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hören, uns in zweifelhafte Derbindungen einlassen, so kann dies leutselige Wesen schlimmere Folgen haben als die Hartherzigkeit. Von Anfang an habe ich meiner Umgebung zu zeigen gesucht, daß sie bei mir durchs Ränke und falsche Berichte nichts gewinnen wird, daß ich ein Mann bin, um die Dinge selber zu sehn, und unerschütterlich in den einmal gefaßten Planen. Gutmütigkeit mutz mit Festigkeit vereinigt fein; der Fürst muß sich mit braven und ehrlichen Leuten umgeben; für sich selber gewinnt er damit wenig, aber alles für das Wohl des Staates/
Es mag sein, datz ihm auch darum für seinen persönlichen Umgang Fremde am liebsten waren, weil sie keinen Zusammenhang mit kleinen einheimischen Interessen hatten.
Soll die Monarchie eine Wahrheit sein, so müssen die Regionen, wo die Entschlüsse gefaßt werden, von allem fremdartigen Einfluh frei bleiben; der höchste Wille mutz sich nur auf das Wesen der Dinge richten.
An den französischen Zuständen fand Friedrich nichts widerwärtiger und schädlicher, als das Äuseinanderstreben der verschiedenen Minister, deren jeder seine besonderen Rücksichten habe, seinen besonderen Vorteil suche.
„Sowenig", sagt er, „wie Rewton fein System in Verbindung mit Leibnitz und Cartesius hätte zustande bringen können, sowenig kann ein politisches System gemacht und behauptet werden, wenn es nicht aus einem Kopfe entspringt; und das mutz der des Fürsten sein; Minerva mutz aus dem Haupte Jupiters hervorgehen. Don dem, was er selber gedacht hat, mehr durchdrungen, als von dem Gedanken anderer, wird er all sein Feuer an die Erreichung eines Zweckes sehen, der zugleich die Eigenliebe in Anspruch nimmt. Finanzen, Politik und Militär sind unzertrennlich. Richt der eine oder der andere dieser Zweige mutz gut verwaltet werden, sondern alle zusammen. Sie müssen zu- sammenwirken, wie in den olympischen Spielen die Rosse vor den Wagen, die mit gleicher Anstrengung die Rennbahn durchlaufen und dem Lenker den Preis verschaffen."
In Hinsicht der Finanzen und des ganzen inneren Regie- rungsshstems folgte er, wie wir wissen, dem Vorgänge seines Vaters, dessen Bild und Andenken ihn unaufhörlich begleitete.
In dem Vater erscheint die Selbstherrschaft noch als Eigenwille, mit der Rauheit und Gewaltsamkeit des siebzehnten Jahrhunderts, verbunden mit einer Religiosität, die eine pietestische Ader hatte, der Idee einer allgemeinen Ordnung im deutschen Reiche sich auch dann fügend, wenn diese unbequem ward. In dem Sohne lebt dagegen seit der ersten Jugend ein lebendiger Trieb persönlicher Ausbildung: er begreift die Wissenschaften mit dem doppelten Eifer eines Autodidakten; von der Religion hält er nur die allgemeinsten Grundsätze fest; das Reich erkennt er an. inwiefern es Rechte gewährt, nicht inwiefern es Pflichten auferlegt. Der natürliche Gegensatz, worin sie sich befanden, führte einst zu jenen Konflikten, welche die Augen der Well auf den preußischen Hof lentten. Hätte Friedrich Wilhelm wirklich, was er nach den alten Berichten beabsichtigt haben soll, den Sohn hinrichten lassen, so würde der Staat, den er aufrecht- ethalten wollte, vielmehr in Gefahr geraten sein, sofort wieder umgestürzt zu werden. Er hätte einen geistigen Selbstmord begangen: oder vielmehr, wenn der Ausdruck erlaubt ist, das eine Janushaupt hätte das andere erschlagen. In allen wesentlichen Dingen zeigte sich eben dieser Sohn als der wahre Fortsetzer des Vaters; an ihrem . Beispiel sieht man, wie ein Zeitalter sich aus dem anderen entwickelt, zu gleicher Zeit Identität und Verschiedenheit möglich sind. Rur Weiterbildung ist die rechte Fortsetzung. Zur Gründung gehört ein noch von der älnwillkür- lichkeit des ersten Antriebes umfangener starker und rücksichtsloser Wille; die Durchführung fordert eine selbstbewußtere und umsichtigere Tatkraft.
