblick, ihn neu zu ehen, wie ein Kind, dem nicht durch unzählige Photographien und Bilder die Eindrücke vorweggenommen sind. Seine Wolken geben ihm eine Verbindung mit dem Himmel, die unseren Bergen fehlt, und die braunen Ballen, die bisweilen kommen, verraten die irdischen Kräfte der Tiefe, die feine Form gebildet haben.
Nach P o m p e i gingen wir einigermaßen pflichtbewußt., Die moderne Besichtigungsbarbarei ist in dieser toten Stadt noch störender als anderswo. Sie ist in Häuserblocks, „Regionen , emgeteut, deren jede von einem „custode“ bewacht wird. Diese Wächter, die gähnend oder schlafend an allen Ecken sitzen ober liegen, geben eine Sammlung der langweiligsten Gesichter der Welt. Karawanen von Fremden kreuzen die Stabt in allen Richtungen. Amerikanerinnen, benen bas grobe römische Pflaster zu unbequem ist, pflegen sich von je zwei Italienern in Sänften tragen zu lassen, aus benen sie unter einem Sonnenschirm hervor die Ruinen lorgnettieren. Gut angezogene und gut bezahlte Führer erzählen ihrer angestrengt stierenden Schar unaufhörlich, was dies und jenes gewesen sei. Zwischen diesen Flottillen irren, den Finger in den Baedecker geklemmt, die führerlosen Einzelmenschen.
Wer irgend über Beziehungen verfügt, sollte versuchen, in die Stadt hineinzukommen, wenn sie für den großen Verkehr geschlossen ist. Man sollte diese Straßen ohne Menschen gehen. Wir waren zum Glück darauf aufmerksam gemacht worden, daß man im Neapeler Nationalmuseum unentgeltliche Eintrittskarten zu dem Gebiet der neuen Ausgrabungen" haben kann, das weniger überlaufen ist und sehr viele sehenswerte, nach neuen Methoden vorsichtig ausgegrabene Häuser enthält. Man hat die Inschriften an den Häusern erhalten, die Gärten bepflanzt und die Springbrunnen in Gang gebracht. In einem solchen Gartenhof steht die kleine Figur eines Göttchens, das schmerzlich und etwas verschämt in der Sonne steht. Nicht weit davon in einer Ecke liegen noch Totenköpfe und Knochen beisammen. Hier kam mir am stärksten das Gefühl von etwas, das lebendig war und nun wie ein schönes Gespenst in der harten Sonne stehen muh, wo es doch lieber schlafen möchte.
Wie dankbar empfindet man nach Pompei die Stille und Ver- lasfenheit der griechischen Tempel bei Paestum! Zwar muh man auch hier eine Sperre passieren und Eintritt zahlen, aber mah wirb allein gelassen und sieht nicht viele Fremde. Und doch, wieviel mehr aufbauende Kraft strömt aus diesen Tempeln als aus den pompejam- fchen Raritäten. Sie waren uns das Eindringlichste von allem, was wir in Rom und bei Neapel gesehen haben.
Im Oktober.
Ich gestehe Ihnen, daß ich den Satz „Sieh Neapel, und stirb!" auf die Stadt selbst bezogen, nur gelten lassen kann, wenn ich ihn böswillig mißdeute. Aus dem vielfältig-schlichten, liebenswürdig-edlen Rom nach Sftünbiger Bahnfahrt hierher versetzt, hatte ich den Eindruck einer sormlos-zerfließenden, lärmenden Anhäufung von Häusern und Menschen. Jedes dritte Haus enthält einen Konfitürenladen oder eine Wechselstube. Das Gefühl der Geborgenheit, das wir überall sonst unter Italienern gehabt haben, mußte einem ständigen Mißtrauen weichen. Es scheint, daß diese Hafenstadt in langer Tradition eine der liebenswertesten Eigenschssten der Italiener, ihre Hilfsbereitschaft, zur betrügerischen Aufdringlichkeit verdorben hat. Einige unbeschäftigte Individuen sind stets bereit, dem Fremden, dessen Nationalität, Charakter und momentane Absichten sie mit bewundernswerter Intuition sofort ersoffen, unerwünschte oder erwünschte Dienste in möglichst umständlicher und damit kostspieliger Form zu leisten. Was mehr verstimmt, sind die kleinen Halbbetrügereien, die jeden Einkauf begleiten. Wir haben uns um das Geld keinen Kummer gemacht, aber die unsaubere, seelische Atmosphäre hat uns manches getrübt.
In der Umgebung, schon im Zuge bei Salerno unter Arbeitern, ist die menschliche Geborgenheit wieder da. Wie wir denn überhaupt Schmutz und Unehrlichkeit in Italien, wovon man in Deutschland so gerne redet, außerhalb Neapels nicht gefunden haben.
Die Landschaft um Neapel freilich hat eine Einzigartigkeit, die den Satz, den ich am Anfang nannte, verstehen läßt. Zwischen den Buchten von Neapel und Salerno springt die Sorrentiner Halbinsel vor, und Capri stellt sich ihr gegenüber. Dieser einfachen Form geben Atmosphäre und Pflanzen die Milde, und der Vesuv sorgt dafür, daß sie nicht zur Süßlichkeit wird. Sie ist erhaben und anmutig zugleich. Vom Monte Tiberio, dem steilen Absturz" Capris nach dem Lande hin, haben wir sie am besten gesehen.
Zuerst sind wir aber an Capri vorbei nach P o s i t a n o gefahren. Es türmt sich an den Wänden einer halbkreisförmigen Bucht an dem steilen Südufer der Halbinsel von Sorrent und ist einer der heißesten Orte Italiens. Die Hitze im September war unbeschreiblich. Wer aber mit überreiztem Hirn und mitten Sinnen (woran wir Deutschen meistens leiden, wenn wir Erholung brauchen) nach Italien kommt, für den ist solche Hitze, wie wir erfuhren, kein schlechter Anfang. Sie schlägt jeden Gedanken nieder und weckt eine — stillbare — Lust am Baden und an Früchten, die in solcher Stärke bei uns nicht kommen kann. Erst am Abend, wenn ein etwas kühlerer, flatternder Wind von den Bergen fällt, kommt man ein wenig zu sich. Dann saßen wir auf der Hotelterrasse und sahen


