Ausgabe 
25.9.1926
 
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OIC wissen nicht, wie man schwimmt, sic wissen nicht, wie man Netze wirst, Pcrlfischer tauchen nach Perlen, Kaufleute segeln in Schiffen, wenn Kinder Steine sammeln und Steine zerstreuen. Sie suchen nicht nach verborgenen Schätzen, sic wissen nicht, wie man Netze wirst.

Die tocc braust auf in Gelächter, schwach schimmert das Lächeln der Küste. Todtragendc Wogen erzählen den Kindern sinnlose Lieder, gleich einer Mutter, wenn sie die Wiege des Kindes wiegt. Die See spielt mit Kindern, schwach schimmert das Lächeln der Küste.

Am Seestrand endloser Welten treffen sich Kinder. Der Sturm rast in pfadlosem Himmel und Schiffe scheitern auf spurlosem Wasser, der Tod ist draußen und Kinder spielen. Am Seestrand end­loser Welten ist der große Spielplatz der Kinder.

*

Bring ich bir_ buntes Spielzeug, mein Kind, dann versteh ich, warum es ein Spiel gibt von Farben und Wolken und Wasser, warum die Blumen so farbig getönt sind bring ich dir buntes Spielzeug, mein Kind.

Wenn ich sing, um dich tanzen zu lassen, so weiß ich wahrlich, warum Musik tnben Blättern ist, warum die Wogen den Chor der Stimmen zum Herzen der lauschenden Erde tragen wenn ich sing um dich tanzen zu lassen.

Bring ich dir Süßigkeit für deine gierigen Händchen, weiß ich, weshalb es Honig gibt im Kelche der Blumen, warum die Früchte sich heimlich mit süßen Säften anfüllen bring ich dir Süßigkeit für deine gierigen Händchen. ' J

Wenn ich dein Angesicht küsse, mein Liebling, dich lächeln zu machen, verliehe ich sicher die Lust, die vom Himeml herab in das Morgenlicht flutet, und welch Entzücken der Sommerwind meinem bringt, wenn ich dich küsse, dich lächeln zu machen.

.... ^"' Abhang des einsamen Flusses, im hohen Gras sprach ich zu ihr:Mädchen wo gehst du hin, mit dem Mantel die Lampe be- schattend? Mein Haus ist dunkel und einsam leih mir dein Licht! Sie schlug einen Augenblick das dunkle Auge empor und chaut mir durchs Dämmern ins Antlitz:Ich kam an den Fluß " so spraey sicdie Lampe aufs Wasser zu setzen, wenn im Westen Brr Tag geht. Ich stand allein in dem hohen Gras und gab acht mif das lchuchterne Licht ihrer Lampe, das nutzlos trieb mit der Strömung.

.. 2m Schweigen der steigenden Nacht sprach ich zu ihr:Mädchen, die Lichter sind alle entzündet wohin trägst du die Lampe? Mein Haus ist dunkel und einsam. leih mir Licht!" Sie schlug ihre dunkeln Augen ins Antlitz mir auf und stand zweifelnd ein Weilchen, "'m) tarn, sprach sie endlich,dem Himmel die Lampe zu leihn." Ich stand und gab acht auf ihr Licht, das nutzlos im Leeren ver- brannte.

3m mondlosen Dunkel der Mitternacht sprach ich zu ihr:Mäd- chen, was ist deine Absicht, die Lampe ans Herz dir zu drücken? Mein Haus ist dunkel und einsam, leih mir dein Licht!" Sie hielt einen Augenblick an und sann und schaut mir ins Antlitz im Dunkel.Ich bracht mein Licht," sprach sic,es dem Festzuq der Lampen zu reihen. Ich stand und gab acht auf die kleine Lampe nutzlos verloren unter den Lichtern.

Flüstern der Seele.

Bon Rabindranath lagere.

Die nachfolgenden Betrachtungen find dem im Kurt-Wolff- Berlag, München, erschienenen BändchenFlüstern der Seele" entnommen.

