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Strom. In die Nacht entklirrte er wieder;
wir ihre Einheit begreifen. Im selben Augenblick, wo unsre mannigfaltigen Kräfte mit dem Mannigfaltigen in der Welt der Natur und des Menschen beschäftigt sind, wächst das Eine in uns empor zu dem Einen im Ml. Wenn das Biele und das Eine, das endlose Streben nach dem Ziel und das ewige Erreichen des Zieles, in unferm Wesen nicht in Einklang wären, so würde unser Dasein für uns sein, wie wenn wir ewig Grammatik lernten, ohne jemals dahin zu kommen, eine Sprache zu verstehen.
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Die Schönheit dieses Abendhimmels schließt Kräfte ein, die gewaltig und furchtbar sind. Und doch offenbart er uns die Harmonie, die im Zentrum des ganzen Weltgetriebes herrschen muß, die Har- monie, deren leise Stimme Musik ist. Weil wir diese Abendwelt von da aus überblicken, wo Fernes und Nahes einander gegenüberstehen, weil unser Blick nicht abgelenkt wird durch die unzähligen sich widerstreitenden Einzelheiten, sehen wir das, was schlechthin wahr in ihr ist: ihre Schönheit und unergründlich tiefe Ruhe. Dasselbe Bild des Friedens enthüllt sich uns, wenn uns der Tod die Unsterblichkeit irgendeines großen Lebens offenbart. Buddhas unergründlich tiefe Ruhe erscheint uns wie dieser Abendhimmel, und hinter all seinen Kämpfen und Leiden und seinem mitleidsvollen Sichmühen für die Menschheit sehen wir die vollkommene Sicherheit und Ruhe der Kraft, die Schönheit ist. Bei den Menschen des Alltags ist das Lebensfeld zu klein, und daher treten die Widersprüche darauf zu stark hervor, um uns einen vollen Anblick der Wahrheit zu gestatten. Aber wir können gewiß fein, daß, wie ihr Leben jenseits des Todes weiterrinnt, diefe Widersprüche sich lösen, denn die Wahrheit, deren Ausdruck die Schönheit ist, steht am Ziel jedes Lebens.
Ein Pfiff stach ins Dunkel, von der Brücke herab, der Oelhi-Posi- zua glitt vorüber, die Wagen lichtflutend, und Schatten getreu mit- wandernd über den Strom. In die Nacht entklirrte er wieder; aber Magger wie Schakal waren so daran gewöhnt — sie drehten nicht einmal die Köpfe. . , .
Ist das weniiger wunderbar als ein Boot, dreimal |o groß wie Magger Ghat?" bemerkte er Vogel, fpähte hinauf.
„Das sah ich erbaut werden, Kind. Stein kam , zu Siem, die Brückenpfeiler sah ich sich heben; stürzten aber die Männer — wundersam sichersüßig waren sie meistens —, aber wenn sie stürzten, so war ich bereit. Nach Vollendung des ersten, Pfeilers dacyte keiner daran, den Strom abzusuchen nach der Leiche, um sie, zu verbrennen. Auch damals wieder ersparte ich viel Muhe. Nichts Wunderbares war der Brückenbau", maulte der Magger.
Aber das, was da oben entlang läuft, die Wagen ichleppt nut den Dächern, ist doch wunderbar?" wiederholte »er Adfutant.
Niederster war er seiner Kaste — nicht etwa, daß der beste der Schakale viel taugte, aber besonders tief stand dieser, halb Bettler, halb Verbrecher — Ausräumer des Abfalls der Dörfer, verzweifelt zaghaft oder blindlings tapfer mit ewigem Hunger und voller Schläue, die ihm nichts half. *
Weichen, knirschenden Laut vernahm man, wie wenn ein Boot im seichten Wasser auf Grund liefe. Schnell kreiselte der Schakal herum, sah dem Wesen ins Gesicht (was immer am sichersten ist). Ein vierundzwanzig Fuß langes Krokodil war es, gepanzert in dreifach vernieteter Kesselplatte, wie es schien, mit Nägeln beschlagen und verpecht; gelbe Spitzen seiner oberen Zähne ragten über dem schön gerieften Unterkiefer: der stumpfnasige Magger vom Magger- Ghat, 'älter als die Aeltesten im Dorse, er, der seinen Namen dem Dorfe gab, — Dämon der Furt, ehe die Eifenbahnbrücke kam, Mörders Menschenfresser und Orts-Fetisch in einem. Mit dem Kinn in den Untiefen, hielt er seinen Platz durch beinahe unsichtbares Schlagen des Schwanzes, und wohl wußte der Schakal, daß ein Hieb ins Wasser desselben Schwanzes genügte, um den Magger auf das Ufer zu stoßen mit Dampfmaschinengeschwindigkeit.
