Ausgabe 
26.6.1926
 
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Blumen vor's Tor, und das Annerl vom Zimmermann Pletschacher hält in beiden Fäusten einen Riesenstrauß.

Aus dem Wagen steigt von des speckigen Doktors Hand gestützt eine schlanke Dame in hochgeschlossenem schwarzsamtenen Kleid. Auf dem kurzgeschorenen krausen Haar wippt das Kapotthütchen, die dunklen Augen gehen rasch zupackend, erfassend über die huldigende Menge schließen sich einen Augenblick, und auf dem bleichen Gesicht ist ein Lächeln Erfüllung! Freude, Hohn, Hochmut, Triumph. Adele Spitzeder genießt diesen großen Augenblick ihres Lebens. Wie sagte sie vor ein paar Jahren zu dem Hausknecht vom Hotel Munkert, als sie immer in der Klemme voll Schulden vom Theater in Zürich zurück ein Dachzimmerchen bewohnte:Es kommt noch der Tag, wo Adele Spitzeder eine Rolle in der Welt spielen wird!" Der hatte damals über diedrapfte alte Jungfer" gelacht. Da stand nun der dumme Stoffel. Sein Gesicht hatte sie aus vielen heraus gesehen und er riß wie die andern Aug und Nase auf und schrie Bivat!

Aber eines fesselt die Leute vor allem: Das große, große diamanten­besetzte goldene Kreuz auf ihrer Brust. Die Bauernweiber flüstern ehrfürchtig davon.Wie der Bifchof! Naa, der Papst kann kein größer's ham!A so fromm! Kaum zum glaab'n! Ä solchas Kreuz, Hanriederin. Schaug her: so groß!! Hoscht as g'secha!"

Das war Adele Spitzeder! Hinter ihr ensteigt dem Wagen mit hohem Lui de Paris und kostbarem Spitzenschal ein stupsnäsiges Frauenzimmer, das seine blanken Augen geschwind, frech und lustig über die Menge schickt. Hoheitsvoll schreitet Adele Spitzeder über die Blumen durchs Tor, hoheitsvoll, leutselig lächelnd winkte sie mit der Hand ihren Dank. Hinter ihr Diener und Dienerinnen, die durchs Spalier stolz wie Edeldamen und Ritter schritten, zum Haus gehörig und in den Taschen klimperten die Gulden, und neidvolle Augen folgen ihnen durchs Tor. Wer da mit diesem Haus des Reichtums sein dürfte! Die Glücklichen! Der speckige kleineDoktor" schließt die Flügel. Spät abends sitzt er in seiner Dachkammer und dichtet an einem Flugzettel, der morgen zu Tausenden ins Land flattern soll: Du Menschheitsengel, der du kamst, dem atmen Volke aufzuhelfen ...

Die Frau Hofrat hat sich von ihrer Mali noch nach dem Essen in der Küche allerhand erzählen lassen. Was man halt so sagt! Die Frau Hofrat ivar sonst durchaus nicht dafür, sich in der Kuchl mit den Dienstboten zu unterhalten. Heut aber sitzt sie doch auf dem Küchen- hockerl und hört beim Geschirrklappern gierig zu:Was man halt so sagt! Net wahr! Alle Leut geb'n ihr das Geld in dieDachauer Bank". Es is ja oans dös größte Rindviech, der wo sei' Gerschtl net hintut, Frau Hofrat! Acht Prozent im Monat! Und da gibts gar nix: A' so wohltätig is' de Madam Spitzeder bei meiner Bas'n ihran Deandl hat's oa G'vatterin g'macht und in Haidhausen und in der Au hoaßt jedes zwoate Madl Adele. 100 Gulden hat's meiner Bas'n als Göd'ngschenk geb'n! 100 Gulden! Was sag'n <5_ da, Frau Hofrat! Und grab a so g'scheppert hat as Geld, wia sie 's neitrag'n Ham! As Kreuz hätt'n S' halt sehng soll'n as Kreuz! Ganz auf und auf von Gold und Diamantna! Sie, ma' sagt, sie taat a ganz Kircha stift'n so fromm is! Oa sag'« freili anders aa, i mag's gar net sag'n, Frau Hofrat, d' Leut san ja bös: Dös Mensch, wo bei ihr is waar ihra Schatz naa so was dumm's!! Ham S' a' scho so was g'hört, daß oane a Frau'nzimmer als Schatz hat, Frau Hofrat. Und a Schauspielerin is aa amal g'wen z'Zürich hint' oder wo! Aber dös san Verlenmdungen! D'Leut'san'ganz narrisch. A' so o'g'feiert Ham sie 's schon beim Einzug, daß's ganz aus is! Und i sag's aa, Frau Hofrat: Sie is wirkli a Wohltäterin von der Menschheit. Denka S': Acht Prozent im Monat!"

