Praxedis war selbst voll Glück und Jubel und sie rannte zur Türe: „Johanna, Johanna, komm schnell! Der Herr hat einen Hasen geschossen!"
Sofort schlossen Jodokus und Praxedis eine feierliche Versöhnung,
Sie ging schnell von statten, weil Praxedis um Verzeihung bat und Jodokus von jeher großmütig und zum Verzeihen ge- ncigt war.
Aber nach einer seligen Sttlnde der Versöhnung wurde Praxedis vlötzlich sehr unruhig, denn es fiel ihr wieder ein, was diesen Nachmittag geschah, und daß sie in eine böse Geschichte geraten war, daß sie vor Gericht gezogen und vielleicht sogar eingesperrt werden könnte. Sie geriet in große Angst, was Jodokus dazu sagen werde..
Als sie endlich scheu und zaghaft alles erzählte, hörte es Jodokus mit großer Aufmerksamkeit an und wurde selbst auch unruhig, aber er schalt Praxedis nicht. „Weißt du bestimmt, daß er alt war?" sagte er.
Praxedis war glücklich, daß ihr Jodokus keine Vorwürfe machte. „Ein Argroßvater war es, Jodokus, ein Urgroßvater! Man darf nur die Ohren einreißen, dann sieht man es bestimmt. Wenn er alt ist, kann man sie nicht einreißen. And ich sage dir Jodokus, es ging einfach nicht. Gin ganzes Büschel Haare habe ich ihm ausgerissen, aber cs ging nicht!"
Darauf ging Jodokus eilig zur Küche und Praxedis folgte ihm ahnungsvoll.
Sie hielt die Küchenlampe, während er die Löffel untersuchte.
„Herrgott," sagte er bestürzt, „er ist's!... Der Argrohvater!"
Eine Vssuv-Besteigung im Iahxs 1838.
Aach einem alten Tagebuch") herausgegeben von Dr. & Walbrach.
Den 6. Juli hat der Vesuv den ganzen Tag sehr stark geraucht und es liefen die Gerüchte ein, daß die Brunnen in Nesi na anfingen, kleiner zu werden, was als Vorbote einer Eruption angesehen wird.
Den 7. nachm. um 4 Ahr traten wir endlich die erste Leise nach dem Vesuv an, nach der ich lange geschmachtet hatte. Wir hatten ein schönes Schauspiel zu erwarten, da der Berg stärker als gewöhnlich rauchte, und da die Lauchgestalt einer ungeheuren Pinie ähnlich über dem Krater schwebte, welche bedeutend höher war als der ganze Berg. Die Wolken über dem Berge wechselten immer und nähmen immer neue interessante Gestalten an. Wir erreichten Desina gegen 5 Ahr und setzten uns bald gegen den Eremiten zu in Bewegung. Zuerst ritten wir durch schöne Weingärten, hochstämmige Granaten, Aprikosen und Maulbeeren standen am Wege; wir kamen über alte Laven, die vor Menschen- gedenken geflossen sind. Dann gelangten wir zu großen Massen geschichteten Tuffs und Bimsteins, die aus dem Jahre 79 zu sein scheinen. Aach etwas mehr als einer Stunde kamen wir zum Hane des Eremiten, genannt il Salvadore; es ist halb Kirche, halb Wirtshaus, und der alte Braunrock freute sich, daß wir seinen Geldbeutel schwellen machen würden. Er ist ein listiger Fuchs Herobes und dafür überall bekannt, und fein Gesicht beurkundet dies deutlich. Der Eremit rückte einige Flaschen Lacri- mae Christi, etwas Brot und Käse heraus, und dann steuerten wir mit unseren Trägern und einem Soldaten, der sich uns der Sicherheit wegen aufgedrungen hatte, dem Kegel des Vesuvs zu: bald kommt man in eine andere Welt, in eine andere Aatur, wie sie mir seither fremd war. Der Pflanzenwuchs tritt stark zurück, und nur bemerkt man in den großen Lavaströmen, welche sich von dem schroffen Kegel aus in verschiedenen Richtungen erstrecken, einzelne Genisten, welche aus dem rauhen, trodenere