„Glückselige Begegnung, Beschirmer der Armen!" kroch er rückwärts mit jedem Wort. „Holde Stimme wurde vernommen, und wir kamen in der Hoffnung auf süße Plauderei. Meine schweislose Kühnheit riß mich hin, von dir zu sprechen, während wir hier verharrten. Hoffe sehr, daß nichts gehört wurde."
Der Schakal aber hatte gesprochen, just um vernommen zu werden, denn er wußte, daß Schmeicheleien am besten zogen, um Fressen zu erschnappen; der Magger wußte, daß der Schakal deshalb gesprochen, der Schakal wußte, daß der Magger wußte, und der Magger wußte, daß der Schakal wußte, daß der Magger wußte; so waren sie alle ganz zufrieden miteinander.
Der greife Unhold schob, keuchte und grunzte das Ufer hinan, mümmelte: „Ehre den Greisen und Gebrechlichen!" und immer brannten die kleinen Augen wie Kohlen unter den schweren hornigen Augenlidern, oben auf dem dreieckigen Kops, als er den gedunsenen Tonnenleib vorschob zwischen seinen Kruckenbeinen. Dann lag er still, und so vertraut der Schakal auch war mit seiner Art und Weise, fuhr er dennoch zum hundertsten Male hoch, als er sah, wie täuschend der Magger einen an die Sandbank getriebenen Holzklotz nachahmte. Sorge trug er sogar, im genauen Winkel zu liegen, den ein gestrandeter Klotz zum Wasser bildete, in Anbetracht der Strömung und Jahreszeit an Ort und Stelle. Das aber war nur Sache der Gewohnheit, selbstverständlich, denn der Magger schoß aus Vergnügen an Land; aber ein Kaiman ist niemals ganz satt, und wäre der Schakal durch die Aehnlichkeii getäuscht worden, hätte er lebend nicht mehr philosophiert. .
„Nichts vernahm ich, mein Kind," sagte der Magger, sein eines Auge schließend, „in meinem Ohr war Wasser, auch wurde nur schwach vor Hunger. Seitdem man die Eisenbahnbrücke baute, lieben mich meine Leute in meinem Dorfe nicht mehr; das bricht mir mein )"^Ah, Scham und Schande!" sprach der Schakal. „Und ein so nobles H-rz! Aber Menschen gleichen sich alle, meine ich."
„Kaum, große Unterschiede gibt es da", entgegnete der Magger sanft. „Manche sind dürr wie Bootshaken, andere wieder fett wie junge Schak — Hunde. Grundlos würde ich nie Menschen verschmähen. Biele Arten erprobte ich, aber die langen Jahre bewiesen mir, daß sie sehr gut sind — durch die Bank, Männer, Fronen und Kinder — ohne Tadel finde ich sie alle. Und bedenke, Kind, er, der die Welt tadelt, wird von ihr verstoßen."
„Schlimmer ist Schmeichelei, als eine teere Blechkanne im Bauch. Aber was wir gerade hörten, war Weisheit", sagte der Adjutant, den einen Fuß aufsetzend.
„Dennoch, betrachte ihre Undankbarkeit gegen diesen Erhabenen! flötete der Schakal zärtlich.
„Nein, nein, nicht Undankbarkeit! verwahrte sich der Magger. „Für andere denken sie nicht, das ist alles. Aber ich bemerkte, da ich an meinem Posten unter der Furt lag, daß die Stufen der neuen Brücke grausam hart zu erklimmen sind, sowohl für Erwachsene, als auch für junge Kinder. Die Alten, in der Tat, kommen ja weniger in Betracht, aber traurig bin ich — aufrichtig betrübt um der kleinen fetten Kinder willen. Freilich, denke ich, ist über kurz das Neue der Brücke abgetreten, bann werden wir die nackten braunen Beine meiner Leute, tapfer wie ehedem, durch die Furt planschen sehen. So kommt auch der greife Magger wieder zu Ehren."