Die Frau Hofrat nimmt die Schublade au? dem Geheimsekretür und zählt- bei abgeriegelter Tür die Banknoten und Gulden vor sich hin. Durch lange JahreSchmugeld", von der Haushaltung abgezwackt.

dicht Prozent! Sie will es doch heimlich vielleicht durch die Mali der Spitzederin geben. Heilige Mutter Anna! Wenn's in einem Jahr doppelt so viel wär!! Ihr Hofrat darf um Gotteswillen nichts davon wissen! Wo er doch erst gestern so auf die Schwindel­banken geschimpft und im Ministerium sogar eineWarnung" davor ausgearbeitet hat!

Aber was verstehen Mannsbilder von solchen Sachen......!

Nicht weit weg von Adele Spitzeders Haus und Bank ist das Gasthaus Zum Wilhelm Teil". Es gehört derPrivatiers und Realitäten­besitzerin" Spitzeder. Sie hat es gekauft, um ihren Bankkunden Unterkunft zu geben.

Auf dem blanken Messingschild des Hauses steht zwar: Sprech­stunden von 12 Uhr. Indes schon um 5 Uhr morgens ist die Schön« feldstraße belebt wie ein Marktplatz an Kirchweih.

Bor demWilhelm Teil" stehen ländliche Gauwägerl und Scheserl, und der Hansl hat alle Hände voll zu tun, die Gäule in dem kleinen Stall unterzubringen. Wer z'erscht kimint, mahlt z'erscht. Die andern soll'n ihr Fuhrwerk in der Stadt unterstell'n! Die Bauern in Leder­hosen und langen Rohrstiefeln hocken Ellenbogen an Ellenbogen auf den Wirtsbänken in der Stube und löffeln ihre Brennsuppe, zwischen den Knien den Sack mit Silbergulden und Dukaten, dicker Qualm liegt in dem Raum. In der Kuchl scheppert das Geschirr. Der Anger- Wastl von Kollbach hat schon die zweite Maß um 6 Uhr früh.Alles hau i' raus aus der Sparkass' z' Pfaffahofa, nix mehr bleibt drinna! Alles kimmt zur Spitzederin. Schaug her!" Mit beiden Händen lupft er den schweren Guldensack. ,,J' hob a'mal Vertraua zu ihr, und wenn ma' was voliarn, na macht? aa nix, mir han' scho' mehra volorn!"Recht hoscht, Wastl! A so is!"

Bäuerinnen nesteln aus ihren dicken Unterröcken Geldkatzen und Wertbriefscheine heraus und zählen nach.Wenn's mi' no grad heut

o'nimmt! I' kimm jetzt scho' as brittemal eina und nia bin i' zuawo kemma!"Hoscht as g'hört: Der Moar vo Unterdrück is auf der Gant! D' Sparkass' z'Freising Hot eahm d' Hypothek aufkünd't und an Beicht! z' Aufhausen aa und an Gori vo Peterskircha! Weil s' koa Geld mehr Ham, de Sparkass'na! Weils a jeder raustuat und da Spitzederin zuari bringt. Mir Ham dös insa aa raus!"

Immer mehr Leute drängen zur Stube herein. Handwerker, die ihr Erspartes bei sich tragen und stundenlang die Arbeitszeit ver­säumen, umdranzukommen", Marktweiber, Gemüsfrauen, Köchin­nen, Milchträgerinnen, Kopf an Kopf steht alles in der Stube. Draußen vor dem schweren, geschlossenen Tor des Spitzederhauses hocken die Einleger am Randstein, drängen sich in Klumpen gegen die Manern, ein altes Mutter! in dünner Mantüle hält ängstlich ihren Geldbeutel mit den 50 ersparten Gulden in beiden Händen, die Mali von Hofrats ist auch mittendrunter mit ihren 500 Gulden. Eine Gärtnersfrau von der Au hat das Geld im Schurz, Banknoten, Silber- und Goldstücke, wie man Erdäpfel oder Kohlrabi trägt Ein Bäckerbub den Korb mit Semmeln auf dem Kop, schreit mit seiner hellen kräftigen Bubenstimme:Spitzederiemmeln! Frische Spitzedersemmeln!" Aus dem Sack eines Bauern quiekt ein Schwe ndl, die Mo^erin von Erlbach hat im linken Arm einen Hafen voll Gulden, im rechten einen Hafen vo.> Schma zAl'es, alles gehört der Spitzederin.

