Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgangs Samstag, den 26. Juni Nummer
Unfaßbare Macht.
Von Alfred Bock*).
Unfaßbare Macht, Die du das Weltall beseelst. Die ich suche. Von inbrünstiger Sehnsucht erfüllt, Was verbirgst Du dich mir?
Es wandeln die Menschen Um mich her. Ach! daß unter ihnen Nur einer sich fände, Der da spräche: Ich verstehe dich ganz!
In güldenen Kammern Bewahr ich Geheimstes, Ein Herz zu beglücken, Aber keiner begehrt's. Ihr drängt euch heran. Sucht mich, meinen Namen, Ich bin euch der Brunnen, Daraus ihr schöpft, An meiner Seele Geht ihr vorüber.
Ob sie sich verzehre In Einsamkeiten, Euch kümmert es nicht. Unfaßbare Macht, Die du das Weltall durchglühst. Enthülle dich. Daß mir Erlösung werde Im Einhall mit dir, Denn ich bin deines Wesens, Das fühl ich tiefinnerft, Bin atomhaft du selbst. Unfaßbare Macht, Die du das Weltall beseelst. Sei Helferin mir. Daß ich der Liebe Teilhaftig werde. Die aus dem Urquell Alles Erschaffenen strömt!
Die Spitzederin.
Ein Lebensbild aus Großvaters Zeit von Julius Kreis.
In der Schönfeldstraße in München, ganz nahe am Englischen Garten, steht ein wohlhabiges altes Biirgerhaus. In der sonst so stillen Straße ist heute, am Samstag abend, am letzten Septembertag des Jahres 1871, alles auf den Beinen. Köchinnen stehen unter dem Haustor in kleinen Gruppen beisammen und haben es kreuznotwendig mit Erzählen. Handwerksleute, Kindermadeln, Bummler, Packträger, stehen vor dem Hause, und ein kleiner dicker Herr in speckigem Bratenrock und schiefsitzender Brille schreibt emsig allerhand in sein Rotiz- büchl. Der Stadtgendarm patrouilliert auf und ab, und wenn ein Metzgerwagl in scharfem Trab um die Ecke biegt, dann ruft er väterlich: „Aufg'schaugt!"
Hinter den Fenstervorhängen der Nachbarhäuser schaut die Frau Hofrat, die Frau Professor, die Frau Stabsoberapotheker, zu dem Haus Nr. 9 hinüber, reibt das Stangerlaugenglas blank und schaut und schaut — genau wie ihre Köchin — aber man kann sich doch nicht so unter die Türe stellen, net wahr! — Buben und Mädel haben die Köpfe im Genick und bewundern die Pracht, die da an der Hausfassade angemacht wird. Von Fenster zu Fenster schlingen sich Girlanden aus Tannenreisig — weißblaue Bänder hängen herab, Herbstblumen brennen vor den Fenstersimsen, und über dem Tor prangt eine Niesen- tafel, und auf hellblauem Grund mit goldenen Buchstaben steht:
Herzlich willkommen der edlen Wohltäterin!
Der Wagner-Seppl, der Packträger, gibt unter Leitern stehend die letzten Anweisungen. Droben turnen ein paar Männer herum. Arbeiter aus der Dachauer Lederfabrik in Giesing, die noch ein paar Fahndln festmachen: ihre Weiber unten haben die Schürzen noch voll von Gewinden und Blumen, die man nicht mehr brauchen kann.
*) Mit Genehmigung de« Verfassers aus den „Gesammelten Dichtungen".
Gegen Abend kommt ein Mensch in vornehmer Livree daher, die SUber knöpfe blitzen nur so von dem blauen Rock. Der Mann prüft die geschmückte Front, nickt beifällig und nimmt die Dekorateure, die Frauen, den Wagnerseppl, mit in die Wirtschaft „Zum Wilhelm Teil", und weil's gleich ist — die paar Hausknechte, die noch herumstehen, die Köchinnen, ein paar blaue schwere Reiter, der dicke schwere Herr mit dem Notizbüchl und der Brille — sie alle können auch mitkommen zu Bier und Braten und Leberknödln, laßt's Euch nur nix abgeh'n, Leut! Die Madam Spitzeder zahlt alles! Heit woll'n mir eine kleine Vorfeier halten für den Einzug morgen. Wirt, leg' noch ein Faß! auf! — Geht's nur rein, Leut, sagt der Blaulivrierte zu ein paar Gaffern, die sich zwischen den Föhren am Wirtshaustor neugierig drängen. Geht's nur rein ! Heut seid's a'mal frei! Weil die Madam Spitzeder einmal so is! Weil sie ein Herz für's Volk hat!
