Ausgabe 
24.12.1926
 
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kleine» Altar stand auch ein Schemel, darauf schlief das Domkmd bisweilen ein, und wenn es dann wieder zur Turmtreppe hinaufstieg, jo wähnte es, einer der Engel zu sein; kam es treppab, so nicht minder.

Die Türmersleute machten sich nicht Sorgen, wenn das Kind unten im Dom sich aufhielt, denn sie wußten es in guter Hut, und viel« fach war es auch in guter Hut! _ ., ,

Da lauschte es einmal mit dem Küster an der hohen Tür der Kapitel­stube und hort, wie die Herren laut unb überlaut untereinander reden. Es darf mit hinein; der Bischof nimmt's an die Seite und sagt:Blew bei uns, Paulus, denn es wird gut sein, lvenn ein Engel unsere Leiden­schaften mäßigt." Und dann, wie die Herren aufbrechen, gibt der Generalvikar dem Kind die silberne Dose in die Hand, und das Kind läßt jeden der Domherren schimpfen, und kein Zwist blewt zurück. Dann kommt der Tippenkucker mit Besen unb Schippe und kehrt unterm verlassenen Sessel des Generalvikars einen schwarzen Kranz Schnupf- tabak zusammen. . , t

In der Sakristei sieht es, wie der Gloriaengel dem Bischof Gold unb Purpur von den Schultern nimmt; der Bischof guckt sich um, ein fremder Herr tritt auf ihn zu, den nimmt der Bischof an der Hand und sagt:Wollen wir zuerst an den Backofei! gehen!"Ei, Back­ofen!" erwidert der Frenide, und das Kind darf mitgehen hinaus in das nördliche Seitenschiff. Da liegt der liebe Heiland hingestreckt, Männer und Frauen weinen und klagen und halten Becher und Tücher bereit, und unten liegen zerstreut ein paar Soldaten umher und strecken ihre Lanzen weit eon sich. Und die hohen Herren sprechen gar feierlich und sehr beglückt! Dem Kind aber ist's durchaus nicht so heiter zumute, denn es denkt: man wolle den Heiland jetzt, nachdem er gestorben, in den Backofen schieben! Da entfernt sich das Domkind von den: Jubel der Männer und sucht sich ein stilles Plätzchen, von wo aus es die Gruppe beobachten kann, und kommt in seinen Gedanken an tetn Ziel. Es fragt seine Mutter und fragt seinen Vater, aber die wißen nichts von solchen Dinge,i, und täglich sitzt Paulus stundenlang auf der steinernen Kanzeltreppe und guckt nach der Grablegung hinüber und träumt und träumt.

Und weil der Dom nach dem unseligen Krieg nicht mehr geheizt wurde, und weil das Jahr schon weit fortgerückt war, sollten diese Träume dem Kind ziim Unheil werden.

Einmal fand Dippenkucker den kleinen Freund schlafend auf der Treppe liegen, steif gefroren und ganz bleich. Er hob ihn sogleich auf und trug ihn in seine Wohnung und telephonierte dem Türmer: er möge sein Kind holen! .... ,

Der Vater holt's, die Mutter legt's ins Bett, stellt das Palmchen, das nur noch ein einziges Stämmchen bewahrt hatte, neben auf den Nachttisch und gibt dem Kind Lindenblütentee, daß es zu schwitzen beginne. . . . ,.

Rach einer halben Stunde schwitzt es auch, aber in der Nacht meldet sich in seinem Hälschen ein trockenes Kitzeln. Das reizt zum Hüsteln, verschwindet sodann ein Weilchen und kommt immer wieder und immer heftiger. Schließlich bricht ein heftiger Husten aus, der sitzt tief unter der Kehle und kann nicht ins Freie. Torkelt im Hals umher, sperrt den Lungen den Luftstrom und zieht wie in langen Fäden eine Spule voll, und das Kind schnappt nach Luft unb fuchtelt mit den Armen umher, ganze Minuten lang. Dann erfolgt enbllch doch em freies Husten, unb Schleim löst sich in kleinen Knollen. Die Zett- abstänbe, da sich solche Anfälle wiederholen, verkürzen sich mdes " ' Da fällt dem Türmer ein, baß er sein Telephon nicht umsonst habe, unb er ruft ben Arzt an, denselben, der schon manchmal oben war beim kleinen Paulus und winzige Dinge verschrieben hatte, mehr '^^nimmt's gleich sehr ernst, der Arzt; die Mutter muß ans Tele­phon . . . und nun tun sie dies: sie besitzen einen elektrischen Kocher, darin lassen sie Kamillen dämpfen, stellen den dampfenden Topf an der Leitungsschnur auf einen Schemel ins Bettchen des Kindes, ans Fußende, und decken nun ein großes Lacken, das über zwei auf­gesteckte Stäbe hängt, übers ganze Bett, so daß die heißen Dampfe unter dem Laken hin» und herquirlen. Alle Luft, die das erschütterte Kind einatmet, ist gewürzt von den köstlichen Seien, die m dem un­scheinbaren Pflänzchen bereitet sind.