Boden hervorwachsen. Links haben wir das halbringförmige Gebirge des Somma, das mit steilen mrd scharf gezeichneten Felswänden begrenzt ist. Zwischen diesem und dem Kegel: das atiio del cavailo, ein enges Tal, welches mit Lavaftrömen ausgefüllt ist, und seiner Form nach einem Gletscher gleicht, welcher zwischen zwei Felsreihen geklemmt ist. Man passiert über die Lavaströme von den Jähren 1779 und 1811, zuletzt kommt man an den großen Strom des vergangenen Jahres. Der Weg vom Eremiten bis zum Kegel ist nicht steil und wenig beschwerlich. Die Aussicht fing an, vortrefflich zu werden, und rot sank die Sonne hinter dem Horizont. Aun kamen wir in die Aschen- Region und 3/4 Stunden lang hatten wir uns mit Mühe und einiger Anstrengung an dem Afchen-Kegel empor zu arbeiten. Man sinkt über die Schuhe in die Asche, und auf den Laven, welche man zerstreut umherli^en findet, hat man feinen festen Tritt, weil diese unter den Füßen wegrutschen. Gegen das Ende der Dämmerung gelangten wir endlich zum Krater; der Mond schwebte freundlich am Himmel.
*) Das Tagebuch stammt aus dem Nachlaß eines Verwandten, des späteren Direktors der Frankfurt-Hanauer Eisenbahn Wilhelm Zobel, der 1834 bis 1836 nach Abschluß seiner Studien eine Reise durch Italien und Sizilien unternahm. Außer der hier geschilderten Besteigung besuchte er den Gipfel des Vesuvs noch dreimal, am 14., am 29./30. Juli und am 20. August 1835, wobei er auch Temperatur- und sonstige Messungen vornahm.
Wir setzten uns einige Augenblicke auf die Lava, um auü* zuruhen, dann gingen wir wenigstens 400 Schritte weiter an der breiten Kraterwand, bis zu einem Punkte, wo wir das ganze Innere des Vulkans vollkommen übersehen konnten. An mehreren Stellen, an denen wir uns setzen wollten, war es so Heiß, daß wir fürchteten, unsere Kleidungsstücke zu verbrennen. Zuletzt fanden wir einen Ort, der eine angenehme Temperatur hatte, an dem man weder fror noch verbrannte. Wir lagerten uns auf der inneren Seite der nordwestlichen Kraterwand, von dem Mittelpunkte des Hauptkraters, und von dem Sitze der ganzen vulkanischen Tätigkeit etwa 100 Schritte weit entfernt.
Obgleich der Vulkan nicht in Eruption begriffen war, so war doch das Schauspiel, welches wir vor uns hatten, eins der großartigsten und prächtigsten, das ich jemals gesehen habe. Aus der untersten Stelle des Kraters kam aus unerforschten Siefen die ungeheure Rauchsäule hervor, welche in Neapel täglich ein Gegenstand unserer Bewunderung war. Die Oeffnung im Berge, durch welche sie strömte, kann etwa so groß sein, daß ein mäßiges Haus darin Platz hätte, gegen 60 Fuß lang und 40 Fuß breit. Doch beruhen diese Zahlen auf keinen Messungen, welche wir nicht machen konnten, da man sich wegen der Dämpfe nicht von allen Seiten gleich gut nähern kann. Die Dimensionen täuschen durch die Größe und Eigentümlichkeit der ganzen Ihn» gebung sehr. Der Ranch stieg einige tausend Fuß hoch mit ungeheurer Schnelligkeit aus der Oeffnung hervor, von einem Geräusche begleitet, welches an das ferne Brausen des Meeres erinnerte; denn war es einen Augenblick still, darauf hörten wir ein unterirdisches Toben, bald das Rauschen an der Oeffnung und eine neue Rauchmasse fuhr in die Luft. Die Gestalt des Lauches glich den Gewitterwolken, doch war sie so abwechselnd und unterhaltend, daß wir stundenlang diesem Schauspiele zu- sahen.
