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Seine Zornreden kamen jo gutlnunig und treuherzig heraus, daß sich selten jemand gekränkt fühlte und selbst der König sich von ihm alles bieten lieh. Denn bei allem Ungestüm war er von Grund aus klug, nicht bloß im Kriege so verschlagen und aller Listen kundig, daß ihn Napoleon ärgerlich le vieux renard nannte, sondern auch ein gewiegter Menschenkenner, der jeden an der rechten Stelle zu packen wußte. Die Kunst des Befehlens verstand er aus dem Grunde; von der Mannschaft durfte er das Unmögliche verlangen, wenn fein Vorwärts aus seinen Augen blitzte, und auch von dem trotzigen Selbstgefühle seiner Generale erzwang er sich Gehorsam, da er stets nur an die Sache dachte, nach jedem Mißerfolge alles hochherzig auf seine Kappe nahm und bei Streitigkeiten der Untergebenen immer gutmütig vermittelte. Die unverwüstliche Kraft des Hoffens und Vertrauens wurzelte bei ihm wie bei Stein in einer schlichten Frömmigkeit. Obgleich er nach Husarenart den Herrgott zuweilen einen guten Mann fein ließ und alles scheinheilige Wesen verabscheute, so blieb er doch in tiefster Seele seines einfältigen Glaubens froh; in schweren Stunden tröstete sich der Bibelfeste gern an einem tapferen Wort der Apostel. Und wie weitab lag doch die Schlaglust dieses gütigen, menschenfreundlichen Mannes von der herzlosen Roheit des Landsknechtes! Für die Kranken und Verwundeten zu sorgen, war ihm heilige Christenpflicht. Der junge Kronprinz vergaß es nie, wie ihn der alte Held einmal auf einem Schlachtfelde tief ergriffen bei der Hand genommen und ihm all den fürchterlichen Jammer ringsum gezeigt hatte: das sei der Fluch des Krieges, und wehe dem Fürsten, der aus Eitelkeit und Ueber- mut solches Elend über feine Brüder bringe!
Blücher wußte längst, „daß er das Zutrauen der Nation und die Liebe des Heeres für sich hatte", daß chm die Führung der Armee gebührte. Als nun die heiß ersehnte Stunde schlug und das Reich der tausendmal verfluchten „Sicherheitskommissare und Faultiere" zu Ende ging, da fühlte er sich verjüngt trotz seiner siebzig Jahre und dachte froh an die langlebige Heldenkraft des Derfflingers und des Dessauers und die vielen anderen glorreichen Grauköpse der preußischen Kriegsgeschichte. Glückselig wiegte er sich auf den hohen Wogen dieser brausenden Volksbewegung; wie tat es ihm wohl, daß der frische Luftzug der Wahrhaftigkeit wieder durch das deutsche Leben ging und jeder tapfer von der Leber weg sprach. „Dichten Sie man druf", sagt er seelenvergnügt zu einem patriotischen Poeten; „in solchen Zeiten muß jeder singen, wie es ihm ums Herz ist, der eine mit dem Schnabel, der andere mit dem Sabel!"
So war der Held, den die Stimme der Nation zum Führer wählte — ein rechter Germane, nur germanischen Menschen ganz verständlich in der rauhen Gröhe, der formlosen Ursprünglichkeit feines Wesens.
Belle Alliance.
Don Wilhelm Schäfer.
Der Feldmarschall Blücher war wieder Gutsherr geworden und hielt in Krieblowitz Haus, als hätte er immer nur Fohlen und Färsen gezüchtet; aber als er nach Karlsbad zur Kur kam, wollten die preußischen Gäste den Tag von Delle Alliance feiern und luden den Marschall Vorwärts als Gast ein.
