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neuer Ring von vier bis fünf Kilometer Radius um das Stadtgeb ilde geschlagen, ein Wall gezogen, in dem die Schlagbäume au den ausfallenden Straßen standen, der Ring der Vorstädte, die drei Viertel des Flächenraumes Moskaus belegen.
So wuchs, in Jahresringen, Jahrhundertringen, wie ein Daum die Stadt.
Moltke hat recht, „russisches Rom". Ein halbes Tausend Kirchen hat Moskau wie Rom. Es liegt auch auf einer Ansammlung von Hügeln, wie die römischen im Stadtganzen nicht immer leicht auszumachen. Aber es ist bedeutend großer als Rom. Hatte dieses vor dem Kriege eine halbe Million Einwohner, so zählte Moskau weit über anderthalb, und heute mögen es mehr als zwei Millionen sein. Rirgendwo in der zivilisierten Welt dürfte die Wohnungsnot so groß sein wie in Moskau, der Wohnraum wird den Personen nach Geviertmetern zugemessen.
Denn der Rätestaat ist in Moskau konzentriert und zentralisiert. Die öffentlichen Gebäude, die in Petersburg leer stehen, schone Ruinen, fehlen in Moskau oder reichen für den riesigen Ämtsbedarf nicht aus; in Banken, für die man naturgemäß keine Verwendung mehr hat, und in Warenhäusern, die ausgeräumt waren, sind die Ministerien (Kommissariate) untergebracht. Es sieht alles nach Behelf aus.
Ist Petersburg still, über seine architektonische Aufwendigkeit still, so ist Moskau laut, man meint überlaut. Die Kutscher fahren auf den Straßen, als wären sie in der Steppe, und die Automobile scheinen alle im Wettrennen begriffen. Trotz strenger Straßenzuckt des roten Polizisten schwebt ein deutscher Träumer, Stadtbummler und Himmelsgucker (denn da und dort leuchtet über den Häusern die grüne oder goldene Kuppel einer Kirche) ost in Gefahr.
Das Arbeiterkleid beherrscht die Straße, beliebt scheint die Lederjacke des Automobilisten als gängiges Kleidungsstück, die Genossinnen tragen Sportmützen. Man sieht elend zerlumpte Kinder, meist Waisen aus den Hungerjahren, alte Frauen und Männer in Mänteln aus vergangenen Moden, aus den Schränken gegraben, aber es ist auch wieder ordentliches Schuhzeug zu sehen, und Pelzwerk (das in Rußland, obgleich dort nicht billiger als bei uns, kein Luxus ist), und gar das mondäne Dämchen trippelt über die Straße. Im ganzen ein Straßenbild wie in Deutschland in der Inflationszeit.
Aber man sieht auch viele Asiaten, Kalmücken, Tataren, Tibeter, Perser — wer kann die Rassen unterscheiden! Die anscheinende Anbekümmertheit des Lebens, die Art zu lärmen und zu schreien, aber auch die außerordentliche Geduld der Menschen, wenn sie warten müssen oder in überfüllten Trams stehen, die offenbare Anbedeutendheit des Individuums im Dolkskosmos, gewisse Gerüche aus offenen Läden und Ladenständen (herrliches Obst aus Turkestan und der Krim stehen zum Verkauf, und die Aepfel geben im Herbst Moskau gar einen eigenen Charaster für den Geruchsinn), alles drängt einem das Wort auf die Zunge: Moskau hat etwas asiatischen Hautgout.
Doch genug an diesen Strichen und Rotizen des modernen Lebens zur Veranschaulichung des Stadtbildes von heute — uns beschäftigt ja nicht so sehr das heutige Rußland, das zu erkennen nicht leicht ist und das der Vorsichtige lieber nicht beurteilt, als das ewige Rußland, wie es war und trotz allem geschichtlichen jähen Wandel immer sein wird, der Charakter dieser russischen Hauptstadt, wie er sich durch die Zeiten bildete.
