Ausgabe 
26.1.1926
 
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traf, erst weitläufig beschreiben. Es fand sich, daß das Mädchen niemals daran gedacht, das; die Bücher, welche sie lese, vorher gedichtet werden müßten. Der Begriff eines Schriftstellers, eines Dichters war ihr gänzlich fremd, und ich glaube wahrhaftig, bei näherer Nachfrage wäre der fromme, kindliche Glaube ans Licht gekominen, daß der liebe Gott die Bücher wachsen ließe, wie die Pilze.

Ganz kleinlaut frage ich nochmals nach deni Preise des Nelkenstocks. Anterdessen mußte eine ganz andere dunkle Idee von dem Verfertigen der Bücher dem Mädchen aufgestiegen sein: denn, als ich das Geld aufzählte, fragte sie ganz naiv und un­befangen: ob ich denn alle Bücher beim Herrn Kralowski mache? pfeilschnell schoß ich mit meinem Nelken stock von dannen.

Ich Vetter, Detter, das nenne ich gestrafte Autoreitelkeit; doch während du mir deine tragische Geschichte erzähltest, ver­wandte ich kein Auge von meiner Lieblingin. Bei den Blumen allein ließ der übermütige Küchendämon ihre volle Freiheit. Die grämliche Küchengouvernante hatte den schweren Marktkorb an die Erde gesetzt und überließ sich indem sie die feisten Arme bald übereinanderschlug, bald, wie es der äußere rhetorische Ausdruck der Rede zu erfordern schien, in die Seiten stemmte, mit drei Kolleginnen der unbeschreiblichen Freude des Gesprächs, und ihre Rede war, der Bibel entgegen, gewiß viel mehr, als 3'ct, Ja und Nein, Nein. Sieh nur, welch einen herrlichen, herrlichen Blmnenflor sich der holde Engel ausgewählt hat and von einem rüstigen Burschen Nachträgen läßt? Wie? Nein, das will mir nicht ganz gefallen, daß sie im Wandeln Kirschen aus dem kleinen Körbchen nascht: wie wird das feine Datisttuch, das wahrschein­lich darin befindlich, sich mit dem Obst befreunden?

Der Vetter. Der jugendliche Appetit des Augenblicks fragt nicht nach den Kirschflecken, für die es Kleesalz und andere probate Hausrnittel gibt. And das ist eben die wahrhaft kindliche Anbefangenheit, daß die Kleine nun von den Drangsalen des bösen Markts sich in wiedererlangter Freiheit ganz gehen läßt.. Doch schon lange ist mir jener Mann ausgefallen und ein un­auflösbares Rätsel geblieben, der eben jetzt dort an der zweiten entfernten Pumpe an dem Wagen steht, auf dem ein Bauernwrib arrs einem großen Faß um ein billiges Pflaumenmus verspendet. Fürs erste, lieber Vetter, bewundere die Agilität des Weibes, das, mit einen: langen hölzernen Löffel bewaffnet, erst die großen Verkäufe zu viertel, halben und ganzen Pfunden beseitigt, und dann den gierigen Näschern, die ihre Papierchen, mitunter auch wohl ihre Pelzmütze Hinhalten, mit Blitzesschnelle das gewünschte Dreieorkleckschen zuwirft, das sie sogleich als stattlichen Morgen- iinbih wohlgefällig verzehren Kaviar des Volks! Bei dem geschickten Verteilen des Pflaumenmuses mittels des geschwenkten Löffels fällt mir ein, daß ich einmal in meiner Kindheit hörte, es sei auf einer reichen Bauernhochzeit so splendid hergegangen, daß der delikate, mit einer dicken Kruste von Zimt, Zucker und Nelken überhäutete Reisbrei mittels eines Dreschflegels verteilt worden. Jeder der werten Gäste durste nur ganz gemütlich das Maul aufsperren, um die gehörige Portion zu bekommen, und es ging auf diese Weise recht zu wie im Schlaraffenland. Doch, Vetter, hast du den Mann ins Auge gefaßt?