Unb siehe: bei folgende Anfall ist schon imlder, und gegen Mitter­nacht hören die Anfälle gänzlich auf. Da umarmen sich die Eltern, denn sie haben es vom Arzt gehört, daß ihr Kmd m höchster Ersticknngs- f Lange noch mußte das Domkind im Bett bleiben, und das letzte Fieber wich erst, als am Weihnachtsabend die Körbe von Bischof tmb Stadt ankamen, als die sämtlichen Glocken der ganzen Stadt er­klangen, als die Bläser im Rundgang spielten.

Den ersten Ausflug hinunter in den Dom machte das Kind mit dem König Saul; der führte es an die große Grablegung und erklärte ihm ausführlich: daß dies Bild nur Stein sei, daß ein Mann den Stern müsse gemeißelt haben, und daß dieser Mann den schonen deutschen Namen Backofen gehabt habe! ,

Da lachte das Domkind in seinen weichen Decken und schlang den Arm um des Kapellmeisters Racken und ließ sich wieder hmauftragen in den Turm. o. .

Daselbst verblieb das Domkind für den gestrengen Rest des Winters, und nicht ein einziges Mal kam ein Knabe zu ihm hinauf oder ein Mädchen, - nie ein Kind, selten ein anderer Mensch, aber jebe Woche mindestens einmal der gute König Saul. .

Es hatte letzten Herbstes oft dem Gloriaengel unten m der Sakristei geholfen, die Geldscheine, die der Klingelbeutel einbrachte, zu ordnen

und zu zählen, und eines Montags kam der alte Glottaengel heraus unb trug einen Holzkorb unterm Arm, unb das Domkind schrie taut heraus vor Freude, wie es den Alten sah und den Korb!

Da der alte Engel angab, Eile zu haben, mußte das Domkind diese vielen Scheine ganz allein ordnen und auch zählen l Das war eine schwere Arbeit, denn da mußten erst die Billionenscheine auf ein Häuf­chen gesetzt werden, dann die sämtlichen Milliardenscheine, bann die vielsortigen Millionenscheine, die Hunbertausendmarkscheine, die gar nichts mehr wert waren, die Zehntausendmarkscheine, die Tausend­markscheine, die Hundertmarkscheine mit dem schönen Reiterkopf, dann die grünen Zehnmarkscheine, die blauen Fünfmarkscheine, die Zwet- und die Einmarkscheine, die auch noch in großer Zahl angekommen waren aus der frommen Domgemeinde. Da hatte Paulus MoguntiuS Nikolaus einen ganzen Tag Arbeit.

Aber er wurde auch dafür bezahlt, denn bet Herr Dornpfarrer schenkte ihm bas ganze Häufchen Zehnmarkscheine unb einen Mil­liardenschein dazu, der war braun und hatte viele Mehlsäcke rot auf­gedruckt über sich liegen.

Während dieser rinbeschreiblich langen Wintermonate aber lernte Paulus auch telephonieren! Et durfte jederzeit den Glottaengel anrufen, ach, unb wie oft rief der Glottaengel ihn an!

Den Joseph Güldeupenning konnte er anrufen, der hatte die Nummer zwo-sieben-zwo, und wenn einmal bet Herr Generalvikar gerade ans Telephon kam, so war das auch nicht schlimm!

Bit dem Bischof wollte das Donckind einmal sprechen, aber da kam nur des Bischofs Joseph an, und bet verstand keinen Spaßl Mit dem Bürgermeister wollte es sprechen, und bet war selber da unb sprach ganz lustig:Ei, guten Morgen, mein Liebling, hast du ausgeschlafen? Gelt, deine Mama schläft aber noch?"

