Gießener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang l92b Dienstag, Sen 25. Mai Nummer 42
Dem Fürsten Blücher von Wahlstatt die Seinen.
Bon Ä. W. von Goethe.
In Sorten unb Krieg, In Sturz unb Sieg, Bewußt und grob!
So ritz er nnS Dom Feinde los.
Blücher.
Von Heinrich v. T r e i t s ch k e*).
Z«ten der Rot heben den rechten Atann rasch an die rechte Stelle. Da der König in seiner Schüchternheit sich nicht getraute, nach dem Brauche seiner Vorfahren das Heer selber zu führen, so durfte nur ein Mann den Befehl über die preußische Hauptarmee übernehmen — der erste Feldsoldat der deutschen Heere, General Blücher. Wohin waren sie doch, die Träume der gebildeten Menschenfreunde vom ewigen Frieden? Gereift und gekräftigt in harter Prüfung glaubten die Deutschen wieder an den Gott, der Eisen wachsen ließ, und jene einfachen Tugenden ursprünglicher Menschheit, die bis an das Ende der Geschichte der feste Grund aller Gröhe der Völker bleiben werden, gelangten wieder zu verdienten Ehren: der kriegerische Mut, die frische Kraft des begeisterten Willens, die Wahrhaftigkeit des Hasses und der Liebe. In ihnen lag Blüchers Stärke, und diese Nation, die sich so gern das Volk der Dichter und der Denker nannte, beugte sich vor der Seelengröße des bildungslosen Mannes; sie fühlte, daß er wert war, sie zu führen, daß der Heldenzorn und die Siegesfreude der Hunderttausende sich in ihm verkörperten. Was hatte der Alte nicht alles durchgemacht in dem halben Jahrhundert, seit die Belling-Husaren einst den schwedischen Cornet einfingen und der alte Belling selber den unbändigen Junker in Kunst und Brauch der friderizianischen Reiter unterrichtete. Er hatte an der Peene gegen die Schweden, bei Freiberg gegen die Kaiserlichen, in Polen gegen die Konföderierten gefochten, war auf jenem unblutigen Siegeszuge durch Holland dem Bürgern und Bauern überall ein wohlwollender Beschützer gewesen und dann während der rheinischen Feldzüge von Freund und Feind bewundert worden. Die schneidige Tollkühnheit, die behende List, die unermüdliche Ausdauer des alten Zielen lebten wieder auf in dem neuen Könige der Husaren. Sein Leben lang blieb er der Ansicht, für das Fußvolk genüge zur Not der nachhaltige Mut, der Reiterführer aber bedürfe einer angeborenen Begeisterung, um die seltenen und flüchtigen Augenblicke, die seiner Waffe eine große Wirkung erlaubten, immer sofort mit Ungestüm zu ergreifen.
Seit dem Jahre 1806 und dem kühnen Zuge auf Lübeck war er die Hoffnung der Armee; Scharnhorst lernte damals an Blüchers Seite, daß man mit Mut und Willenskraft alles auf der Welt überwinde und sagte zu ihm: „Sie sind unser Anführer und Held und müßten Sie uns in der Sänfte vor- und nachgetragen werden. Nur mit Ihnen ist Entschlossenheit und Glück!" Und es war unendlich mehr als die Tapferkeit des Haudegens, was die Treuen und Furchtlosen so unwiderstehlich anzog. Aus Blüchers ganzem Wesen sprach die innere Freudigkeit des geborenen Helden, jene unverwüstliche Zuversicht, welche das widerwillige Schicksal zu bändigen scheint. Den Soldaten erschien er herrlich wie der Kriegsgott selber, wenn der schöne hochgewachsene Greis noch mit jugendlicher Kraft und Anmut seinen feurigen Schimmel tummelte; gebieterische Hoheit lag auf der freien Stirn und in den großen tiefdunkeln flammenden Augen, um die Lippen unter dem dicken Schnurrbart spielte der Schalk der Husarenlist und die herzhafte Lebenslust. Ging es zur Schlacht, so schmückte er sich gern mit allen seinen Orden wie für em bräutliches Fest, und niemals in allen den Fährlichkeiten feines Kriegerlebens ist ihm auch nur der Einfall gekommen, daß eme Kugel ihn hinstrecksn könnte. Gewaltig war der Eindruck, wenn er zu sprechen anhob mit seiner schönen, mächtigen Stimme, ein Redner von Gottes Gnaden, immer der höchsten Wirkung sicher, mochte er nun in gemütlichem Platt mit Wachtstubenspäßen und heiligen Donnerwettern die ermüdeten Truppen aufmuntern oder den Offizieren klar, bündig, nachdrücklich seine Befehle erteilen oder endlich in festlicher Versammlung mit schwungvollen Worten einen vaterländischen Ehrentag verherrlichen. Wer täglich mit ihm verkehrte, wurde ihm ganz zu eigen; seine geliebten roten Husaren hakte er so bis auf den letzten Mann m seiner Gewalt, daß nach
*) Aus Band 1 der Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert (Verlag S. Hirzel, Leipzig).
der unglücklichen Ratkauer Kapitulaüon kein einziger der Roten nach Frankreich geführt werden konnte: alle entkamen den Siegern, die meisten schlichen sich nach Ostpreußen zu ihrem Könige durch.