Der Lacrimae Christ- schmeckte uns vortrefflich, unsere Anter- haltung war lebhaft, und ehe wir es uns versahen, war die Glocke elf geworden. Der Mond stand herrlich am Himmel und der Lauch wurde magisch beleuchtet; die Nacht war schön und im Höchsten Grab,» mild und lieblich. WaS war zu tun, das unfern Leuten zu sagen, was wir vom Eremiten unten schon lange wußten, nämlich: die ganze Nacht bis zum Aufgange der Sonne im Krater selbst zuzubringen. Nach dem Eremiten herabzusteigen, wäre nicht ratsam gewesen, weil wir nach einigen Stunden den anderen Morgen um 2 Ahr die lästige Arbeit am Aschrn-Kegel von neuem gehabt haben würden. Auch hatten wir nach den flöhen und Wanzen des müßigen Kapuziners wenig Verlang e'n. Es war also wohl am zweckmäßigsten, im Krater zu schlafen und unser Vorhaben wurde leicht und glücklich in das Werk gesetzt; an Schlaf war freilich nicht viel zu denken, denn die großen rauhen Lavastücke waren keine Federbetten.
Gegen Mitternacht machten wir eine Reise um einen Teil der Kraterwand nach der südlichen Spitze zu, kehrten aber nach unserem Standquartier zurück, weil uns die Hitze zu groß wurde.
Den 8. Juli 1835. Gegen 2 Ahr morgens schliefen wir etwas. Wenn ich zuweieln die Augen aufschlug, so blickte ich auf die Rauchsäule, die mit beständigem Brausen aus dem Krater hervordrang.
Der Mond war bereits untergegangen, und am Himmel funkelten die Sterne. Gegen 3 Ahr kam eine Gesellschaft von Engländern und setzte sich bei uns nieder. Als die Dämmerung zu grauen anfhtg, begaben wir uns zum östlichen Teile des Kraters, indem wir an der höchsten Spitze des Vesuvs hingingen. Dort sind viele Sumatölen, Oerter, an denen Wasserdämpfc. welche mit schweflicher Säure und Chlor gemischt sind, einporsteigen; hier ist die Luft fast zum Ersticken. Ich kann eine ziemliche Nase voll vom Laboratorium her vertragen, das war mir aber doch zuviel; einige Male glaubte ich, auf der Stelle liegen bleiben zu müssen. □Keinen Begleitern, Listing und Brzozowski, ging cs nicht besser. Der Tag rückte nach und nach heran, und auf der höchsten Spitze des Vesuvs sahen wir die Sonne aufgehen. Die schöne Aussicht, welche man namentlich auf Neapel hat, ist aller Weltbekannt; die Morgenbeleuchtung ist für Neapel die günstigste. Die Höhe des Vesuvs über dem Meere 'haben wir exvroximativ zu 3500 Pariser Fuß bestimmt.
Nach einer Stunde fliegen wir wieder in den Krater herab und näherten uns in der frischen Morgenluft der Rauchsäule bis auf wenig Schritte. Auch warfen wir in das Loch, aus welchem der Rauch hervordrang, verschiedene Steine, welche man lange mit dumpfem Krachen stürzen hörte. Als ich so stand, schlug plötzlich der Wind etwas um, und hüllte mich in einen dicken Schwefelund Chlorrauch, was zwar gut gegen Cholera, aber schlecht gegen alles übrige ist. Die Begleiter, welche oben standen, schrien, und ich suchte im schnellsten Laufe einen höheren Ort an der Aschenwand zu erreichen, doch kam ich halb atemlos oben an.
Nach 71/2 Ahr fliegen wir vom Vesuv herab. Man gehl int vollste!« Laufe und großen Sprüngen über die Aschenfelder hin unö sinkt mit jedem Schritt bis über die Knöchel in den Sand und Staub. Nach 5 Minuten ist man am Fuße des Kegels, den man zu erflettern s/4 Stunden braucht, — und nach einer halben Stunde langt man beim Eremiten an. Wir gingen den Weg zu Fuß herab nach Resina und erreichten V» Stunde vor Mittag Neapel.