Am bengalischen Strom.
Bon Rudyard Kipling.
Die folgende Schilderung liest man im „Neuen Dschungel-Buch" von Kipling, das im Paul-List-Verlag in Leipzig erschien.
„Ehre den Greisen!"
Fett war die Stimme — schlammig war sie — euch hatte geschaudert — eine Stimme, als ob Weiches sich spaltet. Zittern war in ihr, Quaken und Winselii.
„Ehre den Greisen!" O, ihr Gesellen vom Strom — Ehre den Greisen!"
Zu sehen war nichts auf dem breiten Dlußspiegel. Nur einige Barken mit Quersegeln, bausteinbeladen, trieben stromabwärts unter der Eisenbahnbrücke hervor. Die plumpen Steuerruder legten sie um, kamen klar von der Sandbank, die an die Brückenpfeiler geschwemmt war, und — wieder hob die grausige Stimme an, als sie, drei nebeneinander, dahinzogen:
„O, ihr Brahmanen vom Strom — Ehre den Greisen und Gebrechlichen!" r r ....
Ein Fährmann am Bugspriet wandte sich um, wo er faß, hob die Hand, rief etwas, das keine Segnung war, und weiter knarrten die Barken durch das Zwielicht. Der weite indische Fluß, mehr einer Seenkette gleichend, war glatt wie Glas, strahlte den sandroten Himmel wider 'm Stromesmitte, Tupfen gelben und schwärzlichen Purpurs leuchteten nahe und unter den niedrigen Ufern. Rinnsale flössen hinzu in der nassen Jahreszeit, jetzt aber hingen die trocken- liegenden Mündungen über dem Wasser. Am linken Ufer, fast schon unter der Eisenbahnbrücke, stand ein Lehm- und Ziegeldorf, nut Strohdächern und Wänden aus Bambusgeflecht — die Hauptstraße tief gradlinig zum Strom hinab, auf ihr stapfte Rindvieh heim in die Ställe — sie endete in einem Molenkopf aus Ziegeln, wo Leute Schritt für Schritt ins Kaffer waten konnten, um Wäsche zu waschen. Das war der Ghat vom Dorfe Magger-Ghat.
Nacht fiel schnell über den Reis-, Linsen- und Baumwollfeldern, in tiefgelegenen Gründen, die jährlich der Strom überschwemmt, liebet Schilf und Ried, das die Strommündung einsäumt, und über das Dschungelgestrüpp der Weidegründe hinter den stillen Binsen. Papageien und Krähen, die geschwatzt und gekreischt hatten beim Abendtrunke, waren landeinwärts gestrichen, um aufznbaumen, kreuzten dabei die auslaufenden Bataillone der fliegenden Hunde, und Wolke auf Wolke von Waffervögeln strich pfeifend und „murksend" dem deckenden Schilfe zu. Gänse mit plumpen Köpfen und schwarzen Rücken, Krickenten, Speckenten, Kreuzschnäbel mit Brachvögeln, und hier und da ein Flamingo.
'(Ein schleppender Kranich-Adjutant zog mit dem Nachtrab auf, flog, als ob jeder langsame Schlag sein letzter wäre.
„Ehre den Greisen!" Ihr Brahmanen vom Strom — Ehre den Greisen! — t,
Der Adjutant drehte halb den Kopf, schor leicht in die Richtung der Stimme, landete hart auf der Sandbank unter der Brücke. Jetzt erst sah man die wilde Bestie in ihm. Die Rückenansicht war unsagbar würdig, denn sechs Fuß maß er. Von vorne gesehen war es anders, benn jein Storgertopf und -hals entbehrten ber öebern, am Halse hing ihm ein greulicher, rohhäutiger Beutel unter bem Kinn — Schnappjack für ben Raub seines Spitzhacken-Schnabels. Lang stelzten bis Beine, bünn und häutig; bock; zart bewegte er sie, mit Stolz sie betrachtenb beim Putzen ber aschgrauen Schwanzfebern — warf einen Blick über bie Glätte seiner Schultern, steifte sich hoch — stand stramm. . _ .. , , ,
Ein kleiner räudiger Schakal saß auf niedrigem wandhugel, hob Lauscher und Rute, preschte dann durch seichtes Gewässer hin zum Adjutanten.