Nein," erwiderte das Domkind,meine Mama putzt gelbe Rüben I*

Wie?" fragte der Bürgermeister.

Gelbe Rüben putzt meine Mama."

Dann schwieg der Bürgermeister eine ganze Minute, und bann sagte er:Heini! bist du's?"

Nein, ich bin's Paulus!"

Verzeihung," rief jetzt der Bürgermeister. Und da war bas Gespräch zu Ende. _

Eine bet Damen auf dem Telephonamt erkannte des Domkmbes Stimme und sagte immer gleich:Hast du heute morgen schon in den Himmel geguckt? Wie geht's dem lieben Gott?"

Das war sehr schön! Doch wäre schöner gewesen, wenn der Onkel Gülbenpenning ein Söhnchen gehabt hätte und Paulus hätte zu dem Söhnchen hingehen können! Oder wenn des Bürgermeisters Henn manchmal gekommen wäre ober sonst ein Heini!

7.

Als bei Ftt'chiing seine Pracht sorglos entfaltet hatte unb gesichert im Lande stand, machte der König Saul seinem Patenkind eine große Freude: er nahm es mit in seine dörfliche Heimat, acht Tage lang. Sie fuhren über ben Rhein; bas Kind erstaunte, wie sein Dom rm Häusermeer fast untertauchte, und als die vier kleinen Türme schon verschwunden lvaren, schob sich ein Wald vors Fenster der Eisenbahn und nahm auch die beiden hohen Türme weg. Und als bet Wald aufhörte, ragte nur noch bet eine Turm, in dem die Türmersleute wohnten, ganz fern überm Wald auf, unb der Hahn war nicht zu unter» scheiden, denn er glänzte nicht mehr.

ES dauerte aber nicht lange, so erhob srch schon der dörfliche Turm aus einem Gewirr von niedttgen, aber heftig qualmenden Schorn­steinen, denn des Kapellmeisters Heimat war ein Häsnerdorf. Siebe« oder acht Qualmsäulen stiegen etliche Meter hoch und bogen dann gleich­mäßig nach Westen um, wie vom Winde geknickt.

Am Bahnhöschen stiegen die zwei aus, da standen schon btet Kinder und nahmen ihnen die Koffer ab, und dann ging i mit den Kindern in den Hof, da sprangen Hühner und Gänse umher und Enten und Kinder in jeder Größe; im Stall meckerten die Ziegen, die Kühe muhten behaglich, Elsa, bet Rappe, kam mit dem Pflug ans dem $eI®a3 Domkind hatte solche Schönheit bisher nur im Bilderbuch gesehen und erstaunte immerzu. Es setzte sich auf den Heinen Wagen und fuhr mit auf den Eichenbühl, Klee holen, und oben auf dem Eichen, bübl zeigte ihm der Bauer ganz fern, inmitten von tausend winzigen Wolken (Häschen, einen dunklen Punkt, und das war bet Dorn.

Paulus spielte mit den vielen Kindern, lief m die Wiese und pflückte Bliirnen, ließ einen Drachen steigen, der sonst nur im Herbst steigen darf, trieb den Reif, schlug das Tanzbärle, brach Kirschen vom Baum, mistete den Zicklein den Statt, trank Milch ans dem Eimer, holte die Eier aus dem Rest, die Wurst ans dem Rauchfang - es schritt nn Fest- zug der Turner, trug eine brennende Fackel, fuhr mit dem Lumpen­sammler, dessen Wäglein von zwei Ziegenböcken gezogen wurde. Es lief ins Kirchlein, begrüßte den großen hl. Christoph, der em Kmdlein durchs Wasser trägt, besah sich im Turm die Glocken, die so Hem waren wie für em Schneewittchenhaus. Der Turmhahn stand schief, au picke er ein Rom, drehte sich nicht mehr und war nicht größer al« bet auf dem Mist und schmutziger als bet auf dem Mist! Der Küster kam mit der Sense zum Lünten, der Pfarrer trug ein Schnupftuch gleich dem des Gülbenpenning.

(Fortfrtzung folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thvriot. - Druck der Brühl'schenÄttversitäts-Duch- unb Steindruckerei. X ßaufl«, ©«6«-