Ausgabe 
26.1.1926
 
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Eichener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang <926 Dienstag, -en 26. Januar Kummer 8

Nachts.

Von Joseph Freiherrn v. Eichendorfs.

Ich wandre durch die stille Macht, Da schleicht der Mond so heimlich sacht Oft aus der dunklen Wolkenhülle, Und hin und her im Tal Erwacht die Aachtigall,

Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Machtgesang:

Bon fern im Land der Ströme Gang,

Leis Schauern in den dunklen Bäumen

Wirrst die Gedanken mir, Mein irres Singen hier Ist wie ein Rusen nur aus Träumen.

Der Urgroßvater.

Humoreske von Max Dürr (Maulbronn).

Sie lebten in mustergültiger Ehe, schon ein volles Jahr, und dennoch gab es eines Tages Streit, wenn er auch nicht von De- Mutung war.

Es war nämlich damals, als Sodokus erklärte, daß er auf die Jagd gehe, während Praxedis sich gerade an diesem Tage auf das Zusammensein mit Sodokus gefreut hatte.

Praxedis war überhaupt auf die Jagd nicht gut zu sprechen, weil Jie der Ansicht war, daß sie zu teuer käme, auch liebte sie eS nicht, wenn Sodokus den ganzen Tag auf den Feldern und im Wald umherstreifte, und sie fühlte sich an den Tagen, wenn er auf die Sag* ging, einsam und allein.

Es war dies übrigens selten, denn Sodokus war kein her­vorragender Säger. Mur zuweilen kam die Anwandlung über ihn und in solchen Fällen hielt es ihn nicht zu Hause.

Sodokus war es damals nicht recht, daß er Praxedis kränkte, und er versuchte es mit SHmeichelworten und gab ihr zärtliche Kosenamen. Dabei dachte er aber doch, wie hübsch es wäre, wenn er heute auf die Sagd ginge, und Praxedis, die eben so klug war als anmutig, sah wohl, daß er ungerne blieb.

So geh doch, Sodokus," sagte sie,wenn dich die Sagd mehr freut, als die Gesellschaft deiner Frau. Sch halte dich nicht."

Darüber war Sodokus niedergeschlagen und zugleich ärger­lich, weil er wußte, daß sie ihn auf diese Weise zwingen wollte, seinen Wunsch aufzugeben, und er erwiderte:Darum handelt es sich Nicht. Sch habe dir auch gesagt, daß ich zu Hause bleiben werde, wenn du es durchaus haben willst. Allerdings dachte ich auch, es würde dich freuen, wenn ich für die Küche sorgte und einen Hasen nach Hause brächte."

Darauf lachte Praxedis hell heraus.Als wenn du jemals einen Hasen nach Hause brächtest, Sodokus!"

Du bist unvernünftig, Praxedis, und gar nicht hübsch. Sch werde dir zeigen, daß du unrecht hast, und also doch auf die Sagd gehen."

Sch habe dir schon gesagt, daß du es tun sollst," erwiderte Praxedis.Außerdem weiß ich wohl, daß ich häßlich bin." Somit trennten sie sich unfreundlich und mißgestimmt und Sodo- kt:S verließ sogar ohne Gruß das Haus, was bisher noch nie geschah, seitdem sie verheiratet waren.

Mumnehr war Praxedis so empört, daß sie sich in den großen Armstuhl setzte und zu weinen ansing. Dann fiel ihr ein, daß sie noch ein Küchenrezept abzuschreiben hätte, das ihr Anna Maria lieh, und sie trocknete ihre Tränen, wusch sich die Augen, tupfte sich ein wenig mit der Puderquaste und begann, sich in dem rundgeschliffenen Elfenbeinspiegel zuzulachen.

Dieses Spiegelbild interessierte sie, sie vertrieb sich damit die Zeit, schnitt ein Schelmengesicht, das Sodokus an ihr liebte und ihn junt Lachen reizte, und machte darauf die schmachtenden Augen, denen er niemals widerstehen konnte.

-Unter dieser Zeit gewann sie vollständig ihre gute Laune wieder, und sie überlegte sich, ob sie jetzt das Küchenrezept ab- schreiben oder lieber Sohanna fortschicken sollte, um eine Schachtel Pralines zu holen.

Plötzlich kam ihr aber ein anderer Gedanke. Sch werde Sohanna zum Wildbrethändler schicken und einen jungen Hasen kaufen. Sodokus kommt auf alle Fälle mit leeren Händen. Denn Östlich ist seine Sagd erbärmlich und er treibt überhaupt keinen Hafen auf. Wenn es aber der Zufall will, baß er einen Hasen zu Gesicht bekommt, so kriegt er ihn sicherlich nicht, weil er ein

ganz schlechter Schütze ist. Kommt er nun ärgerlich und kleinlaut nach Hause, so werde ich ihm mit einem Hasen aufwarten und das wird spaßhaft sein. Wir werden lachen und uns versöhnen denn es ist mir leid, daß ich ihn gekränkt habe. Das allerbeste (lver ift, vciy -o oboIuS befdKmtt h>irö, er tuirb feine Liebhaberei aufgeben und ein für allemal geheilt fein.