Letzte Nacht träumte mir, ich war wieder ein Knabe wie damals, bevor meine Mutter starb. Sie saß in einem Zimmer eines Gartcn- hauses am Ufer des Ganges. Ich ging achtlos vorbei, ohne sie zu bemerken, als es plötzlich in meinem Bewußtsein aufblitzte, daß meine Mutter da war und eine unsagbare Sehnsucht mich ergriff. Ich wandte mich sofort und ging zu ihr zurück, und indem ich 'mich tief vor ihr neigte, berührte ich ihre Füße mit meiner Stirn. Sie nahm meine Hand, fah mir ins Antlitz und sagte:Da bist du jo!"

3n diser großen Welt gehen wir achtlos da vorbei, wo die Mutter sitzt. Ihr Vorratsraum ist offen, wenn wir Speise brauchen, unser Bett stt breit, wenn wir schlafen wollen. Nur jene Berührung und jene Stimme sind nicht da. Wir gehen umher, aber nie kommen wir ihr persönlich nahe, daß sie unsre Hand fassen und uns begrüßen kann:Da bist du ja!"

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früher wußte ich gar nicht, daß ich kurzsichtig bin. Als ich ein­mal zufällig eine Brille aufsetzte, merkte ich plötzlich, daß ich allen Dingen naher gekommen war. Mir war, als hätte ich mit einem Male den doppelten Anteil an der Welt erhalten als bisher.

So ist es auch, wenn wir die Welt durch die Seele sehen. Sie wird uns so nahe gerückt und so vertraut, daß uns ist, als ob wir in die Heimat zurückkehrten. Sie wird ganz unser eigen wie ein Instrument erst wirklich unser eigen wird, wenn wir ihm feine Musik zu entlocken verstehen.

Unsre Beziehung zur Welt ist tief persönlich. Sie gründet sich nicht auf bloßes Wissen oder praktischen Gebrauch. All unsre Be­ziehungen zu Tatsachen haben ein unendliches Medium, das Natur­gesetz: alle unsre Beziehungen zur Wahrheit haben ein unendliches Medium, die Bernunst: all unsre persönlichen Beziehungen haben ein unendliches Medium, die Liebe.

m Wir sind keine bloßen Gegebenheiten in dieser Welt, wir sind Persönlichkeiten. Und daher können wir uns nicht damit begnügen, auf dem Strom der Ereignisse dahinzutreiben. Wir haben das zen­trale Ideal der Liebe, durch das wir unferm Dasein Harmonie geben sollen; wir haben in unserm Leben eine Wahrheit zu offenbaren: daß wir Kinder des Ewigen sind.

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Die Welt der Dinge, in der wir leben, verliert ihr Gleichgewicht, wenn sie ihren Zusammenhang mit der Welt der Siebe verliert. Dann muffen wir mit unsrer Seele zahlen für das, was an sich ganz wertlos ist. Und dies kann nur geschehen, wenn die Kerker- mauern der Dinge uns als dauernd und endgültig bedrohen. Dann entstehen furchtbare Kämpfe, Eifersüchteleien und Gewaltsamkeiten, ein Ringen um Raum und um Möglichkeiten, denn beide sind be­grenzt. Wir empfinden schmerzlich das Uebel, das darin liegt, und versuchen allerlei Maßnahmen, um uns in den engen Grenzen unsres verstümmelten Seins zu behelfen. Doch es gelingt nicht. Nur der hilft uns, der durch fein Leben beweist, daß wir eine Seele haben, die im Königreich der Liebe ihren Wohnsitz hak, und daß die Dinge ihren eingebildeten Wert und ihre tyrannische Gewalt über uns verlieren, wenn wir zu unsrer geistigen Freiheit gelangen.

Der Tag bricht im Osten auf wie eine Knospe, die ihre Hülle durchbricht, um sich als Blüte zu entfalten. Doch wenn dies nur ein Ereignis der Außenwelt wäre, wie könnten wir dann Zugang dazu haben? Es ist ein Sonnenaufgang am Himmel unsres Bewußt­seins, es ist eine neu erblühte Schöpfung in unferm Leben.

Oeffne deine Augen und sich! Fühle diese Welt, wie eine leben­dige Flöte den Hauch der Musik empfinden würde, der durch sic hingeht, fühle den Gruß der schöpferischen Freude in der Tiefe deines Bewußtseins. Tritt diesem Morgenlicht entgegen in der Er­habenheit deines Daseins, wo du eines Wesens mit ihm bist. Aber wenn du mit abgewandtem Gesicht dasitzest, dann errichtest du eine trennende Schranke in dein ungeteilten Reich der Schöpfung, wo das schöpferische Bewußtsein mit den äußeren Vorgängen sich begegnet.