Blücher kannte Land und Leute des deutschen Nordens wie niemand sonst unter den preußischen Generalen. Während eine» langen wechselreichen Dienstlebens war er in jeder Landschaft vom Rheine bis zur polnischen Grenze heimisch, auch als Landwirt mit den Verhältnissen des bürgerlichen Lebens wohl vertraut geworden. Ueberall, wohin er kam, gewann er die Herzen, wie er so fröhlich lebte und leben ließ, mit hoch und niedrig zechte und spielte, immer aufgeknöpft und guter Dinge und doch gewiß stch niemals wegzuwerfen. So stärkte ihm die Schule des Lebens den deutsch-vaterländischen Sinn, den einst Klopstocks Oden in der Seele des Jünglings geweckt hatten. Wie fest er auch an seinen preußischen Fahnen hing, er fühlte sich doch immer, gleich Stein, schlechtweg als einen deutschen Edelmann. Grenzenlos war sein Zutrauen zu der unverwüstlichen Kraft und Treue seines Volkes. Das Herz ging ihm auf, wo er die ursprüngliche Frische und Freiheit germanischen Wesens fand; daher seine Vorliebe für das freie Volk der Friesen und das selbstbewußte Bürgertum der Hansestädte, sein Abscheu wider den Kastenstolz und die vaterlandslose Gesinnung des münster- ländischen Adels. 3m Alter beklagte er oft, daß er über dem Saus und Braus des lustigen Husarenlebens seine Bildung so ganz vernachlässigt habe. Ein angeborener Freisinn, der sichere Instinkt eines großmütigen königlichen Herzens ließ ihn gleichwohl fortschreiten mit der wachsenden Zeit. Lange vor den Reformen von 1807 hatte er die Prügelstrafe bei seinen Roten tatsächlich ab« geschafft; der pedantische Zwang unnützer Paradekünste war ihm ein Greuel, und krühe schon sprach er aus, daß die Armee zu einem Volksheer werden müsse. Don dem junkerhaften Wesen seiner mecklenburgischen Standesgenossen blieb er ganz frei. Wie er selber seine Erfolge allein der eigenen Tüchtigkeit verdankte, so hieß er freudig alles willkommen, was die persönliche Kraft, die freie Tätigkeit, das Seldstertrauen in der Nation erweckte. Steins Reformen und namentlich die Städteordnung fanden an ihm einen beredten Verteidiger. So wurzelte auch fein grimmiger Haß gegen die Fremdherrschaft in dem starken Selbstgefühl einer freien Seele: er empfand es wie eine persönliche Entwürdigung, daß er auf deutschem Boden sich nach dem Belieben französischer Gewalthaber richten sollte, und wetterte: „ich bin frei geboren und muß auch so sterben."
Der alte Kriegsmann zählt zu jenen echten historischen Größen, die bei jeder näheren Kenntnis gewinnen. Welche Schärfe des politischen Blicks in dem barbarischen Deutsch seiner vertrauten Briefe! In jeder politischen Lage findet er sich rasch zurecht, erkennt sofort den springenden Punkt Im Gewirr der Ereignisse, weissagt mit prophetischer Sicherheit den letzten Ausgang. Niemals läßt er sich täuschen durch die Ueberklugheit der Haugwitzschen Politik, niemals glaubt er an die Möglichkeit einer ehrlichen Verständigung zwischen Preußen und Napoleon. Im Frühjahr 1807, nach einem einzigen Gespräch mit Benningsen, weiß er augenblicklich, was sein Staat von den Russen zu erwarten hat, und ruft ingrimmig: „wir sind verraten und verkost!" Und dann die langen Jahre der Knechtschaft: ost genug ist er der Verzweiflung nahe, doch immer wieder ermannt er sich zu dem frohen Glauben: er werde sein Preußen wieder im alten Glanze sehen, dieser Napoleon müsse herunter und ihm selber sei bestimmt, dazu mitzuhelfen: „der deutsche Mut schläft nur, fein Erwachen wird fürchterlich sein!" Wohl hat auch Blücher in dieser Zeit des Harrens manche der holden Täuschungen geteilt, welche die tapferen Herzen der Krieaspartei in die Irre führten; er setzte gern bei allen Deutschen den Heldensinn, der ihn selber beseelte, voraus und traute sich's zu, mit 16 000 Mann die westlichen Provinzen wieder zu erobern. Doch wie übereilt auch manche der Erhebungspläne waren, die er damals mit seinem Lieblingssohne Franz un- ermüdllch entwarf: das Wesentliche, die innere Schwäche des napoleonischen Weltreichs erkannte er richtig. Die Kleinmeister entsetzten sich über den Jüngling im Greisenhaar, der noch zuweilen auf den Hofbällen mit den eleganten jungen Gardevsstzieren eine Quadrille tanzte; tiefere Naturen sithlten bald, daß dies ausgelassene Treiben nur der natürliche Ausdruck einer unbändigen überschäumenden Lebenskraft war. Die Patriotenpartei verließ sich auf ihn als auf ihre treueste Stütze. Stein hatte sich ihm schon vor Jahren in herzlicher Freundschaft angeschlassen; er schätzte das treffende, immer aus der Fülle lebendiger Erfahrung geschöpfte Urteil des Generals und ahnte in ihm denselben kühnen Schwung der Seele, denselben Mut der Wahrheit, der in seiner eigenen Brust lebte.
Ganz frei von Menschenfurcht, mit unumwundenem Freimut sagte Blücher jedem seine Meinung ins Gesicht; und doch lag selbst in seinen gröbsten Worten nichts von Steins verletzender Schärfe.