Städte des Ostens.
Von Josef Ponten.
II.
Die schön gewachsene Stadt').
Das ist Moskau. (Es liegt auf der Breite von Kopenhagen und auf der Länge von Damaskus, also weit nach Norden und Osten hinausgeschoben, und von Petersburg etwa so weit wie Aachen, München, Königsberg von Berlin.)
Ist Petersburg jung, so ist Moskau alt; ist jenes einheitlich streng und mit bewußtem Willen angelegt und sozusagen hin- gelegt, so ist dieses malerisch kraus und bunt und sozusagen triebhaft erzeugt und gewachsen. Jenes bauten die Kaiser, dieses bas Voll; jenes ist kunst- und planvoll gemacht, dieses ist organisch inib fast vegetativ geworden. Jenes ist klassisch (nicht nur, weil es klassizistischen Stil hat), dieses ist romantisch.
Auch Moskau erinnert an Rom (aber auch an nichts anderes, höchstens an Städte seiner eigenen Eltern- und Schwesternschaft, an Byzanz und Kiew). .Und ist auch wie Petersburg etwas völlig Eigenes.
*) Vergleiche Familienblatt Nr. 47 vom 12. Juni.
Seine geographische Lage ist, wie die Roms durch Nichts Besonderes ausgezeichnet und bedingt, es liegt wie Rom an einem Flüßchen (was man in Rußland Flüßchen nennt), der Moskau (doch deutsch nennt man den Fluß wie der Russe Fluh und Stadt nennt: Moskwa). Die Moskwa hat die Breite der Elbe bei Wittenberg; sie fließt an der Stadt vorbei und gar durch sie hindurch mit derselben, sozusagen Beziehungslosigkeit wie der Tiber an und durch Rom. Und wie dort auf einem nicht besonders hohen, immerhin dem ausgezeichnetsten Hügel, dem Palatin, das älteste Rom entstand, so hier auf dem Kreml- Hügel das älteste Moskau.
Der Kreml ist (man weiß es, es ist ein Dogma, aber man darf es glauben) einer der wenigen ohne Rest befriedigenden! Architellurplätze der Erde. Man muß ihn schlechthin vollendet nennen. Selbst gewisse Langweiligkeiten, wie Arsenal und Gericht in ihrem allzu trockenen Stil, scheinen nötig in diesem sinfonischen Steinrausch, als Ruheflächen, in diesem Architetturgebirge sozusagen als Rullpunkte. And der Kreml ist gewachsen, ein sinnfälliges Stück Architekturgeschichte, eine Musterkarte der historischen Stile. Die rote, gewaltige Ziegelmauer mit ihrem Dutzend Türmen ist von italienischen Baumeistern und im Stil nord- italienischer Frührenaissanee errichtet (Erinnerungsbilder lombardischer Städtchen tauchen auf), ein Bolognese erbaute die älteste und heiligste der vielen Kremlkirchen, die Uspenskikathe- drale, allerdings in byzantinischem Stil. Byzanz-Moskau als Architekturprinzip schwelgt in sakralen Steinbauten; es sind da Klöster im echt russischen, selbständig gewordenen Rationalstil ebenso wie das alle Schloß im Gewände der russischen Bojarenzeit; es fehlen nicht die Palastbauten im Geschmack der künstlichen (doch nicht zu schmähenden) Münchener Romantik der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert und in ihnen die kaiserlichen Geschmacklosigkeiten, wie sie um die Wende des Jahrhunderts die letzten Kaiser anscheinend auf ihr Gewissen und ihr historisches Bild laden mutzten. Der Kreml ist Moskau und Rußland. Petersburg ist weltlich und zarisch der Kreml zarisch und geistlich Der Kreml birgt zwischen dem „Großen Johann" genannten Glockenturm und den drei oder vier Kathedralen einen Platz von einer Schönheit, daß der auf ihm Weilende im himmlischen Raum sich fühlen muh, ob er auch ziemlich eilig und begleitet über ihn dahinzugehen genötigt wird und rote Soldaten neben einem Park modernster Feldgeschütze ihn an den Ernst der politischen Sage auf der Welt und namentlich in Rußland erinnern. Und über grünen Dächern der Wehrtürme und Schlotz- bauten die vielen vergoldeten Kirchenkuppeln — das ist eins von den wenigen großen Bildern auf der Well, die schon deswegen unvergleichbar sind, weil es sie nur das eine Mal gibt!