Endlich schlägt'? von den Kirchtürmen 8 Uhr. Das Tor geht auf. Ein r'esenhafter Portier in blauer Uniform drängt die Einstürmenden mit Rippenstößen und Puffen zurück.G'scherte Rammi! Kinnts net warten, ös Bauernfünfa I No oama! druck a so du Herrgotts« dn, nachha hol >' aber an Ochsenzemzem ..."

Heut ist's aber auch zu arg! Wo sie nur herlamen, die Leut! Da kriecht einer verstaubt und verdreckt hinter einer Bank im Hausflur heraus triumphierend grinsend, daß er die Nacht über dort verbracht, um vorne dran zu sein, einer kommt aus dem Garten, taunaß, blau« gefroren, der Hausflur ist gekeilt voll Menschen, von der Straße her drückten sie nach. Mit aller Grobheit kann der Portier nicht mehr Herr werden. Da steht auf der Treppe mit einemmat sie selbst: Adele Spitzeder, das goldene Kreuz auf der Brust. Schneidend gellt ihre Stimme durch den Flur:Macht, daß ihr sortkommt mit euerm Geld!" Keiner wankt keiner weicht!Mir gehat'n scho', gnä Fräuln," ruft einer,wenn ma' nur unser Geld o'bracht hätt'n!" So steckt's euch in die Nasenlöcher, ihr dummen Mopsgesichter." Alle? lacht.

Ein Weib drängt sich aus der vorderen Reihe zur Treppe hinauf. Sie fällt vor Adele Spitzeder in die Knie, küßt ihr den Kleidersaum und bettelt, den Guldensack erhoben:Gnä' Fräul'n, nemma Sie's i kriag sunst Schläg' vo' mein Alt'n, wenn i's wieder hoambring!"

Andere strecken die Mllchkübel emvor:Gnä' Fräul'n, meine Obligationa nemmad's glei! Mir müass'n d'Milli austrag'n! I' Han a's Wagl ei'gstellt! Mei' Zug geht!!"

Hundert Hände strecken sich Adelen entgegen, wollen ihr Kleid fassen. Hoheitsvoll wendet sie ihnen den Rücken und schreitet die Treppe hinauf.

Der Portier und zwei Diener aus den Kassenräumen puffen die Rachdrängenden zurück. Klaaend hallt es nach:Wir braucha ja koane Wechsel riet mir könna ja d' Wechsel a andersmal hol'n!"

Allmählich kommen sie nacheinander zum Zug. Linker Hand ist das Zimmer für die Annahme der Kapitalien. Durch eine eichene Barriere ist der Raum so geteilt, daß gerade Mann hinter Mann defilieren kann. Ein Blaulivrierter hält Ordnung. Ueberall an den Wänden grüßt die Spitzederfche Devise: Tue recht und scheue niemand!

*

Rechter Hand vom Flur ist der Nuszahlraum, da staut sich dis Menge der Zinsheischenden, da sind auch ein paar Dumme, die ihr Glück mit Füßen treten, die ihr Kapital zurüüholen, ihren Wechsel präsentieren.'

Drei Zahlmeister sind mit den Leuten beschäftigt. Wer sein Geld hat, ichreibt Summe und Namen ins Quittungsbuch. Drei Kreuzl tuns ' auch, meint der Moosrainer. Drüben im Einzahlungraum schreibt der Schreiber die Einleger in ein Buch: Namen und Einlage. Ist zu viel Andrang, bleibt die Einlage weg. Man sieht'? ja so aus dem Wechsel, den der Kerl kriegt. Das ist die Buchführung von Adele Spitzeder.

(Schluß folgt.)

Friedrich der Regent.

Don Leopold von Ülanfe

(Schluß.)

Don den auswärtigen Angelegenheiten überließ er die, welche mehr rechtlicher Natur waren, den Ministern: die Leitung der anderen behielt er in eigener Hand.

So viel Argwohn legte er gegen fremde Verschwiegenheit an den Tag, daß es für den Llmgang mit ihm als eine Regel galt, sich zwar übrigens ohne Zwang zu bewegen, vertraulichen Mitteilungen aber lieber auszuweichen.

Auch er selbst aber war gegen alles auf der Hut, was sein« älmgebung ihm sagen mochte.

Wenn wir uns jedem Gespräch hingebeiy das irgend jemand mit uns anfängt, darauf hören, wovon man will, daß wir es