Ich. Allerdings! Wes Geisteskind ist die tolle, aben­teuerliche Figur? Gin wenigstens sechs Fuß hoher, winddürrer Mann, der noch dazu kerzengerade mit eingebogenem Rücken öa- steht! Anter dem kleinen dreieckigen, zusammengequetschten Hüt­chen starrt hinten die Kokarde eines Haarbeutels hervor, der sich dann in voller Breite dem Rücken sanft anschmiegt. Der graue, nach längst verjährter Sitte zugeschnittene Rock schließt sich, vorn von oben bis unten zugeknöpft, enge an den Leib an, ohne eilte einzige Falte zu Wersen, und schon erst, als er an den Wagen schritt, konnte ich bemerken, daß er schwarze Beinkleider, schwarze Strümpfe und mächtige zinnerne Schnallen in den Schuhen trägt. Was mag er nur in dem viereckigen Kasten haben, den er so sorglich unter dem linken Arm trägt, und der beinahe dem Kasten eines Tabulettkrämers gleicht?

Der Vetter. Das wirst du gleich erfahren, schau nur aufmerksam hin.

Ich. Er schlägt den Deckel des Kastens zurück die Sonne scheint hinein strahlende Reflexe der Kasten ist mit Blech gefuttert er macht der Pflaumenmusfrau, indem er das Hüt­chen vom Kopfe zieht, eine beinahe ehrfurchtsvolle Verbeugung. Was für ein originelles, ausdrucksvolles Gesicht feinge­schlossene Lippen eine Habichtsnase große, schwarze Augen hochstehende, starke Augenbrauen eine hohe Stirn schwar­zes Haar das Toupet en coeur frisiert, mit kleinen steifen Löckchen über den Ohren. Er reicht den Kasten der Bauern­frau auf den Wagen, die ihn ohne weiteres mit Plaumenmus füllt und, ihm freundlich nickend, wieder zurückreicht. Mit einer zweiten Verbeugung entfernt sich der Mann er windet sich hinan an die Heringstonne er zieht ein Schubfach des Kastens hervor, legt einige erhandelte Salzmänner hinein und schiebt das Fach wieder zu ein dritte Schubfach ist, wie ich sehe, zu Petersilie und anderem Wurzelwerk bestimmt. Nun durch­schneidet er mit langen, gravitätischen Schritten den Markt in

verschiedenen Richtungen, bis ihn der reiche, auf einem Tisch ausgebreitete Vorrat von gerupftem Geflügel festhält. So wie überall, macht er auch hier, ehe er zu feilschen beginnt, einiget tiefe Verbeugungen er spricht viel und lange mit der Frau, die ihn mit besonders freundlicher Miene anhört er setzt den Kasten behuffam auf den Boden nieder und ergreift zwei Enten, die er ganz bequckn in die weite Rocktasche schiebt. Himmel! eS folgt noch eine Gans den Puter schaut er bloß an mit liebäugelnden Blicken er kann doch nicht unterlasse^ ihn liebkosend mit dem Zeuge- und Mittelfinger liebkosend zu be­rühren: schnell hebt er seinen Kasten auf, verbeugt sich gegen das Weib ungemein verbindlich und schreitet, sich mit Gewalt los- reißend von dem verführerischen Gegenstände seiner Begierde, von dannen er steuert geradezu los auf die Fleischerbuden ist der Mensch ein Koch, der für ein Gastmahl zu sorgen hat? et erhandelt eine Kalbskeule, die er noch in eine seiner Riesen­taschen gleiten läßt. Ntm ist er fertig mit seinem Einkauf: et geht die Charlottenstraße herauf, mit solchem ganz seltsamen Aw­stand und Wesen, daß er aus irgendeinem fremden Lande hinab» geschneit zu sein scheint.

Der Detter. Genug habe ich mir schon über diese exotische Figur den Kopf zerbrochen. Was denkst du, Vetter, zu meiner Hypothese? Dieser Mensch ist ein alter Zeichsnmeister, der in mittelmäßigen Schulanstalten fein Wesen getrieben hat und viel­leicht noch treibt. Durch allerlei industriöse Unternehmungen hat er viel Geld erworben: es ist geizig, mißtrauisch, Zyniker bis zum Ekelhaften, Hagestolz, nur einem Gotte opfert er dem Bauche:- seine ganze Lust ist, gut zu essen, versteht sich allein auf seinem Zimmer: es ist durchaus ohne alle Bedienung, er besorgt alles selbst an Markttagen Holt er, wie du gesehen hast, seine Lebensbedürfnisse für die halbe Woche, und bereitet in einer kleinen Küche, die dicht bei seinem armseligen Stübchen belegen, selbst seine Speisen, die er dann, da der Koch es stets dem Gaumen des Herrn zu Dank macht, mit gierigem, ja viel­leicht tierischem Appetit verzehrt. Wie geschickt und zweckmäßig er einen alten Malkasten zum Marktkorbe aptiert hat, auch das hast du bemerkt, lieber Vetter.