... diesen Gedanken vertiefte sich Praxedis völlig, bis sie horte, daß Sohanna zurückkehrte, vor dem Haus die Schuhe an öem Elsen sorgfältig reinigte und heftig atmend mit ihrem Ein­käufe die Treppe heraufkam.

Sohanna war ein ungeschicktes und dummes Mädchen und fte sagte:Wir haben Glück gehabt. Es ist der schönste Hase den ich jemals gesehen habe, und so schwer, wie sonst zwei zu- sammen. Außerdem war es Weitmanns letzter. Weltmann ist gänzlich ausverkauft."

erAnckte Praxedis.Wenn der Hase nur nicht alt ist. Zuletzt bleibt feiten etwas Gutes übrig." Eie ging sogleich zur Küche, um nachzusehen.Er ist bestimmt sehr alt," sagte sie schon ganz verzagt. Darauf schlug sie der Sicherheit halber das nach, weil es eine schwere und undankbare Sache ist das Alter eines Hasen zu bestimmen.

.. Zie fand auch alsbald ein einfaches Mittel: Man darf nur die Probe machen, lassen sich die Löffel leicht einreißen, so ist der Hase jung, lassen sie sich nicht einreißen, so ist er alt

Praxedis machte sogleich die Probe.

Sie fiel nicht gut aus.

«Kff,nra«a!l ">ent Küken, dann an dem rechten Losfel.Es-ist schändlich," sagte sie.

ibr warm wurde, mit aller Kraft.Es ist abscheulich! Sie zerrte, daß ein ganzes Büschel chaare air ihren Fmgerchen hängen blieb und der rechte Löffel eine häßliche kahle Stelle aufwies.

Aber einen Einriß gab es nicht.

. . Praxedis kochte vor Zorn. Sie warf bas Tier auf den Boden, auffiel, und begann Sohanna heftig zu schelten

? . £ ftmnen Sie aber so dumm sein?? Soll das ein junger Hase fein s Es ist ein Urgroßvater! Sie müssen den Hafen wieder SU Weitmann zurücktragen und Weitmann muß das Geld zurück­geben!"

... Aun begann Sohanna zu weinen, weil sie sich vor QBeitmann fürchtete und weil Weltmann ein grober Mensch war, wie jeber- mann wußte.

21IS Praxedis sah, baß mit ihr nichts auszurichten war, entschloß sie sich, selbst zu Weitmann zu gehen, und Sohanna trug den Hafen an den Löffeln hinter ihr her. Praxedis war nicht nur eine kluge und sehr hübsche Frau, sondern sie war auch mutig. z

,. Da Weitmann sich weigerte, den Hasen zurückzunehmen, sagte fte ihm ins Gesicht, daß es Betrug und strafbar sei, einem un­erfahrenen Mädchen einen Urgroßvater aufzuhängen.

Darauf riß Weitmann dem Mädchen den Hasen aus der Hand, schleuderte ihn verächtlich in eine Ecke des Ladens und warf bas Geld auf den Tisch.Aber ich werde Sie wegen Be­leidigung verklagen, Madamchen," sagte er.Es ist gut, daß ich einen Zeugen habe. Sch bin ein ehrlicher Mann und es hat noch, niemand gewagt, mich einen Betrüger zu heißen."

Als Praxedis nach Hause ging, war sie froh, weil sie den Sieg davongetragen hatte. Aber nach und nach wurde sie sehr bedrückt, weil sie sich vor der Klage und vor dem Gericht fürch­tete. Sie setzte sich in den Lehnstuhl und war voll Sorge und den ganzen Machmittag brachte sie den Gedanken nicht los, daß es eine böse Sache geben werde. Auch dachte sie an Sodokus und was er dazu sagen werde, wenn er erfuhr, daß sie, Praxedis, vor Gericht müßte und in Strafe genommen werde, und sie kam zu der Ueberzeugung, daß sie noch nie in ihrem Leben in einer solch elenden Lage gewesen fei iknd vielleicht sogar eingesperrt werde. Sie begann aufs neue leise zu weinen und weinte so lange, bis es dunkel wurde und Sodokus nach Hause kam.

Sodokus toac Vergnügt und stapfte munter die Treppe her­auf. Er behielt die kurze Sägerpfeife im Munde und stellte sich weitspurig vor Praxedis auf, mit dem grünen Bergsack auf dem Rücken, aus dem oben ein Paar Hasenläufe herauslugten.

Bor Staunen vergaß Praxedis völlig ihr eigenes Leid und ie schlug die kleinen Hände zusammen.Sodokus, du hast einen Hasen geschossen? Aun sage ich gar nichts mehr."

Triumphierend und glücklich lachend warf Sodokus den Berg- ack von den Schultern und schnürte ihn geschäftig auf.Sieh diesen prächtigen Kerl!"