Es geht hoch auf im „Wilhelm Tel!", die Köchinnen wischen sich nach den Würstln das Maul und verschwinden. — Die Gnädige wartet schon. — Der dicke kleine speckige Herr — „Herr Doktor" sagen sie zu ihm — steht mit einemmal auf dem Stuhl — wankt ein bissel, derfangt sich aber wieder und hält eine Rede: „... Und so wollen wir also, liebe Mitbürger, in unauslöschbarer Dankbarkeit bem Engel in Menschengestalt, welcher morgen in dieser Gasse sein Domizilium aufschlagen lvird — ein dreifaches, kräftiges Vivat hoch Madam Spitzeder ausbringen. Sie lebe hoch — hoch — hoch!“
Die Krüge stoßen zilsammen. Musikanten sind schon da. — Sie sind wie Fliegen, wo sich was rührt, da haben sie's gleich raus. Der Blaulivrierte "schreit: „Si is' recht, Musikanten. Ausg'spielt! Laßt's euch Bier geb'n und was z'Essen. Die Madam Spitzeder zahlt's!"
Und aus Trompete, Horn und Klarinette schmettert und pfeift ein „Bayrischer" durch die niedere Wirtsstube, und der Wirt, der Hansl, die Kellnerin —sie reiben sich die Hände — die Trinkgeldsilberzwanziger fliegen heut nur so. Die Spitzederin zahlt's.
Mei' Mensch, muaß dö Geld hab'n! — Spät noch kommen ieder- hösige Dachauer Bauern herein. Sie haben ihr Gäuwagl eingestellt und jeder haut gleich einen Sack voll Silbergulden auf den Tisch. ,— Sie wollen morgen die ersten sein, die sich bei. der Spitzederin im neuen Haus einlegen. Damit sie nichts versäumen, übernachten sie. „Ein Zimmer, Wirt, für die Vattern! Die Madam Spitzeder zahlt's!" Die schweren Reiter rasseln davon, den Köchinnen nach, die jetzt im Dunkel der Nacht, im Englischen Garten noch den küchenheitzen Kopf ein wenig kühlen wollen. *
Die Mali von Hofrats sitzt mit ihrem Schorschl auf dem Bank! nicht weit vom Monopteros. Es ist schon herbstlich kühl, aber die beiden spüren — wohlgeborgen im dunklen Schoß der Nacht — nichts von Herbst und Küble. Zwischen Kuß und Kosen flüstern sie als praktische Menschen über die „Aussichten". Der Schorschl ist als „Zivui" Schank- kellner im „Elefanten" zu Rosenheim. Wenn er frei ist, könnte man das Wirtscbastl übernehmen. Er hat ein bißl was von seinen Leuten und die Mali hat auch 500 Gulden auf der Sparkass'! ,,... aber die kommen jetzt raus, die kriegt die Spitzederin! Die gibt im Monat 8 Prozent. Da hab i’ aufs Jahr icho weit mehr als das Doppelte! Schorichl, da waar ma' doch das größte Rindviech, wenn ma's Gerschtl auf der Sparkass' lassat." „Recht hast, Mali!", und in einer stürmischen Reiters Umarmung versinkt Geld und Welt und Prozent in Nacht und Seligkeit. *
Der erste Oktober — ein Sonntag — ist trüb. Es nebelte vom Englischen Garten her. Die Gassen liegen leer und verschlafen an diesem Vormittag. — Bon der Ludwigskirche her läutet das Amt aus. In der Schönfeldstraße aber drängen sich vor dem Haus Nr. 9 die Menschen. Heut schaut die Frau Professor und die Frau Hofrat schon ganz offen vor aller Welt heraus. Beim „Wilhelm Tel!" stehen sie auf Hockerln, um besser zu sehen. Arbeiter, Handwerker, Bauern, Weiber und Damen — sie warten — warten — auf sie. Auf Sie! — Im Herbstwind flattern die Bänder. — Buben stehen Spähe am Ludwiqsstraßeneck. — Einer prescht herauf: „Sie kemma, sie kemma!" Aber noch ist's nicht Sie. Eine Kutsche rollt heran. Zwei Bediente und der Packträger, der Wagnerseppl, heben schwere eiserne Kisten heraus und schleppen sie durchs Tor. Alle Hälse recken sich, durch bte Köpfe geht ein Wallen: „Ah! Dös Geld! — As Geld!" Drinnen im Haus klappert und klingt es silbern. Die Bedienten scheppern mit den Silbergulden herum.
Roch sind Aug und Öhr den entschwundenen Geldkrsten zugewandt — ba--Bubengeschrei! Pferdehufe klappern. Vierspännig fährt
der Wagen vor. Die Hüte fliegen von den Köpfen. Die Musik fallt schmetternd in einen Marsch. Hoch, hoch! Vivat hoch, Spitzederin l
Der kleine, dicke, speckige Herr, der Doktor, schreit, daß ihm bte Halsabern schwellen. Die Mütter heben ihre Kinber hoch — Bilden sitzen ihren Vätern auf der Schulter. Mäderl im weißen Kleid streuen


