Ausgabe 
26.1.1926
 
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Des Vetters Eckfenster.

- Don E. T. 21. Hoff m o n n.

(Fvrtfcgung.)

Der Detter. Meinst du, Vetter? Ich für mein Dell glaube das Gegenteil. Was kann der Selbsteinkauf für ander« Awecke haben, als sich von der Güte der Ware und von den wirklich«» Marktpreisen zu überzeugen? Die Eigenschaften, das Anfehn, die Kennzeichen eines guten Gemüses, eines guten Fleisches usw. lernt die angehende Hausfrau sehr leicht auf andere Weise erkennen, und das kleine Ersparnis der fogenanntew Schwenzelpfemnige, das nicht einmal stattfindet, da die begleitende Köchin mit den Verkäufern sich unbedenklich insgeheim versteht, wiegt den Vachteil nicht auf, den der Besuch des Marktes sehr leicht herbei führen kann. Niemals würde ich, um de n Preis von etlichen Pfennigen, meine Tochter der Gefahr ausfetzen, eiliges drängt in den Kreis des niedrigsten Volks, eine Zote zu hören, oder irgendeine lose '.Reite eines brutalen Weibes oder Kerls einschlucken zu müssen. -And dann, was gewisse Spekulationen! liebeseufzender Jünglinge in blauen Nöcken zu Pferde oder in gelben Flauschen mit schwarzen Kragen zu Fuß betrifft, so ist der Markt Doch sieh, sieh Vettert rote gefällt dir das Mädchen, das soeben dort an der Pumpe, von der ältlichen Köchin begleitet, daheriommt? Nimm mein Glas, nimm mein Glas. Vetter!

I ch. Ha. was für ein Geschöpf, die Anmut, die Liebens­würdigkeit selbst, aber sie schlägt die Augen verschämt nieder, - - jeder ihrer Schritte ist furchtsam, wankend, schüchtern hält sie sich au ihre Begleiterin, die ihr mit forziertem Angriff den Weg ins Gedränge bahnt, ich verfolge sie, da steht die Köchin still vor den Gemüsekörben, sie feilscht, sie zieht die Kleine heran, die mit halbwegge.ro andtem Gesichte ganz ge­schwinde, geschwinde Geld aus dem Beutelchen nimmt und es hinreicht, froh, nun wieder loszukommen, ich kann sie nicht verlieren, dank sei es dem roten Schal, sie scheinen etwas vergeblich zu suchen, endlich, endlich; dort weilen sie bei einer Frau, die in zierlichen Körben feines Gemüse feilbietet, der holden Kleinen ganze Aufmerksamkeit fesselt ein Korb mit dem schönsten Blumenkohl, das Mädchen selbst wählt einen Kopf und legt ihn der Köchin in den Korb, wie, die Unser» schämte! ohne weiteres nimmt sie den Kopf aus dem Korbs heraus, legt ihn in den Korb der Verkäuferin zurück und wählt einen andern, indem ihr heftiges Schütteln mit dem gewichtigen! kantenh-aübengefchmückten Haupte noch dazu bemerken läßt, daß sie die arme Kleine, welche zum ersten Wale selbständig sein wollte, mit Vorwürfen überhäuft.

Der Vetter. Wie denkst du dir die Gefühle dieses Mäd­chens, der man eine Häuslichkeit aufdringen will, welche ihrem zarten Sinn gänzlich widerstrebt? Ich kenne die holde Kleine; es ist die Tochter eines Geheimen Oberfinanzrats, ein natürliches, von jeder Ziererei entferntes 'Wesen, von echtem weiblichen Sinn beseelt und mit jenem richtig treffenden Verstände und feinem Takt begabt, der Weibern dieser 2lrt stets eigen. Hoho, Detter! das nenn' ich glückliches Zusammentreffen. Hier um die Ecke kommt das Gegenstück zu jenem Bilde. Wie gefällt dir das Mädchen, Detter?