And fragen wir, da wir in erster Linie Architektur betrachteten, nun nach dem Besonderen nroskowitischer Architektur oder nach dem Anteil der Architektur am Stadtbild Moskaus, so ist zu sagen: der Kr-ml ist eine architektonische Welt für sich. In ihr iftGroßcs, kanonisch Schönes, wie die schon erwähnte Aspenskikathedrale, die Krönungskirche der russischen Kaiser, russische Stilprovinz und bhzantinische Stilwelt, regiert von italienischer Hand, neben schönbarbarischen Volkstümlichkeiten. Außerhalb der Kremlmauern aber gibt es — außer einigem von Petersburg hierher verpflanzten und Petersburger Züge tragenden, auch hier sehr schonen Klassizismus in Aniversität und Marstall, in Kriegsschule und Stadthaus an der Twerskaja — keine mittel» meerische Kanonik mehr, nur großartigvolkstümliche, luftig- malerische, ziemlich ungefefselte Architektur, soweit Architektur, die strenge, Fessellosigkeit erträgt. Außer der schon erwähnten Wassilhkothedrale am Roten Platz, in der Leidenschaftlichkeit, Phantasie, Ornamentationslust und Farbenfreude ein rauschendes und wildes, aber, man muß es sagen, genial angelegtes Fest feiern, ist die übrige, meist sakrale Architektur der fast zahllosen Kirchen minderwertig, aber sozusagen liebenswürdig-minderiver- ttg ,behaglich-sorglos zusammengebastelt. In diesem Punkt unterscheidet sich das Rom des russischen Katholizismus (außerhalb des Kremls wohlverstanden!) auffällig und durchaus von dem des römischen, wo strenge Architekturgewissen dis in die letzten Kapellen und Heiligtümer waltete. Ein Bausachenlustiger, der zuerst und immer bestrebt ist, in ein Gebäude zu treten, bevor er das Aeichere studiert, um aus dem Innern Zweck und Sinn und darum Sprache und Form des Gebäudes zu erfassen, in Moskau wird er für gewöhnlich den Wunsch nicht haben. Es ist nicht nötig. Alle diese Kirchen sind im Innern gleich oder ähnlich, dunkle Räume, voll von goldstrahlenden Heiligenbildern und
vchriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag
Kerzenräuch in mystischer Rächt. Selbst die schönste dieser Kirchen, die rate Mariä-Himmelfahrts-Kirche, die Napoleons Bewunderung so sehr erregt haben soll, daß er sie vor dem Brands schützen ließ, nicht betreten gekonnt zu haben, ist mir kein Schmerz. Sie steht da als malerisches Stück, als fröhliche Augenweide, angerückt an die brausende Geschäftsstraße Marosseika.
Tritt man aber doch einmal zum Gottesdienst in eine dieser Kirchen, zum Gottesdienst, der keine Jnstrumentmusik, nur - die menschliche Stimme zuläßt, sieht und hort den Vorsänger-Popen, der immer ein ausgesuchter Riese und erwählter Bassist zu fein scheint, der mit seiner gewaltigen Stimme die Kuppelhallen bis in die fernsten, finstersten Abräume füllt, so daß das Echo wie ein kleines Gewitter rollt, hort den meist aus Frauen und Knaben zusammengesetzten Chor ihm mehrstimmig antworten (sshr hoch fingen können, scheint sehr schön fingen können zu Heißen), sieht die großartige Würde der Gesten des Popen, die ungeschmälert aus Byzanz überliefert zu fein scheinen, sieht die schimmernde Pracht der Gewänder, mit der die römisch-r Kirche es nicht aufnehmen kann, die ehrwürdigen, alten, weißbärtigen zelebrierenden Popen mit Gottvater-Goldkronen auf den greifen Häuptern durch die selten geöffnete Bilderwand schreiten, hinter welcher der Dienst, Volk- und gleichsam weltentrückt, sich abspielt, sieht die bilderküsfende, kniefällige, die Erde mit der Stirn berührende Inbrunst der Gläubigen, sieht die vielen feiervollen Segnungen, Lossprechungen, Weihungen, die jeder Gläubige an sich vollziehen lassen kann, sieht die Kirchenprozefsionen mit den uralt-heiligen Mirakelbildern, diesen ganzen feierreichen Gotter- und Göttinnendienst —, dann kommt man wohl zu dem Schlüsse, daß der auf sinnliche Wirkung gehende Katholizismus nicht in der römischen, sondern "in der griechischen Kirche sich vollendet, jedenfalls die letzten Folgerungen aus seinem Wesen gezogen hat. Das ganze herrliche Heidentum, das Riehsche an der römisch- katholischen Kirche lobte, blüht bis ins Letzte entfaltet in der russisch-katholischen. Die römisch-katholische Kirche hat, wenigstens in den nordischen Ländern, durch eine energische Gegenreformation (ohne die sie freilich bei uns unter gegangen wäre) zuviel an dogmatischem und puritanischem Denken vom Protestantismus angenommen. Rach meiner Meinung.