Und nun die Stadtgeschichte — man kann sie fast ein Stück Naturgeschichte nennen.
Dor dem Kreml liegt der Rote Platz (schon in der Zaren- zeit der roten Kremlmauern wegen so genannt), auf ihm heute das vorläufig in Holz errichtete monumentale Grab Lenins. An der einbalfamierten Leiche des kleinen Mannes, die in Straßenanzug und Sportmütze wie Schneewittchen im Sarge von Glas liegt, kann man zur späten Abendstunde, nachdenllich und stumm, vorbeidefilieren.
Aber auf dem Platze gegen den Abhang zum Flusse hin steht die Wassily-Dlashenny-Kathedrale. Das vielleicht merkwürdigste Stück Architektur der Welt! Eine Gruppe von selbständigen, doch in ein Gebäude gefaßten turmartigen dunkeln Kathedrallapellen, um die mittelste höchste geschart, letztes, nicht mehr überbietbares Hinaustreiben der byzantinischen Kuppel- kirchenidee mit ihren finsteren Abräumen, kunstgeschichtliche Herkunft dem Eingeweihten zwar verratend, aber übernommene Bauelemente folgerichtig entwickelnd, als Bauwerk völlig selbständig, von Johann dem Schrecklichen bestellt und von russischen Baumeistern in einem echteste russische Form atmenden Rationa^ stil aufgeführt, türmig, kuppelig, baulich gediegen und malerisch bunt, paneliert, facettiert, geschuppt — unbeschreiblich! Kaum noch. Architektur, schon fast Vegetation!
Unter dem Schutze der Kremlmauern, an den Kreml auf der Lands eite angelehnt und doch felbst mit weihen Mauern befestigt, liegt der innerste Stadtteil, tatarisch KUai Gorod, die Feste Stadt geheißen. Auch Gorod, Stadt schlechthin. Basare, Börse, Handel und Verkehr, auch Kirchern
Run legt sich um Kreml und „Stadt" in Wellern Bogen Bjely Gorod, die weihe Stadt. Darin die össentlichen Gebäude, Museen, Theater, Klubs, Klöster, Gesandtschaften, Findelhäuser. Wohnviertel, hier und da in Gärten auch die ehemaligen Stadtquartiere des Adels. Llnd Kirchen, Kirchen.
Um die Weiße Stadt, das eigentliche Moskau, deren ehemaligen Mauerring wie in den meisten allen Städten heute der Zug der Boulevards bezeichnet, im Dogen mit noch größerem, sehr großem Radius Senrljanoi Gorod, die Erdstadt, die ihren Namen hat von einem Ring von Erdwällen, der heute k«m zweiten äußeren Boulevardring Platz gibt. Schon im 17. Jahrhundert vom ersten Romanowzaren wurde dieser Stadtrmg angelegt, denn Moskau war bereits Großstadt, als es deren noch wenige in Europa gab.
Und schon im 18. Jahrhundert, als das fritzische Berlin nicht mehr Fläche bedeckte als heute eine Kreisstadt, wurde em