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Die heiligen Schriften der Hindu betrachten die Welt als ein Ei. Wenn dies richtig ist, so muß dies Ei ein lebendiges Wesen einschließen, dessen Bestimmung es ist, durch seine Schale zu einem freieren Dasein hindurchzubrechen.

Während unsre Welt uns Nahrung und Schutz gibt, schließt sie uns von allen Seiten ein. Die enge Begrenztheit unsres Empfindens und Denkens ist die Schale, in die unser Bewußtsein eingeschlossen ist. Wenn wir ihre Grenzen nur um ein kleines Stück erweitern könnten, wenn ein paar von den unsichtbaren Strahlen in unsre Wahrneh- mungssphärc gelangen könnten, wenn ein paar weitere Takte von dem Tanz der Schöpfung auf neuen Saiten unsrer Empfindung anklingen könnten, dann würde unser ganzes Weltbild vollständig verändert fein.

Aus der Begrenztheit unsres Empfindens und Denkens zu einer umfassenderen Freiheit zu gelangen, ist der Sinn unsrer Unsterblich­keit. Können wir uns in unserm gegenwärtigen Zustande der Ge­fangenschaft ein Bild von diesem Reich der Freiheit machen? Kann das Küchlein sich aus all den Einzelwahrnehmungen innerhalb feiner Eierschale eine Vorstellung machen von der Welt, in die hinein es geboren werden soll?

Das Dasein ist der ewig spielende SpringgucII der Unsterblich­keit. Badet eure Seele in feinem Wasser, ihr, die ihr alt seid, und fühlt, daß ihr so jung seid wie die Blume, die heute morgen er­blüht ist, und wie dies Licht, das das erste Lächeln der Schöpsung noch frisch auf seinem Antlitz trägt. Das ist Freiheit, ist Befreiung von dem Nebelschleier, der jetzt noch euren Geist umhüllt und ihm den Anschein trüben Alters gibt; der euch die Wahrheit verbirgt, daß ihr Kinder des Unsterblichen seid. Könnte das Kind dem Menschen- hcrzen soviel Freude bringen, wenn Alter und Tod. Wahrheit wären? Kommt nicht jene Freude aus der unmittelbaren Erkenntnis der Wahr­heit unsterblichen Lebens, endlosen Wachstums und ewig erneuter Hoffnung auf Vollendung?

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Man hat gefragt: Wenn des Lebens Reife endlos ist, wo ist bann fein Zick? Die Antwort ist: Es ist Überall. Wir sind in einem Palast, der fein Ende hat, aber den wir erreicht haben. Wenn wir ihn erforschen und unsre Beziehung zu ihm weiter ausdehnen, so machen wir ihn uns immer mehr zu eigen. Das Kind wird in der­selben Welt geboren, in der der gereifte Mann lebt. Aber seine Aufgabe ist nicht die eines Schülers, der in der Klasse feig Alphabet zu lernen hat. Das Kind hat feine eigne Lebensfreude, denn die Welt ist keine bloße Straße, sondern ein Heim, von dem ihm immer mehr zu eigen wird, je mehr es an Weisheit zunimmt. Bei der Straße liegt das Ziel am Ende, aber in dieser unsrer Welt erreichen wir es bei jedem Schritte, denn sie ist Straße und Heim zugleich; sie führt uns weiter und gibt uns doch Herberge.

Unser Leben in der Welt ist, wie wenn wir einem Liede lauschen: wir genießen es, während es gesungen wird, und brauchen nicht zu warten, bis es zu Ende ist. Das Lied ist da, im Gesang, von der ersten Note an. Seine Einheit durchdringt all seine Teile, und daher suchen wir nicht ungeduldig das Ende, sondern folgen seinem Fluß. So ist es auch mit der Welt; weil sie wahrhaft eins ist, ermüden uns ihre Teile nicht; nur unsre Freude nimmt zu an Tiefe, je tiefer