Die Profanarchitektur der Geschäfts- und Wohnteile Moskaus, soweit sie nicht petersburgisch ist (hier in der Vereinzelung dieser meist klassizistischen Gebäude empfindet man recht, daß die Große des Architekturbilbes Petersburgs auf der Vielzahl der Gebäude und der Raumhaftigkeit ihrer Anordnung beruht), ist im modernen, von der beschriebenen Wassilykirche abgeleiteten sogenannten russischen Rationalstil gehalten, der, mit Geschmack an einzelstehenden Monumentalbauten angewandt, gefällig und sogar großartig wirken kann, gehäuft und konventionell gebraucht aber unerfreulich ist und das Aesthetisch-Wüste, das die Stadt in irgendeinem Unfaßbaren hat, verstärkt. And sonst, was die moderne internationale Baukunst mit ihrem albernen Individualismus ohne Sinn für Einordnung ins Architektonische, mit ihrem Dauschuldogma von Stilgerechtigkeit geschaffen hat, ist nicht trostloser als vieles in unseren europäischen Städten und rief in mir die Erinnerung wach an die schlimmst aussehenden europäischen Großstädte, die ich kenne, die auf dem Balkan.
And ehe man weiter nach Osten in das weite russische Reich hineinreist, läßt man sich zu einem letzten sammelnden Erlebnis noch einmal von dem Jswoschtschik im blauen, wattierten Kastan und Der .Fellmütze, dem würdevollsten und zugleich besten Kutscher der Welt, im knapp zweisitzigen, von einem flinken Pferdchen öahingerisfenen Wägelchen durch die wahrhaft miserabel gepflasterten Straßen Moskaus fahren. Er aber bringt uns hinaus vor die Stadt, denn noch haben wir das nächst dem Kreml Schönste nicht gesehen, das Simonskloster am hohen Moskwaborde und das Jungfrauenkloster in der ebenen Flußschleife unter den Sperlingsbergen. Die Klöster sind selbst Kremls, nämlich „Burgen". Die Mauern sind rot oder unten im Mauerwerk weiß und die Zinnen und Türme rot gestrichen. Sie haben wohl schon Belagerungen durch die Feinde des moskowitischen Reiches, die Litauer und Polen, zu bestehen gehabt. Drinnen in den weiten Hofen liegen malerisch ungeordnet die vielen Kirchen und Klostergebäude, jedes einzelne architektonisch liederlich gebaut, im ganzen ober sind diese Klosterbauten rechte architektonische Wunder, und ihre Erinnerungsbilder beglücken lange. Die Kirchen mit ihren Dunkelen und strengen Gemälden sind vom kirchenfeind- lichen europasüchtigen Rätestaat als „Museen" eingerichtet (man bezahlt ein Eintrittsgeld) und also wie vieles in Europa petvefakt.
Rach Petersburg wiederzukehren begehre ich nicht. Es war ein geschlossenes Erlebnis einer architektonischen Welt, das Erlebnis selbst in uns architektonisch stabil. Petersburg ist seit dem Sturz der Zaren fossil geworden, ein schönes Ziel für Romantiker und Menschen, die den Blick nach rückwärts lieben, eine „schone" Stadt, etwa von der schönen Fossilität Münchens. Aber nach Moskau will ich wiederkommen. Die Stadt lebt und wächst, der Daum ihres Seins wird neue Ringe ansetzen und ihr Gesicht noch andere Masken vornehmen, denn Sowjet i(t, ein Anfang. Moskau ist eine problematische und in einem eigenen Sinne „ewige" Stadt wie Rom und Paris, Städte, die man alle paar Jahre wieder einmal besuchen muß. And es liegt auf dem Wege nach Asien. __
Brühl'schen Anive-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.