Er hatte, spät am Abend erst angelangt, eben sein erstes Frühstück gehalten und lieh seine gichtigen Deine besonnen, als schsn die Herren von der Klemm und von Krausegrim tarnen, seine Durchlaucht den Fürsten von Wahlstatt zum Festmahl zu bitten. Sie fanden ihn da in der Wolljacke sitzen, wie er es liebte, wenn keine neugierigen Augen um seine Bequemlichkeit waren; weil ihm das Eigelb am Schnurrbart hing und um ihn herum lagen die Morgenbriefe verstreut, als wäre da eine Schlacht von Papier um den Alten gewesen — auch stand schon die zweite Flasche zur Hälfte geleert auf dem Tisch, und der Rotspon glänzte aus seinem Gesicht —, weil der Feldmarschall in seinem Liegestuhl nichts als ein alter Mann war, dem die geschwollenen Füße in seltsamen Wollschuhen staken, sie aber standen in ihrem Fräcken wie aus dem Bilderbuche da und hielten die Orden dem blauen Worgenlicht hin: so mißriet dem Herrn von der Klemm die schön gezirkelte Rede an Seine Durchlaucht den Fürsten von Wahlstatt so sehr, daß der alte Blücher auf seinem Stuhl ihm herzhaft hinein lachte.
„Run laßt man die Rede!" winkte er ab und fluchte dazu, weil ihm die Beine nicht folgten, als er sich aufsetzen wollte: „Laßt man die Rede! Ich weih schon, ihr wollt mir zum Tanzen einladen, weil heute vor drei Jahren der Tag von Belle Alliance war. Aber mir drücken die Stiebel, und der Doktor hat mich das Trinken verboten, wenn zuviel Wusike dabei ist. Ich werde mit meinem gebrechlichen Lmb man nur einen ollen Kleiderstock machen und bei Euer Belle Alliance, Gott straf mich, ein schlechter Alliancerich fein!"
Aber der Feldmarschall tat nur so, weil dem Herrn von der Klemm die gezirkelte Rede mißriet und der Krausegrim zu sehr seine Ordensbrust blähte. Er wollte gern den Jahrestag feiern, da er von Ligny nach- Waterloo kam und mit Wellington seins Belle Alliance machte. And als die Herren hinausgingen — stolz ihres Erfolges; nur der von Krausegrimm meinte, man müsse dem Blücher bedenklich Nachsehen, daß er kein Fürst von Herkommen wäre, legte der Alte sich wieder zurück, die gichtigen Beine zu sonnen. Es fiel ihm ein, wie er bei Ligny schmerzhafter dalag unter dem roten Schimmel, und viermal brausten die Kü
rassiere vorüber, zweimal vor und zurück. Sie hätten mir fein Zangen können! ladjite er listig: Dann wäre es mit die ganze Delle Alliance nichts, und sie nrüßten heute in Karlsbad dem Napoleon vor seine Flöte tanzen, statt gegen mir.
Darüber meldete Franz, der Diener, zum zweitenmal frühen Besuch'. Diesmal waren es drei, die sich um den Feldmarschall bemühten, und der das Wort führte, hatte es mehr in der Gewalt, als der von der Klemm; denn es war der Poet Tiedge. Aber so schlicht und schön er dem alten Blücher ans Herz gehen wollte, dem schienen seine Wollschuhe wichtiger zu sein, als Worte; erst zog er den einen aus, dann den andern, nach den chmerzhasten Füßen zu sühlen; und als der Dichter endlich in Delle Alliance angelangt war und seine Einladung vvrbrachte, den Feldmarschall als Ehrengast bei ihrer Feier zu haben, war ihm auch diese Rede genug.
„Aber Kinder," sagte er unwirsch, „das geht doch nicht, daß ihr mich, alle einzeln daher kommt, mir auf der Ball einzuladen, urch daß ihr mich zweimal die Ohren vollredet!"
So kam -es endlich heraus, daß die preußischen Kurgäste in Karlsbad zwei Feste Vorhalten, eines am Mittag und eines am Abend, das Mahl am Mittag für die Dürger und den Ball am Abend nur für den Adel. And die jetzt dastanden zu Dreien und trotz der frühen Stunde zu spät mit ihrem Linsengerichte kamen, waren die Dürger.