Ich. Ei, welch eine niedliche, schlanke Gestalt jung leichtfüßig mit keckem, unbefangenem Blick in die Well hinein- schauend am Himmel stets Sonnenglanz in den Lüften stets lustige Musik wie dreist, wie sorglos sie dem dicken! Hausen entgegenhüpft, --- die Servante, die ihr mit dem Markt­korbe folgt, scheint eben nicht älter als sie und zwischen beiden eine gewisse Kordialität zu herrschen die Mamsell hat gar hübsche Sachen an, der Schal ist modern der Hut passend- zur Morgentracht, sowie das Kleid von geschmackvollem Muster alles hübsch und anständig o weh! was erblicke ich, die Mam­sell trägt weißseidne Schuhs. Ausrangierte Dallchaussure auf dem Markt. Aeberhaupt, je länger ich das Mädchen beobachte, desto mehr fällt mir eine gewisse Eigentümlichkeit auf, die ich mit Worten nicht ausdrücken kann. Es ist wahr, sie macht mit sorglicher Emsigkeit ihre Einkäufe, wählt und wählt, feilscht und feilscht, spricht, gestikuliert, alles mit einem lebendigen! Wesen, das beinahe bis zur Spannung geht; mir ist aber, als wolle sie noch etwas anderes als eben Hausbedürfnisse einkaufen.

Der Detter. Bravo, bravo, Detter! Dein Blick schärft sich, wie ich meiste. Sieh nur, mein Liebster, trotz der nwdernsten Kleidung hätten dir, ..... die Leichtfüßigkeit des ganzen Wesens

abgerechnet, schon die weißseidnen Schuhe auf dem Markt ver­raten müssen, daß die kleine Mamsell Bern Ballett, oder über­haupt dem Theater angehört. Was sie sonst noch will, dürfte sich vielleicht bald entwickeln ha, getroffen! Schau doch, lieber Detter, ein wenig rechts die Straße hinauf, und sage mir, wen du auf dem Bürgersteig, vor dem Hotel, wo es ziemlich einsam ist, erblickst?

I ch. Ich erblicke einen großen, schlankgewachsenen Jüngling, im gelben, kurzgeschnittenen Flausch mit schwarzem Kragen und Stahlknöpfen. Er trägt ein kleines, rotes, silbergesticktes Mützchen, unter dem schöne schwarze Locken, beinahe zu üppig hervorquillen. Den Ausdruck des blassen, männlich schöngesormten Gesichts er­höht nicht wenig das kleine, schwarze Siutzbärtch-en auf der Ober­lippe. Er hat eine Mappe unter dem Arm, unbedenllich ein

Student, der im Begriff stand, ein Kollegium zu besuchen; aber bist eingewurzelt steht er La, den Blick unverwandt nach dem Markt gerichtet, und scheint Kollegium und alles um sich her­zu vergessen.

Der Detter, od ist es, lieber Detter. Sein ganzer Sinn ist auf unsre kleine Komödiantin gerichtet. Der Zeitpunkt ist ge­kommen; er naht sich der großen Obstbude, in der die schönste 'Ware appetitlich aufgetürmt ist, und scheint nach Früchten zu fragen, die eben nicht zur Hand sind. Es ist ganz unmöglich, daß ein guter Mittags risch ohne Dessert von Obst bestehen kann; unsre kleine Komödiantin muh daher ihre Einkäufe für den Lisch des Hauses an der Obstbude beschließen. Ein runder, rotbäckiger Apfel entschlüpft schalkhaft den kleinen Fingern der Gelbe bückt sich danach, hebt ihn auf ein leichter, anmutiger Knicks 6er kleinen Theaterfee das Gespräch ist im Gange wechfr!- - fettiger Rat und Beistand bei einer sattsam schwierigen Apfel' sinenwähl vollendet die gewiß bereits früher angeknüpfte B.- kanntschaft, indem sich zugleich das anmutige Rendezvous gestaltet, welches gewiß auf mannigfache Weise wiederholt und variiert wird.

I ch. Mag der Musensohn liebeln und Apfelsinen wählen, so viel er will; mich interessiert das nicht, und zwar um so weniger, da mir dort an der Ecke der Hauptfronte des Theaters, wo die Dlumenverkäuferinnen ihre Ware feilbieten, das Engeis- bild, die allerliebste Geheimratstochter, von neuem aufgestoßen ist.

