Ausgabe 
25.9.1926
 
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Gießener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <926 Samstag, den 25. September Nummer 77

Aus der Fruchtlese.

Bon Rabindranath Tagore.

Dieser Herbstmorgen ist müde von dem Uebermaße von Licht, und wenn deine Lieder siech werden und matt, gib mir deine Flöte ein wenig.

Ich werde nur mit ihr spielen, wie die Laune mich faßt jetzt sie auf meinen Schoß nehmen, jetzt sie berühren mit meinen Lippen, jetzt sie an meiner Seite haben im Gras.

Aber in der feierlichen Abendstille werde ich Blumen brechen, sie zu schmücken mit einem Kranz, ich werde sie füllen mit Wohlgeruch; ich werde sie ehren bei der entzündeten Lampe.

Dann bei Nacht werde ich zu dir kommen und werde dir deine Flöie zurückgeben.

Du wirst auf ihr spiele» die Musik der Mitternacht, wenn der einsame zunehmende Mond wandert zwischen den Sternen.

Rabindranath Tagore.

Von Alfred Bock.

Es war im Frühsommer 1921, als mich ein Eilbrief des Grafen Hardenberg nach Darmstadt rief. Für wenige Tage, schrieb der Gras, sei Rabindranath Tagore beim Großherzog zu Gast, ich solle die Ge­legenheit nicht versäumen, den Menschen, Dichter und Philosophen kennen zu lernen. Alsbald fuhr ich nach Darmstadt. Die Bekannt­schaft mit dem großen Bengalen gestaltete sich für mich zu einem Erlebnis. Seine Erscheinung wirkt wie die eines alten Propheten. Das von grauweißem Bart umrahmte Gesicht ist tief gebräunt. In seinen Zügen offenbart sich unendliche Güte. Ergreifend ist der Vor­trag seiner Gedichte in bengalischer Sprache. Alles fließt zu sanft tönenden Akkorden zusammen.Die heiligen Lieder der Bengalen", von tiefem, innigem Gefühl getragen, klangen geradezu wie Gesang. Tagore reist in Begleitung seines Sohnes und eines indischen Großen, der durchaus Weltmann ist. Graf Keyserling macht bei Tagore den Dolmetscher. Im Garten des Palais sprach Tagore vor einem kleinen Kreis über die Stellung der Frau in Indien und in Europa. Mancherlei haben die Frauen in Indien zu erdulden, in Europa werden sie weit härter vom Schicksal mitgenommen. Der Westen erscheint Tagore wie ein großes'Bureau, alles ist auf Dring­lichkeit gestellt, das persönliche Leben verkümmert. Darunter hat am meisten die Frau zu leiden, die in den Kampf um den Erwerb hinein- gezogen wird. In Indien ist das nicht der Fall. Die Frau als Verwal­terin der Häuslichkeit, als Mutter ihrer Kinder wird als etwas ge­radezu Göttliches angesehen. Solange der Frau verwehrt bleibt, ihr persönliches Leben zu pflegen, bleibt ihre Stellung inferior. Daher rühren zumeist die Konflikte zwischen Mann und Frau. Aus die Frage, ob er an eine gemeinsame Religion aller Völker glaube, ant­wortete Tagore verneinend. Jedes Volk bedürfe seiner besonderen Gottesauffassung, jede Einzelseele schaffe sich ihre eigene Religion. Von Völkerbündnissen, die im Grunde nur der politischen Atmo­sphäre entwachsen, hält Tagore nicht viel. Die Einigung muß aus dem Geistigen, dem Seelenleben der Völker kommen.In künftigen Weltaltern werden nur die Menschen die führenden sein, die sich in die Lage der anderen versetzen und ohne Feindschaft gegeneinander auswirken können. Unduldsamkeit und Vernichtungskampf scheiden ihre Träger aus den Reihen der Kulturmenschen aus. Wir müssen unser Menschsein beweisen, indem wir die Verständigung der Völker aus der Quellkraft unseres Gotteswesens schaffen." Tagores Gotteserlebnis findet in den Versen Ausdruck:

Der Strom desselben Lebens, das durch meine Adern flutet Nacht und Tag,

Geht durch die ganze Welt, wie Frohsinns heiterer Tanz. Es ist dasselbe Leben, das voll Lust

Dem Staub der Erde sprossend sich entringt. Zahllos im Halmenmeer des Grases, Das wogend ausbricht, ungestüm in Blatt und Blüte. Es Ist dasselbe Leben, das sich wiegt in Ebb' und Flut, Des Meeres Wiege für Geburt und Tod.

Berührt vom Hauche dieser Welt von Leben fühle meine Glieder

Verherrlicht und geadelt ich, und heilig ist mein Stolz: Der Pulsschlag von Weltaltern dieses Lebens schwingt In meinem Blut in diesem Augenblick."