„Ihr seid mich eine schöne Delle Alliance hier in Karlsbad!" brauste der alte Feldmarschall aus, und der Wein war es nicht mehr allein, der fein Angesicht rot machte. „Als wir bei Wawre in der Lehmnässe lagen, die ganze Nacht, und hätten Schläge gekriegt bei Ligny, kein Brot war im Sack, und das Pulver war naß, und wären bald selber wie Ratten ersoffen, aber wir mußten nach Plancenois, weil der Wellington mir beim Wort hatte: da gab es nicht welche mit von oder ohne! Da gab es nur solche, denen das Vaterland die nasse Belle Alliance wert war, und jene, die lieber ein trocknes Dach- über den Kopf gemocht hätten, gleichviel von wem! Jetzt wollt ihr in Karlsbad den dritten Jahrestag halten und habt einen Stall von Pappe und einem mit ohne. Mich will das eine Mauvaise Alliance scheinen. Geht bei andern zum Tanzen, tia Hab ich einmal versprochen; euch extra bedienen, ist mich Gott straf mich, zu dämlich!"
Der Feldmarschall war so zornig geworden, daß ihm die Adern am Hals schwollen, als wären es Stränge; aber der Karren! stak anders im Dreck, als die Stränge zogen, und bte da von! seinem Zorn angeschrien öastanden, hätten die Deichsel lieber vorn gehabt als hinten. Weil aber keiner dem Alten kn fernem Grimm fallen wollte, schwiegen sie still, bis er sich selber zurecht fand.
„Ihr seid mich nette S...kerls!" sagte er grollend. „Laßt mich das Herz aus dem Halse schimpfen, und die andern sind schuld. Aber die kriegens dafür gekocht! Geht man, das Festmahl zu machen, und sorgt mich für einen Stuhl, wo rundum keim Blumenkranz ist; die werden bloß immer verdrückt. Nachher dann gehn wir bei die andern zum Tanzen. Da müßt ihr mir bei die Dons vertreten, weil mit die Mädgens zu springen mich die Beine zu dick und die Dlutröhren zu dünn sind."
Als die Abordnung der Bürger derart getröstet abtrat, schlug die Ahr auf dem Gang zehn. Jetzt muß ich die beiden -noch einmal im Angesicht haben, die mich zuerst kamen, sagte der Feldmarschall, die mit dem Don, der Wirt wird sie kennen! Der Diener Franz war die raschen Entschlüsse gewohnt, so sta-nden nach kaum einer Stunde die von der Klemm und v. Krausegrim wieder im Zimmer, nicht ohne Ahnung, was der Alte von ihnen wollte, der immer noch- dalag in seinem Stuhl; mir war die zweite Flasche auch leer, und die dritte stand schon gerüstet.
„Ihr seid mich eine schöne Belle Alliance hier in Karlsbad!" begann er auch ihnen und schien seines Zornes wieder lustig geworben zu sein, da er sie sah. „Habt mir zum Tanz eingeladen und nichts von die Raupen gesagt, die euch im Kopf sind! Ich kann aber nicht mit das eine Dein bei die Bürger und mit da» andere bei euch Herrschaften gehn. Ihr werdet also die Dummheiten lassen und an den selbigen Tisch- sitzen, und die andern kommen bei euch zu tanzen, oder ihr könnt mir beim Alexander- Platz sehn!"
Auf diese Rede des alten Blücher sah der von der Klemm den v. Krausegrim an, und der v. Krausegrim den von der Klemm. Weil es der Fürst und Feldmarschall war, den sie als Ehrengast brauchten, mußten sie ihren Ingrimm verschlucken; aber der Krausegrim würgte zu hart an dem Brocken: „Wir hatten zwar nicht an Krethi und Plethi gedacht!" begann er und warf feine Ordensbrust vor. Aber da war er dem alten Blücher mitten in feine Weisheit geraten: „Gott straf mir, sagte er lustig, „ich habe nicht viel in die Bibel gelesen, aber das weiß ich doch, dah Krethi und Plethi ins zweite Buch Samuelis dem König David seine Leibwache sind. Wenn ihr mich Krethi und Plethi heißt, was dem Düterland feine Leibwache ist, so bin ich selber der Oberste von'die Krethi und Plethi.
Der alte Blücher war auf gestanden aus seinem Stuhl; und ob seine gichtigen Füße noch immer in den dicken Wollschuhen staken, und ob fein Rücken ihm steif war vom Liegen, vor den


