Ausgabe 
26.10.1926
 
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Gießener Hamilienbläüer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926 Dienstag, öen 26. Oktober Nummer 86

Heide im Herbst.

Von Detlev v. L i l i e n c r o n.

In Herbstestagen bricht mit starkem Flügel Der Reiher durch den Nebelduft.

Wie still es ist! kaum hör ich um den Hügel Noch einen Laut in weiter Luft.

Auf eines Birkenstämmchens schwanker Krone Ruht sich ein Wanderfalke aus.

Doch schläft er nicht, von seinem leichten Throne Aeugt er durchdringend scharf hinaus.

Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte Schleicht neben seinem Wagen Torf.

Und holpernd, stolpernd schleppt mit lahmem Tritte Der alte Schimmel ihn ins Dorf.

Der Drehorgelmann und die drei Schneiderinnen.

Bon Hans Friedrich B l u n ck.

Als der Abend kam und die Bäume dunkel wurden, stand auch der Drehorgelmann auf, packte seinen Kasten sorgfältig in ein altes Tuch und sah sich nach dem Heimweg um. Er hatte draußen im Wald, wo die Stadtleute Sonntags lustwandeln, den ganzen Tag aufgespielt, krumm gesessen und mit dem Hut um ein paar Pfennige gebettelt. Jetzt reckte er sich, zählte die Kupfer und Nickel, wickelte sein Bein aus und wischte sich den Schweiß aus dem Hut. Ihr müßt nämlich nicht denken, daß es eine Kleinigkeit ist, zehn Stunden lang einmal mit dem rechten, einmal mit dem linken Arm den Schwengel drehen, man kann auch dabei verwünscht warm werden.

Drei große Mücken flogen um den Leierkasten. Schneiderinnen nennt man sie bei uns. Sie hatten den ganzen Tag zum Spiel der Drehorgel getanzt; der Mann stand recht gut mit ihnen, dachte daran, daß in dieser Art Tieren ost kleine dunkle Mahrsrauen bis zur Nacht einwohnen und fragte sie höflich, ob ihnen das Dreh­orgelspielen gut gefallen hätte. Er hielt ihnen sogar noch einmal den Hut hin, wie um zu sammeln. Die Schneiderinnen summten zutraulich und als der Drehorgelmann vergnügt noch einmal unterm Tuch drehte, surrten sie näher, setzten sich auf den Orgelkasten und ließen sich wahrhaftig mittragen, so viel Zuneigung hatten sie gefaßt.

Danach ist es unfern armen Freunden aber nicht mehr so gut gegangen und das ist so gekommen: Der Leierkastenmann hatte, das habe ich zu sagen vergessen, nur einen Stiefel an, den andern hatte er zu Hause gelassen, er konnte den bloßen Fuß besser ohne Stiefel unterstecken. Wie er nun aber auf der harten steinigen Land­straße ging, mußte er arg humpeln und ächzen und es war noch ein weiter Weg bis zum Bahnhof.

Da sah er einen alten Schuh in seinem Weg liegen. Schwupp, schlürfte der Drehorgelmann hinein, es schien ihm ein rechter Schlump, den zu finden.

Wenn ihr einen alten Schuh auf der Straße findet, laßt ihn liegen! Derart wird nämlich oft von dicken Kuhlenkrögern ausgelegt, um Säfte einzufangen. Zieht man arglos solches Ding an ober schlüpft nur hinein, um ihn auszuproben, wird man ihn nicht mehr los, verbrennt vor Durst und muß beim Kuhlenkröger trinken und trinken wie ein dürrer Zaunpfahl, bis man keinen Pfennig in der Tasche und keinen Rock mehr am Leibe hat, und der böse Alte einem den Schuh selbst wieder abzieht. Rein, der Kuhlenkröger kennt kein Mitleid, es ist sein bester Verdienst, was solcher Art zu ihm in die Schenke kommt.

Nun sagte ich schon, unser armer Drehorgelmann dachte in dem Augenblick nicht daran, er zog ahnungslos den Schuh über. Und fast im gleichen Augenblick meldete sich das Unglück bei ihm. Er schluckte gleich ein paarmal, fuhr mit der Zunge über den Säumen, feuchtete sich die Lippen und merkte, daß er den ganzen Tag nur eine alte Rumflasche bei sich gehabt hatte. Oh, was hatte er für Durst! Er legte sich wahrhaftig an den Weggraben und wollte Wasser saugen.

Aber derlei schmeckt nur wie Salz, wenn jemand einmal des Huhlenkrögers Schuh gefunden hat, dem Drehorgelmann war schon nicht mehr zu helfen. Als neben dem Wege eine alte Scmd- kuhle aufging und ein großer Stein sich in den Angeln drehte, hielt er nur noch einmal krampfhaft feinen Selbbeutel fest. Dann glitfchte der arme Mann schon auf dem neuen Schuh in die klingelnde, bim« Vhetnbe, fchimmelhelle Säfteftube bes Kuhlenkrögers hinein, den Drehorgelkasten hoch vonn Bauch, und die drei großen Mücken oben auf.

Der Kuhlenkröger ließ ihn ein, er roebelte gegen bie Fliegen mit einem alten Kuhfchweif, schloß bie Tür rasch unb besah sich den neuen. Er hätte ja gern einen besseren Fang getan, aber bie kleinen Säfte zehren schließlich auch und bie Drehorgel als Pfand gefiel dem Dicken ganz gut. Unser armer Durstvogel wurde sogar zum Sitzen genötigt. Hockten auch schon zwei Kumpane herum, der immer betrunkene Bauernvogt, der bei den Menschen nichts mehr bekommt und der alte Uhu aus der Eiche, unter der die Drehorgel tagüber gespielt hatte. Gleich mußte der Drehorgelmann einen aus­geben, so freuten sie sich alle, ihn zu sehen.