Wunderbar sind Tagores Augen. Die Sanftmut, die daraus leuchtet, ist nicht zu beschreiben. Einer unserer großen Maler, der zugegen ist, sagt mir, seine Idee von einem Christuskopf, den er malen wolle, habe durch die persönliche Berührung mit Tagore wesentliche Förderung erfahren.

Wie Der Mensch Tagore sich darstellt, so ist seine Rede: nicht an­ders, als ob er das Korn der Weisheit säe.

Wir können unser Dasein nicht als einen Augenblicksausbruch des Zufälligen anerkennen, das auf dem Strome der stofflichen Well in ein ewiges Nichts triebe. Wir können unser Leben nicht ansehen als Traum eines Träumers, der nie erwachen wird. Wir haben eine Persönlichkeit, die für Kraft und Stoff sinnlos sind, wenn sie nicht auf etwas unendlich Persönliches bezogen werden, dessen Wesen wir in gewissem Maße in der Menschenliebe entdeckt haben, in der Quelle des Guten, in der opferwilligen Hingabe heldischer Seelen, in der unaussprechlichen Schönheit der Natur, die niemals nur eine phy­sische Tatsache oder etwas anderes als der Ausdruck einer Persön­lichkeit fein kann. Es ist die große Aufgabe des gegenwärtigen Welt­alters, den neuen Menschen zu schaffen, wir müssen bereit sein, durch Märtyrertum von Leiden und Erniedrigungen zu gehen, bis der Sieg Gottes im Menschen gewonnen ist."

Gegen Mittag zog sich Tagore sichtlich ermüdet zurück. Im Be­griff, den Palaisgarten zu verlassen, erlebe ich eine seltsame Szene. Eine Dame in mittleren Jahren stürzt auf mich zu.Wo ist Ta­gore?" fragt sie erregt. Ich erwidere, der Dichter sei nicht mehr zu sprechen.Ich muß ihn sprechen!" ruft sie in voller Ekstase,ich muß mit ihm über die letzten Dinge reden!"Vor den letzten Dingen," erwiderte ich,macht auch die Weisheit Tagores Halt. Die höchste Philosophie, sagt Keyserling, endet bei der Resignation vor dem Unerforschlichen, bei der Ehrfurcht vor dem Geheimnis!" Die Dame atmet tief. Ihre Augenlider sinken herab. Schweigend entfernt sie sich.

©itanjalL

Bon Rabindranath Tagore.

Die folgenden vier Abschnitte stammen aus dem Buch« Gitanjali (Sangesopfer), das im Kurt-Wolff-Verlag in Mün­chen erschien.

Die Nacht dunkelte. Unser Tagewerk war getan. Wir glaubten den letzten Gast gekommen zur Nacht, und die Tore des Dorfes wurden geschlossen. Nur einige riefen:Der König wird kommen." Wir aber lachten und sprachen:Es kann nicht sein."

Uns schien, es klopfte am Tor, doch wir sagten, es sei nur der Wind. Wir löschten die Lampen und legten uns nieder zum Schlaf. Nur einige riefen:Der Bote ist's." Wir aber lachten und sprachen: Es ist nur der Wind." Da kam ein Ton durch die tiefe Nacht. Uns Schläfrigen deucht es wie ferner Donner. Die Erde erbebte, die Mauern wankten und störten uns auf vom Schlaf. Nur einige riefen:Der Ton von Rädern roars." Wir aber murmelten schläfrig:Es muß das Krachen der Wolken fein!"

Die Nacht war noch dunkel, da klang die Drommete. Di« Stimme rief:Wacht auf, zögert nicht!" Wir drückten die Hände auf» Herz und schauderten furchtsam. Nur einige riefen:Schaut da» Banner des Königs!" Wir sprangen auf unsere Füße und schrien: Dann ist keine Zeit zum Verzug!"

Der König kam, doch wo sind Lichter und wo sind Kränze? Wie ist ihm der Thron bereitet? 0 Schmach, o tiefe Schmach. Wo R die Halle, der Schmuck? Und einer rief:Eitel dies Schrein! Grüßt ihn mit teeren Händen, führt ihn zu euren nackten Stuben."

Oeffnet die Tore blast auf die Muschel! In der Tiefe der Nächst tarn der König zu unfern dunkeln Häusern. Der Donner brüllt m den Himmel, das Dunkel erschauert von Blitzen. Bring heraus bee verschlissenen Teppich und breit ihn im Hof aus. Mit dem Wetter kam plötzlich der König in furchtreicher Nacht.

*

Am Seestrand endloser Welten treffen sich Kinder. Der un­begrenzte Himmel hängt reglos zu Häupten, das rastlose Wasser ist ungestüm. Am Seestrand endloser Welten treffen sich Kinder mit Rufen und Tanzen.

Sie baun ihre Häuser aus Sand und spielen mit teeren Muscheln. Aus welken Blattern flechten sie Boote und lassen sie lächelnd ziehen auf der endlosen Tiefe. Kinder haben ihr Spiel am Seestrand der Welten. ....