I ch. Weg von dem widrigen Menschen.

Der Vetter. Warum widrig? Es muh auch solche Käuze geben, sagt ein welterfahrener Mann, und er hat recht, denn die Varietät kann nie bunt genug sein. Doch mißfällt dir der Mann so sehr, lieber Vetter, so kann ich dir darüber, was er ist, tut und treibt, noch eine andere Hypothese aufstellen. Vier Fran­zosen. und zwar sämtlich Pariser, ein Sprachmeister, ein Fecht­meister, ein Tanzmeister und ein Pastetenbäcker, kamen in ihren Jugendjahren gleichzeitig nach Berlin und fanden, wie es damals (gegen bas Ende des vorigen Jahrhunderts) gar nicht fehlen konnte, ihr reichliches Brot. Seit dem Augenblick, als die Dili­gence sie auf der Reise bereinigte, schlossen sie den engsten Fveund- schaftsbunb, blieben ein Herz und eine Seele und verlebten jeden Abend nach vollbrachter Arbeit zusammen als echte alte Fran­zosen in lebhafter Konversation Bei frugalem Abendessen. Des Tanzmeisters Beine waren stumpf geworden, des Fechtmeisters Arme durch bas Alter entnervt, dem Sprachmeister Rivale, die sich der neuesten Pariser Mrmdart rühmten, über den Kopf ge­stiegen, und die schlauen Erfindungen des Pastetenbäckers über­boten jüngere Gaumenkitzler, von den eigensinnigsten Gastronomen in Paris ausgebildet.

Aber jeder des treu verbundenen Quatnors hatte indessen sein Schäfchen ins trockne gebracht. Sie zogen zusammen in eine geräumige, ganz artige, jedoch entlegene Wohnung, gaben ihre Geschäfte auf und lebten zusammen, altfranzösischer Sitte getreu, ganz lustig und sorgenfrei, da sie selbst den Bekümmernissen und Lasten der unglücklichen Zeit geschickt zu entgehen wußten. Jeder hat ein besonderes Geschäft, wodurch der Nutzen und das Ver­gnügen der Sozietät befördert wird. Der Tanzmeister und der Fechtmeister besuchten ihre alten Scholaren, ausgediente Offi­ziere von höherem Rang, Kammerherren, Hofinarschäle usw.; denn sie hatten die vornehmste Praxis und sammeln die Neuigkeiten des Tages zum Stoff für ihre Anterhaltung, der nie ausgehen darf. Der Sprachmeister durchwühlt die Läden der Antiquare, um immer mehr französische Werke auszumitteln, deren Sprache die Akademie gebilligt hat. Der Pastetenbäcker sorgt für die Küche; er kauft ebensogut selbst ein, als er die Speisen ebenfalls selbst bereitet, worin ihm ein alter französischer Hausknecht bei­steht. Außer diesem besorgt jetzt, da eine alte, zahnlose Fran­zösin, die sich von der französischen Gouvernante bis zur Auf- waschmagd heruntergedient hatte, gestorben, ein pausbäckiger Junge, den die vier von den Orphelins fran<;ais zu fich genommen, die Bedienung. Dort geht der kleine Himmelblaue, an einem Arm einen Korb mit Mundsemmeln, an dem andern einen, in dem der Salat hoch auf getürmt ist. So habe ich den widrige r zynischen, deutschen Zeichenmeister augenblicklich zum gemütlichen, französischen Pastetenbäcker umgeschaffen, und ich glaube, daß fein Außeres, sein ganzes Wesen recht gut dazu paßt.

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: Dr. Fcicdr. WUh. Lange. Druck und Verlag der Drühi'fchen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-