Ihr könnt euch denken, bei solch unholder Trinkerei liefen die Münzen nur so davon. Der neue Saft sagte ehrlich, daß er gleich am Ende fei, der Kuhlenkröger nahm es jedoch nicht gewichtig, er hatte ja den Drehorgelkasten als Pfund. Der Uhu bemerkte auch, er sei dem Herrn noch einen ganzen Tag Musikgeld schuldig, er sagte es etwas heimtückisch, er hatte kein Auge zutun können. Der Sauern« vogt aber schlug vor, man solle die Zeche zusammentun und dann auswürfeln. Das schien allen Dreien am besten, denn jeder hoffte, daß der andere verlöre. Als der Leiermann den Kröger jedoch vor­sichtig fragte, ob er gute Würfel hatte, konnte der feine eignen nicht finben. Nur ber Bauernvogt und der Uhu hatten gleich welche be­reit. Aber der arme Leierkastenmann wußte, daß er mit den Würfeln ganz gewiß verlieren würde. Oh, es war eine böse Gesell­schaft, in die er geraten war, er wurde recht traurig.

Hätte der Mann jetzt den Mut gehabt, aufzubrechen, hätte er vielleicht noch für sich selbst bezahlen können, denn er hatte, wie viele seines Gewerbes, gut verdient. Aber er bekam Furcht vor den drohenden Augen der anderen, als er nur nach seinem Hut blickte unb er hatte ja auch den verzauberten Schuh an. Der ließ seine Kehle immer noch wie höllisches Feuer brennen, er mußte nur immer ein Sias nach bem andern barüberlaufen lassen. Ver­zweifelt legte ber arme Gefangene die Beine auf den Tisch auch ber Uhu machte es so, besah sich den guten Stiefel unb ben argen Schuh unb hätte gar zu gern ben Kuhlenkröger gebeten, ihm bas fürchterliche Ding abzuziehen. Aber ber erriet feine Ge­danken wohl und grinste ihn ohne Mitleid an.

Nun waren indeh im Lierkastentuch drei ungebetene Säfte mit in die Stube gekommen, die erhoben sich um die Zeit schwirrend aus ihrem Versteck. Dem Uhu machte das nicht viel aus, er hatte ja die dichten Federn an. Aber schon ber Bauernvogt kratzte sich miß­mutig einmal ums anbere ben Nacken ab, klatschte zuweilen mit der einen Hand auf die andere unb verbrehte die Augen, wenn sich etwas mit Summen aufhob, längst ehe er feine feuerroten Knöchel erreicht hatte. Das war aber noch gar nichts gegen den Kuhlen­kröger. So schlecht er von Herzen war, so sehr hielt der Alte auf Ordnung. Er hatte keine Fliege, keine Assel in ber Stube, Schrank unb Schopp waren ohne Wckrm. Und wenn er mit der rechten Hand Gäste in seine Schankstube einließ, hatte er meist den alten Kuhfchweif in ber linken, damit nicht die winzigste Motte in bie Tür käme. Er hatte ja auch heute ben ßeierfaftenmann beim Ein­tritt einmal um den verschwitzten Hut gewedelt. Wie kamen nur drei Schneiderinnen in seine Kammer?

Schlimmer noch, der Kuhlenkröger hatte süßes Blut. Es gibt Menschen, denen tut kein fliegend Getier etwas zuleide; sie können vorm Gewitter angeln und haben nur etwas ferne Musik gehört. Es gibt auch welche, die brauchen am hellen Tag nur ein Blatt zu streifen, unter bem eine Mücke schläft, unb bas Tier wacht heiß­hungrig auf unb läßt sie nicht wieber. Als ber Kuhlenkröger kaum drei neue Gläser eingeschenkt hatte, lief sein linkes Auge an, es war gut, baß kein Spiegel im Raum war. Es rächte sich auch, daß er feine Schuhe braußen auf Fang gestellt hatte. Die Strümpfe waren aus guter Wolle, aber er staub immer mit bem einen Bein auf bem andern und scheuerte sich krank und scheuerte die Schultern am Bier- zapfen unb klappte sich mit ber Hanb auf den kahlen Schöbel unb rieb sich bas Kreuz an ber Tischkante, und folgte mit blutunterlaufenen Augen den drei Schneiderinnen, die es sich doch nur gut fein lassen wollten, wo alles trank.

Der Kuhlenkröger war kein Mann, ber den Mut verlor. Er tauchte einen alten Lappen in Bierfchoum und schwappte mitten im freundlichsten Trinklied plötzlich damit gegen die Lampe oder, platsch, mitten auf ben Tifch zwischen bie brei Säfte. Er brauchte nicht viel zu erklären, sie wußten alle, warum er es tat. Rur ber arme Leier­kastenmann hatte Mitleid, aber er durste bei [einer Zeche nichts mehr einroenben. Traurig besah er noch immer ben guten Stiefel unb ben nieberträchtigen Zauberschuh daneben, rieb ein wenig an der Hake, kitzelte ben Uhu unterm Kinn, bamit er ihm das Ding auszöge, unb schlenkerte bas Bein über ben halben Tisch, aber niemand half ihm.

Da fing ber Kuhlenkröger wieder zu bullern an. Er konnte das sinke Auge' nut noch mit Mühe aufhalten. Jetzt hatte er, gerade ehe