Der Del te r. Aach den Blumen dort schau' ich nicht gerne hiik, lieber Detter; es hat. damit eine eigene Bewandtnis. Die Verkäuferin, welche der Regel nach den schönsten Blumenflor ausgesuchter Velten, Rosen und anderer seltener Gewächse hält, ist ein ganz hübsches, artiges Mädchen, strebend nach höherer Kultur des Geistes; denn, sowie sie der Handel nicht beschäftig!, liest sie emsig in Büchern, deren Uniform zeigt, daß sie zur großen Kralowfkifchen ästhetischen Hauptarmse gehören, welche bis in die entferntesten Winkel der Residenz siegend des Licht der Geistesbildung verbreitet. Ein lesendes Blumenmädchen ist für einen belletristischen Schriftsteller ein unwiderstehlicher Anblick. So kam -es, daß, als vor langer Zeit mich der Weg bei den Blumen vorbei führte. auch an andern Tagen stehen die Blumen zum Berkaus, ich das lesende Blumenmädchen gewahrend, überrascht stehen blieb. Sie saß, wie in einer dichten Laube von blühenden Geranien, und hatte das Buch aufgeschlagen auf dem Schoße, den Kopf in die Hand gestützt. Der Held mußte gerade in augenscheinlicher Gefahr, ober sonst ein wichtiger Moment der Handlung ei-ngetreten sein; denn höher glühten des Mädchens Wangen, ihre Lippen bebten, sie schien ihrer .Umgebung ganz entriieft. Detter, ich will dir die seltsame Schwäche eines Schriit- stellers ganz ohne Rücksicht gestehen. Ich war wie festgebannt an die Stelle ich trippelte hin und her; was mag das Mädchen lesen? Dieser Gedatcke beschäftigte meine ganze Seele. Der Geist der Schriftstellereitelkeit regte sich und kitzelte mich mit der Ahnung, daß es eins meiner eigenen Werte sei, was eben jetzt das Mädchen in die phantastische Welt meiner Träumereien ver­setzte. Endlich faßte ich. ein Herz, trat hinan und fragte nach dem Preise eines Relkenstocks, der in einer entfernten Reihe stand. Während daß das Mädchen den Relkenstock herbeiholte, nahm ich mit den- Worten:Was lesen Sie denn da, mein schönes Kind?" das ausgeklappte Buch zur Hand. Oh! all ihr Himmel, es war wirklich ein Werklein von mir, und zwar ***. Das Mädchen brachte die Blunren herbei und gab mir zugleich den mäßigen Preis an. Was Blumen, was Aelkenstock! das Mädchen war mir in diesem Augenblick ein viel schätzenswerteres Publikum, als die ganze elegante Welt der Residenz. Aufgeregt, ganz ent- flammt von- den süßesten Autorgefühlen, fragte ich mit anscheinen­der Gleichgültigkeit, wie denn dem Mädchen das Buch gefalle. I, mein lieber Herr," erwiderte das Mädchen,das ist ein gar schnackisches Buch, Anfangs wird einem ein wenig wirrig im Kopse; aber dann ist es so, als wenn man mitten darin säße." Zu meinem nicht geringen Erstaunen erzählte mir das Mädchen bett Inhalt des kleinen Märchens ganz klar und deutlich, so daß ich Wohl einsatz, tote sie es schon mehrmals gelesen haben mutzte: sie wiederholte, es sei ein gar schnackisches Buch, sie habe bald herzlich lachen muffen, bald sei ihr ganz weinerlich zumute ge­worden; sie gab mir den Rat, falls ich das Buch noch nicht ge­lesen haben sollte, es mir nachmittags von Herrn KralowM zu holen, denn sie wechselte eben nachmittags Bücher. Run sollte der große Schlag geschehen. Mit niedergeschlagenen Augen, mit einer Stimme, die an Süßigkeit dem Honig von Hhbla za vergleichen, mit dem seligen Lächeln des wonneerfüllten Autors, lispelte ich:Hier, mein süßer Engel, hier steht der Autor des Buches, welches Sie mit solchem Vergnügen erfüllt hat, vor Ihnen ein leibhaftiger Person." Das Mädchen starrte mich sprach­los an, mit großen Augen und offenem Munde. Das galt mir für den Ausdruck der höchsten Verwunderung, ja eines freudigen Schrecks, daß das sublime Genie, dessen schaffende Kraft solch ein Werk erzeugt, so plötzlich bei den Geranien erschienen. Viel­leicht, dachte ich, als des Mädchens Miene unverändert blieb, vielleicht glaubt sie an den glücklichen Zufall, der den berühmten Verfasser des in ihre Nähe bringt. Ich suche nun ihr aus alle mögliche Weise meine Identität mit jenem Verfasser darzutun, aber -es war, als sei sie versteinert, und nichts entschlüvfte ihren Lippen, als:Hm so 3 das wäre wieDoch was soll ich dir die tiefe Schmacht welche mich in diesem Augenblick